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Die Box




22. Oktober 2008
Thomas Vorwerk
und Friederike Kapp
für satt.org


  Die Stadt der Blinden (R: Fernando Meirelles)
Die Stadt der Blinden (R: Fernando Meirelles)
Die Stadt der Blinden (R: Fernando Meirelles)
Fotos: Kinowelt GmbH
Die Stadt der Blinden (R: Fernando Meirelles)
Die Stadt der Blinden (R: Fernando Meirelles)
Die Stadt der Blinden (R: Fernando Meirelles)

Die Stadt der Blinden
(R: Fernando Meirelles)

Originaltitel: Blindness, Kanada / Brasilien / Japan 2008, Buch: Don McKellar, Lit. Vorlage: José Saramago, Kamera: César Charlone, Schnitt: Daniel Rezende, Musik: Uakti [d. i. Marco Antônio Guimarães], Casting: Deirdre Bowen, Susie Figgis, Production Design: Matthew Davies, Tulé Peak, Art Direction: Joshu de Cartier, mit Julianne Moore (Doctor's Wife), Mark Ruffalo (Doctor), Alice Braga (Woman with the Dark Glasses), Danny Glover (Man with the Black Eye Patch), Gael García Bernal (Bartender / King of Ward Three), Maury Chaykin (Accountant), Don McKellar (Thief), Yusuke Iseya (First Blind Man), Yoshino Kimura (First Blind Man's Wife), Mitchell Nye (Boy), Fabiana Gugli (Mother of the Boy), Amanda Hiebert (Maid), Sandra Oh (Minister of Health), 120 Min., Kinostart: 23. Oktober 2008

In der Welt nach 9/11 sind filmische Endzeitvisionen wieder so verbreitet wie zuletzt in den 1980ern, als die Nachwehen des Kalten Krieges eine nukleare Vernichtung der Erde möglich erscheinen ließen. Doch heutzutage geht es dabei um vielfältigere Bedrohungen, zu denen Science-Fiction-Szenarien (Children of Men, Babylon A.D.) ebenso gehören wie Zombieplagen (Dawn of the Dead, 28 Days Later, Land of the Dead) und seltsame Mischformen (I am Legend). Neuerdings gesellen sich hierzu auch Literaturverfilmungen wie hier vom Literaturnobelpreisträger José Saramago oder demnächst nach Cormac McCarthys The Road, wobei es weniger um eine fassbare Bedrohung geht, sondern um parabelhafte Gleichnisse und die Darstellung des Zerfalls der Zivilisation.

Blindness beginnt ähnlich wie ein Zombieschocker mit einer sich ziemlich schnell ausbreitenden Infektion, wobei die hier ansteckende Blindheit zunächst unerwartet und ohne nachvollziehbaren Auslöser einen Autofahrer (Yusuke Iseya) überkommt, und der Zuschauer die Weitergabe des Sehverlusts über einen vermeintlichen guten Samariter (Drehbuchautor Don McKellar), der aber nur des Blinden Auto stehlen will, die Frau des Blinden (Yoshino Kimura), den Augenarzt (Mark Ruffalo) usw. sehr gut nachvollziehen kann, während die ersten rund zwanzig Opfer schon sehr schnell den Überblick verlieren, bei wem sie sich angesteckt haben könnten. Die “weiße Blindheit” gibt dem auch in seinen früheren Filmen (Cidade de Deus, The Constant Gardener) zusammen mit seinem Stamm-Kameramann César Charlone gerne mit visuellen Elementen spielenden Regisseur die Möglichkeit, über Unschärfen, Reflexionen, Überblendungen usw. diverse Formen des Sehverlusts auch für den Zuschauer erfahrbar zu machen, ähnlich, aber nicht so konsequent wie zu Beginn des Jahres in Le scaphandre et le papillon. Dies verkommt sehr schnell zum prätentiösen Vorführeffekt, doch die Geschichte ist stark genug, den Film über diese Schwäche hinwegzuhelfen. Auch die auffällige Übertragung einer Erzählerstimme auf den Kommentar einer von Danny Glover gespielten Figur, oder das im Buch weitaus nachvollziehbare (weil aus sich aus immer neu erschließender Außenperspektive erzählt) Verzichten auf sämtliche Namen sind kleine Schwachpunkte des Films, über die man aber geflissentlich hinwegsieht. Die Geschichte entwickelt einen sogartigen Strudel, und die lange Zeit einzige sehende Person in einer Art selbstverwalteten Konzentrationslager für Blinde, Julianne Moore als aufopferungsbereite Frau des Augenarztes (die ihn übrigens mal auf die bereits infizierten Augen küsst, was aber im Film nicht weiter verfolgt wird), wird schnell zur (auch visuellen) Identifikationsfigur, mit der gemeinsam der Zuschauer den Dreck, Hunger und Zerfall der zivilisatorischen Werte mitansehen muss und womöglich auch irgendwann nicht mehr ertragen mag. Über die eigentliche Geschichte mit ihren cleveren Entwicklungen, manchmal aber etwas konstruiert wirkenden Versuchsaufbauten um die üblichen Menschheitsthemen will ich an dieser Stelle gar nicht zu viel verraten, um die Spannung nicht zu verderben. Bei der wohl schönsten Szene des Films, die wie keine andere die Ohnmacht der Blindheit visualisiert, bin ich mir (auch dies bezeichnend!) gar nicht sicher, ob ich sie wirklich gesehen habe. Nach einer relativ harmonischen, aber etwas unmoralischen Sexszene (um nicht zu viel vorwegzunehmen) durchquert der “Junge” einen Raum, in dem einige Tische stehen. Mittlerweile weiß er sich aber trotz Blindheit bereits recht sicher zu bewegen (die Darsteller wurden vor den Dreharbeiten extra ebenfalls in eine Art Lager gesteckt, um die Blindheit zu “üben”). Und so, wie ich es zu sehen geglaubt habe, prallt er dabei dennoch gegen einen Tisch, dessen Existenz er wohl vergessen hatte. Was aber sehr nachvollziehbar ist, denn ich bilde mir ein, dass sich dieser Tisch auch für den Zuschauer erst in jenem Moment “materialisiert”, als er dagegenstößt. Für diese winzige Szene (so ich sie mir nicht nur eingebildet habe) lohnt sich schon der Kinobesuch, auch wenn ich den Effekt durch meine ausführliche Beschreibung wahrscheinlich zunichte gemacht habe. Aber das Gloriose daran ist ja, dass wir für einen kleinen Moment wieder zurück in die Zeit gebeamt werden, als Filmkritik und Filmwissenschaft noch nicht vom Pauseschalter des DVD-Player abhingen, sondern von der oft unverlässlichen Erinnerung von Kritikern und anderen Zuschauern. Bei dieser textlichen Abschweifung habe ich zwar das Thema der Blindheit weit hinter mir gelassen, aber ich hoffe, das Interesse an diesem Film trotz seiner vorhandenen, aber nicht ausschlaggebenden Schwächen geschürt zu haben.

King of Ward 3: “I will not forget your voice!”
Doctor's Wife: “And I won't forget your face!”

Interessant an dem Film sind übrigens auch die Produktionsumstände. Eine Co-Produktion von Kanada, Japan und Brasilien mit Darstellern aus diesen Ländern (für Kanada beispielsweise Don McKellar, Maury Chaykin und Sandra Oh), aber auch einem Schauplatz, der nicht festzumachen ist und mal an Brasilia, in anderen Momenten wiederum an Yokohama erinnert. Tausendmal interessanter als wieder nur Toronto, das für Washington herhalten muss oder Prag als Berlinersatz.


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„Muß psychosomatisch sein.“ Mit dieser heiteren Diagnose bescheidet der Arzt (Mark Ruffalo) einen Patienten (Yusuke Iseya), der wegen des urplötzlichen Verlustes seines Augenlichts zu ihm kommt. Keinen Tag später hat es den Doktor selbst erwischt. Eine unbekannte Epidemie greift um sich, the white sickness, die Wissenschaft steht vor einem Rätsel. Die kommunale Politik entschließt sich, zum Schutz der übrigen Bevölkerung, zur Zwangsisolation der hochgradig ansteckenden Patienten. (Wunderschöne Verarsche von Rudy Giuliani: die Videoansprache des Bürgermeisters an die Blinden.) Zunächst ein Dutzend Personen wird in das Gebäude einer stillgelegten Anstalt verbracht und sich selbst überlassen.

So verläuft die Handlung anfangs wie in jedem x-beliebigen Katastrophenfilm. (Mal steigt die Flut, mal kommt das Eis, mal steckt der Held im Fahrstuhl fest.) In Blindness geht es jedoch zum Glück nicht um eine weitere Katastrophenschutzübung unter Echt-Bedingungen, sondern um die Neuorganisation der Beziehungen in einer Gesellschaft. Das kleine Dutzend wächst schnell auf einige hundert Personen an, die mehrere Etagen belegen. Was einer galt im bürgerlichen Leben, das hat hier keinen praktischen Wert, und das heißt, überhaupt keinen Wert mehr. Der Arzt befindet sich in derselben hilflosen Situation wie die alleinerziehende Mutter, wie der nörgelnde Alkoholiker. Unter veränderten Bedingungen müssen die eigenen Qualitäten wie die der anderen neu entdeckt werden.

Ein einziger sehender Passagier hat sich freiwillig unter die Blinden geschmuggelt – die Frau des Arztes (Julianne Moore) will ihren Mann nicht verlassen. Gewohnt, die zweite Geige zu spielen, verschweigt sie den anderen geschickt, daß sie sehen kann. Führt unauffällig, hilft unauffällig. Parallel zur bürgerlichen Referenzwelt von Station 1 entsteht währenddessen auf Station 3 ein Universum der brutalen Art. Dort regiert ein Krimineller (richtig schön gemein: Gael García Bernal) eine reine Männerstation nach dem Gesetz des Stärkeren. Wer essen will, muß bezahlen. Bald muß auch Station 1 bezahlen. Als alle pleite sind, wollen die Männer Naturalien. Die Frauen der Station 1 ziehen also kollektiv zur Station 3, um sich vergewaltigen zu lassen. Als eine Frau stirbt, reicht es Julie. Ein Mann sieht rot? Von wegen, eine Frau räumt auf! Es muß viel geschehen, bis Julie sich zu ihrer Stärke bekennt und die vakante Führung auf sich nimmt.

Julianne Moore verkörpert die Entwicklung der Arztfrau differenziert, mit in sich gekehrter Entschlossenheit. Auch Mark Ruffalo spielt richtig gut. Sein Arzt zeigt Schwäche der normalen Art; kein Weichling, kein Held, ein Mensch.

Die dramatischen äußeren Umstände der Blindheit greift der Film in seinen Farben auf. Weiß herrscht vor, viel Weiß und wenig sonst. Geschickt bedient sich die Montage kommentierender Bilder, integriert die subjektive Wahrnehmung der Figuren in die Erzählung. Die letzte Einstellung schenkt die Rückkehr der Farbe – ein Fest.

Wer wollte da noch bemängeln, daß auch nach mehrwöchiger Blindheit sich bei keiner einzigen Frau ein ungehöriges Härchen am Körper zeigt?