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Die Box




27. August 2008
Thomas Vorwerk
für satt.org


  Tage des Zorns (R: Ole Christian Madsen)
Tage des Zorns (R: Ole Christian Madsen)
Tage des Zorns (R: Ole Christian Madsen)
Bilder © WÜSTE Film
Tage des Zorns (R: Ole Christian Madsen)
Tage des Zorns (R: Ole Christian Madsen)
Tage des Zorns (R: Ole Christian Madsen)

Tage des Zorns
(R: Ole Christian Madsen)

Originaltitel: Flammen og Citronen, Dänemark / Deutschland 2008, Buch: Lars K. Andersen, Ole Christian Madsen, Kamera: Jørgen Johansson, Schnitt: Søren B. Ebbe, Musik: Karsten Fundal, mit Mads Mikkelsen (Flammen / Flame), Thure Lindhardt (Citronen / Citron), Stine Stengade (Ketty Semler), Christian Berkel (Dr. Hoffmann), Hanns Zischler (Gilbert), Peter Mygind (Winther), Flemming Enevold (Spex), Mille Hoffmeyer Lehfeldt (Bodil), Lars Mikkelsen (Ravnen), 130 Min., Kinostart: 28. August 2008

Flammen og Citronen zeichnet den Weg zweier “echter” dänischer “Kriegshelden” aus dem Zweiten Weltkrieg nach, die hierzulande wenig bekannt sind, in Dänemark als Widerstandskämpfer aber zu hohen Ehren kamen. “Widerstandskämpfer” bedeutet in diesem Fall Auftragskiller, die dänische Kollaborateure töten, wobei die Identifikation des Zuschauers stark dadurch eingeschränkt wird, das man über die Opfer der Anschläge wenig erfährt, und ich beispielsweise einen dänischen Zeitungsredakteur, der “deutsche Propaganda verbreitet”, zwar als Mitläufer verdammenswert finden mag, aber dies nicht unbedingt seine Exekution auf offener Straße (und natürlich ohne einen fairen Prozess) rechtfertigt. Und damit sind wir beim selben Problem wie bei Spielbergs Munich, wobei dieser immerhin noch eine Spur spannender inszeniert war, während sich die über zwei Stunden Lauflänge bei Flammen og Citronen teilweise arg ziehen.

Kurz nach Einführung der gesamten Grundlage des Films erlebt man das Zögern der Killer, die Gewissensbisse, die Frage nach der Rechtfertigung, und fast im selben Atemzug auch noch den gefährlichen “Widerstand” der Opfer, die sich nicht immer flugs erschiessen lassen, sondern manchmal Grundsatzdiskussionen vom Zaun brechen wie der “hochintelligente” Gestapo-Chef, oder sich einfach mal geistesgegenwärtig mit Wumme in der Hand umdrehen, kurz bevor sie hinterrücks eine Kugel einfangen sollen.

Thure Lindhardt (Was nützt die Liebe in Gedanken?) spielt den rothaarigen Bent, dessen Codename “Flammen” lautet, und der im Verlauf des Films eine mysteriöse Frau kennenlernt, die seinen eigentlich geheimen “richtigen” Namen kennt, und die somit als seine Geliebte (und später die des Gestapo-Chefs) zum Dreh- und Angelpunkt eines Verwirrspiels um Doppelagenten, Verräter etc. wird, das den Betrachter angesichts des durchweg nicht eben hohen Moralniveaus der Protagonisten ziemlich kalt lässt. Wie heißt es so schön am Ende von Kubricks Barry Lyndon? “Jetzt sind sie alle gleich.” Soll heißen: Inzwischen sind auch die allermeisten vermeintlichen Helden, Schurken, Täter und Opfer des Zweiten Weltkriegs gleich - gleich tot.

Mads Mikkelsen (Casino Royale, Adams Äpfel) spielt den fast durchweg mit Dreitagebart und öliger Gesichtskonsistenz markierten zweiten Killer Jørgen (alias “Citronen”), der zumindest zu Beginn des Films als Killer noch recht nutzlos ist und sich seine Rücksichtslosigkeit noch erarbeiten muss. Er bekommt immerhin einige Szenen, in denen er hart an seinem Moralindex arbeiten muss, aber wer allen Ernstes seine Noch-Ehefrau, die sich aus nachvollziehbaren Gründen jemand neues gesucht hat, fragt “Hast Du etwa Angst vor mir? Ich habe Dir nie etwas getan...”, wenn diese noch nicht einmal ihre Klamotten in Ordnung bringen konnte von einem Vergewaltigungsversuch des so harmlosen Gatten, dann mag es zwar lobenswert sein, dass solche Details der “Heldenkarriere” im Film nicht unterschlagen werden, aber die spätere Rettungsaktion an einem namenlosen blonden Knaben verpufft hier angesichts der zwischenmenschlichen Verwerflichkeit komplett.

Nun ist generell nichts einzuwenden gegen Filmfiguren, die keine lupenreine Weste haben, sondern voller Widersprüche stecken, aber - wie gesagt - in diesem Film wird es dem Betrachter nicht eben leicht gemacht, sich für diese Figuren in irgendeiner Form zu erwärmen oder auch nur zu interessieren, und das liegt vor allem an der etwas hilflosen Inszenierung und dem teilweise peinlich knapp am Lehrbuch vorbei strukturierten Drehbuch (Höhepunkt: die Voice-Over-Stimme stellt hintereinander weg ein Dutzend “Mittäter” bzw. “Mitwiderständler” vor, statt dem Zuschauer die Chance zu geben, diese Figuren als mehr als nur eine Namenrevue kennenzulernen). Ein ambitioniertes, aber misslungenes Fernseh-Kostümstück.