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Die Box




Juni 2007
Thomas Vorwerk
für satt.org


Stirb langsam 4.0
(R: Len Wiseman)

Originaltitel: Die Hard 4.0, USA 2007, Buch: Mark Bomback, Story: Mark Bomback, David Marconi, Kamera: Simon Duggan, Schnitt: Nicolas De Toth, Musik: Marco Beltrami, mit Bruce Willis (John McClane), Timothy Olyphant (Thomas Gabriel), Justin Long (Matt Farrell), Maggie Q (Mai Lihn), Cliff Curtis (Bowman), Elizabeth Winstead (Lucy McClane), Kevin Smith (Warlock), Jonathan Sadowski (Trey), Andrew Friedman (Casper), Yorgo Constantine (Russo), Cyril Raffaelli (Rand), Chris Palermo (Del), Mary Sung Kang (Raj), Zeljko Ivanek (Molina), Christina Chang (Taylor), Jake McDorman (Jim), Rosemary Knower (Mrs. Kaludis), Gerald Downey (Hoover Agent), Allen Maldonado (Goatee), Tim De Zarn (Police Sergeant), Tim Russ (Chuck Summer), 126 Min., Kinostart: 27. Juni 2007

Stirb langsam 4.0 (R: Len Wiseman)
Stirb langsam 4.0 (R: Len Wiseman)
Bilder © 2007 Twentieth Century Fox
Stirb langsam 4.0 (R: Len Wiseman)
Stirb langsam 4.0 (R: Len Wiseman)
Stirb langsam 4.0 (R: Len Wiseman)

Die obligatorische Storyline eines Die Hard-Films beginnt damit, daß Bruce Willis als John McClane zur falschen Zeit am falschen Ort aufkreuzt, und von irgendeinem bösartigen Plan Wind bekommt, der ohne Rücksicht auf Geiseln oder andere Personen dafür bestimmt ist, die Bösen zu bereichern. Der Plan ist gut ausgearbeitet, doch McClane ist der Sand im Zahnwerk der kriminellen Maschinerie. Da die Handlanger des Oberschurken allesamt rücksichtslos von Feuerwaffen etc. Gebrauch machen, wird schon früh etabliert, daß McClane diese in Notwehr töten muß. Der Oberschurke schickt aber immer wieder neue hinterher und nutzt etwaige Schwächen McClanes ("Er ist barfuß. Zerschießt die Scheiben!") aus, um den nervigen Störenfried zu beseitigen. Dann gibt es auch über ein "übernommenes" Walkie Talkie oder ähnliches (die Die Hard-Serie begann zu Zeiten, als noch nicht jeder ein Handy besaß) ein direktes Gespräch zwischen McClane und den Oberschurken, die sich gegenseitig provozieren und ihr Katz-und-Maus-Spiel durchexerzieren, wobei der Bösewicht mit seinen unzähligen Schergen zunächst die Katze ist, da die Mitschurken im Verlauf des Films aber von McClane dezimiert werden, ist man sich als Zuschauer irgendwann nicht mehr sicher, wer die Katze und wer die Maus ist. Und auch der Oberschurke macht sich irgendwann langsam Sorgen und es folgen dann Sätze wie "Würde endlich mal jemand diesen Typen umlegen?" mit zusätzlichen monetären Motivationen für die Schergen, die dann zwar McClane immer mehr mit Verletzungen übersäen, aber doch alle nacheinander ihm erliegen.

Womöglich war das im dritten Teil etwas anders, aber in Die Hard 4.0 kehrt man sogar zurück zu einem Element des ersten Teiles, denn wie dort McClanes Frau ist es nun die Tochter, die schließlich gerettet werden muß. McClanes Plan dafür ist recht einfach: "Find Lucy and kill everybody else."

Doch ist eine Hauptfigur, die Identifikationsperson und Held eines Filmes ist, wenn sie solche Sprüche ablässt und Selbstjustiz durchzieht, immer ein zweischneidiges Schwert, das nicht nur die Kritik, sondern auch die Zensurbehörden erzürnt. Wenn Dirty Harry seine Magnum sprechen lässt oder Charles Bronson "rot sieht", wird es schnell faschistoid und menschenverachtend, und im Fall Die Hard 4.0 kann der potentielle Kinobesucher anhand dreier kleiner Szenen selbst entscheiden, ob die Sichtung des Films unterhaltsam oder eher ärgerlich verlaufen wird.

Maggie Q, zuletzt eine der "Guten" in Mission Impossible 3, ist hier Mai, die rechte Hand und Geliebte des Oberschurken Thomas Gabriel (Timothy Oliphant), der über Computerkontrolle Amerika terrorisiert. Mai erleben wir zunächst immer nur an PC-Monitoren und am Telefonhörer, doch als sie mit anderen Nebenschurken ein Elektrizitätswerk manuell ausschalten soll, sehen wir auch, wie sie ohne zögern mit ihrer schallgedämpften Wumme irgendwelche braven Elektriker über den Haufen schießt. Wenn McClane dann dazukommt und nach einigen mit Maschinengewehren bewaffneten Muskelmännern auch die eher zierliche Dame von ihrem Vorhaben abbringen will, ist er genauso überrascht wie der Zuschauer, daß Mai ihm durch Martial Arts-Kenntnisse durchaus im hand-to-hand-combat durchaus eigenbürtig, wenn nicht sogar ein wenig im Vorteil ist. Woraufhin McClane dann etwas zornig wird und er im Eifer des Gefechts plötzlich eine ausgerissene Strähne von Mais langem schwarzen Haar in seiner Hand findet. Er sagt "Oops", schmunzelt, und im Publikum gibt es einige Lacher / Johlen etc. Jetzt mal ganz abgesehen davon, daß "Haareziehen" neben Kratzen und Beißen bei mir schon in der dritten Klasse als unwürdige Methoden, wie sich "Mädchen" wehren, abqualifiziert wurden, und McClane als Glatzkopf auch noch geschickt um eine entsprechende Gegenaktion drückt … es ist einfach so, daß das Schlagen von Frauen eben nicht als etwas Witziges dargestellt werden sollte. Meine Meinung. Und auf spätere sexistische und rassistische Formulierungen (natürlich nur, um den Schurken zu provozieren, Bruce meint es ja nicht so …) will ich an dieser Stelle lieber nicht eingehen.

Auch hat der rasante Film nicht immer Zeit, McClanes Mordtaten als Notwehr darzustellen, und daß McClane ausgerechnet den Lieblingshacker Gabriels sang- und klanglos über den Haufen schießt, wirkt besonders seltsam, denn sein Sidekick Matthew (Justin Long, Standard-Computergeek aus Galaxy Quest und diversen Apple-Werbeclips, der aber plötzlich fast wie ein junger Keanu Reeves aussieht) hat den Bösen (ohne böse Absicht) genauso geholfen, und der böse Geek hat zu Beginn des Films sogar noch Skrupel gezeigt und eigentlich immer nur als Befehl irgendwelche Tasten gedrückt. Wahrscheinlich war im Drehbuch einfach nicht mehr genug Spielraum, ein Duell zwischen den beiden Geeks einzubauen, und um den Film nicht in den zweieinhalb-Stunden-Bereich abdriften zu lassen, wurde halt einfach schnell - "Piff, Paff" - die Wumme gezogen und man kann mit dem Showdown fortfahren.

Soweit die beiden (beispielhaften, es gab noch weitere) bedenklichen Szenen, aber am eigentümlichsten ist eigentlich die Stelle, die eigentlich im Drehbuch McClanes Alibi darstellt: Irgendein Bösewicht wurde gerade von McClane eine Treppe heruntergeschmissen, er liegt am Fuß der Treppe und wimmert. Hier wird er nicht "von seinen Qualen befreit" (ist ja auch wenig heldenhaft, einen am Boden liegenden zu exekutieren), sondern McClane, der sich ziemlich sicher scheint, daß dieser Unterschurke nicht zwei Akte später wieder auftauchen wird, rät ihm, "sich nicht zu bewegen", er würde dann später einen Arzt vorbeischicken. Was auch wieder einen Lacher brachte, aber aus meiner Sicht ziemlich heuchlerisch (und wie ein klitzekleiner Einwurf gegen die zu erwartende Kritik) klingt.

Wer mit den drei beschriebenen Szenen keine Probleme hat, wird sich in Die Hard 4.0 wahrscheinlich gut unterhalten. Außer vielleicht, wenn er (oder - unwahrscheinlicher - sie) Purist ist und darauf zählt, hier einen Actionfilm der alten Machart, ohne diesen ganzen CGI-Schnickschnack zu sehen (man vergleiche eine ähnliche Diskussion in Tarantinos Death Proof). Denn im Presseheft legt man großen Wert auf die Feststellung, daß CGI hier nur sehr vereinzelt benutzt wurde. Nahezu im gleichen Atemzug rühmt man sich aber etwa einer Szene, in der ein Schurke namens Rand zwischen diversen Feuerleitern hin- und herspringt, was "in einer Einstellung" gezeigt wird. Der französische Darsteller mag ein extrem talentierter Kletterer sein, aber für mich sah das auch wie CGI* aus. Vor allem wirkte die Figur aber wie ein im falschen Film auftauchender X-Men (McClane später: "Is there a circus in town?"). Heutzutage muss sich ein Actionfilm halt mit Spider-Man und Mission Impossible messen, und so gibt es hier auch einige recht absurde Szenen, die McClane wie den MacGiver für das neue Millenium dastehen lassen, denn die Bösen haben natürlich immer die größere Wumme. Und manchmal auch einen Hubschrauber oder einen dienstbeflissenen Soldaten mit Stealth-Bomber. Und spätestens bei der Szene, wo McClane auf das außer Kontrolle geratene Flugzeug steigt, und jeder damit rechnet, daß er sich jetzt ins Cockpit setzen wird, zieht der Regisseur die Notbremse und bringt den Film wieder auf den Boden der Tatsachen. Und so gibt es auch einige durchaus gelungene Ideen im Film: Justin Long als Neuling im Robben durch Glasscherben, McClanes Flugangst, sein Musikgeschmack - aber auch einige Ideen der Bösewichte …

*Noch ärgerlicher fand ich übrigens eine Autofahrt, während der sich McClane und sein Sidekick nur unterhalten - und die so dermaßen nach Green Screen gestunken hat, das man sich nur schaudernd abwenden konnte. Wenn man Old School-mäßig angeblich ganze Hubschrauber hat explodieren lassen, warum konnte man dann nicht mal kurz eine Kamera auf die Motorhaube festschnallen, sondern musste diese Szene im Studio drehen? Weil die Schauspieler sich so besser auf die emotionale Situation der Szene vorbereiten konnten? Kaufe ich nicht!