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Die Box




Februar 2007
Thomas Vorwerk
für satt.org


Berlinale 2007

The Bubble
(Eytan Fox, Panorama)

Originaltitel: Ha-Buah, Israel 2006, Buch: Eytan Fox, Gal Uchovsky, Kamera: Yaron Scharf, Schnitt: Yosef Grunfeld, Yaniv Raiz, Musik: Ivri Lider, mit Ohad Knoller (Noam), Yousef “Joe” Sweid (Ashraf), Alon Friedman (Yelli), Daniela Virtzer (Lulu), Shredi Jabarin (Gihad), Miki Kam (Lulu's Mother), Lior Ashkenazi (Himself), Ivri Lider (Himself), Yossi Marshek (Himself), Oded Leopold (Sharon), Zohar Liba (Golan), Zion Barouch (Shaul), Roba Blal (Ashraf's Sister), Dorin Munir (Pregnant Woman), Ido Halperin (Young Noam), Nir Ben David (Young Ashraf), Hussein Yassin Mahajne (Ashraf's Father), 115 Min.

The Bubble

In den Filmen von Eytan Fox geht es immer wieder um Homosexualität, zumeist in Liebesgeschichten, doch der in New York City geborene israelische Regisseur ist auch noch nie vor kontroversen politischen Themen zurückgeschreckt. Den Hauptfiguren seines neuen Films The Bubble wird das Gegenteil unterstellt. Die drei in einer WG in Tel Aviv lebenden Mittzwanziger, so soll der Titel implizieren, leben in einer Seifenblase, kümmern sich wenig um die politische Situation, und sind vor allem damit beschäftigt, ihr persönliches Glück (weniger in Sachen beruflicher Karriere als in Beziehungen) zu finden. Die Hauptfigur Noam (Ohad Knoller) lernen wir aber nicht in seinem Plattenladen kennen, sondern bei einem einmonatigen Reservedienst beim Militär, wo er bei einem der vielen Checkpoints angestellt ist, dabei aber wenig Enthusiasmus zeigt. Duch die Suche nach Selbstmordattentätern verzögert sich der Übergang insbesondere für die Palästinenser, und der Film zieht aus dieser Situation schon früh Spannung, als eine schwangere Frau zunächst ihren potentiell gefährlichen Kindbauch zeigen soll, und dann mitten am Checkpoint ihr Wasser bricht und die Geburt unter widrigen Bedingungen vollzogen werden muß. Nebenbei stellt Noam aber noch Blickkontakt zu einem der Palästinenser her, der etwas später mit Noams verlorener Identity Card an der Wohnungstür steht.

Anhand von Noams Mitbewohnerin Lola (eine weitere starke Hetero-Frau in Fox’ Werk) wird sehr eindringlich gezeigt, wie unterschiedlich hetero- und homosexuelle Beziehungen sein können. Zumindest, was die Kompliziertheit angeht. Seit zwei Wochen geht Lola mit einem Herausgeber der örtlichen Ausgabe von “Time Out” aus, den sie aber noch auf Abstand hält, weil sie schlechte Erfahrungen mit “dem Morgen danach” gemacht hat, und erst sicher gehen will, daß der Kerl wirklich an ihr interessiert ist. Als sie sich schließlich entschließt, weiterzugehen, muß alles stimmen: das Licht, die Musik - und trotzdem hat sie noch ein wenig Angst vor ihrem Gegenüber. In einer Parallelmontage sieht man währenddessen Noam und Ashraf auf dem Dach des Hauses, die ohne zuvor mehr als vier Sätze miteinander gewechselt haben, sozusagen übereinander herfallen. Wenn die Parallelmontage einen cleveren Übergang zwischen zwei (angedeuteten) Oralsex-Szenen bringt, werden der gleichgeschlechtliche und der andere Verkehr wieder sehr ähnlich, doch am nächsten Morgen verschwindet der Herausgeber ziemlich schnell, während Ashraf, der kein Visum hat, trotz der absehbaren Probleme in die WG zieht (“are we keeping him in the closet?”), und sich fortan unter einem hebräischer klingenden Namen “einlebt”.

The Bubble

Die Ähnlichkeiten zwischen unterschiedlichen Menschen, Israelis und Palästinensern, Heten und Homos, werden im Film mehrfach herausgestellt, humorvoll zeigt Fox aber auch all die Unterschiede (“So that’s how Jews kiss”), wenn etwa Noams Mitbewohner Yali in Barbra Streisand- und rosa Glitzerhemden herumläuft und nicht das Halbfinale von “Pop Idol” verpassen will, während Noam sich schon in seiner Jugend mehr für Morrissey als Elton John interessiert hat, und somit zumindest aus meiner Sicht mehr Identifikationspotential bietet. Obwohl der Sex zwischen Noam und Ashraf “explosiv” ist, können die beiden die Probleme nicht auf Dauer ignorieren. Ashraf muss nach Hause, weil seine Schwester Rana den etwas radikaler eingestellten Gihad (in den Untertiteln sogar “Jihad” genannt) heiraten will. Aus Liebeskummer reist Noam ihm mit Lola, gefälschten Presseausweisen und einem während der Fahrt angeeigneten französischen Akzent zur Kaschierung der Herkunft hinterher. Beim wilden Knutschen werden sie von Gihad erwischt, der daraufhin Ashraf erpressen will, seine Schwester zu heiraten, sonst würde er über seine sexuelle Orientierung plaudern (was in arabischen Ländern tödliche Folgen haben kann).

Ohne seinen üblichen Themen untreu zu werden, hat Eytan Fox, dessen Walk on Water der im Ausland erfolgreichste israelische Film sein soll, sich wohl ein wenig am vermutlich noch erfolgreicheren palästinensischen Regisseur Hany Abu-Assad orientiert. Daß Ashrafs Schwester Rana heißt (vergleiche Rana’s Wedding) und man sich darüber unterhält, was wohl einen schwulen suicide bomber im Himmel erwartet, scheint mehr als nur ein Zufall zu sein, doch The Bubble wirkt nicht wie ein Rip-Off von Paradise Now, sondern wie eine Weiterentwicklung ganz im Sinne von Eytan Fox. Es zeichnet sich schnell ab, daß die Liebesverbindung von Noam und Ashraf nicht glücklich enden wird (sehr gelungen auch der Besuch des Theaterstück Bent, in dem Lior Ashkenazi einen kleinen Gatsauftritt hat), doch entgegen einigen zunächst unnötig erscheinenden Richtungsänderungen des Films wirkt das Ende so überzeugend und stimmig wie etwa bei Shakespeares großer Liebestragödie Romeo & Julia. Bisher klar das reifste Werk des Regisseurs, für Schwule und Heteros ebenso sehenswert wie für Israelis und Palästinenser. Als Zugeständnis ans große Publikum gibt es diesmal sogar eine Hetero-Romanze als Subplot, die aber niemanden stören wird, so liebenswert sind die (meisten) Figuren in diesem Film.


Haebyuneui yeoin
(Hong Sangsoo, Panorama)

Int. Titel: Woman on the Beach, Südkorea 2006, Buch: Hong Sangsoo, Kamera: Kim Hyung-ku, Schnitt: Ham Sung-won, Musik: Jeong Yong-jin, mit Kim Seung-woo (Kim Joong-rae), Ko Hyun-joung (Kim Moon-sook), Song Sun-mi (Choi Sun-hee), Kim Tae-woo (Changwook), 127 Min.

Im September 2005 konnte man in der koreanischen Filmreihe im Arsenal die ersten zwei Filme von Hong Sangsoo sehen, einem in französischen Sprachraum (und insbesondere beim Filmfestival Cannes) beliebten Regisseur, der hierzulande leider noch immer fast unbekannt ist. Ähnlich wie beim japanischen Großmeister Yasujiro Ozu gibt es bei Hong Themen, die sich in seinen Filmen wiederholen. Hierzu gehören wie bei Ozu der Alkoholkonsum, aber auch Ausflüge in Feriengebiete, One-Night-Stands mit melodramatischen Folgen sich wiederholende Narrationselemente und seltsame Zufälle.

Haebyuneui yeoin

In Woman on the Beach geht es um den Filmregisseur Kim Joong-rae, der zum Schreiben eines Drehbuchs außerhalb der Saison nach Shinduri an die Westküste fährt. Hierbei wollte er ursprünglich mit seinem Bekannten, dem Produktionsdesigner Changwook allein sein, doch dieser hatte eigentlich ein Date mit seiner “Freundin” (über diesen Begriff gibt es einen kleinen Disput) Moonsook, und bringt die Komponistin, die zufällig auch noch ein Fan des Regisseurs ist, mit ins Strandgebiet. Es zeigt sich, daß das “Verbindungsglied” der beiden wegen der gemeinsamen Anziehungskraft übersprungen und ausgetrickst wird, und Joong-rae und Moonsook verbringen eine gemeinsame Nacht. Am nächsten Tag bricht die Gruppe aber wieder auseinander und erst zwei Tage später spricht der nach Shinduri zurückgekehrte Joong-rae Moonsook auf die Mailbox, daß er sich dumm verhalten habe und sie vermisse. Nachdem er sie schon zuvor nicht erreichen konnte, und auch keine Antwort in Sicht ist, trifft er nun aber auf zwei andere weibliche Feriengäste, die er zu einem Interview überredet, wobei er Ähnlichkeiten, aber auch Unterschiede zwischen Moonsook und Sun-hee, einer der zwei Frauen macht. Nach einem nicht unähnlichen Tagesverlauf (Gespräche, Spaziergänge, Alkohol) verbringt er nun die Nacht mit Sun-hee, wobei diesmal deren Freundin (wie zuvor Changwook) außen vorbleibt. Dummerweise hatte aber inzwischen Moonsook ihre Mailbox abgehört und war ebenso zurückgekommen, um mitanzusehen, wie Joong-rae mit der anderen Frau aufs Zimmer geht. Daraufhin betrinkt sie sich, klopft schließlich mitten in der Nacht an die Zimmertür und schläft davor ein.

“Director Kim”, wie er in den englischen Untertiteln genannt wird, will einen Film “über Wunder” drehen. Die ursprüngliche Idee ist, daß jemand eine Mozart-CD hört, nach Verlassen seiner Wohnung im Lift dasselbe Stück vernimmt, und kurz darauf ein drittes Mal als musikalische Untermalung der Darbietungen eines Pantomimen. Daraufhin versucht die Figur, anhand dieser Zufälle das Geheimnis der Welt zu entschlüsseln. Die Zahl Drei spielt in Woman on the Beach immer wieder eine Rolle. Drei Dreiecksbeziehungen, drei Bäume, die bedeutungsschwanger in den Dünen stehen, drei Begegnungen mit einem Hund und den Besitzern davon. Später erklärt Kim Moonsook anhand einer erstaunlichen Graphik sein Problem mit wiederkehrenden Bildern (er hat ein Eifersuchtsproblem) und wie er sie zu bekämpfen versucht.

Die Ähnlichkeiten zwischen dem Regisseur Kim und dem Regisseur Hong sind unübersehbar. Hong sagte mal: “Es gibt Leute, die behaupten, ich drehe Filme über die Realität. Da irren sie sich, ich drehe Filme, die auf Strukturen basieren, die ich mir ausgedacht habe.” Dieses Zitat passt hervorragend auf Kims seltsame Zeichnung (die natürlich auch fast nur aus zwei Dreiecken besteht), die Moonsook mit den Worten “You are amazing” kommentiert. In Bezug auf den ziemlich hilflos und pathetisch erscheinenden Kim wirkt diese Feststellung lachhaft, auf Hong übertragen, ist sie stimmig.

Haebyuneui yeoin

Mit simpelsten filmischen Mitteln schafft Hong eine Authentizität, die an Lovestories der frühen nouvelle vague erinnert. In Woman on the Beach geht es um Ehrlichkeit und Vertrauen, Moonsook fürchtet sich vor Obsessionen, Sun-hee vor Verrat, und natürlich erfahren sie beide das, was sie fürchten. In Stanley Kubricks Eyes Wide Shut habe ich zuletzt eine (durchaus gefestigte) Beziehung so eingehend seziert erlebt, wie es hier anhand von zwei One-Night-Stands gleich zweimal passiert. Wobei es sich erneut zeigt, daß bedingungslose Ehrlichkeit genauso verheerend sein kann wie die scheinbar unabdingbaren Notlügen des Lebens (Sun-hee: “Weißt Du, ich bin nur so ehrlich, wie ich gerade sein möchte …”). Und im Gegensatz zu den Plattitüden des Autoren dieser Zeilen kann Hong Sangsoo aus solchen Universalthemen Filme kreieren, über die man sich stundenlang unterhalten könnte. “I’d like to meet you occasionally and have nice conversations.” Vielleicht führt dies sogar zur Wiederholung von Situationen, die man im Film sah. Der Regisseur im Film behauptet ja sogar, daß wir nur Bilder wiederholen, die uns von anderen aufgedrückt wurden. Dies kann man in zweierlei Richtung auf den Film beziehen. Und schon haben wir ein neues Dreieck aufgezeichnet. Es gibt kein Entrinnen …

Nachbemerkung zu Woman on the Beach und The Bubble:
Ich fand es übrigens bemerkenswert, wie Hong Sangsoos Thema der zwei Dreiecke, die sich zu etwas völlig neuen verbinden (stark vereinfachte Darstellung des Sachverhalts), sich bei The Bubble beim Theaterbesuch wiederfinden, denn aus Bent (gibt es übrigens auch als britische Verfilmung von 1997 mit Clive Owen und Jude Law, allerdings mit nur einem der beiden in einer Hauptrolle) sehen wir eine (etwas seltsame, ohne zuviel verraten zu wollen) Liebesszene im KZ Dachau, und nebeneinander stehen da ein Mann mit dem Judenstern auf seiner Sträflingskleidung, und daneben einer mit dem “rosa Winkel”. Daß man aus zwei Dreiecken einen sechszackigen Stern machen kann, habe ich als geometrisch interessierter Knabe wahrscheinlich schon mit sechs Jahren entdeckt, die weitergehenden Implikationen sind mir aber erst jetzt aufgegangen. Die Zeichnung des “Director Kim” in Woman on the Beach macht übrigens aus den zwei Dreiecken eher eine sargähnliche Figur …