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Mai 2005
 

Cinemania 14:
Berlinale Blancmange II

Im vorletzten Cinemania zu Filmen der Berlinale 2005 finden sich unterschiedlichste Filme nebeneinander. Unbekanntes aus dem früheren "Ostblock" (teilweise als Sequel zum letztjährigen "Talent Campus"), Regiedebüts wie von der englischen Künstlerin Tracey Emin und dem bisher vor allem als Schauspieler aufgefallenen Dominic Savage (Barry Lyndon), aber auch neue Arbeiten von unterschiedlich etaiblierten Regisseuren wie Hany Abu-Assad (Rana’s Wedding), David Mackenzie (Young Adam) oder Raymond Depardon …



Berlinale-Bär

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Cinemania 14:
Berlinale Blancmange II

[Rezensionen von Thomas Vorwerk, wenn nicht anders angegeben]

Paradise Now
(Hany Abu-Assad, Wettbewerb)

Niederlande / Deutschland / Frankreich / Palästina 2004, Buch: Hany Abu-Assad, Bero Beyer, Kamera: Antoine Heberlé, Schnitt: Sander Vos, Musik: Tina Sumedi, mit Kais Nashef (Saïd), Ali Suliman (Khaled), Lubna Azabel (Suha), Amer Hlehel (Jamal), Hiam Abbass (Saïds Mutter), Ashraf Barhoum (Abu-Karem), Mohammad Bustami (Abu-Salim), Mohammad Kosa (Fotograf) Ahmad Fares (Tea Boy), Oliver Meidinger (Abu-Shabaab), 90 Min., Kinostart: 8. September 2005

Nachdem seine ersten zwei Langfilme Ford Transit und Rana’s Wedding unter teilweise abenteuerlichen Bedingungen entstanden, hatte der palästinensische Regisseur Hany Abu-Assad für den im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale gelaufenen Paradise Now erstmals das Budget einer internationalen Ko-Produktion zur Verfügung. Doch Abu-Assad bleibt seinen Themen treu, und Filme, die sich mit der Situation zwischen Israel und Palästina befassen, haben selten die Chance, mit ihren Produktionsmitteln anzugeben.
Paradise Now befasst sich mit Saïd und Khaled, zwei Palästinensern, die seit ihrer Kindheit fast unzertrennbar sind, und die nun gemeinsam als Selbstmordattentäter rekrutiert werden und mit je einer Bombe am Leib nach Tel Aviv geschickt werden.Der Titel des Films erinnert natürlich an Coppolas Apocalypse Now. In dem Moment, wo sich ein Selbstmordattentäter dazu entschließt, den Knopf zu drücken, steht ihm augenblicklich das Paradies bevor, während er hinter sich die Apokalypse lässt. Schon zu Beginn des Films hört man einmal eine solche Explosion, zu sehen ist zu diesem Zeitpunkt aber noch nichts davon.
Ohne Spannung einzubüssen oder seine Botschaft zu verwässern, ist der Film aber auch streckenweise sehr witzig, wenn Bekennervideos wegen eines stümperhaften Kameramanns wiederholt werden müssen oder sich nach einem misslungenen ersten Versuch das Problem stellt, daß die Bomben (oder deren Klebestreifen) nie dafür gedacht waren, wieder vom Körper entfernt zu werden.
Bevor die beiden aber ihrem Schöpfer gegenüberstehen, bekommen sie noch einmal die Gelegenheit, sich von ihren Familien zu verabschieden (die dabei aber natürlich keinen Verdacht schöpfen dürfen), und insbesondere Khaled, der sich gerade in Saïds Schwester Suha verliebt hat, beginnt an seinem Auftrag zu zweifeln …
Die sich vom Aussehen ähnlichen, aber mit einem unterschiedlichen Temperament versehenen Freunde werden vor dem Anschlag zum Frisur geschickt und sind mit Kurzhaarfrisur und glattrasiert kaum wiederzuerkennen. Mit ihren schwarzen Anzügen erinnern sie fast an die Bankräuber aus Reservoir Dogs, doch selbst eine Tarnung kann sich gegen einen wenden …
Wenn Khaled von seinem Instrukteur Jamal eingewiesen wird, wie man sich bei den allgegenwärtigen Straßenkontrollen verhalten soll, klärt dieser ihn auf:
"Der Soldat, der euch entlarvt, ist ein toter Mann. Ihr habt die Kontrolle."
"Und danach?"
"Holen euch zwei Engel ab."
"Sicher?"
"100 %"
Hany Abu-Assad legt mit Paradise Now einen der wenigen Filme des diesjährigen Wettbewerbs vor, der hundertprozentig überzeugt, Spannung, Humor und politische Relevanz bietet, und selbst wenn der Film nur mit einem unauffälligen Preis "abgespeist" wurde (Blauer Engel für den besten europäischen Film), zeigte die nicht immer überzeugende Jury in diesem Fall Einfühlungsvermögen, weil es sich um den am höchsten dotierten Preis handelt, der dem Regisseur bereits den Weg zu seinem nächsten Film ebnen könnte. Zumindest Hany Abu-Assad hätte dann verdientermaßen ein (blauer) Engel "abgeholt".

Stranger
(Malgosia Szumowska, Panorama)

[Rezension von Kathi Hetzinger]
Originaltitel: Ono, Deutschland / Polen 2004, Buch: Malgosia Szumowska, Przemek Nowakowski, Kamera: Michal Englert, Schnitt: Jacek Drosio, mit Malgosia Bela (Eva), Marek Walczewski (Evas Vater), Teresa Budzisz-Krzyzanowska (Evas Mutter), Barbara Kurzaj (Ivona), Marcin Brzozowski (Michal), 95 Min.


Die 22-jährige Eva arbeitet in einer Tankstelle. Ihr Vater leidet an fortschreitender Demenz, ihre Mutter interessiert sich nicht sehr für ihre Tochter. Ihr Freund hat gerade mit ihr Schluss gemacht. Da entdeckt Eva, dass sie schwanger ist. Zunächst ist es für sie klar, dass nur eine Abtreibung in Frage kommt, aber auf dem Weg in die Klinik wird ihr das Geld für die (illegale) Abtreibung gestohlen. Eine scheinbar unbedeutende Information, das sie in der Klinik aufschnappt, trifft bei Eva auf fruchtbaren Boden – schließlich hat sie ihr Interesse für Musik von ihrem Vater geerbt, und für den ist Bach der fünfte Evangelist: sie erfährt, dass selbst der Fötus im Mutterleib bereits in der Lage ist, die Stimme der Mutter und andere Geräusche zu hören. Auf die Frage, wann das Leben anfängt, gibt ihr Vater Eva die überzeugte Antwort: ab dem Moment, an dem man hören kann. So beginnt Eva eine Beziehung zu ihrem ungeborenen Kind aufzubauen; sie spricht zu ihm, stellt ein Tagebuch für es zusammen, hat Tagträume über eine glückliche Zukunft. In dieser Zukunft fehlt jedoch noch ein passender Vater. Für diese Rolle sucht sich Eva ausgerechnet den Junkie Michal aus, der ihr das Geld für die Abtreibung gestohlen hatte. Trotz aller Probleme, die sich aus dieser Bekanntschaft ergeben, ihrer eigenen schwierigen Situation und den Sorgen um eine Freundin, die sich ohne das Wissen ihres Verlobten prostituiert, versucht Eva ihren Optimismus aufrecht zu erhalten; der Film setzt dies sogar in kleinen Musical-Szenen visuell und musikalisch um. Ihr Kind gibt ihr die Kraft dafür, und sie schafft es, diese an ihre Umwelt weiterzugeben. Schließlich ist sie sogar bereit, sich selbst für das Glück ihrer Freundin zu opfern. Ob Evas Lebenswille am Ende siegt, oder ob die schwierige Geburt doch zu viel für die junge Mutter ist, lässt der Film bewusst offen.
Bereits zu Beginn des Films fällt eine halbkreisförmige Kamerafahrt auf, die aus der sonst eher unauffälligen Kameraführung heraus sticht: man nähert sich von außen Evas Fenster an, das sich wie von selbst, oder von der Hand eines himmlischen Geistes, öffnet. Kurz darauf erkennt Eva ihr Kind innerlich an. Am Ende des Films schließt sich das Fenster vor dem Bild der schlafenden blonden Traum-Eva und ihrem etwa 3-jährigen, goldlockigen Sohn. Himmel und Erde – ein Konzept, das Eva versucht ihrem Kind mit Hilfe eines Globus zu vermitteln: von dort bist du gekommen. Dorthin werden wir wieder zurückgehen. Religion, Erdkunde und Kunst gehen hier nahtlos ineinander über.
Eva ist ihre schwierige Situation größtenteils nicht anzusehen. Ihre eigene, innere Schönheit (die bereits ab der ersten Einstellung ein Thema ist) spiegelt sich wiederum in ihrem Umfeld, in den Menschen, der Landschaft, den Bildern, sogar in der Handlung. Je weiter der Film sich jedoch dem Ende nähert, umso fruchtloser werden diese Bemühungen um Optimismus. Letztendlich wird alles Vorherige relativiert und in Frage gestellt; der Rücksturz in die eben doch allgegenwärtige, traurige Realität ist unvermeidlich. Unvermeidlich ist aber auch, dass dadurch der Spaß, den der Film über weite Teile gebracht hat, schließlich auf der Strecke bleibt.

Profils paysans: le quotidien
(Raymond Depardon, Forum)

[Rezension von Mélanie Chebance]
Frankreich 2004, Buch, Kamera: Raymond Depardon, Schnitt: Simon Jacquet, 85 Min.


Der zweite Teil von Raymond Depardons Trilogie über die ländliche kleine Welt Frankreichs ist ein tristes und ergreifendes Porträt vom Leben in den verlassenen Bergen des Landes und von dessen verlorenen Arbeitern: den Bauern und Bäuerinnen.
Langsam aber sicher sterben diese Leute, dessen Felder mehr und mehr vom Gestrüpp überwuchert werden und dessen Tiere im Laufe der Zeit an Wert verloren haben, aus. Ihre Bauernhöfe verwandeln sich zwangsmässig in perfekte sekundäre Residenzen, die man nur im Sommer bewohnt, aber im Winter ist fast niemand mehr da …
Depardon filmt die Welt, wie sie ist, lässt seine Leute mal erzählen mal schweigen.
"Warum filmt er mich?" fragt eine Statistin, "Weil Sie hier sind!" antwortet die Witwe Brès.
In Lozère, Haute-Loire und Ardèche zeigt er eine Tristesse, ein Gefühl des Verlassenseins und Fatalismus, das mit den grandiosen Landschaften kontrastiert.
Wir treffen zum Beispiel der Schäfer Marcel Privat, der weint und schweigt. Mit fast 80 ist er in Rente - aber nur auf dem Papier, obwohl er krank ist. Paul Argaud melkt noch seine acht Kühe per Hand und er ernährt sich nur von pain, paté und chocolat. Er wohnt ganz allein auf dem großen Bauernhof, den er von seinen Eltern geerbt hat. An den Abstieg denkt er nicht gern und pflegt seine langen Haare, wie ein Zeichen seiner Rebellion. Robert Maneval - schnurrbärtig und endlich froh seinen Hof verkauft zu haben - erzählt uns ernsthaft "hätte ich noch 2 oder 3 Jahre im Bauernhof arbeiten müssen, wäre ich entweder verrückt geworden oder ich hätte Jemanden umgebracht." Wir sehen auch eine Gruppe von Bauern, die noch ohne Mähdrescher zusammen arbeiten, aber wie lange noch? "Nach uns die Sintflut!" sagt einer, "Europa ist Scheisse" sagt ein anderer.
Nur wenige junge Leute trauen sich in dieses Geschäft, sicher weil die schwere Arbeit abschreckt, aber auch weil sie dauernd vor enormen finanziellen und bürokratischen Schwierigkeiten stehen … Wie zum Beispiel Amandine Gagnaire, eine 22-jährige Frau aus Lyon, die irgendwann einen Ziegenstall errichten will, ihr fehlt aber leider noch das Geld …
Der Film endet mit dem nicht mehr so jungen Junggesellen Alain Rouvière, der hofft, dass er eines Tages eine Frau finden wird … Sicher ist es aber schwierig, weil man dort, wo er ist, nicht so oft shoppen gehen kann. In einer Mikrowelle wäre er aber gern bereit zu investieren, wenn es ihm nur eine Frau bringen könnte!
"Und wann kommt der dritte Teil?" fragt man sich am Ende … Erst 2009! Hoffentlich werden die französischen Bauern dann nicht schon alle tot sein.

Love and Hate
(Dominic Savage, Panorama)

[Gastrezension von Friederike Kapp]
GB 2005, Buch: Dominic Savage, Kamera: Barry Ackroyd, Schnitt: Polly Duval, Ton: Paul Davies, Vincent Hazard, mit Samina Awan (Naseema), Thomas Hudson (Adam), Nichola Burley (Michelle), Was Zakir (Yousif), Mohammed Rafique (Naseemas Vater), Miriam Ali (Naseemas Mutter), Aliy Bhatti (Azara, Naseemas Schwester), Dean Andrews (Derek, Michelles Vater), Ryan Leslie (Sean), 86 Min.


Love and Hate handelt von der schwierigen Liebesbeziehung zwischen zwei sehr jungen Menschen aus verschiedenen Kulturen in einer nord-englischen Stadt. Adam (Thomas Hudson) arbeitet bei einem Innenausstatter und reagiert mit verbissener Ablehnung, als Naseema (Samina Awan) dort ihre Lehre beginnt. Naseema verkennt den rassistischen Gestus dieser Ablehnung, sondern hält sie für Schüchternheit, denn so hatte ihre Kollegin Michelle (Nichola Burley) Adams Verhalten erklärt. Naseema lächelt, errötet, flirtet versteckt und vorsichtig, begegnet Adam vertrauensvoll, zeigt Interesse, bis auch Adam feststellt, daß er sich in Naseema verliebt hat.
Diese Erkenntnis zuzulassen fällt ihm schwer, was für ihn spricht, denn er weiß, daß er damit seine sämtlichen übrigen sozialen Beziehungen einer schweren Belastung aussetzt, schließlich lebt er in einem explizit rassistischen Umfeld. Sein Bruder Sean (Ryan Leslie) ist Rassist, seine Mutter ist Rassistin, für die Clique, in der er gemeinsam mit seinem Bruder verkehrt, stellt der gemeinsam gepflegte Rassismus ein identitätsstiftendes Merkmal dar. Adam entschließt sich, nicht seine Gefühle in Frage zu stellen, sondern seine Ansichten.
Naseema, die aus einer pakistanisch-muslimischen Familie stammt, weiß genug über die orthodoxen Ansichten ihres großen Bruders, um ihre Beziehung für sich zu behalten. Yousif (Was Zakir) mag kaum dulden, daß sie arbeiten geht oder, noch schlimmer, sich auf dem Nachhauseweg mit ihrer Kollegin unterhält. Er verschweigt seiner Schwester, warum er Michelle für ein Flittchen hält.
Michelle platzt fast vor Energie und Lebensfreude. Wenn sie ausgeht, will sie Spaß, und Spaß bedeutet für Michelle Sex. Aufgebrezelt, mit viel Farbe im Gesicht und im knallkurzen Dress, besteht ihr Samstagabendvergnügen darin, sich mit ihrer Freundin an einer Bushaltestelle zu postieren, wo die Jungs mit ihren schicken Schlitten vor- und vorbeifahren, allen gemein die Hoffnung, etwas aufzureißen. Michelle gelingt es, Yousif aufzureißen. Stimmt es, was behauptet wird, daß die asiatischen Männer große Schwänze haben? – Sieh doch nach! – Da bleibt kein Raum für Andeutungen, da geht’s gleich zur Sache. Anders als zunächst für Yousif, ist für Michelle die Angelegenheit damit keineswegs erledigt. Für sie war der schnelle Sex zugleich eine Vereinbarung: wir gehören jetzt zusammen. Als sie Yousif in der Tiefgarage mit einer anderen Frau erwischt, wird sie handgreiflich. Die andere Frau ergreift, die Kleider im Arm, die Flucht. Yousif begreift.
Zum Kulminations- und Wendepunkt des Films wird der Überfall auf einen Taxifahrer (Mohammed Rafique), den Sean in Adams Beisein zusammenschlägt und -tritt, um die Zeche zu prellen. Der Taxifahrer ist der Vater von Naseema und Yousif. Erst nach und nach werden den Protagonisten die Beziehungen der übrigen untereinander klar. Yousif kann sich nicht aus seinem Stereotypen-Denken befreien. Weiße sind scheiße! Michelle ist am Boden zerstört, als Yousif sich ohne Begründung von ihr trennt. Naseema und Adam beschließen die Flucht. Leicht werden sie es auch woanders nicht haben.
Dominic Savage schildert die Schwierigkeiten interkulturellen Zusammenlebens über die verschiedenen Positionen und Haltungen, die verschiedene Figuren einnehmen, so daß sich ein Gesamtbild aus mehreren Perspektiven ergibt. Wenngleich die Sympathien des Films eindeutig bei den beiden Hauptdarstellern liegen, werden doch auch die übrigen Figuren mit großem Interesse und ohne Häme gezeichnet. Selbst Adams alleinstehende Mutter, die ihre Söhne zum Rassismus erzieht, erfährt ein gewisses Verständnis, das jedoch keine Parteinahme einschließt: Sie ist Kleinunternehmerin und erfährt die überall in der Umgebung öffnenden Geschäfte als wirtschaftliche Bedrohung. Savages Kunstgriff besteht darin, daß die Protagonisten auf der persönlichen Ebene alle miteinander zusammenhängen. So werden die Konflikte verdichtet, die Konsequenzen der verschiedenen Handlungen verstärkt.
Mit Love and Hate legt Dominic Savage seinen ersten Spielfilm vor, doch beschäftigen sich auch seine bisherigen Fernseharbeiten mit sozialen Themen: Teenager-schwanger-schaft (Nice Girl, 2000), dem Aufwachsen im sozialen Wohnungsbau (When I was 12, 2001) Jugend-kriminalität und Erziehungsanstalt (Out of Control, 2002). Einem breiteren Publikum ist Dominic Savage möglicherweise aus Barry Lyndon (Stanley Kubrick, 1975) bekannt, wo er den jungen Lord Bullington spielte.
Barry Ackroyd zeichnet bereits bei Out of Control für die Kamera verantwortlich. Mit einer Reihe von Filmen, bei denen er für Ken Loach die Kamera führte, steht er ebenfalls in der Tradition des englischen Sozialdramas (Riff Raff 1990, Ladybird, Ladybird 1994, Bread and Roses 2000). Daneben drehte er auch Dokumentarfilme, u. a. The Blues (2003), bei denen Charles Burnett und Clint Eastwoood Regie führten.
Was Love and Hate zu einem guten Film macht, ist nicht nur die aktuelle Thematik, die spannend erzählte Story, sondern sind vor allem auch die ausgezeichneten schauspielerischen Leistungen, und hier insbesondere die der Hauptdarsteller. Die scheue Art, in der Naseema und Adam sich näherkommen, die nicht nur ihre ideologisch-ethnischen Hindernisse überwinden müssen, sondern auch noch ihre altersbedingt pubertären, ist anrührend, bezwingend und wahr. Lange nicht habe ich eine Teenagerliebe derart überzeugend auf der Leinwand dargestellt gesehen. (Mit Ausnahme von Thumbsucker (Mike Mills, 2005), ebenfalls auf der Berlinale gezeigt. Aber davor viele Jahre nicht.) Hier verkommt weder der sozialkritische Antrieb zum reinen Hintergrund für die geschilderten Einzelschicksale, noch werden einzelne Figuren zu Chargen vergröbert, sondern alle Elemente und Ebenen sind so miteinander verwoben, daß ein rundes Ganzes dabei entsteht. Hier hat sich jemand etwas vorgenommen, was er auch umsetzen konnte. Empfehlenswert.

Stellas Versuchung
(David Mackenzie, Wettbewerb)

USA / Irland 2004, Originaltitel: Asylum, Buch: Patrick Marber, Lit. Vorlage: Patrick McGrath, Kamera: Niles Nuttgens, Schnitt: Colin Monie, Steven Weisberg, Musik: Mark Mancina, Production Design: Laurence Dorman, mit Natasha Richardson (Stella), Ian McKellen (Peter Cleave), Marton Czukas (Edgar Stark), Hugh Bonneville (Max Raphael), Gus Lewis (Charlie), Judy Parfitt (Brenda Raphael), Sean Harris (Nick), Wanda Ventham (Mrs. Straffen), Joss Ackland (Mr. Straffen), Anna Keaveney, 93 Min.

Gerade bei wenig bekannten Regisseuren ist es meist von Vorteil, wenn man überdurchschnittlich viele Filme aus deren Filmographie kennt und darob Querverbindungen zu ziehen imstande ist, wiederkehrende Themen und Motive erkennt. Für mich stellte sich bei Asylum erstmals ein gegenteiliger Effekt ein: Nachdem ich bereits David Mackenzies Erstling Young Adam gesehen hatte, der mich nicht überzeugte, aber zumindest interessierte, erkannte ich eindeutig zu viele wiederkehrende Motive. Ein zweites dunkles, sich sehr langsam entwickelndes romanverfilmtes period piece (abermals kurz nach dem zweiten Weltkrieg) über eine verbotene Affäre mit einem ebenso gefährlichen wie faszinierenden Mann, einem Triebtäter, der Sex und Mord nicht immer unterscheiden kann (dort Ewan McGregor, hier Marton Czukas, der aktuell auch in Kingdom of Heaven positiv auffällt); dreckiger, "erdiger" Sex (dort am Ufer des Kanals, hier im Gewächshaus); die im keim erstickte Hoffnung auf ein herkömmliches Happy End und - besonders sträflich, eine Schlüsselszene, die sich für Zuschauer, die Young Adam gesehen haben, bereits von weitem ankündigt - auch, wenn der Ausgang diesmal anders ist.
Hüben wie drüben lebt der Film von seiner (sehr ähnlichen, irgendwie auch typisch irischen) Atmosphäre und den Darstellern, wobei hier neben dem wie üblich süffisant-abgründigen Ian McKellen und der leading lady Natasha Richardson Hugh Bonneville als liebloser Gatte auffällt (auch, weil man ihn Tags zuvor in Man to Man in einer völlig anderen Rolle sah). Doch die Story um die Frau des Psychiaters, die sich mit dem Nervenheilanstalt einlässt, der wegen des Eifersuchtsmordes an seiner Frau dort landete, verschenkt zuviele Möglichkeiten und erschöpft sich stattdessen bei geheimen Sextreffen (Huch, die Schwiegermutter kommt) und berstenden Scheiben und klappenden Türen, die Spannung erzeugen sollen, wo zumindest für mich als Mackenzie-Geschultem keine mehr möglich war. Neben jener Schlüsselszene, die eigentlich in jedem Zusammenhang funktioniert (siehe oben), bleibt nur die jährliche Klapsen-Tanzparty unter Polizeischutz im Gedächtnis, die man sich gerade als farbenfrohes Kleinod zwischen all den dunklen Psycho-Dialogen weiter ausgearbeitet gewünscht hätte. Von Patrick Marber, dem Autoren von Closer (Theaterstück und Drehbuch) kann man das wohl erwarten …
"Interesting dress." - "Is that a compliment?"

Top Spot
(Tracey Emin, Forum)

Großbritannien 2004, Buch: Tracey Emin, Kamera, Schnitt: Sebastian Sharples, Musik: Melissa Parmentier, mit Elizabeth Crawford, Laura Curnick, Kate Foster Barnes, Helen Laker, Keira Noddings, Frances Williams, 62 Min.

Die britische Künstlerin Tracey Emin verbindet ihre Arbeiten in unterschiedlichsten Medien (Fotos, Erzählungen, Gemälde, Skulpturen, Neonleuchten, Kurzfilme, bestickte Decken, Installationen usw.) oft mit der eigenen Biographie, und ihr Debütfilm Top Spot ist da nur eine weitere Facette. Teilweise basierend auf ihrer eigenen Teenagerzeit in Margate, Kent, lässt sie sechs Teenager deren Geschichten erzählen, und ganz zu Beginn des Films könnte man die Interviews noch für dokumentarisch halten, ehe sich dann herausstellt, wie sich die Einzelschicksale allzu exemplarisch aneinanderfügen.
Der perfide und ironische Filmtitel bezieht sich keineswegs auf die allenfalls mittelprächtige Küstenstadt, sondern auf eine Teenager-Disco aus Emins Jugend, die ausgerechnet nach jenem vermeintlich ultimativen Punkt benannt wurde, wo beim Sex der Penis bereits soweit eingedrungen ist, daß er auf den Gebärmuttermund trifft. Man kann nur hoffen, daß dies nicht allen Besuchern des Etaiblissements bekannt war oder gar zur Motivation beitrug. Auch bei den sechs Teenagern des Films spielt Sex natürlich eine große Rolle, und das Spektrum reicht von einer Vorliebe für Romanzen des 19. Jahrhunderts über einen von einer älteren Frau beigebrachten Knutschfleck bis hin zu den unumgänglichen Themen Vergewaltigung und Abtreibung. Am ausgeprägtesten (und geheimnisvollsten) ist die Geschichte von Helen, die Französisch lernt, um einem Fremdenlegionär in Ägypten zu schreiben, mit dem sie ihren "best snog" hatte. Von Erzählungen über eine Geisterbahn namens Sphinx führt diese Episode bis hin zu Traumvisionen, für die tatsächlich in Ägypten gedreht wurde.
Auch wenn die Kombination von Super-8-Material aus ihrer Jugend und Pophits der Siebziger (Donna Summer, Roxy Music, Shirley & Company) oder den Geschichten der Mädchen und den am Strand schreienden Möwen durchaus evokativ sein könnten, und das allmähliche Abgleiten von adrett in Schuluniformen gekleideten Mädchen in das (im Film narrative) Chaos der menschlichen Sexualität sicher einen (auch normallangen) Film tragen könnte, leidet Top Spot unter seinen inszenatorischen Unzulänglichkeiten, die beispielsweise einen Selbstmordversuch zu einer unverzeihbaren filmischen Peinlichkeit machen oder eines der Mädchen mit heruntergelassenem Slip auf irgendeiner schmutzigen Strasse verharren lassen, wobei dann die Bedeutung solcher "Bilder" auf der Strecke bleibt.
"Shame, Shame, Shame --- Shame on you."

Lost and Found
(diverse Regisseure, Forum)


Deutschland 2005, Künstlerische Leitung: Nikolaj Nikitin, Endschnitt: Guido Krajewski, 99 Min.
Das Ritual (Nadejda Koseva)
Bulgarien, Int. Titel: The Ritual, Buch: Georgi Gospodinov, Nadejda Koseva, Kamera: Radoslav Spasov, Schnitt: Nina Altaparmakova, Musik: Aleksandar Simeonov, mit Svetlana Yancheva, Krasimir Dokov, Anna Broquet, Ivan Yurukov
Das Mädchen und der Truthahn (Christian Mungiu)
Rumänien, Int. Titel: Turkey Girl, Buch: Christian Mungiu, Kamera: Oleg Mutu, Schnitt: Raul Squopetz, Musik: Hanno Hoefer, mit Ana Ularu, Valentin Popescu, Dan Burghelea
Geburtstag (Jasmila Zbanich)
Bosnien-Herzegowina, Int. Titel: Birthday, Buch: Jasmila Zbanich, Kamera: Christine A. Maier, Schnitt: Nikki Mossböck, Musik: Muta Dedich, Marko Govorcin, mit Dunja Obradovich, Ines Cule
Ein kurzer Moment der Stille (Kornél Mundruczó)
Ungarn, Int. Titel: Shortlasting Silence, Buch: Kornél Mundruczó, Viktória Petrányi, Kamera: Anna Faur, Schnitt: Vanda, Arányi, Musik Zsófia Tallér, Ausstattung: Róbert Menczel, mit Orsolya Tóth, Zsolt Trill
Wunderbare Vera (Stefan Arsenijevic)
Serbien-Montenegro, Int. Titel: Fabulous Vera, Buch: Stefan Arsenijevic, Kamera: Aleksander Ilic, Schnitt: Ksenija Orozovi, mit Milena Dravic, Radivoj Knezevic, Nikola Simic, Milica Mihajlovic
Gene-Ratio (Mait Laas)
Estland, Int. Titel: Gene + Ratio, Buch: Mait Laas, Kamera: Ragnar Neljandi, Schnitt: Kersti Miilen, Mait Laas, Musik: Tiit Kikas, Taavi Tulev, mit Krööt Juurak, Lii Unt, Mait Malmsten, Katariina Lauk, Joel Volkov


Der Eröffnungsfilm des diesjährigen Forumsprogramms brachte die von den diversen Spartenleitern vielgepriesenen Synergien auf den Punkt: Eine deutsche Ko-Produktion zum vorgegebenen Thema "Generation" mit sechs osteuropäischen Staaten, die in vier Fällen Besucher des letztjährigen Talent Campus zurück nach Berlin holten. Doch gute Absichten, neue Talente und politische Motive machen noch keinen guten Film bzw. Filme.
Es beginnt mit Das Ritual, mit einer traditionell bulgarischen Hochzeit, bei der nur noch das Hochzeitspaar fehlt. Das doch recht modern wirkende Paar, das sich in Französisch unterhält, ist aufgrund wiederkehrender Parallelmontagen als solches auszumachen. Die Feier wird ungestümer, Wasser läuft über, während sich das Paar bei einem Wasserfall befindet. Die Parallelmontage ist ein schönes und wichtiges filmisches Erzählmittel, doch den Kern eines Films kann sie nicht ersetzen.
Das Thema Wasser spielt sich auch bei dem zwischen den einzelnen Filmen als Verbindungsglied wirkenden Animationsfilm Gene-Ratio zunächst in den Vordergrund, dazu aber später mehr.
Um eine Operation ihrer schwerkranken Mutter zu bezahlen, soll Tatjana, Das Mädchen mit dem Truthahn, ebenjenes geliebtes Haustier verkaufen. Wie schade, wo der Vogel doch schon fast erwachsen ist und beinahe so intelligent, ein Quadrat von einem Kreis zu unterscheiden. "So ist das im Leben. Geben und Nehmen." Immerhin scheint hier der Titel der Filmsammlung durch, und sowohl Tatjana als auch ihr Truthahn sind recht fotogen.
Dann folgt überraschenderweise ein Dokumentarfilm-Einschub, Geburtstag. Zwei elfjährige Mädchen in unterschiedlichen Seiten der geteilten Stadt Mostar, die im Sommer 2004 durch die Wiedererrichtung einer im Krieg zerstörten Brücke über den Fluß Neretva wieder verbunden werden sollen. Vielleicht lernen sich dann auch die beiden Mädchen kennen, die genau am Tag geboren wurden, als die Brücke zerstört worden war. Die eine tanzt, die andere singt (passenderweise einen Song über "das Herz einer neuen Nation"), selten wurde Völkerverständigung so naiv illustriert.
Doch es kommt noch schlimmer, der Film mit dem Titel Ein kurzer Moment der Stille erfüllt vor allem das Versprechen der Kürze nicht. Der Tod der Mutter führt Geschwister zusammen, die zunächst wie ein Liebespaar erscheinen. Die gelungene Ausleuchtung und Kameraführung können aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß auch bei diesem Film eine wirkliche Idee fehlt. Der Bruder arbeitet sonst als psychologischer Unterstützer von Selbstmordgefährdeten, genau das, was die Schwester gerade braucht. Alles ist sehr dunkel, und weil man bei einer Einstellung glücklicherweise eine Eule im Bild eingefangen hatte, schreibt man noch schnell einige zerfetzte Mäuse ins Drehbuch, die man aber nicht mehr rechtzeitig organisieren konnte. Noch pathetischer, als es ohnehin schon wirken sollte.
Dann, zu einem Zeitpunkt, als ich das Kino am liebsten schon verlassen hätte (aber es gab auch kein Alternativprogramm, das ich dadurch noch hätte "retten" können), kommt der eine Film, für den man auch gerne ins Kino geht, Wunderbare Vera von Stefan Arsenijevic, der im letzten Jahr mit (A)Torsion den Kurzfilmpreis der Berlinale gewann, erzählt eine Geschichte, hat ein cleveres Drehbuch und weiß es, selbst auf eingeschränktem Raum, über filmsprachliche Mittel sowohl ein Atmosphäre als auch Empathie für die Protagonisten aufzubauen. Die schon etwas betagte Tramschaffnerin Vera streitet sich (während ihres Jobs) mit ihrer Tochter um deren Wunsch, nach Kuba auszureisen. Plötzlich "übernimmt" Vera die Tram und aus dem Film wird eine sympathische Low Budget-Actiongeschichte, bei der die außer Kontrolle geratene Tram durch Vera und einen beherzt auftretenden Polizisten gestoppt werden muß. In diesem Fall stört es mich auch nicht, daß Vera geschieden und der Polizist Witwer ist, denn diesmal ist die offensichtliche Drehbuchkonstruktion nicht das einzig bemerkenswerte am ganzen Film, sondern nur noch das i-Tüpfelchen auf einer gelungenen Arbeit aller Beteiligten.
Nun noch etwas zum Animationsfilm Gene-Ratio, der die fünf Geschichten verbindet und tatsächlich sogar eine Geschichte erzählt, was mir aber erst nach dem Film, beim Durchsehen des Pressematerials aufgegangen ist. Während des Films war es zunächst noch ganz interessant anzusehen, wie völlig unterschiedliche Animationsmittel (Zeichentrick, Computer, Stop-Motion) nacheinander zum Ausdruck kommen, doch die skurrile Story, bei der u.a. Kastanienmännchen wie Streichholzköpfe explodieren und eine halbverdurstete Katze mit einer badenden Frau zu einem seltsamen Oralsex-Paar verbunden werden, hat mich spätestens bei dritten Kapitel nur noch angeödet.
Wahrscheinlich hängt es auch mit diesem Eröffnungsfilm zusammen, daß ich in diesem Jahr sehr viel weniger Forumsfilme gesehen habe. Wenn schon das Aushängeschild so abtörnend ist, kann man es niemandem verdenken, wenn man davon auf das gesamte Programm schließt. Warum nicht Filmen, die im diesjährigen Forum ein wenig untergegangen waren, über die Wahl zum Eröffnungsfilm mehr Aufmerksamkeit schenken, etwa This Charming Girl, Veer-Zaara, Vers Mathilde oder Sekai no owari …? Aber das Leben ist eben ein Geben und Nehmen und hier wird einem eine gute Stunde genommen.


Coming soon in Cinemania 15 (Kinostart Mai 2005):
Rezensionen zu: Das ferpekte Verbrechen, Garden State, I heart Huckabees, Schildkröten können fliegen, Das Schwiegermonster, Somersault