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Die Box




Januar 2007
Thomas Vorwerk
für satt.org

Schweinchen Wilbur und seine Freunde
USA 2006

Schweinchen Wilbur und seine Freunde (R: Gary Winick)

Schweinchen Wilbur und seine Freunde

Originaltitel: Charlotte's Web , USA 2006, Regie: Gary Winick, Buch: Susannah Grant, Karey Kirkpatrick, Lit. Vorlage: E. B. White, Kamera: Seamus McGarvey, Schnitt: Susan Littenberg, Sabrina Plisco, Musik: Danny Elfman, Production Design: Stuart Wurtzel, mit Dakota Fanning (Fern Arable), Gary Basaraba (Homer Zuckerman), Siobhan Fallon Hogan (Mrs. Zuckerman), Kevin Anderson (Mr. Arable), Essie Davis (Mrs. Arable), Louis Corbett (Avery), Beau Bridges (Dr. Dorian) und den Originalstimmen von: Julia Roberts (Charlotte A. Cavatica), Dominic Scott Kay (Wilbur), Steve Buscemi (Templeton), Robert Redford (Ike), Kathy Bates (Bitsy), Reba McEntire (Betsy), John Cleese (Samuel), Oprah Winfrey (Gussy), Cedric the Entertainer (Golly), Thomas Haden Church (Brooks), André Benjamin (Elwyn), Tequan Richmond (Uncle), Jennifer Garner (Susy), Jane Sibbett (Joy), Sam Shephard (Erzähler), 113 Min., Kinostart: 4. Januar 2007

Gary Winick, der bei 13 going on 30 (dt.: 30 über Nacht) sein glückliches Händchen für Mainstream-Unterhaltung zeigte, die weder zu sehr ins Schmalzige abdriftet noch die Intelligenz des Zuschauers beleidigt, legt nun einen Kinderfilm vor, bei dem der deutsche Titel Schweinchen Wilbur und seine Freunde die Nähe zu Schweinchen Babe (und die ähnliche Erfolgsperspektive des Films) sehr betont. Wie meine Leser es von mir kennen (aber wahrscheinlich nicht lieben), werde ich mich mal wieder über eine Kleinigkeit ereifern, denn dieser Film heißt ja im Original Charlotte's Web, und die von Oscar-Preisträgerin Julia Roberts gesprochene Original-Titelheldin wird bei der deutschen Pressearbeit des Verleihs (wie es in den Staaten war, kann ich nicht beurteilen) ziemlich stiefmütterlich behandelt. Nicht nur ist Charlotte plötzlich nicht mehr die Titelheldin, auch gibt es unter den 38 Bildern auf dem Presseserver, die für Internetpublikationen angeboten werden, kein einziges, das Charlotte zeigt (ich liebe solche Statistiken, man vergleiche meine Kritik zu Ozons Swimming Pool), aber

Filmszene
Filmszene
Copyright © 2005 Paramount Pictures
Filmszene
Filmszene
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  • 16 Bilder (über 42 %), die Dakota Fanning zeigen: vier allein, sechs zusammen mit Wilbur, eines im Stall beim Vorlesen, eines vor dem Stall mit dem Pferd im Hintergrund, eines mit ihrem Filmbruder, eines mit ihrer Sandkastenliebe, eines mit irgendwelchen anderen Kinder und eines mit Erwachsenen (die in diesem Film auch relativ unwichtig erscheinen)
  • 15 Bilder (fast 40 %), die das Schweinchen Wilbur zeigen: die sechs bereits erwähnten zusammen mit Dakota Fanning, sechs allein, zwei mit einer Erwachsenen im Stall, sowie eines im Arm eines der Filmemacher
  • 3 Bilder der beiden Kühe
  • 1 Bild von den Gänsen
  • 1 Bild von einem Schaf
  • 1 Bild von allen fünf Schafen in Reih und Glied
  • 2 Bilder, die sowohl Schafe als auch Gänse zeigen
  • 1 Bild von den zwei Krähen
  • 2 Bilder vom Bauernhof in unterschiedlichen Totalen
  • 1 Bild vom Eingangsportal der Landwirtschaftsmesse mit Rummelplatz (in den Staaten nennt man das fairground), auf dem Wilbur ausgezeichnet zu werden hofft und
(Trommelwirbel)
  • 1 Bild von einem Glas mit der Aufschrift "Zuckerman's terrific Applesauce", wobei das "terrific" Bestandteil eines Spinnennetzes ist - die Spinne selbst ist aber nicht zu sehen …

Denn Charlotte ist - für die, die es noch nicht wussten - eine Spinne, die zur Rettung des ihr so freundlich gesonnenen Schweinchens Netze spinnt, in denen kleine Botschaften eingewoben sind (die ich hier nicht verraten werde), die darauf aufmerksam machen sollen, wie außergewöhnlich Wilbur ist. Für diejenigen, die die Allegorie nicht selbst entschlüsselt haben, wird es am Schluss des Films auch direkt ausgesprochen: Die Spinne Charlotte, die mit größter Sorgfalt und abenteuerlichen Recherchen (hierzu gleich mehr) ihre Worte wählt, mit denen sie sozusagen die Welt verändern will (zumindest die Welt von Wilbur, der nicht zu Weihnachten im Ofen landen will), ist eine Schriftstellerin.

Aber Spinnen werden halt gemeinhin als nicht so putzig angesehen wie kleine Schweinchen, und somit ging der Wanderpreis des Titelhelden zumindest in der deutschen Fassung an Wilbur. Ein weiteres Tier, das in diesem Film eine der vier wichtigsten Rollen spielt, und sogar von Steve Buscemi gesprochen wird, hat ebenfalls eine schlechte Lobby und findet sich deshalb auf keinem der 38 bereits erwähnten Fotos. Tiere derselben Gattung spielten bereits in zwei kindertauglichen Filmen, die innerhalb der letzten der letzten vier Wochen einen deutschen Kinostart hatten, Hauptrollen, und aus irgendwelchen Gründen dürften an dieser Stelle nur sehr informierte Leser wissen, von welchen Tieren ich spreche. In Flushed Away heißen die beiden Hauptfiguren Roddy und Rita, Rita lebt in einem unterirdischen Ort namens Ratropolis, und als ich meine Nichten (8 bzw. 9) nach dem Besuch von Das hässliche Entlein und ich fragte, was für Tiere die auf einem Aufsteller zu sehenden Roddy und Rita wohl seien, sagten sie sofort "Ratten". Das Ratso, der Ich-Erzähler aus Das hässliche Entlein und ich, ebenfalls eine Ratte ist, mag diese Gattungsbestimmung beeinflusst haben, aber ich finde, daß man zwar keinesfalls anhand von Details wie den runden Ohren, der Kleidung oder der Fertigkeit, Kleinvehikel zu steuern, entscheiden könnte, ob Roddy und Rita Ratten sind, sehr wohl aber anhand ihrer Namen, denn so wie "Gussy, die Gans" oder "Freddy, die Feldmaus" (aus Frank Tashlins Artists and Models) würden Roddy und Rita wahrscheinlich Mandy und Mortimer heißen, wenn es sich bei ihnen um Mäuse handeln würde. Und exakt dieses behauptet das Presseheft (Charlotte's Web und Flushed Away sind beide bei UIP zuhause) aus unerklärlichen Gründen (von wegen "unerfindliche Gründe" … Mäuse = putzig = Kassenschlager), woraufhin es viele Zeitschriften (beispielsweise Der Spiegel) artig abschreiben, während andere (beispielsweise Stern) sie dennoch als Ratten erkennen und bezeichnen.

Weniger im Falle von Roddy und seiner rattenscharfen Freundin Rita, aber bei Ratso und Templeton (hieß nicht bei Aristocats eine Maus so?) sind die Figuren auch eher als Anti-Helden angelegt, Egoisten, die keine schwache Stelle zeigen wollen, aber im Endeffekt doch das Herz an der richtigen Stelle haben ("Das Schwein interessiert mich nicht - aber Schweinefutter!"). Was sie in meinen Augen viel interessanter macht als typische Trickfilm-Mäuse wie Micky oder Oscar, die in ihrer Tadellosigkeit einfach nur langweilig sind. Was übrigens auch oft für Schweine wie Porky oder Orson gilt.

Ungeachtet der Vermarktungsstrategien der Filmverleiher (ich fand es vor einiger Zeit auch interessant, wie man beim deutschen Titel von The Ant Bully - Lucas, der Ameisenschreck - nicht wirklich auf die Idee kommen würde, bei der Titelfigur könne es sich um eine Ameise handeln) sind momentan Ratten die größten Stars der Kinderherzen. Als ich mal wieder für meine Nichten Bilder zeichnen sollte (eine gute Woche nach dem oben beschriebenen Kinobesuch), verlangten sie hintereinander ein Krokodil, eine Giraffe, ein Schwein mit Arschgeweih, eine Ratte und einen Drachen. Und bei dem Schwein war das Arschgeweih sehr viel wichtiger als das Tier.

Es könnte sein, daß ich ein wenig vom Thema abgekommen bin, bei meiner ersten Filmkritik im neuen Jahr erlaube ich mir diesen Luxus aber mal. Charlotte's Web bietet beste Unterhaltung für die ganze Familie, hervorragende Synchronsprecher (in der deutschen Fassung hat man die üblichen Sprecher der Stars wie Spinnenbein Julia Roberts, Schafskopf John Cleese, Milchkuh Kathy Bates, Schnattergans Oprah Winfrey oder Pferdeflüsterer Robert Redford eingesetzt), und hin und wieder kleine Momente, die wirklich verzücken. Etwa den nett animierten Vorspann, überzeugende Schnittkanten wie jene von Dakota Fannings Versprechen an den kleinen Wilbur zu einem in der Pfanne brutzelnden Stück Schinken oder einige Dialogperlen ("Wollt ihr den zukünftigen Fussball belügen?" - "Die Menschen lieben Schweine - Sie lieben Schweinebraten …"). Daß das Frühlingsschwein Weihnachten überlebt und seinen ersten Schnee sehen wird, verspricht eigentlich schon der späte Starttermin (manchmal denken die Presseagenturen auch so mit, daß man sie dafür loben kann), der den Eltern zartbesaiteter Kinder nicht den Festtagsbraten sabotieren wird (auch wenn hierzulande neben Gans und Ente das Schwein am ehesten als Bockwurst zu den Feiertagen verzehrt wird).

Endfazit: Some Film!

Schönstes Zitat des Films: "Ich weiß nicht, was es ist, aber ich liebe es." (Templeton in der Metallwanne, in der Zuckerwatte hergestellt wird.)