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Die Box




Dezember 2006
Thomas Vorwerk
für satt.org

Die Rotkäppchen-Verschwörung
USA 2005

Die Rotkäppchen-Verschwörung (R: Cory Edwards)

Die Rotkäppchen-Verschwörung

Originaltitel: Hoodwinked!, USA 2005, Regie: Cory Edwards, Co-Regie: Todd Edwards, Tony Leech, Buch: Cory Edwards, Todd Edwards, Tony Leech, Kamera: Tony Leech, Musik: John Mark Painter, Songs: Todd Edwards, Cory Edwards, mit den Original- / deutschen Stimmen von: Anne Hathaway / Sarah Kuttner (Red / Rotkäppchen), Glenn Close / Hans Werner Olm (Granny / Großmutter), Patrick Warburton / Axel Prahl (Wolf), Jim Belushi / Oliver Mink (The Woodsman / Schorsch), David Ogden Stiers / Max Raabe (Nicky Flippers), Andy Dick / Smudo (Boingo), Benjy Gaither / Jan Delay (Japeth), Cory Edwards / Dr. Michael Nowka (Twitchy), Xzibit / Engelbert von Nordhausen (Grizzly), Anthony Anderson / Bernhard Vögler (Bill Stork / Bill Storch), Tye Edwards / Marlin Wick (Dolph), Ken Marino / Wilfried Herbst (Raccoon / Waschbär Jerry), Chazz Palminteri / Hans-Jürgen Wolf (Woolworth / Wolle), Joshua J. Greene / Ilja Richter (Jimmy Lizard), Tony Leech / ? (Glen), Todd Edwards / ? (Sandwich Man), 81. Min., Kinostart: 27. Dezember 2006

Filmszene
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Alternativvariationen von bekannten Märchen erfreuen sich schon seit längerer Zeit einer erstaunlichen Beliebtheit. Wer Neil Gaimans Version von Schneewittchen kennt, versteht endlich auch die blasse Hautfarbe der Titelheldin, bei Shrek oder in US-Comicserien wie Castle Waiting oder Fables wird das Erkennen von cameo appearances von Märchenfiguren fast zur neuen Kunstform erklärt, und selbst in deutschen Landen verstopfen Märchenfilme mit unterschiedlich talentierten "Comedians" die Leinwände und Bildschirme. Hoodwinked! bringt in dieser Beziehung nichts wirklich neues, doch der computeranimierte Film macht immerhin ziemlich viel Spaß, und das, obwohl die Animation teilweise so schlecht ist, daß sie nicht mal fürs Kinderprogramm taugt.

Doch da sich die Qualität eines Animationsfilms nicht allein über die Qualität der Animation definiert, sondern auch über solche nicht unwichtigen Details wie Charakterisierung der Figuren oder das Drehbuch, weiß man hier fast zu schätzen, daß man schon an den stümperhaften Animationen erkennen kann, daß der Film eben kein auf Hochglanz poliertes Produkt eines solche Filme im Neunmonate-Takt auf die Welt bringenden Studios ist, sondern das love child einiger aufstrebender Filmschaffender, die Aufgaben wie Drehbuch, Regie, Kamera und Songs einfach unter sich aufgeteilt haben.

Hoodwinked! erzählt die Geschichte des Rotkäppchen wie einen Krimi, bei dem der Kommissar durch Zeugenaussagen (ein Vergleich mit Kurosawas Rashomon würde hier ein wenig übers Ziel hinausschießen) die wahre Geschichte ermitteln muß. So erfahren wir etwa, daß der "böse Wolf" eigentlich nur ein missverstandener investigativer Journalist ist, der etwa auch herausbekommen will, ob es beim Familienbetrieb einiger Schweine ("I know about houses. l built mine out of straw. I'm not an idiot.") Baupfusch gibt (meine Lieblings-Neuinterpretation eines Märchens innerhalb dieses Films). Die Großmutter ist Extremsportlerin, die ein Keks-Imperium anführt, das Rotkäppchen ein zum Fahrradkurier degradiertes junges Mädchen undsoweiter.

Auch wenn die Aufklärung des Falls krimi- und filmgeschulten Zuschauern recht schnell klar sein dürfte ("The criminal you are looking for cannot be found at the bottom of the mountain; he resides at the top in a cave fortress where my companions are trying to detain him"), überzeugt der Film schon durch sein raffiniert ausgetüfteltes Drehbuch, bei dem man bei jeder neuen Zeugenaussage neue Details versteht oder in einem anderen Licht sieht. Die Figuren könnten zwar etwas vielschichtiger sein, und einiges ist zu sehr auf Sparwitze hin inszeniert, doch Hoodwinked! unterhält überdurchschnittlich gut und ist (und das ist bei Animationsfilmen leider selten) eben auch nicht auf eine kindgerechte Moral hin konzipiert, sondern einfach auf Fun. Ein verfluchter Ziegenbock, der sich nur noch singend (im "Hillbilly"-Stil) mitteilen kann (in der deutschen Version ein verblüffend guter Jan Delay), oder ein aufgedrehtes Eichhörnchen (Hammy aus Over the Hedge könnte davon inspiriert sein) sind hier die kleinen Helden im Hintergrund, und der Humor ist in bester Weise von klassischen Warner-Cartoons inspiriert ("What kind of candles are those?" --- "Dee-na-mee-tay. Must be Italian."), während die Action-Elemente (in CGI-Filmen offenbar obligatorisch) eher bei James Bond (Skiverfolgung) und Steven Spielberg (Indiana Jones) geklaut sind. Ein schöner Film zum Jahresausklang, durchaus auch kindergeeignet, aber eben nicht vor allem für diese konzipiert. Und die Fortsetzung (wegen des großen Erfolgs dieses Überraschungshits) soll auch schon fast fertig sein.