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Die Box




September 2006
 

Cinemania 34:
Kinostart Juli / August 2006

In einer besseren Welt hätte Ab durch die Hecke, in Sachen Animationsfilm bisher das Beste, was mir dieses Jahr vor die Flinte gelaufen ist, auf jeden Fall eine eigene Seite mit ein paar Bildern von Waschbär, Schildkröte und Opossum bekommen, doch ich sah den Film erst eine Woche nach Kinostart, und für die drauffolgende Woche waren bereits drei Filme geplant. Trotzdem an dieser Stelle meine besondere Empfehlung, in vielen Kinos läuft der Film ja noch …



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Cinemania 34:
Kinostart Juli / August 2006

[Alle Rezensionen von Thomas Vorwerk]

Ab durch die Hecke
(Tim Johnson, Karey Kirkpatrick)

Dt. Titel: Over the Hedge, USA 2006, Buch: Len Blum, Lorne Cameron, David Hoselton, Karey Kirkpatrick, Vorlage (Comic): Michael Fry, T Lewis, Musik: Rupert Gregson-Williams, Songs: Ben Folds, Production Design: Kathy Altieri, mit den Original- / deutschen Stimmen von Bruce Willis / Götz Otto (RJ, Waschbär), Garry Shandling / Bernhard Hoëcker (Verne, Schildkröte), Steve Carell / Ralf Schmitz (Hammy, Eichhörnchen), Wanda Sykes / Heike Schroetter (Stella, Stinktier), William Shatner / Kaspar Eichel (Ozzie, Opossum), Nick Nolte / Ben Becker (Vincent, Bär), Thomas Haden Church / Jörg Hengstler (Dwayne, Verminator), Allison Janney / Andrea Aust (Gladys Sharp, Vorsitzende der Eigentümervereinigung), Eugene Levy / Michael Nowka (Lou, Stacheltier), Catherine O'Hara / Heidrun Bartholomäus (Penny, Stacheltier), Avril Lavigne / Jeanette Biedermann (Heather, Opossum), Omid Djalili / Tayfun Bademsoy (Prince Tigerius Mahmoud Shabazz, Hauskatze), Sami Kirkpatrick / Adrian Kilian (Bucky, Stacheltier), Shane Baumel / Salvatore Garth (Spike, Stacheltier), Madison Davenport / Leonard Walenta (Quillo, Stacheltier), Jessica Di Cicco / Julia Kaufmann (Shelby), 83 Min., Kinostart: 6. Juli 2006

Seit 1995 gibt es den Comic-Strip Over the Hedge, der visuell ein wenig an Berkeley Breatheds Bloom County erinnert oder Patrick McDonnells Mutts erinnert, mir bis zur Verfilmung völlig unbekannt war, und größtenteils satirisches Potential daraus zieht, daß die Hauptfiguren, ein Waschbär namens RJ und eine Schildkröte names Verne, den Blick über die sprichwörtliche Hecke wagen, und sich dann über das seltsame Verhalten der Menschen auslassen. Wie die meisten Comic-Strips gibt das kaum eine Grundlage für einen abendfüllenden Film, aber da putzige Tiere sich fast von selbst verkaufen (siehe Garfield 2, den ich mir übrigens nicht mehr ansehen werde), haben sich „die Macher von Shrek und Madagascar“ (also Dreamworks Animated) drangemacht, und eine Geschichte erdacht, die sozusagen als Prequel zum Comic funktioniert.
Während diverse aus dem Winterschlaf erwachte Waldtiere (Schildkröte und Stinktier führen Winterschlaf? Naja, egal, die Schildkröte ist meines Wissens auch nicht in amerikanischen Wäldern heimisch) sich plötzlich mit einer zwischendurch geschaffenen Hecke konfrontiert sehen, hat sich der Waschbär RJ nach einem ernüchternden Erlebnis mit einem Vending-Automat dazu verführen lassen, den Winterschlaf des Bären Vincent dazu zu verwenden, dessen gesammelte Vorräte (offenbar allesamt von der nahen Autobahnraststätte erbeutet) zu entwenden, was auch beinahe geklappt hätte, wenn der Bär nicht durch das Öffnen einer Stapelchips-Packung (heißen im Film Spuddies, wir wissen aber alle, welche an Geschmacksstoffen überfütterte amerikanische Marke gemeint ist) erwacht wäre, und nach einem Unfall mit seinen Vorräten (Roadkill) reichlich ungehalten wäre. Eine Woche, bis zum regulären Ende des Winterschlafs, gibt er RJ, die Vorräte wieder zusammenzuklappern, inklusive rotem Ziehwagen, blauer Kühlbox und natürlich der Spuddies. Da dies allein unmöglich scheint, versucht RJ die blauäugigen Waldtiere für seine Pläne einzuspannen. Diese werden angeführt von der extrem konservativen Schildkröte Verne (wer so alt wie eine Schildkröte wird, sehnt sich natürlich eher nach der „guten alten Zeit“ als beispielsweise ein hyperaktives Eichhörnchen mit einer Aufmerksamkeitsspanne, die kürzer ist als die Zeit, die man zum Aussprechen des Wortes „Aufmerksamkeitsspanne“ benötigt), und Verne hat gleich so ein „Kribbeln“ im Schwanz, als RJ auftaucht - was immer ein untrügliches Zeichen ist, davon lieber die Hände zu lassen. Doch RJ öffnet eine Tüte mit Nachos, und die Waldtiere wollen augenblicklich keine Baumrinde mehr kauen …
Over the Hedge gelingt der Spagat zwischen putzigen Tierchen, rasanter Action und Gesellschaftssatire mit Leichtigkeit, und aufgrund der ebenso liebevoll charakterisierten wie mit Hingabe synchronisierten Figuren (Bruce Willis als charmanter Trickser RJ, William Shatner als melodramatisch Sterbeszenen abfeierndes Opossum, Nick Nolte als grießgrämiger Bär, Thomas Haden Church als „Verminator“) braucht Over the Hedge den Vergleich mit Madagascar nicht zu scheuen.

Ein perfekter Platz
(Danièle Thompson)

Dt. Titel: Fauteuils d’orchestre, Frankreich 2006, Buch: Danièle Thompson, Christopher Thompson, Kamera: Jean-Marc Fabre, Schnitt: Sylvie Landra, Musik: Nicola Piovani, mit Cécile de France (Jessica), Valérie Lemercier (Catherine Versen), Albert Dupontel (Jean-Franois Lefort), Laura Morante (Valentine), Claude Brasseur (Jacques Grumberg), Christopher Thompson (Frédéric Grumberg), Dani (Claudie), Sydney Pollack (Sobinski), Suzanne Flon (Madame Roux), Annelise Hesme (Valérie), Franois Rollin (Marcel), Guillaume Gallienne (Pascal), Franoise Lépine (Magali Garrel), 105 Min., Kinostart: 31. August 2006

"Ich habe den Luxus immer geliebt. Doch da ich nicht im Luxus leben konnte, beschloß ich, im Luxus zu arbeiten." Diese Worte ihrer Großmutter (Suzanne Flon, die Zeit ihres Lebens als Toilettenfrau in Pariser Luxushotels gearbeitet hat, nimmt sich Jessica (Cécile de France, bekannt aus L'auberge espagnole) zu Herzen, und bricht aus der Provinz in die Metropole auf, um erstaunlich schnell in einem angesagten, aber etwas altmodischen Bistro in der Avenue Montaigne (8. Arrondisment), der "Bar des Théâtre", die eigentlich "prinzipiell" keine Frauen anstellt, wegen einer bevorstehenden personellen Unterbesetzung einen Job zu finden (auch wenn es mit der Wohnungssuche nicht so auf Anhieb klappt). Jessicas Vorgesetzter (Francois Rollin) weiß, daß am 17. des Monats in allen drei um das Bistro angesiedelten Kulturplätzen die Hölle los sein wird, und auch der Film dreht sich mit Jessica als Stellvertreter des Publikums und verbindendem Glied, das oft auch mal Getränke oder Speisen ins nahe Theater oder zu Konzertproben bringt, um die Personen, die an diesem Tag in unmittelbarer Nähe voneinander wichtige Entscheidungen zu treffen haben.
Der Konzertpianist Jean-Franois Lefort (Albert Dupontel, u. a. bekannt aus Irréversible), dessen Tourneeplan bereits auf mehrere Jahre hinaus festgelegt ist, hat genug von seinem Oberklasse-Publikum, er würde lieber in einer Kirche oder einem Krankenhaus spielen, weil das Publikum dort seine Musik ganz anders wahrnehmen würde. Als er seiner Frau und Managerin (Laura Morante) von seinen Plänen, seine Karriere zu beenden, erzählt, kommt es zu einer heftigen Ehekrise.
Die Schauspielerin Catherine Versen (Valérie Lemercier, deren kleine Rolle in Sydney Pollacks Remake von Sabrina im Kontext des Films nicht uninteressant ist) ist überall bekannt und beliebt. Sie dreht gerade die einhundertste Folge einer Fernsehserie und tritt im Theater im Stück "Lauf nicht nackt herum" (womöglich frei übersetzt) von Jacques Feydeau auf, fühlt sich aber von alldem nicht herausgefordert und ist vielmehr interessiert an einem Filmprojekt über Simone de Beauvoir, für deren Rolle sie sich als Idealbesetzung sieht. Nur schade, daß der zuständige US-Regisseur Brian Sobinski (Sydney Pollack) zwar gerade für Castings in Paris ist, seine Assistentin aber "die Schnepfe Magali" ist, die Catherine noch nie ausstehen konnte (und diese Abneigung ist beiderseitig).
Der Kunstsammler Jacques Grumberg (Claude Brasseur) ahnt seinen baldigen Tod und will nicht als "Museumswärter" sterben, sondern seine angehäuften Schätze versteigern - im Aktionshaus Drouot, ebenfalls gleich um die Ecke. Trotzdem sieht er diesem Abend mit gemischten Gefühlen entgegen, und trifft nebenbei kurz zuvor auch noch seinen Sohn (Christopher Thompson), von dem er sich sehr entfremdet hat, denn der Sohn hatte vor drei Jahren eine Affäre mit der Freundin des Vaters, Valérie.
Danièle Thompson, eine routinierte Drehbuchautorin, von der gerade ganz aktuell Der Hals der Giraffe in den Kinos ist, übt sich hin und wieder auch als Regisseurin, zuletzt mit Jet Lag (Decalage horaire, 2002), einer Romantic Comedy mit dem seltsamen Paar Juliette Binoche und Jean Reno. Ihr neuester Film sieht sich wahrscheinlich in der Tradition von René Clairs Sous les toits de Paris, nur mit einem Figurenensemble, das wie in Jean Renoirs Le regle du jeu sämtliche Gesellschaftsschichten in (hier größtenteils friedlicher) Koexistenz vorführt. Doch durch die sehr durchschaubare Episoden-Struktur fühlt man sich mitunter auch an Fernsehformate wie Das Traumschiff erinnert, wo auch jeweils drei Subplots innerhalb kürzester Zeit zu einer befriedigenden Lösung finden mussten. Zwar weisen die darstellerischen Leistungen ebenso wie das Drehbuch eine weitaus bessere Qualität auf, doch im Endeffekt ist vieles einfach eine Spur zu gefällig, gleich um die Ecke wartet das nächste Klischee darauf, seinen Beitrag zu leisten, und auch, wenn der Film durchaus unterhält und amüsiert, nimmt er sich selbst eine Spur zu ernst.

Esmas Geheimnis - Grbavica
(Jasmila Zbanic)

Originaltitel: Grbavica, Bosnien-Herzegowina / Österreich / Kroatien / Deutschland 2005, Buch: Jasmila Zbanic, Barbara Albert, Kamera: Christine A. Maier, Schnitt: Niki Mossböck, Musik: Enes Zlatar, mit Mirjana Karanovic (Esma), Luna Mijovic (Sara), Leon Lucey (Pelda), Kenan Catic (Samir), Jasna Ornela Berry (Sabina), Dejan Acimovic (Cenga), Bogdan Kiklic (Saran), 90 Min., Kinostart: 6. Juli 2006

Grbavica gewann im Februar den Goldenen Bären auf der Berlinale, und im Gegensatz zum letzten Gewinner wollte ich mir den in den stressigen elf Tagen verpassten Film diesmal nicht auf Dauer entgehen lassen. Ich hatte auch eine ungefähre Vorstellung, worum es geht: Um Greueltaten an bosnischen Frauen im Krieg.
Sowohl die abenteuerlichen Bedingungen, wie sich die junge Regisseurin (Jahrgang 1974) ihr Budget in europäischen Ländern zusammengesucht hat, als auch ihre tiefe Verbundenheit mit dem Thema (zuvor hatte sie sechs Jahre lang an einem Dokumentarfilm über die Schicksale bosnischer Frauen gearbeitet), nehmen einen natürlich für diesen Debüt-Spielfilm ein, doch ich persönlich interessierte mich zwar zunächst für die schwierige Mutter-Tocher-Beziehung zwischen Esma und der ca. 13jährigen Sara, und brauchte erstmal eine Zeit, um auch nur halbwegs mitzukriegen, was eigentlich ein Schechid ist (da Saras Vater ein gefallener Kriegsheld ist, bekommt sie an der Schule mitunter kleine Vergünstigungen, ähnlich wie Esma bei psychologischen Gruppentherapien aus dem selben Grund kleine finanzielle Unterstützungen erhält), doch schon bald legte sich der deutsche Titel Esmas Geheimnis wie ein Fluch über den Film. Soso, Esma hat ein Geheimnis … Warum reagiert sie so zögerlich auf die Avancen ihres netten Kollegen? Warum hat sie fast einen Nervenzusammenbruch, weil ein Kunde in der Bar, in der sie neu als Kellnerin angefangen hat, mit einer Kollegin schäkert und zum Spaß andeutet, mit einer Zigarette deren Brüste zu berühren? Warum organisiert sie nicht endlich die amtliche Bestätigung, daß Saras Vater ein Schechid ist, um bei den Unkosten der nahenden Klassenfahrt eine Ermäßigung zu erhalten?
Man muß kein Sherlock Holmes sein, um Esmas Geheimnis nach etwa der Hälfte des Films bereits recht ausgiebig durchdrungen zu haben. Doch der Film erschöpft sich (und den Zuschauer) in einer Dramaturgie, die auf eine große Offenbarung hinarbeitet, die dann aber nur eine Bestätigung des Offensichtlichen wird. Ich weiß nicht, was schwerer wiegt: die Dokumentarfilmerfahrungen der jungen Szenaristin oder die dramaturgische Mitarbeit von Barbara Albert, aber der ganze Film, der ein sperriges Schicksal zum Thema hat, wirkt zu glatt, zu durchkomponiert, zu sehr den Regeln von Drehbuchseminaren verpflichtet. Die zwei angedeuteten Liebesgeschichten des Films basieren in beiden Fällen auf Gemeinsamkeiten in der Vergangenheit der Liebenden (und somit auch des Landes): Esmas Kollege stammt wie sie aus Grbavica, einem Stadtteil Sarajewos, das während des Bosnien-Kriegs von den serbisch-montenegrischen Besetzern in ein Kriegslager verwandelt wurde, und Töchterchen Sara und ihr Schulkollege Samir kloppen sich zunächst, bis sie dann erfahren, daß beide einen Schechid zum Vater haben - und plötzlich mögen sie sich …
Kleine Details wie Saras Notlüge, daß ihre Mutter an Krebs erkrankt sei (Antoine Doinel lässt grüßen), sind noch ganz nett, aber als Sara sich dann die Haare abschneidet, befürchtete ich schon, daß der etwas begriffsstutzige junge Lehrer dies als Solidaritätsakt gegenüber der womöglich in Chemotherapie befindlichen Mutter missversteht - doch dies ist ein Fettnäpfchen, das der Film glücklicherweise auslässt (Spätestens dann wäre er auch für mich zur Lachnummer verkommen …).
Frauenschicksale können mich auch berühren, wie zum Beispiel zuletzt in The Secret Life of Words, doch wenn sich ein Film wie ein psychologisches Puzzle gebiert, aber bereits alle Fragen in Oberflächlichkeiten beantwortet, bevor sie wirklich gestellt wurden, dann stellt sich einfach Langeweile ein. Und Enttäuschung, denn ich war davon ausgegangen, daß mich dieser Film wachrütteln und verstören würde.

Das Mädchen aus dem Wasser
(M. Night Shyamalan)

Originaltitel: The Lady in the Water, USA 2006, Buch: M. Night Shyamalan, Kamera: Christopher Doyle, Schnitt: Barbara Tulliver, Musik: James Newton Howard, Kostüme: Betsy Heimann, Creature Design: Crash McCreery, mit Paul Giamatti (Cleveland Heep), Bryce Dallas Howard (Story), Bob Balaban (Harry Farber), Cindy Cheung (Young-Soon Choi), June Kyoko Lu (Mrs. Choi), Sarita Choudhury (Anna Ran), M. Night Shyamalan (Vick Ran), Jeffrey Wright (Mr. Dury), Noah Gray-Cabey (Joey Dury), Bill Irwin (Mr. Leeds), Mary Beth Hurt (Mrs. Bell), Freddy Rodriguez (Reggie), Tuvah Fekdshuh (Mrs. Bulchik), Tom Mardirosian (Mr. Bulchik), Jared Harris (Goatee Smoker), Joseph D. Reitman, Grant Monohan, John Boyd, Ethan Cohn (Smokers), George Bass (Mr. Perez de la Torre), Maricruz Hernandez, Carla Jiminez, Natasha Perez, Monique Gabriela Curnen, Marilyn Torres (Perez de la Torre Sisters), Kinostart: 31. August 2006

M. Night Shyamalan hat mit The Sixth Sense zwar nicht das Genre des auf einen Schlußtwist hinarbeitenden Film erfunden (zuvor war das bekannteste Beispiel dafür Neil Jordan The Crying Game), aber mit seinen nachfolgenden Filmen Unbreakable, Signs und The Village dürfte er zum ungekrönten Meister dieser seltsamen Art von Film geworden sein. Da es mit jedem Film schwieriger wurde, das Publikum auf diese Art herauszutricksen (auch, weil man inzwischen schon nichts anderes von ihm erwartete), gibt The Lady in the Water seine größten Geheimnisse bereits während des animierten Vorspanns preis. Zwischen Höhlenmalerei und Strichmännchen könnte man die Figuren ansiedeln, die einem hier erklären, wie es zum Bruch zwischen den Menschen und jenen Wesen aus dem Wasser kam, und wie die Menschen, die sich inzwischen vor allem der Kriegsführung (und somit eigenen Ausrottung) zugewandt haben, einzig dadurch, daß einer von ihnen einer dafür speziell ausgesandten jungen Dame aus der „blauen Welt“ zuhört, das Schicksal der Welt retten kann. Ach ja, und jene wolfsähnlichen Ungetüme, die nichts lieber tun, als solche „Mädchen aus dem Wasser“ am liebsten am lebendigen Leibe aufzufressen, werden auch schon im Vorspann gezeigt.
Im Film geht es dann auch darum, wie der als Hausmeister eines Wohnungskomplexes arbeitende Heep Cleveland (Paul Giamatti) einem solchen Mädchen (Bryce Dallas Howard) dabei hilft, den Fängen und Zähnen eines „scrunts“ zu entkommen, um schließlich nach Erfüllung des Auftrags von einem mystischen Adler davongetragen zu werden. Diese und andere Details erfahren wir auch aus einer asiatischen Gute-Nacht-Geschichte, die einer älteren Bewohnerin des Komplexes bekannt ist. In der ersten Hälfte des Films vergeht nicht wenig Zeit damit, daß der Hausmeister eine asiatische Studentin immer wieder bittet, die Kenntnisse ihrer Mutter ins Englische zu übersetzen, um so zu wissen, wie man der „narp“ helfen kann, was gegen die „scrunts“ hilft, und was es mit dem besonders greulichen „tarturic“ auf sich hat.
Wie The Lady in the Water eine Drahtseilakt zwischen düster ausgeleuchtetem Horror und nicht wenigen Humorelementen vorführt, zeigt sich schon in der ersten (und vielleicht besten) Szene des Films, wenn man von unterhalb einer Spüle den Hausmeister dabei erlebt, wie er als Kammerjäger mit einem Besenstiel und einem beherzten Eingreifen einen großen haarigen Käfer (den man nicht sieht) „erlegt“. Mit solchen Szenen beweist sich Giamatti als modernes Äquivalent des zu Zeiten von Annie Hall auf seinem schauspielerischen Höhepunkt angelangten Woody Allen.
Doch The Lady in the Water ist in erster Linie keine Komödie, sondern ein Film, der vor allem auf der Metaebene funktioniert. Dies kann mitunter etwas prätentiös wirken, wenn beispielsweise eine zentrale Filmfigur mit Namen Story heißt, oder der Regisseur selbst eine Art Märtyrer spielt, der in der Zukunft mal die Welt retten soll. Doch wenn Shyamalan sich einen Spaß daraus macht, das Prinzip seiner letzten vier Filme von der ersten Minute ab zu hintergehen, oder er ausgerechnet einen Filmkritiker (Bob Balaban in Bestform), der sich einbildet, nach 15 Minuten bereits das Ende eines jeden Films erahnen zu können, zu einer zentralen Figur des Films zu machen (der mitunter auch übel mitgespielt wird), so ist es selbst für einen Kritiker amüsant, dieser späten Rache des Regisseurs beizuwohnen.
Daß die Gute-Nacht-Geschichte eine Art The Little Mermaid mit mehr Monstren und weniger „Kiss the Girl“ ist, die gegen Ende mit dem direkt aus einer Fernet Branca-Werbung übernommenen esoterischen CGI-Vogel schon extrem pathetisch wirkt, nimmt dem Film allerdings nicht wenig von seiner Wirkung. Spätestens, wenn der tauchende Hausmeister vom Swimming Pool durch einen verborgenen Durchgang in einer kleinen Schatzkammer landet, die sehr jener ähnelt, in der Meerjungfrau Arielle damals ihre Thingamajiks und Gizmos aufbewahrte, fällt es einem schwer, die unkontrollierte Phantasie des Regisseurs noch ernst zu nehmen.

Wie sehr liebst du mich?
(Bertrand Blier)

Originaltitel: Combien tu m’aimes?, Frankreich 2005, Buch: Bertrand Blier, Kamera: François Catonne, Schnitt: Marion Monestier, mit Monica Belluci (Daniela), Bernard Campan (François), Gérard Depardieu (Charlie), Jean-Pierre Darroussin (André), Edouard Baer (Edouard), Farida Rahouadj (Nachbarin), Sara Forestier (Muguet), François Rollin (Michael), Kinostart: 31. August 2006

Seit über vierzig Jahren schreibt und inszeniert Bertrand Blier Filme, die ihm den Ruf eines Provokateurs eingebracht haben, auch wenn dies mitunter auf den Vorworf der Misogynität und des Chauvinismus zusammengefasst wird.
Blier entwirft Personenkonstellationen, die auf oft satirische Weise die gesellschaftlichen Normen und Werte durchbrechen. Man denke etwa an die seltsame Dreiecksbeziehung aus Homosexualität, Prostitution und Transvestismus in Tenue de soiree (Abendanzug, 1986) …
Bliers letzter in Deutschland angelaufener Film Mon homme (Mein Mann, 1996) hatte eine Prostituierte zum Thema, die sich aus einem Obdachlosen den geliebten Mann für eine halbwegs bürgerliche Existenz zu basteln versucht. In seinem neuen Film geht es nun um einen Lottogewinner, der sich eine Prostituierte „kaufen“ will, die an seiner Seite lebt - und der Rollenwechsel von der Nutte zur Hausfrau („Was möchtest Du heute abend essen?“) ist nur eines der dadurch entstehenden Probleme. In früheren Filmen arbeitete Blier mit Darstellerinnen wie Carole Bouquet, Miou-Miou oder Jeanne Moreau, in Mon homme waren in Gastrollen beispielsweise auch Valéria Bruni-Tedeschi und Sabine Azema dabei. Nun hat Blier in Gaspar Noës Irreversibel Monica Belluci entdeckt, die für ihn eine Präsenz, eine Explosivität besitzt, die für ihn dem Grund gleichkommt, warum er überhaupt Filme dreht.
Dummerweise überträgt sich diese Faszination nicht auf jeden Zuschauer, ich persönlich finde sogar die zwei hier in Nebenrollen verschlissenen Darstellerinnen Sara Forestier (L’esquive) und Farida Rahouadj um Klassen erregender als die ob ihres vermeintlichen Sex-Appeals ähnlich größenwahnsinnig wie seinerzeit Sophia Loren oder Claudia Cardinale agierende Bellutschissima. Blier meint hingegen „Alles was diese Schauspielerin hat, ihr Körper, ihre Brüste, ihr Hintern, das ist Italien, das ist die Oper!“ Und so unterlegt er den Film auch abwechselnd mit Auszügen aus Opern von Verdi und Puccini sowie einer halbseiden erscheinenden Jazzkomposition, die einem in ihrer Plakativität ähnlich schnell auf die Nerven gehen kann wie das seltsame Stilmittel der plötzlichen grellen Ausleuchtung (etwa, wenn die Belluci ihren Mantel auszieht und ihr Dauerfreier gleich Herzklabaster bekommt).
Combien tu m’aimes? hat zwar einige nette Ideen (die Spielereien mit der Realität, die Figur des Arztfreundes) und unterhält auch ganz gut, doch von einem Regisseur wie Blier, der in Ansätzen seit Jahrzehnten immer wieder den selben Film dreht (so wie Hawks’ Western-Variationen oder Hitchcocks Geschichten vom unschuldig verfolgten), erwartet man einfach auch mal neue Impulse, nicht nur einen verwässerten Aufguß früherer (und besserer) Filme.

Open Water 2
(Hans Horn)

Originaltitel: Adrift, Buch: Adam Kreutner, Dave Mitchell, Kamera: Bernhard Jasper, Schnitt: Christian Lonk, mit Susan May Pratt (Amy), Richard Speight, jr. (James), Niklaus Lange (Zach), Ali Hillis (Lauren), Cameron Richardson (Michelle), Eric Dane (Dan), 90 Min., Kinostart: 10. August 2006

Wie es dazu kam, daß sich dieser Film in den deutschen Kinos als Open Water 2 präsentieren darf, ist wahrscheinlich spannender als die (angeblich mal wieder „wahre“) Geschichte einiger junger Paare, die mit der Luxusyacht des oberflächlichsten unter ihnen herausfährt, nur um dann trotz der expliziten Wasserscheu der ansonsten vernünftigsten unter ihnen allesamt im Wasser zu landen, bis man dann bemerkt, daß die eigentlich vollautomatische Schiffstreppe nicht ausgefahren wurde, und man jetzt aus eigener Kraft nicht wieder ins rettende Boot zurückkommt. Auf die in Open Water größtenteils auch nur schemenhaft zu erahnenden Haie hat man hier aus Budgetgründen ganz verzichtet, und um das alte „Zehn kleine Negerlein“-Prinzip hier zu Ehren kommen zu lassen, bevor es dem Zuschauer zu langweilig wird, vertraute man auf das teilweise unfreiwillig komische Talent der Filmfiguren, sich auf besonders blödsinnige Weise fast selbst ins Jenseits zu befördern. Wer tatsächlich in solch einer blöden Situation überleben will, sollte wahrscheinlich nicht auf die Idee kommen, sich schwimmenderweise um ein Messer zu kabbeln, direkt unter dem Boot einen Tauchversuch zu machen, bei dem man später möglichst schnell wieder an die Wasseroberfläche kommen muß, oder auch nach diversen Stunden des Wasserstrampelns zu versuchen, schwimmend das nächste Ufer zu erreichen.
In der deutschen Synchronisation vergrätzen einem schon die überdurchschnittlich blöden Dialoge der ersten, mal wieder an den Dokustil von Blair Witch Project erinnernden Prolog-Sequenz den Film, später kommt trotz der erwähnten Drehbuch-Volten, die die Intelligenz des Zuschauers ebenso wie einige Anschlußfehler (der wundersame Schnuller des unter Deck verbleibenden Babys, das natürlich überlebt) beleidigen, tatsächlich mal sowas ähnliches wie Spannung auf, doch sowohl die reichlich sauerstoffarme Erklärung der außerordentlichen Hydrophobie als auch die vermeintlich tiefgründige Geschichte hinter dem Exfreund, der nun Luxusyacht-Besitzer ist, zeugen nicht eben davon, daß die Autoren auf ihre auch beim zweiten Mal noch reizvolle Prämisse vertraut haben (die Idee nach der „wahren Begebenheit“ hatte der Regisseur - wer hätte etwas anderes zu behaupten gewagt? - natürlich schon vor Open Water gehabt, was dann aber keinen davon abhielt, zu versuchen, auf der Erfolgswelle mitzuschwimmen).

Miami Vice
(Michael Mann)

USA 2006, Buch: Michael Mann, Kamera: Dion Beebe, Schnitt: William Goldenberg
Paul Rubell, Musik: Klaus Badelt, Mark Batson, John Murphy, Organized Noize, mit Colin Farrell (Det. James „Sonny“ Crockett), Jamie Foxx (Det. Ricardo „Rico“ Tubbs), Gong Li (Isabella), John Ortiz (Jose Yero), Naomie Harris (Trudy Joplin), Luis Tosar (Arcángel de Jesús Montoya), Elizabeth Rodriguez (Det. Gina Calabrese), Barry Shabaka Henley (Lt. Martin Castillo), Ciarán Hinds (FBI Agent Fujima), John Hawkes (Alonzo), Isaach De Bankolé (Neptune), Eddie Marsan (Nicholas), Chris Astoyan (Agent Perry), Justin Theroux (Det. Larry Zito), Domenick Lombardozzi (Det. Stan Switek), Tom Towles (Coleman), ca. 150 Min., Kinostart: 24. August 2006


Ohne Vorspann, ohne Flamingos, ohne Jan Hammer wirft einen der Film sofort in medias res - in eine Discothek, und schon in den ersten Momenten scheint es offensichtlich, daß Michael Mann das visuelle Konzept seines letzten Films Collateral (HDTV-Kamera, viele Nachtszenen) auch für seine Kinoversion von Miami Vice, jener Fernsehserie, die er in der zweiten Hälfte der 1980er als Executive Producer betreute, übernommen hat.
Warum ändern, was funktioniert hat? Diese Devise scheint Mann bei Miami Vice vor allem auf seine letzten Kinofilme angewandt zu haben, denn auch, wenn selbst Figuren wie Detective Larry Zito (laut imdb nur in den ersten Staffeln der TV-Serie dabei) nun auch auf der Kinoleinwand auftauchen, das Wenige, an das etwa ich mich noch erinnere aus den Achtzigern, wird teilweise schmerzhaft vermisst. Damit meine ich weniger die Anzüge in Bonbonfarben, die hier auf ein Mindestmaß gehalten werden, sondern etwa Edward James Olmos in der Rolle des Lieutenant Castillo, des Vorgesetzen unserer zwei smarten Detectives. Dessen Ersatz sieht eher aus wie James Earl Jones und ist eine recht farblose Gestalt im Film.
Doch Mann wollte das Format offenbar neu erfinden, mit HDTV und einer Lovestory um Gaststar Gong Li, die als kriminelle Geschäftsfrau, die eine Affäre mit Crockett hat, dem üblichen Geschehen um Undercover-Drogendeals etwas mehr Spannung verleihen sollte. Doch hier kommen wir zur größten Schwäche des Films: einem unmotivierten Drehbuch, das Michael Mann höchstpersönlich und allein verfasst hat, und das neben hölzerner Dialoge und zu 80% vorhersehbaren Hollywood-Wendungen vor allem ebenso schwülstige wie überflüssige Sexszenen bietet. Die beginnende Romanze zwischen Sonny und Isabella besteht etwa aus einer etwa fünfminütigen Fahrt in einem Speedboat („Wie schnell ist das Ding?“ - „Verdammt schnell …“), gefolgt von etwa zehn Minuten Dirty Dancing 3 - More Havana Nights. Trotz stimmender Chemie zwischen den Darstellern langweilt dies sehr schnell, und bietet eine der Stellen, an der ein beherzter Cutter dem überlangen Machwerk hätte Einhalt bieten müssen.
Bis auf die noch halbwegs überraschende Entwicklung des Oberbösewichts (wie böse hier jemand ist, zeigt sich meistens immer nach fünf Minuten, und alle Bösen müssen dann auch sterben, während die „Halbbösen“ auch mal entkommen dürfen) ist der Film fast durchgehend öde bis unfreiwillig komisch, wenn etwa diesmal statt einem Kojoten (wie in Collateral) ein Hund durch den Hintergrund tapert, das etwas penetrante Liebespaar sich gegenseitig Zettelchen aus Glückskeksen vorliest, oder die von Gong Li ausgehende Gefahr für Crockett sich am Schluß in einem hysterischen Anfall während einer stümperhaft choreographierten Dauerschießerei entlädt.
Ich hielt Michael Mann, der zu Zeiten von Last of the Mohicans oder Heat bereits von vielen Kritikern abgefeiert wurde, lange Zeit für überschätzt und so oberflächlich wie seine Filme, fand aber über The Insider und Collateral auch ein wenig Respekt vor dem Regisseur. Den hat er sich mit diesem Blockbuster vom Reißbrett, der außer dem wiederaufgewärmten visuellen Konzept aus Collateral wenig mehr bietet als eine zynische Bruckheimer-Produktion à la Bad Boys 2 (Stichwort „Jackson Pollock“, har fucken har), gleich wieder verscherzt.

The Piano Tuner of Earthquakes
(Quay Brothers)

Deutschland / Frankreich / Großbritannien 2005, Buch: Quay Brothers, Alan Passes, Kamera: Nic Knowland, Musik: Christopher Slaski, Trevor Duncan, mit Cesar Sarachu (Felisberto), Gottfried John (Dr. Droz), Maria Casar, Assumpta Serna, 99 Min., Kinostart: 17. August 2006

Als Mitveranstalter des zweiten und dritten Verdener Kurzfilmfestivals Filmsalat (vom 15. bis 17. September läuft bereits die achte Ausgabe) habe ich mich schon früh mit Kurzfilmen befasst und beispielsweise Filmemacher wie Uli Versum, Christoph Girardet oder die Lauenstein-Brüder noch im familiären Rahmen kennengelernt. Street of Crocodiles, einen der Lieblingsfilme von Dave McKean, sah ich so auch schon, als er noch brandaktuell war. Und seitdem habe ich immer ein Auge offengehalten für die "Quay Brothers" (wie sie sich selbst gerne etwas prätentiös nennen), die beispielsweise mit der Krankenhaus-Sequenz in Julie Taymors Frida meines Erachtens den interessantesten Teil des Films beitrugen. Nun haben sich die für ihre von Jan Svankmayer inspirierten Animationen bekannten Brüder daran gemacht, ihren zweiten Langfilm (nach Institute Benjamenta) zu realisieren, und im Vorfeld hörte sich das alles sehr interessant an.
Ihr "poetischer Science-Fiction-Film" verbindet mehrere Elemente aus unterschiedlichen fantastisch angehauchten Geschichten und Romanen, darunter auch Das Schloss in den Karpaten von Jules Verne, wo ein besessener Baron eine Opernsängerin verschleppt und missbraucht, und ihr Geliebter sie retten will.
Im Film soll der Klavierstimmer Felisberto die seltsame Musikautomaten des Dr. Droz (der Name stammt von einem historischen Automatenhersteller des 18. Jahrhunderts) warten, und kommt dabei dem Schicksal der verstorbenen Opernsängerin Malvina auf die Schliche. Dabei verstrickt er sich selbst immer mehr in die wahnsinnige Automatenwelt des Dr. Droz, der wie ein Graf Zaroff oder Dracula über einen ganzen (größtenteils von den Quays animierten) Landstrich zu herrschen scheint.
Die Quays verbinden Elemente aus Oper und Ballett mit filmischen Vorbildern wie Antonionis L'avventura oder Chris Markers La jetée, aus dem sie etwa die Musik übernommen haben. Doch auch wenn einige Kritiker schier aus dem Häuschen waren über diesen Film, vermochten mich nur in wenigen Momente einige Elemente der Animation (der Holzfäller) überhaupt anzusprechen, und das Gesamtwerk erschien mir etwa so amüsant und innovativ wie eine Wurzelbehandlung mit einer rostigen Kneifzange. Das Drehbuch zieht sich wie ein nahezu fossiles Kaugummi, die Darsteller wirken fast lebloser als die Animationen, und wären die Sitze im Kino Hackesche Höfe nicht so unbequem, ich wäre mit Sicherheit eingeschlafen - genau wie mein Sitznachbar Klaus Harms, eigentlich auch ein großer Animationsfan, dessen Urteil über den Film aber fast noch vernichtender als meines ausfiel - wenn das überhaupt möglich ist.
Kino zum Abgewöhnen.

Coming soon in Cinemania 35 (Kinostart September / Oktober):
Rezensionen zu aktuellen Kinostarts wie: Hedy Lamarr - Secrets of a Hollywood Star, Snakes on a Plane, World Trade Center und anderen, zu diesem Zeitpunkt noch nicht feststehenden Filmen …