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April 2006
 

Cinemania 31:
Aprilwetter im Kino 2006

Die Kinostarts des April (und einige Nachhänger vom März) befassen sich erstaunlich oft mit Wetter. In The Big White, Noch einmal Ferien und Drei Grad kälter ist es noch recht verschneit, in Ice Age 2 taut’s jetzt, beim Weather Man wird das Wetter auch noch zur großen Metapher, und in Im Schwitzkasten und Hostel geht es heiß her - manchmal bis an die Schmerzgrenze …



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Cinemania 31:
Aprilwetter im Kino 2006

[Alle Rezensionen von Thomas Vorwerk außer Alle Kinder dieser Welt]

Alle Kinder dieser Welt
(Mehdi Charef, Emir Kusturica, Spike Lee,
Katia Lund, Jordan Scott und Ridley Scott,
Stefano Veneruso, John Woo)

[Rezension von Friederike Kapp]
Originaltitel: All the Invisible Children, Frankreich /Italien 2005, 116 Minuten, Kinostart: 13. April 2006


All the Invisible Children ist ein Filmprojekt der italienischen Produzentin Chiara Tilesi, zu dem acht Regisseure sieben Filme von jeweils etwa 20 Minuten Länge beigesteuert haben. Eine thematische Klammer hält die Filme zusammen, sie drehen sich um die Schicksale von „unsichtbaren Kindern“. Um Kinder, die keine Kindheit haben, weil sie arm sind, arbeiten müssen, mit Umständen zu kämpfen haben, die keine behütete Kindheit erlauben. Wer sich angesichts der Schwere und Bedeutung dieses Themas auf tränenträchtiges, gutmenschgeschwängertes Melodram gefaßt machte, wurde angenehm enttäuscht. Alle Filme setzen ihr jeweiliges Sujet zwar liebevoll, aber doch so unprätentiös in Szene, daß dem Zuschauer Raum bleibt für eigene Gedanken, eigene Teilnahme, eigenes Beobachten.

Tanza
(Mehdi Charef)

Buch: Mehdi Charef, Kamera: Philippe Brelot, Schnitt: Yannick Kergoat, Musik: Rokia Trobe, Copyright Label Bleu, mit Tanza (Adam Bila), Kali (Elysée Rouamba), Chief (Rodrigue Ouattara), Doma (Ahmded Ouedraogo), Arouna (Harouna Kaboré)

Gleich der erste Film behandelt ein Thema wie Donnerhall, er begleitet Kindersoldaten in Afrika. Eine Gruppe Kinder steht in einem kleinen Stück Landschaft und wartet auf vorbeikommende gegnerische Soldaten für einen Shoot-out. Ein Hinterhalt? Es wirkt eher wie eine Verabredung. Kurzer Lärm im Maisfeld in the middle of nowhere, dann Stille. Das jüngste Kind stirbt. Der zwölfjährige Tanza (Adam Bila) erhält den Auftrag, in einer Dorfschule eine Bombe zu plazieren. Er dringt nach Schulschluß in ein Klassenzimmer, in dem die Aufgaben für den nächsten Tag an der Tafel stehen. Tanza löst die Aufgaben an der Tafel, setzt sich in einer Bank und gerät ins Träumen. Sie stehen sich in diesem Raum gegenüber, der unterprivilegierte, minderjährige Berufsmörder, der er ist, und der Schuljunge, der er so gerne sein möchte.

Blue Gypsy (Emir Kusturica)

Buch: Stribor Kusturica, Kamera: Milorad Glusica, Schnitt: Svetolik Mica Zajc, Musik: Stribor Kusturica, Zoran Marijanovic, Dejan Sparavalo, Nenad Jankovic, mit Uros (Uros Milovanovic), Gefängnisdirektor (Dragan Zurovac), Dirigent (Vladan Milojevic), Vater (Advokat Goran R. Vracar), Mutter (Mihona Vasic), Mita (Mita Belic), Samir (Dalibor Milenkovic), Sima (Miroslav Cvetkovic) Schielender (Petar Simic)

Blue Gypsy ist so, wie man sich einen Film von Emir Kusturica vorstellt: bunt, burlesk, mit Zigeunern und Musik. Der vorpubertäre kleinkriminelle Uros (Uros Molovanovic) lebt in einer streng geführten Jugendarrestanstalt. Der Umgangston ist rauh, aber herzlos, das Gefängnis spartanisch. Dennoch ist für viele Insassen, darunter auch Uros, das Leben drinnen besser als draußen. Das liegt zum einen am Gefängnisdirektor (Dragan Zurovac), der trotz vielfacher gegenteiliger Erfahrung seinen Jungs eine bessere Zukunft wünscht, zum anderen an Uros Vater (Advokat Goran R. Vracar), einem Säufer und Schläger, der seinen Sohn zum Stehlen zwingt. Uros trifft eine ungewöhnliche Entscheidung.

Jesus Children of America
(Spike Lee)

USA, Buch: Cinqué Lee, Joie Lee, Kamera: Cliff Charles, Schnitt: Barry Alexander Brown, Musik: Terence Blanchard, mit Blanca (Hannah Hodson), Sammy (Andre Royo), Eneba (Coati Mundi), Mx. Wright (Hazelle Goodman), La’Queeta (Damaris Edwards), Cathy (Keteya Ulmer), Patrice (Ashley Evans), Tyrone (Lavon Malik Green), Mrs. Carabrello (Petra Quinones), Lourdes (Natalia Roldan), Jeff (Charles Socarides), Ruthie (Rosie Perez)

Fast lakonisch wird die Geschichte von Blanca (Hannah Hodson) erzählt. Blancas Eltern bemühen sich nach Kräften um ein halbwegs bürgerliches Leben. Diese Kräfte sind jedoch sehr begrenzt: Beide Eltern sind arbeitslos und das wenige Geld der Fürsorge muß noch den Drogenkonsum beider Eltern decken. Auch Blanca kämpft darum, mithalten zu können. Sie verliert diesen Kampf. Von ihren Mitschülerinnen bekommt sie eingeprügelt, was ihre Eltern ihr verschweigen wollten: „Aids-Baby!“ Ihre Eltern sind aidskrank, sie selbst ist es. Mutig nimmt Blanca ihr Schicksal an.

Bilu e João
(Katia Lund)

Brasilien, Buch: Katia Lund, Eduardo Tripa, Kamera: Toca Seabra, Schnitt: Estevan Santos, Musik: Antonio Pinto, Instituto-Tejo Damsceno e Rica Amabis, mit Bilu (Vera Fernandes), Joao (Francisco Anawake de Freitas)

João und seine kleine Schwester Bilu müssen ihren Lebensunterhalt in Sao Paolo selbst verdienen. Sie tun dies durch das Sammeln von „Wertstoffen“, sie sammeln Papier und Metall und verkaufen diese an Wertstoffhändler. Im Geschäftsleben gilt kein Kinderbonus, aber auch kein Kindermalus, sie werden behandelt wie alle anderen auch. João kann sich einen schweren Handkarren leihen, die Leihgebühr wird erst nachträglich vom Erlös abgezogen. Zäh, geduldig und fröhlich bestreiten die Kinder ihr schweres Tagwerk. Der Film zeigt deutlich, daß diese arbeitenden Kinder einen festen Platz in der Gesellschaft haben. Niemand wundert sich über sie, niemand versucht, sie zu übervorteilen, die Markthändler bedienen sich ihrer Arbeitskraft wie selbstverständlich. Gelegentlich schlägt ihnen sogar verhaltene Sympathie entgegen. Die Brüchigkeit, die stete Vorläufigkeit ihrer mühsamen Existenzsicherung wird dennoch deutlich.

Jonathan
(Jordan Scott und Ridley Scott)

Buch: Ridley Scott, Kamera: James Whitaker, Schnitt: Dayn Williams, Musik: Ramin Djawadi, mit Jonathan (David Thewlis), Jonathans Frau (Kelly Macdonald), James (Jack Thompson), Kind Jonathan (Jordan Clarke), Mark (Joshua Light), Teen Jonathan (Jake Ritzema), Goran (Kemal Chakarto)

Der Kriegsfotograf Jonathan erleidet einen Nervenzusammenbruch. Bei einem Rückzug in die Spielwälder seiner Kindheit begegnet er sich selbst als Kind und seinen beiden damaligen gleichaltrigen Freunden. Er begleitet die drei Kinder als Beobachter. Die Gegenwart holt ihn jedoch ein: Die Kinder begegnen Kriegskindern, heimatlosen Habenichtsen aus dem Balkan, die sich in einer großen Wohn- und Notgemeinschaft in einem alten Zirkuskarren zusammengefunden haben. Die Begegnung mit den Kindern stärkt und heilt den Erwachsenen, der mit neuer Kraft von seinem Spaziergang zurückkehrt.

Ciro (Stefano Veruso)

Italien, Buch: Diego de Silva, Stefano Veneruso, Story: Diego de Silva, Kamera: Vittorio Storaro, Schnitt: Ugo de Rossi, Musik: Maurizio Capone, mit Ciro (Daniele Vicorito), Bertucciello (Emanuelle Vicorito), Hehler (Peppe Lanzetta), Mann im Auto (Ernesto Mahieux), Mann im Anzug (Giovanni Mauriello)

Ciro (Daniele Vicorito) ist kein Straßenkind im engeren Sinne – er hat mindestens eine Mutter. Diese ist jedoch nur als bösartig keifende Stimme hörbar. Kein Grund, nach Hause zu gehen, in ein heruntergekommenes neapolitanisches Armutsquartier. Stattdessen raubt er mit seinem Freund (Emanuele Vicorito) in einem brutalen Überfall einem Autofahrer (Ernesto Mahieux) die Rolex vom Arm. Die Flucht gestaltet sich besonders dramatisch, als ein Rottweiler die Verfolgung aufnimmt. Man trifft sich beim Hehler (Peppe Lanzetta) wieder, der praktischerweise auch über Fahrgeräte für Rummelplätze verfügt. Ciro setzt seine schwer erkämpfte Beute in Karussell-Chips um.

Song Song & Little Cat
(John Woo)

China, Buch: Li Quiang, Kamera: Zeng Nianping, Schnitt: Robert Ferretti, Musik: Lin Hai, mit Song Song (Zhao Zicun), Little Cat (Qi Ruyi), Opa (Wang Bin), Mutter (Jiang Wen Li), Vater (You Yong), Rosen-Boss (Jiang Tong), Lehrerin (Xu Jun)

Die Mädchen Song Song und Little Cat führen ein Leben, wie es unterschiedlicher nicht sein könnte. Song Song (Zhao Zicun) vereinsamt als Luxuspüppchen stinkreicher Eltern, Little Cat (Qi Ruyi) fristet ein Leben in extremer Armut, aber menschlicher Herzlichkeit bei einem alten Mann (Wang Bin), der sie als Baby in einer Mülltonne gefunden und bei sich aufgenommen hatte. Mit der Herzlichkeit ist es vorbei, als der alte Mann stirbt und das Kind bei einem mafiosen Typen unterkommt, der kleine Kinder als Rosenverkäufer durch die Straßen schickt. Ob jemand eine Mahlzeit bekommt, richtet sich nach der Erfüllung eines Verkaufsolls. Little Cat hat nun nur noch die Puppe, die der Opa kurz vor seinem Tode mitbrachte, auch sie weggeworfen – von Song Song. Die Rosenverkäuferin im Grundschulalter und die hospitalisierte menschliche Trophäe begegnen einander an einer Straßenkreuzung, die Arme schenkt der Reichen eine Rose. Die Bilder des Abspanns deuten an, daß Little Cats Traum vom Schulbesuch doch noch in Erfüllung geht. Das ist zwar nicht plausibel, aber ein schöner Schluß.

Hostel (Eli Roth)

USA 2006, Buch: Eli Roth, Kamera: Milan Chadima, Schnitt: George Folsey, jr., Special Make-Up Effects: Greg Nicotero, Howard Berger, mit Jay Hernandez (Paxton), Derek Richardson (Josh), Eythor Gudjonsson (Oli), Barbara Nedeljakova (Natalya), Jana Kaderabkova (Svetlana), Jana Havlickova (Vala), Jan Vlasák (Holländer), Lubomir Bukovy (Alex), Rick Hoffman (Amerikaner), Takashi Miike (Japaner), 93 Min., Kinostart: 27. April 2006

Vollmundige Ankündigungen über einen Film, der mit seinen "Perversionen" selbst "hartgesottene Horrorfans schockieren" solle, nehme ich ebensowenig ernst wie die in einer mit Kunstblut verschmierten Metzgerschürze den Film ankündigende Angestellte von Sony Pictures oder das angeblich eigens durch den Film initiierte neue Genre des "torture porn".
Für nervenaufreibende Qualität steht da schon eher der Regisseur Eli Roth, dessen Low Budget-Debüt Cabin Fever mit der Einführung eines "flesh-eating virus" dem stagnierenden Horror-Sub-Genre mit der gefährlichen Hütte im Wald immerhin einige neue Impulse gab. Und gleich als ersten Titel des Vorspanns sieht man dann noch "Quentin Tarantino präsentiert". Dieses seltsame Qualitätssiegel zierte zuletzt Zhang Yimous Hero und eine hierzulande nicht gelaufene Modesty Blaise-Adaption. Nachdem Tarantino die neue Drehbuchidee des von ihm als "Zukunft des Horrorfilm" beschrienen Roth gehört hatte, soll er sofort als "Executive Producer" eingestiegen sein - und seltsamerweise finden sich im Film auch auffällig viele Tarantino-Momente.
Erinnert ihr euch an:
  • das in einem alleinstehenden Lagerhaus an einen Stuhl gefesselte Opfer von Michael Madsen in Reservoir Dogs?
  • die Gespräche über holländische Coffee Shops in Pulp Fiction?
  • Samuel L. Jacksons Bibelfestigkeit?
  • den Blickwechsel zwischen dem einen Fußgängerweg überquerenden Ving Rhames und den im Auto sitzenden Bruce Willis - und was danach kommt?
  • den Knebel des Gimp?
  • Die Kettensägen-Autopsie in Grave Danger?
An all diese Momente erinnert Hostel ebenso wie an Filme wie Godards Week-End, Miikes Audition oder Parks Oldboy. Bei solchen ebenso weitgestreuten wie feinsortierten Inspirationen kann das Ergebnis ja fast nicht mehr völlig schlecht sein - und in der Tat, wenn man kein Problem mit der fehlenden political correctness hat, im Tarantino-Pulp-Style Folterungen in Osteuropa mitzuerleben (ein Double Feature mit dem Berlinale-Gewinner Grbavica bietet sich nicht unbedingt an), kann man bei diesem Film jede Menge Spaß haben. Und Grusel. Und Überraschungen. Aber definitiv keine Kinderschokolade.
Die amerikanischen Rucksack-Touristen Josh und Paxton haben irgendwo in Europa den isländischen Partylöwen Oli aufgegabelt und machen gerade Amsterdam unsicher, als Alex, der ihnen in einer Notlage aushalf, ihnen den Tip gibt, ein Hostel in der Nähe von Bratislava aufzusuchen, in dem überdurchschnittlich gutaussehende Osteuropäerinnen wegen akutem Frauenüberschuß besonders leicht "zu haben" sein sollen. Die auf seinem Handy gespeicherten Fotos scheinen zu beweisen, daß dies nicht nur ein Gerücht ist.
Und so steigen unsere drei dauerspitzen Freunde in den nächsten Zug, um das Hostel aufzusuchen. Im Bahnabteil lernen sie dabei einen Holländer kennen, dessen Eßgewohnheiten ebenso negativ auffallen wie seine "Anhänglichkeit". Im Nachhinein erinnert er mich nicht nur an den so konservativ und langweilig erscheinenden Bösewicht aus George Sluizers Spoorloos, sondern auch an den Tramper in Tobe Hoopers The Texas Chainsaw Massacre. Die Episode verläuft vergleichsweise harmlose, doch man hat schon früh das Gefühl, daß man diesen Herren wiedersehen wird …
Roth zeigt uns, daß eine osteuropäische Kleinstadt wie ein Amalgam diverser Allgemeinplätze der Horrorgeschichte wirken kann. Natürlich denkt man beim bewaldeten Märchenland Osteuropa an Transylvanien, Frankenstein, Werwölfe und Zigeunerflüche, aber auch die Abgeschnittenheit von der Zivilisation, wie sie hier noch fataler als im texanischen Hinterland scheint. Und nicht zuletzt wirkt das ganz spezielle Städtchen hier mit seinen oftmals menschenleeren Straßen, gefährlich wirkenden Kinderbanden, seltsam teilnahmslosen Polizisten, einem Foltermuseum (!) und gut organisierten Bürgervereinigungen (!!) wie die Balkan-Version der Ortschaften aus Filmen wie Village of the Damned, The Stepford Wives oder House of Wax.
Es wird keinen Zuschauer überraschen, daß nach der ersten Nacht im Hostel nur noch zwei der drei Freunde zugegen sind, und sich die Zahl nach der zweiten Nacht erneut verkleinert. Doch zu diesem Zeitpunkt ist vielleicht knapp die Hälfte des Films vorbei, und man fragt sich zurecht, was jetzt noch passieren soll. Der fiese Holländer, der offensichtlich auch schon jener Metzgergeselle war, der im Prolog fröhlich pfeifend seine blutigen Instrumente abwusch, könnte jetzt eine dreiviertel Stunde lang am verbliebenen Opfer seine Folterinstrumente ausprobieren (neben diversen Skalpellen kommen im Film eine Bohrmaschine, ein Bunsenbrenner und die unverzichtbare Kettensäge zum Einsatz), doch wenn der Film die Foltersituation teilweise schon zu genüßlich ausreizt, zeigt sich in der zweiten Hälfte des Films, warum Tarantino das Drehbuch so toll fand. Die "Schocks" und "Perversionen" erschöpfen sich nämlich nicht in Splatter-Effekten (oder sexuellen Ausschweifungen), am schockierendsten ist etwas anderes, das tatsächlich die Messlatte des Horrorfilms ein bißchen höher legt. Oder muß man sagen: niedriger?
Hostel nimmt sich zwar extrem ernst, doch den Film durchzieht auch eine tiefschwarze Humor-Ader, die mehrfach für zynischen Szenenapplaus sorgt. Zwar erinnert das bruchstückhafte und von Klischees triefende Europa-Bild des Films an Filme wie Euro Trip (erstaunlich etwa, wie oft in Hostel deutsch gesprochen wird - man hat das Gefühl, das Prager Goethe-Institut hätte mitproduziert), doch sind wir alle längst amerikanisiert genug, darüber hinwegzusehen und den Blickpunkt der Protagonisten zu übernehmen. Wer sich wie ein amerikanischer Teenager einfach nur amüsieren will, wird an dem Film seinen Spaß haben - wer mehr erwartet, könnte enttäuscht werden. Die angedeutete Kapitalismus-Kritik kann sich ebensowenig mit dem hochpolitischen Zombie-Kino Romeros messen wie die interessanten Ähnlichkeiten zwischen Amsterdam und dem osteuropäischen Städtchen dem Film eine Nominierung zum Drehbuch-Oscar verschaffen werden. Ich bin mir nicht sicher, ob es ein Kompliment oder eine Beleidigung ist, aber Hostel ist in der Tat Kino für Rucksack-Touristen …

Tarnation
(Jonathan Caouette)

USA 2004, Buch, Schnitt: Jonathan Caouette, Co-Schnitt: Brian A. Kates, mit Jonathan Caouette, Renee LeBlanc, David Sanin Paz, Rosemary Davis, Adolph Davis, 88 Min., Kinostart: 27. April 2006

Im Jahr 2003 erfuhr der damals 30-jährige Jonathan Caouette davon, daß seine Mutter Renee an einer Lithium-Überdosis leidet, und kehrt von New York City zurück in seinen Heimatstaat Texas, um ihr beizustehen. Dort kommt es zu seiner Wiederentdeckung seines filmischen Lebenswerkes als Dokumentarist, denn seit seinem elften Lebensjahr hat Caouette Super 8-Filme (später auf Betamax, VHS, Hi-8 oder Mini-DV) gedreht oder auf Audio-Cassetten Tagebuch geführt, die er nun gemeinsam mit Fotomaterial, archivierten Anrufbeantworter-Nachrichten oder auch seinen frühen Kurzfilmen (Caouette wurde in seiner Jugend von Punkmusik und Untergrundfilmen beeinflusst) mit dem iMovie-Schnittprogramm auf dem Apple seines Freundes zu einer Dokumentation der letzten 19 Jahre seines Lebens zusammenbastelt - nach einem drei Wochen währenden Schnitt-Marathon wird rechtzeitig zum Deadline des MIX Filmfestivals ein bahnbrechender Film mit einem Budget von exakt 218,32 US-Dollar fertiggestellt.
Wobei an Tarnation weniger die Do-it-Yourself-Methode und das Budget von Interesse sind, sondern die erzählte Geschichte. Caouette holt weit aus und beginnt damit, wie sich in den 1950ern seine Großeltern Rosemary und Adolph Davis kennenlernen, dann ihre Tochter Renee bekommen, die in jungen Jahren bereits als Kinder-Fotomodell eine gewisse Bekanntheit erreicht. Doch mit 12 Jahren fällt sie unter mysteriösen Umständen vom Dach des Hauses und ist zunächst gelähmt. Die Eltern entwickeln die (wohl auch nicht völlig abwegige) Theorie, daß Renee sich die Lähmung nur einbildet, und auf Anraten von Bekannten wird in den nächsten Jahren immer wieder eine Elektroschock-Therapie bei dem jungen Mädchen angewandt. Renee rappelt sich aber wieder auf und heiratet für eine kurze Zeit (der Mann verschwindet später), wobei Jonathan entsteht. Es folgt dann ein Ausflug der immer noch leicht verwirrten Renee in eine Großstadt, wo sie vor den Augen ihres kleinen Kindes vergewaltigt wird, was der Zuschauer in einer verfremdeten Version vom 11jährigen Jonathan erzählt bekommt: „My Testimony“. Renee kommt in eine Anstalt, Jonathan wird an Pflegeeltern übergeben. Bereits in diesem Alter zeigt der Junge ein immenses darstellerisches Talent. Jonathan, der bereits mit 13 (teilweise in Verkleidung) regelmäßig einen schwulen New Wave-Club (eigentlich frei ab 18) frequentiert, gerät in jungen Jahren an zwei Joints, die mit PCP und Formaldehyd versetzt sind, und kann sich fortan nicht mehr konzentrieren. Er fühlt sich, als sei sein Leben ein Traum. Und dieses eigentümliche Gefühl weiß er auch bei seinem Film umzusetzen. „I conceived the film as a new way of looking at documentary, as though it were imitating my thought process, giving the audience the experience of seeing what it was like to be inside my head.“
Der Film, der seine Informationen oft durch einfache Zwischentitel an den Mann bringt, wird gerade bei der Dokumentation von Jonathans wilder Jugend mitunter etwas experimentell, unter anderem über das material zusammenhaltende Songs (Low, The Cocteau Twins, Lisa Germano, The Magnetic Fields, aber auch John Denver oder Dolly Parton) bilden sich immer wieder kleine Sinneinheiten, die selbst für ein ungeschultes Publikum die Verarbeitung des visuellen Rausches möglich machen. Jonathan interessiert sich für Horror-Filme, dreht wohl auch einen Film namens Rosemary Davies, Rosemary Davies (der Name seiner Großmutter), und kurz nachdem man sich an Polanskis Film der 1970er erinnert fühlt, folgen auch schon Ausschnitte aus Rosemary’s Baby. Jonathan fantasiert in dieser Zeit von einem Musical, das sein Leben nacherzählen soll, unter anderem mit Louise Lasser und Zero Mostel als seinen Großeltern, Joni Mitchell als Renee - und Klaus Nomi und Nina Hagen als seine Pflegeeltern …
Mit seinem ersten richtigen Freund Michael unterhält sich Jonathan bevorzugt in Zitaten aus Carrie und The Exorcist, und dann stellt er tatsächlich ein Musical auf die Beine: Eine Version von David Lynchs Blue Velvet mit Songs von Marianne Faithfull, per Playback eingespielt …
Dies oll nur einen gewissen Einblick in die Kreativität des Regisseurs geben, der Film handelt dann im weiteren von der ebenso schmerz- wie liebevollen Zusammenführung Jonathans mit seiner Mutter, von Jonathans Bemühungen, seinen Vater wiederzufinden, und wie in so vielen familiären Dokumentarfilmen konfrontiert Jonathan seine Mutter ebenso wie den Großvater mit unklaren Momenten seiner und Renees Biographie.
Auch wenn Tarnation filmisch nicht immer überzeugt (vor allem, wenn die Extreme zwischen rein narrativen Schrifttafeln und intuitiven Bildcollagen den Film zu zerreissen drohen), entwickelt der Film in seiner stream-of-conciousness-Erzählweise einen für Dokumentarfilme nicht selbstverständlichen Drive, und die Personen Renee und Jonathan sind auch derart charismatisch, daß man sich auf die filmische tour-de-force gerne einlässt.

The Big White
Immer Ärger mit Raymond
(Mark Mylod)

Originaltitel: The Big White, Deutschland / Kanada / Neuseeland / USA 2005, Buch: Collin Friesen, Kamera: James Glennon, Schnitt: Julie Monroe, Musik: Mark Mothersbaugh, mit Robin Williams (Paul Barnell), Holly Hunter (Margaret Barnell), Giovanni Ribisi (Ted Waters), Woody Harrelson (Raymond Barnell), Alison Lohman (Tiffany), Tim Blake Nelson (Gary), W. Earl Brown (Jimbo), Marina Stephenseon Kerr (Avis), Ralph J. Alderman (Mr. Branch), Brenda McDonald (Mrs. Wherry), 100 Min., Kinostart: 20. April 2006

Mit Versicherungen hat Paul Barnell (Robin Williams) nichts als Ärger: Die Krankenkasse weigert sich für die Behandlung seiner Frau Margaret (Holly Hunter) aufzukommen, die unter ihrer ganz persönlichen Abart des Tourette-Syndroms leidet (bzw. ihre Umwelt leidet unter ihr), und für seinen vor fünf Jahren verschollenen Bruder will die „Liberty Capital“ die millionenschwere Lebensversicherung nicht auszahlen, weil dieser im Staate Alaska erst nach sechs Jahren für tot erklärt werden kann. Daß dem Versicherungsangestellte Pauls Verlust (des Bruders oder des Geldes?) leid tut, hilft ihm auch nicht weiter, es ist unwahrscheinlich, daß Pauls auf Südseereisen spezialisiertes Reisebüro noch ein weiteres Jahr bei der reiseunlustigen festverwurzelten Klientel überlebt.
Als er nun aber zufällig über eine Leiche stolpert, die zwei halbgare Aushilfsgangster in einem Müllcontainer zwischengelagert haben, kommt er auf die Idee, sein Glück selbst in die Hand zu nehmen: Er arrangiert einen Skiunfall, staffiert die Leiche am nächsten Tag noch mal rohem Fleisch und aromatisierten Schinken aus, damit die wilden Tiere den Kadaver wie geplant unkenntlich machen, und schon steht der Auszahlung der Lebensversicherung fast nichts mehr im Wege. Nur der argwöhnische Versicherungsangestellte Ted (Giovanni Ribisi), dessen Spezialität es ist, Versicherungsbetrüger zu überführen - und Pauls Bruder Raymond, der ausgerechnet kurz nach Auffinden „seiner“ Leiche wieder auftaucht und nur gegen eine Beteiligung mitspielen will. Zu allem Übel wollen jetzt auch noch die beiden Gangster ihre Leiche abholen, und nisten sich zur Motivation Pauls bei dessen Frau ein, deren Krankheitszustand die Situation zum Eskalieren bringen droht.
Die verschneite Kleinstadt, der kriminelle Bürohengst, dem die Situation über den Kopf wächst, und die minderbemittelten Kidnapper scheinen allesamt Joel Coens Fargo entlehnt, während die Situation mit der hin- und hergeschleppten Leiche zumindest soviel Ähnlichkeit zu Hitchcocks The Trouble with Harry aufweist, daß man sich für einen sehr ähnlichen deutschen Zusatztitel entschieden hat - immerhin war ja auch Immer Ärger mit Bernie (Weekend at Bernie’s) erfolgreich genug, um sogar ein Sequel zu bekommen - was bei einer Leiche als Titelfigur schon etwas besonderes ist.
Auch die Besetzung ist grandios: Holly Hunter spielt auf, als wären die letzten 15 Jahre spurlos an ihr vorbeigegangen, Robin Williams überzeugt auch ohne seine üblichen Grimassen, und Giovanni Ribisi kann als Gegenspieler Williams’ durchaus bestehen. Vom aus England stammenden Regisseur des Komikervehikels Ali G inda House hätte man nicht unbedingt soviele nette Ideen erwartet, die das Interesse des Publikums immer wieder wachhalten: Da gibt es ein Surfbrett auf einem Autodach, das sich scheinbar wie eine (rote) Haifischflosse durch den Schnee bewegt, die Dialoge von Holly Hunter (“Why did you gag her?“ - „You know …“) sind alleine den Kinoeintritt wert, und wie der Film sich stilsicher in diversen Genres bewegt, ist auch bemerkenswert. Dennoch gelingt es dem Film (vielleicht auch durch die Starbesetzung) nicht, einen wirklich mit den Figuren mitfühlen zu lassen, die Auflösung des Ganzen ist schließlich zu gefällig, und man verlässt das Kino mit dem Gefühl, daß mit nur ein wenig mehr Feinarbeit aus The Big White ein wirklich guter Film hätte werden können …

16 Blocks
(Richard Donner)

USA 2006, Buch: Richard Wenk, Kamera: Glen MacPherson, Schnitt: Steven Mirkovich, Musik: Klaus Badelt, mit Bruce Willis (Jack Mosley), Mos Def (Eddie Bunker), David Morse (Frank Nugent), Cylk Cozart (Jimmy Mulvey), Jenna Stern (Diane Mosley), Casey Sander (Captain Gruber), David Zayas (Robert Torres), Robert Racki (Jerry Shue), Brenda Pressley (Assistant DA MacDonald), Efosa Otuomagie (Bus Driver), Christina Orjalo (Little Girl on Bus), Steve Kahan (Restaurant Owner), J. D. Nicholson (Man in Grey Suit), 105 Min., Kinostart: 20. April 2006

Richard Donner ist nun auch schon seit viereinhalb Jahrzehnten im Business. Über die immens populäre Lethal Weapon-Reihe (1987-1998) vergisst man mitunter, daß er auch schon bei The Omen (1976), Superman (1978), oder The Goonies (1985) Regie führte, was aber alles schon ein paar Jährchen her ist. Er war zwar auch als Produzent erfolgreich (u. a. Free Willy 1-3, X-Men), aber als Regisseur hat er in den letzten 20 Jahren abgesehen von vier Lethal Weapon-Filmen eigentlich nur lauwarme bis halbgare Star-Vehikel wie Scrooged (Bill Murray, 1988) Maverick (Mel Gibson & Jodie Foster, 1994), Assasins (Sylvester Stallone & Antonio Banderas, 1995) oder Conspiracy Theory (Mel Gibson & Julia Roberts, 1997), sowie mir persönlich völlig nichtssagende Streifen wie Radio Flyer (1992) oder Timeline (2003) zustande gebracht.
Und nun folgt ein Film über einen weißen Polizisten (Bruce Willis), der gemeinsam mit einem schwarzen Knasti (Mos Def, zuletzt als Ford Prefect im Hitchhiker’s Guide to the Galaxy und als er selbst in Dave Chappelle’s Block Party) ins Schußfeuer gerät. Hatten wir das nicht schon 1982 mit Nick Nolte und Eddie Murphy?
Doch gegen alle Erwartungen (was für ein abtörnender Trailer …) ist 16 Blocks sogar recht spannend. Wenn Joel Schumacher hin und wieder sein Talent aus der letzten Schublade vorkramen kann (Falling Down, Phone Booth), warum dann nicht auch Richard Donner?
Es beginnt mit Schwarz-Weiß-Bildern. Bruce Willis sitzt in einem Bus, bei dem die Fenster mit Zeitungen verklebt sind (Vorsichtsmaßnahme bei Geiselnahmen gegen Scharfschützen), und spricht für eine „Diane“ etwas aufs Band: „I was trying to do a good thing …“ Schon hier empfindet man die den Bus umzingelnden Polizisten als Bedrohung, bei der unvermeidlichen filmumspannenden Rückblende wird dann eine Wohnung aufgebrochen, und kein Polizist kümmert sich um die durch das plötzliche Eindringen verängstigte Katze. Offensichtlich will man uns hier gleich zu beginn einen Eindruck vom Polizeialltag geben. Jack Mosley (Bruce Willis) hat einen unübersehbaren Bauchansatz (der sich im Verlauf des Films in Luft auflöst) und ist unrasiert, übernächtigt und übel gelaunt. Als er sich aus der durchsuchten Wohnung eine Flasche Whisky organisieren kann und er den mitgebrachten Kaffee im Styrofoam-Becher damit ersetzen kann, scheint sich seine Laune zumindest etwas zu verbessern. Daß es sich hier aber nicht um einen Bilderbuch-Cop handelt, ist offensichtlich. Eigentlich ist seine Nachtschicht um 8 Uhr morgens längst beendet, doch da sich kein anderer findet, soll er eben noch einen inhaftierten Zeugen zu einem Untersuchungsausschuß im einige Blocks entfernten Gerichtsgebäude bringen - eine Angelegenheit von einer Viertelstunde, zu der er sich dan auch breitschlagen lässt.
Der Zeuge erweist sich als eine ziemliche Nervensäge (insbesondere, wenn man übermüdet und schlechter Laune ist), und so fährt Jack erstmal beim nächsten Schapsladen ran (man kennt ihn dort) und holt sich eine Flasche Canadian Club - man gönnt sich ja sonst nichts! Während Jack noch umständlich Kleingeld raussucht, nähern sich bereits zwei finstere Gesellen dem im Auto „abgestellten“ Zeugen, und sehr schnell stellt sich heraus, daß das Abliefern des Wiederholungskriminellen namens Eddie ganz und gar kein Routinejob ist, denn er soll ausgerechnet gegen ein halbes Dutzend Polizisten aussagen, und unter der Führung von Jacks ehemaligem Partner Frank (David Morse, bekannt als böser Polizist aus Dancer in the Dark) soll der Zeuge „mundtot“ gemacht werden (wobei man sich den „Mund“ auch sparen kann.
16 Blocks, der viel Wert darauf legt, in „Echtzeit“ gedreht worden zu sein (was den Film aber nicht davon abhält, Zeitlupen oder Schnittellipsen zu benutzen), ist ein moderner Actionfilm, bei dem Handys und Ortungsgeräte nur solange hilfreich sind, bis man den halben Polizeiapparat auf den Fersen hat. Nachdem die Exposition uns relativ wenig über den Grund verraten hat, warum Jack zum Alkoholiker wurde, und er auch nur geringfügig überrascht ist, als in der Wohnung der bereits erwähnten „Diane“ der Toilettensitz ganz gegen ihre Gewohnheit hochgeklappt ist, folgt die Charakterstudie erst nach und nach während der Verfolgung, denn Jacks alter Kumpel Frank ist als (böser) Cop etwa genauso gut wie Jack und sieht viele seiner Aktionen voraus. Er schlägt ihm sogar hin und wieder einen Deal vor, doch nicht nur schießt Jack früher oder später auch mal auf Kollegen, er gibt sogar dem Tunichtgut Eddie eine geladene Waffe, denn mittlerweile vertraut er dem Knasti eher als dem langjährigen Partner.
Gegen Ende geht dem Film ein wenig die Luft aus, der Einsatz des mehrfach ins Spiel gekommenen Aufnahmegeräts wird keinen wirklich überraschen, und das Ende ist eine Spur zu harmlos, aber einen besseren Richard Donner-Film habe ich wohl noch nicht gesehen - und ich kenne immerhin zehn seiner Regiearbeiten. Wer allerdings mehr als bloße Action und ein wenig Charakter-Tiefgang sucht, geht am besten ein paar Blocks weiter in ein anderes Kino …

The Weather Man
(Gore Verbinski)

USA 2005, Buch: Steve Conrad, Kamera: Phedon Papamichael, Schnitt: Craig Wood, Musik: Hans Zimmer, mit Nicolas Cage (David Spritzer), Michael Caine (Robert Spritzer), Hope Davis (Noreen), Gemmenne de la Pena (Shelly), Nicholas Hoult (Mike), Michael Rispoli (Russ), Gil Bellows (Don), Judith McConnell (Lauren), Bryant Gimbel (Himself), 102 Min., Kinostart: 2. März 2006

Der Name des Regisseurs Gore Verbinski ist selbst häufigen Kinogängern nicht unbedingt geläufig, denn bisher betätigte er sich vor allem als vielseitiger Auftragsarbeiter, der für so unterschiedliche Filme wie die Kinderbelustigung Mouse Hunt, das Starvehikel The Mexican, das Horror-Remake The Ring oder (eindeutig am bekanntesten) das Piratenspektakel Pirates of the Caribbean: The Curse of the Black Pearl engagiert wurde. Und bei jedem einzelnen dieser Jobs hat er nicht nur seine Sache gut gemacht, er hat auch immer etwas mehr geliefert, als eigentlich angefordert wurde. Vielleicht hat er sich dadurch auch seinen neuesten Film „verdient“, der erstmals so gar nicht in eine gängige Schublade passen will, und sich am ehesten noch wie ein (empfindliche Leser mögen wegschauen …) „Autorenfilm“ ausnimmt. Das sage ich jetzt mal ganz unbeeindruckt davon, daß der Drehbuchautor (Steve Conrad) und sein Regisseur nicht dieselbe Person sind. Aner man denke nur an Alfred Hitchcock, einen der größten und bekanntesten Regisseure aller Zeiten, der auch immer wieder gerne als Beispiel für die Autorentheorie benutzt wird, und bei seinen zwischen 1933 und 1976 entstandenen Kinofilmen exakt einmal einen Buch- oder Story-Credit (als Ideenlieferant für Saboteur) bekam …
Nun ist The Weather Man aber kein Thriller um einen unschuldig angeklagten Mann, der sich in eine Blondine verliebt, sondern ein Film, der sich gängigen Genres so ganz entzieht. Nicolas Cage spielt den Fernseh-Wettermann David Spritzer (nomen est omen), der wie ein Wetterhahn im Wirbelsturm von den Außeneinflüßen seines Lebens schlichtweg überfordert ist und sich orientierungslos abmüht, es zumindest jenen Menschen, die ihm wichtig sind, recht zu machen - nur um es dabei für alle Beteiligten immer schlimmer zu machen.
Sein Vater (Michael Caine) ist ein für ihn unerreichbarer Pulitzer-Preis-
Gewinner, die Sorgen seiner Kinder weiß er nicht nachzuvollziehen, und von seiner Frau (Hope Davis) hat er sich längst so sehr entfremdet, daß die Beziehung fast nur noch von Davids negativen Gefühlen für seinen „Nachfolger“ Russ getragen wird.
Für den Zuschauer offenbart sich diese Situation zumeist als Komödienstoff. Wenn david bei Einkauf für seine Frau eine bestimmte Sauce mitbringen soll, man ihn auf dem Weg zum Markt diesen Artikel wie eine Litanei wiederholen hört, und er letztendlich natürlich trotzdem ohne zurückkehrt, kommt Davids Existenz fast schon dem klassisch griechischen Sisyphos-Mythos nahe. Ich selbst arbeite ja manchmal im Gastronomie-betrieb meiner Eltern und ein wiederkehrender Alptraum handelt davon, wie ich versuche, eine simple Bestellung zu den Gästen zu bringen. Doch jedesmal, wenn ich am Tisch ankomme, steht auf dem Tablett irgendetwas falsches, weshalb ich mir beim nächsten Mal mehr Mühe gebe, dabei immer mehr verkrampfe, von vornherein keine Chance habe und schließlich schweißgebadet erwache. So ähnlich gestaltet sich auch der Alltag von David Spritzer, bei dem fast keine Peinlichkeit ausgelassen wird, auch wenn er dabei nicht zu einer Witzfigur verkommt, sondern sich zumindest seine Menschenwürde bewahrt.
Ganz besondere „Niederschläge“ malträtieren David in der Öffentlichkeit, denn aus irgendwelchen Gründen benutzen ihn viele seiner Zuschauer als Zielscheibe für allerlei zu entsorgendes Fast Food. Wie der sprichwörtliche Clown bekommt er nicht nur ein Stück (Apple) Pie ins Gesicht, auch McNuggets, Frosty, Falafel und Big Gulp landen im Verlauf des Films an seiner Person. Dieses Detail des Films ist wohl das rätselhafteste und am leichtesten zu vermarktende, weshalb man nicht nur im Trailer, sondern auch auf dem Filmplakat mindestens eine solche Situation zu sehen bekommt. Die Erklärung, wie David aus dieser Misere schließlich entkommt, gehört neben einem Schlittschuhwettbewerb, einer Psychotherapie zum Thema Vertrauen und dem „Dromedar-Zeh“ zu den Momenten des Films, die noch länger beim Betrachter bleiben, der Rest des Films ließ sich ohne große Probleme von meiner Jacke entfernen …

Ice Age 2 - Jetzt taut’s
(Carlos Saldanha)

Originaltitel: Ice Age - The Meltdown, USA 2006, Buch: Peter Gaulke, Gerry Swallow, Jim Hecht, Musik: John Powell, mit den Original- / deutschen Stimmen von: Ray Romano / Arne Eltzholtz (Manny), John Leguizamo / Otto Waalkes (Sid), Denis Leary / Thomas Fritsch (Diego), Queen Latifah / Daniela Hoffmann (Ellie), Seann William Scott / ? (Crash), Josh Peck / ? (Eddie), Jay Leno / ? (Fast Tony), Chris Wedge (Scrat), Alan Tudyk / ? (Cholly), Will Arnett / ? (Lone Gunslinger Vulture), Peter DeSève / ? (Condor Chick), Carlos Saldanha / ? (Dodo), 90 Min., Kinostart: 6. April 2006

Über das Detail verlieren viele Leute oft den Blick für das Ganze, und deshalb war Ice Age vor vier Jahren so ein riesiger Erfolg, der sich mit Ice Age 2 nun wiederholen wird. Sprechen wir erstmal über das Detail, das den Namen Scrat trägt, der Star jeden Ice Age-Trailers ist und sich auch auf den Plakaten gegen die vermeintlichen Hauptfiguren Manny, Sid und Diego mit Leichtigkeit durchsetzt. Scrat ist ein nicht weiter definiertes Hörnchen, das auf der Suche nach einer Eichel immer wieder in brenzlige Situationen gerät, aus denen es zumeist in der selben Art wie Chuck Jones’ Wile E. Coyote hervorgeht: erschlagen und geplättet oder von riesigen (Eis-)Bergen herabstürzend. Ähnlich wie der Coyote oder Rowan Atkinson als Mr. Bean (an den mich die Mimik Scrats erinnert) hat Scrat nicht viel zu sagen. Der Produzent und Regisseur des ersten Ice Age-Films, Chris Wedge, liefert auch im Sequel das Gekeuche, Gewimmer und Gestöhne eines ewigen Verlierers. Falls es mal irgendwann keinen neuen Teil von Ice Age mehr gibt, kann man die weitere Leidensgeschichte von Scrat auch in dem Chuck Jones-Cartoon Much Ado about Nutting beschauen, in dem ein sehr ähnliches Eichhörnchen gleich in einem veritablen Nuß-Himmel landet, nur um anhand der schließlich ausgewählten (Kokos)Nuß zu erfahren, daß der Nußbesitz noch nicht den GeNuß garantiert.
Scrat beginnt Ice Age 2 wie in einer Parodie von Mission Impossible (auch ein guter Titel für des Hörnchens Jagd nach der Eichel), und landet später unter anderem unter einer Eisschicht, die seinerzeit in einem Hammer-Dracula-Film das Ende für Christopher Lee bedeutete, in einem Adlerhorst (“Piep?“) und sogar unter einem Schwarm Piranhas. Und jeder einzelne Auftritt dieses ganz unabhängig von der eigentlichen Handlung auftauchenden Stars des Films ist ein Höhepunkt. Wenn nach ca. vier bis fünf Ice Age-Filmen mal die gesammelten Abenteuer von Scrat als DVD erscheinen, würde ich dieses filmische Erlebnis sicher in den Eichelhimmel hochleben lassen, doch man darf ja nicht vergessen, daß man in etwa 80% von Ice Age 2 Scrat zwischendurch gar nicht sehen kann. Und diese 80% sind zwar auch recht unterhaltsam, aber allenfalls durchschnittliche Animationskost.
Schon im ersten Teil wollte die Geschichte nicht recht funktionieren, diesmal hat man sich diesmal beim Drehbuch mehr Mühe gegeben, doch der Film pendelt immer noch unentschlossen zwischen einer Nummernrevue und einem kitschig-pathetischen Abfeiern von Disney-Animations-Tugenden wie Familienzusammengehörigkeit (heute auch gern Teamfähigkeit genannt) oder Eintreten für Schwächere. Die Mammut-Dame Ellie hält sich für ein Oppossum, ihr Artgenosse Manny muß für den Fortbestand seiner Rasse derlei Makel ignorieren (“Manni, wenn man kurz vorm Aussterben steht, sollte man nicht wählerisch sein“), und der Säbelzahntiger Diego geht bei dem dauerquasselnden Faultier Sid in Psychotherapie, um seine Hydrophobie zu überwinden. Und am mit Abstand interessantesten sind hierbei die leicht durchgedrehten Oppossum-Brüder Ellies (Crash & Eddie), die für Diego jederzeit als Roadrunner-Ersatz herhalten könnten.
Anders als in vielen aktuellen Animationsfilmen gibt es nur einen prominenten Hobby-Synchronisator (“Otto spricht Sid“), die anderen Hauptfiguren werden von stimmprominenten Vollprofis wie Thomas Fritsch (Russell Crowe, Jeff Bridges), Arne Elsholtz (James Belushi, Tom Hanks) oder Daniela Hoffmann (Julia Roberts, Calista Flockhart) übernommen. Denis Leary, Queen Latifah oder Alan Tudyk wären mir da zwar lieber gewesen, aber zumindest versaut die Synchro nichts. Das übernimmt der Film schon selbst, in dem er überflüssige Riesenechsen als Schurken, einen seltsamen Gastauftritt von Jay Leno, eine wie vom Himmel geschickte Arche und eine nicht im geringsten nachzuvollziehende Drehbuch-Topographie benutzt, um darüber hinwegzutäuschen, daß alle Welt eigentlich nur Scrat sehen will. Und ein Großteil des Publikums wird über die siedendheiße Begeisterung für Scrat auch sehr schnell wieder verdrängen, wie lauwarm der Rest des Films war.

Noch einmal Ferien
(Wayne Wang)

Originaltitel: Last Holiday, USA 2005, Buch: Jeffrey Price, Peter S. Seaman, Lit. Vorlage: J. B. Priestley, Kamera: Geoffrey Simpson, Schnitt: Deirdre Slevin, Musik: George Fenton, mit Queen Latifah (Georgia Byrd), LL Cool J (Sean Matthews), Timothy Hutton (Matthew Kragen), Gérard Depardieu (Chef Didier), Alicia Witt (Mrs. Burns), Giancarlo Esposito (Senator Dillings), Jane Adams (Rochelle), Mike Estime (Marlon), Susan Kellermann (Gunther), Jascha Washington (Darius), Matt Ross (Adamian), Ranjit Chowdhry (Dr. Gupta), 111 Min., Kinostart: 9. März 2006

Wahrscheinlich ist es nicht leicht, als zugereister Regisseur in Hollywood Fuss zu fassen. Ich denke dabei an Carl Schenkel oder Sönke Wortmann, die entweder reumütig nach Deutschland zurückkehrten oder irgendwo im Fernsehmorast versickerten. Bei einem Regisseur wie Wayne Wang, der früh mit The Joy Luck Club positiv auffiel und spätestens seit Smoke und Blue in the Face auf meinem persönlichen Olymp zumindest einen Platz auf der Reservebank innehatte, ist es besonders traurig, mitanzusehen, was ein früher ausdrucksstarker Regisseur heutzutage für Mainstream-Produkte im Dreiviertel-Jahrestakt abliefert. Romantic Comedies wie Maid in Manhattan mit Jennifer Lopez, Kinderfilme wie Because of Winn-Dixie und nun auch noch das Remake einer „Ich sterbe bald, also hoch die Tassen“-Komödie, die einzig durch ihre Besetzung Interesse hervorrufen zu vermag.
Queen Latifah als Georgia Byrd ist eine in ihrer Bescheidenheit und (verhältnismäßigen) Authentizität sympathische Person, deren kleine Wünsche man als Zuschauer gern erfüllt sieht. 1950 spielte Alec Guiness den George Bird in der sehr Ealing-ähnlichen Nicht-Ealing-Produktion Last Holiday (Ferien wie noch nie), in der der Todkranke zwar am Schluß auch von der Fehlprognose seines Arztes erfährt und kerngesund ist, in einer bitterbösen Ironie des Schicksals dann aber trotzdem verstirbt. Eine Auflösung, wie sie in dem Feelgood Movie von Wayne Wang absolut undenkbar erscheint.
Queen Latifahs Darstellung als fast schon zu freundlicher Mall-Angestellter, die auf ihre eigenen Kochkünste zugunsten von Diätprodukten verzichtet, entspricht ganz dem Typ „kleiner Angestellter mit etwas größeren Träumen, wie ihn Guiness Anfang der 1950er in Filmen wie Charles Crichtons The Lavender Hill Mob zu einer eigenen kleinen Kunstform erhob. Doch wo Guiness in seiner Asexualität selbst dem Charme einer jungen Audrey Hepburn widerstehen kann, da hat Queen Latifahs Georgia immerhin neben dem Traum, den großen Küchenchef Didier kennenzulernen, ihren Traummann aus der Mall-Abteilung nebenan, den von LL Cool J dargestellten Sean Matthews, der gerade dadurch, daß er sich ebenso wie Georgia der eigenen Attraktivität nicht bewußt zu sein scheint, besonders liebenswert erscheint. Für die Hauptdarstellerin soll es besonders leicht gewesen sein, sich innerhalb der Rolle in diese Figur zu verlieben, hatte sie doch in ihrer Jugend selbst Mal ein Poster des damaligen Gesangsstars im Mädchenzimmer hängen.
Doch über die funktionierende Chemie zwischen den Hauptdarstellern hinaus belibt der Film nur gut gemacht, aber kaum einer expliziten Empfehlung würdig. Das Wiedersehen mit Timothy Hutton in der Rolle des mysanthropen Millionärs ist nett, Gérard Depardieu spult sein übliches Programm als Genußmensch ab, insbesondere die Snowboard-Abfahrt und das Finale auf dem Mauervorsprung strapazieren die Glaubwürdigkeit des Films über Gebühr, und abgesehen von einem nett verbrachten Nachmittag oder Abend bleibt auf lange Sicht wenig haften von diesem Film.

Drei Grad kälter
(Florian Hoffmeister)

Deutschland 2005, Buch: Mona Kino, Florian Hoffmeister, Kamera: Busso von Müller, Schnitt: Susanne Hartmann, Musik: Adrian Corker, John Conboy, mit Bibiana Beglau (Marie), Sebastian Blomberg (Jan Engel), Johann von Bülow (Frank), Meret Becker (Jenny), Alexander Beyer (Steini), Florian David Fitz (Olli Engel), Katharina Schüttler (Babette), Hubert Mulzer (Hans-Peter Engel), Grischa Huber (Elizabeth Engel), 104 Min., Kinostart: 16. März 2006

Kritiker-Kollege Dirk Lüneburg vom [030] war von diesem Film ganz angetan, während er bei Komm näher Dilletantismus und peinliche Momente attestierte. Wie das manchmal so ist, fand ich bei Komm näher die improvisierten Dialoge weitaus weniger peinlich als hier das sorgsam ausgefeilte Skript, das dennoch aneckt und beispielsweise bei der Einführung der Figur Jenny (Meret Becker spielt in beiden Filmen mit) gleich zu Beginn mit einem Oscar Wilde-Zitat auftrumpft, was ebenso unglaubwürdig wirkt wie der gesamte Umzug, mit dem der Film anfängt. Ein ganzer Hausstand muß in den siebten Stock transportiert werden, von dem knappen halben Dutzend Umzugshelfer kommen einige zu spät, andere rauchen auf dem Balkon oder organisieren Pizza, kaum einmal trägt überhaupt jemand etwas, und ehe man sich versieht, ist die Arbeit bereits getan.
Auch hatte ich bei Komm näher im Gegensatz zu Dirk kein größeres Problem mit der Darstellung von Marek Harloff, bei Drei Grad kälter wäre ich hingegen überfordert, wenn ich auch nur einen der jungen Darsteller als besonders überzeugend herausstellen sollte. Allzu konstruiert und bemüht wirkt das Ganze, da können selbst routinierte und bewährte Schauspielerinnen wie Bibiana Beglau oder Meret Becker den Figuren auch nicht wirklich Leben einhauchen, einzig die Mutter (Grischa Huber) des plötzlich verschwundenen Jan Engel ist zwar seltsam (und auch sehr konstruiert), aber immerhin interessant.
Der Film handelt davon, daß Jan wieder zurückkehrt und den Alltag seiner alten Clique durcheinanderbringt (insbesondere den von seiner Ex-Freundin Marie, die jetzt mit seinem alten Kumpel Frank verheiratet ist).
Die „schönen Bilder“ (nicht wörtlich zitiert, sondern aus der Erinnerung) stellt Dirk auch noch heraus, ich hingegen kann zwar attestieren, daß man dem Film ansieht, daß sein Regisseur früher Kameramann war (u. a. bei Berlin is in Germany und Liegen Lernen), vieles wirkt aber zu selbstverliebt, ohne die Geschichte wirklich voranzutreiben. Eine „auftauchende“ Unterwasserkamera oder ein Kran, der den Balkon im siebten Stock (drehen kann man das natürlich auch im ersten Stock) zeigt - zu keinem Zeitpunkt wurde ich wirklich „warm“ mit diesem Streifen, und ärgerte mich eher über blödsinnige Dialogzeilen wie „Du riechst ja wieder nach Freiheit und Abenteuer“, „Good Bye - How do you say that in German?“ oder „Ich bin schwanger - Ziemlich peinlich für ‘ne Apothekerin, nicht?“
Hin und wieder gibt es dann ein bißchen Fleischbeschau, um die inszenatorischen Unsicherheiten zu kaschieren, es wird gekokst und gesoffen, und das ganze soll mir irgendwas über meine Generation erzählen? Nicht annähernd. Wenn man wie im Film von Vanessa Jopp Dialoge improvisiert, dann besteht kaum eine Gefahr, daß so etwas dabei herauskommt: „Alles okay?“ - „Wieso?“ - „Nur so.“ - „Ja. Und bei Dir?“ - „Alles okay.“ - „Na denn …“ Und deshalb schaue ich mir Komm näher (und sogar Im Schwitzkasten) lieber noch ein zweites oder drittes Mal an, bevor ich mir noch mal Drei Grad kälter antue.
Wem diese Kritik zu substanzlos und fahrig ist statt nach einer überdachten Gliederung konstruiert - Obwohl ich mich vom Film habe inspirieren lassen, war mir mehr nach Improvisation
 … Zack!

Im Schwitzkasten
(Eoin Moore)

Deutschland 2006, Buch: Eoin Moore, Jens Köster, Sven Poser, Idee: Esther Zimmering, Eoin Moore, Mitarbeit am Buch: Charly Hübner, Steffi Kühnert, Christiane Paul, Andreas Schmidt, Edgar Selge, Laura Tonke, Kamera: Bernd Löhr, Musik: Kai-Uwe Kohlschmidt, Warner Poland, mit Christiane Paul (Nadinchen Molinski), Charly Hübner (Jost Molinski), Andreas Schmidt (Toni Neer), Esther Zimmering (Dani Möller), Steffi Kühnert (Karin Lose), Laura Tonke (Monika Stauffenberg), Edgar Selge (Norbert Reich), Franziska Walser (Anja Reich), Thorsten Merten (Sozialhilfeprüfer), Ezard Haußmann (Älterer Herr), Alice Dwyer (Käthe Lose), 98 Min., Kinostart: 30. März 2006

“Drehen wie Dresen“, auch bekannt als der „Loach-Approach“, geht hier in eine neue Runde. Eoin Moore, dessen frühere Filme eher zum drastisch-realistischen tendierten, legt eine Ensemble-Komödie vor, die die Probleme der Hartz IV-Gesellschaft auf einen Familien-Saunabetrieb überträgt, in dem der Gebirgslatschenkiefern-Aufguß noch vom Besitzer persönlich feierlich zelebriert wird.
Doch im Betrieb von Jost und „Nadinchen“ Molinski (Charly Hübner und Christiane Paul) hapert es an allen Ecken und Enden: Die Installation funktioniert nur mit gutem Zureden, Mahnbriefe werden ungeöffnet in irgendwelche Leitzordner verfrachtet, Schlammpackungen und Bio-Obstsäfte werden kostengünstig imitiert, und zwischendurch muß immer noch Zeit bleiben, um mal eine ungestüme Ratte zu erschlagen, bevor diese zu Beschwerden Anlaß gibt.
Die Gäste der Donnertag-Gruppe sind bunt zusammengewürfelt: Der Langzeit-Arbeitslose Toni (Andreas Schmidt darf in einem Eoin Moore-Film nicht fehlen) findet sich dort ebenso wie dessen Ex-Frau Karin (Steffi Kühnert), die als Ich-Ag von Versicherungen über Kosmetik bis Fitnessgeräte alles zu „verscherbeln“ versucht (und das auch während des Saunagangs). Die vor kurzem entlassene Stewardess Dani (Esther Zimmering) ist mit der zwischen einem Heiratsangebot und einer humanitären Reise nach Ruanda hin- und hergerissenen Monike (Laura Tonke) befreundet, und dann gibt es noch Norbert Reich (Edgar Selge), einen Germanistikprofessor, der für seine im Bundestag tätige Frau Reden schreibt und von einer besseren Welt träumt. Schließlich teilt er sogar den Traum von Jost, an der polnischen Grenze eine Wellnesscenter zu eröffnen - und besorgt das Geld für diese windige Angelegenheit.
Leider haben es Eoin Moore und sein Ensemble nicht bei einer munter vor sich hin plätschernden Komödie belassen, sondern basteln um die gelungenen Figuren auch noch eine mitunter turbulente Handlung. Daß der Arbeitslose Toni für seinen Sohn ein Fahrrad zu klauen versucht, wirkt wie eine etwas tolpatschige Erinnerung an de Sicas Fahrraddiebe (Ladri di biciclette, 1948), und das schließlich über einen Todesfall auch noch fast ein Kriminalstück aus dem Ganzen werden soll, lässt Im Schwitzkasten im Endeffekt trotz vieler guter Ansätze und lustiger Ideen versagen. Daß man sich bei der Vermarktung des Film nicht zwischen dem Sauna-Thema und dem quasi-politischen Titelzusatz „Es wird heiß in Deutschland“ entscheiden konnte, sagt auch einiges über den Film aus, der zu vieles auf einmal versucht, und dabei nichts wirklich durchzieht - ähnlich wie Jost Molinski mit seinem Pleiteunternehmen.

Coming soon in Cinemania 32 (Kinostart Mai/Juni 2006):
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