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April 2006
 

Cinemania 30:
Berlinale Rootbeer

minibärIm vorletzten Cinemania zur Berlinale 2006 werden diesmal englischsprachige Filme vorgestellt, die mal wieder das gesamte Spektrum abdecken. Ein gefälschter (“ge-fake-ter“ sieht geschrieben immer so blöd aus) Dokumentarfilm über eine 1970er-Punk-Band, zu deren Mitgliedern siamesische Zwillinge gehören, ein nachgestellter Halb-Dokumentarfilm über die Behandlung der Gefangenen im US-Militärgefängnis Guantanamo, ein Biopic über das 1950er-Nackedei Bettie Page, eine australische Literaturverfilmung über ein junges drogensüchtiges Paar, ein neuer Gerichtsfilm von Altmeister Sidney Lumet und ein etwas anderes Autismus-Drama mit Sigourney Weaver.



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Cinemania 30:
Berlinale Rootbeer

[Alle Rezensionen von Thomas Vorwerk]

Berlinale 2006

Brothers of the Head
(Keith Fulton, Louis Pepe,
Panorama)

Großbritannien 2005, Buch: Tony Grisoni, Lit. Vorlage: Brian Aldiss, Kamera: Anthony Dod Mantle, Schnitt: Nicolas Gaster, Musik: Clive Langer, mit Luke Treadaway (Barry Howe), Harry Treadaway (Tom Howe), Tania Emery (Laura Ashworth, 1970er), Diana Kent (Laura Ashworth, Gegenwart), Sean Harris (Nick Sidney), Ed Hogg (Chris Dervish), Brian Dick (Paul Day, 1970er), David Kennedy (Paul Day, Gegenwart), Elizabeth Rider (Roberta Howe), Howard Attfield (Zak Bedderwick), James Greene (Brian Aldiss), Jonathan Pryce (Henry Couling, Two-Way Romeo), Ken Russell (Himself), Ray Cooper (Himself), 90 Min.

Auf Filmschulen ist es oft ganz normal, daß die angehenden Filmemacher zunächst einen Dokumentarfilm vorlegen müssen, bevor sie dann ein (Kurz-)Spielfilmprojekt realisieren dürfen, und mitunter vollzieht sich diese Reihenfolge auch in den Filmographien „fertiger“ Filmemacher. Auf der diesjährigen Berlinale stellten etwa Andres Veiel (Der Kick) oder Alrun Goette (Unter dem Eis) nach mehreren Dokumentarfilmen ihren jeweils ersten Nicht-Dokumentarfilm vor, wobei Andres Veiel auch in seinem für den Film adaptierten Theaterstück nach wie vor einen realen Fall „dokumentiert“.
Keith Fulton und Louis Pepe begleiteten unter anderem Terry Gilliam bei den Dreharbeiten zu Twelve Monkeys, und als sie das letzte Mal auf der Berlinale einen Film präsentierten, dokumentierten sie in Lost in La Mancha ausgerechnet, wie selbst bei einem erfahrenen Spielfilmregisseur wie Gilliam die Dreharbeiten seines Don Quixote-Projekts buchstäblich „ins Wasser fallen“ können. Nun eröffneten die beiden mit ihrem Spielfilmdebüt das Panorama und suchten sich dafür ausgerechnet ein fake documentary aus, in dem die unglaubliche Geschichte eines siamesischen Zwillingspaares erzählt wird, das in den 1970er Jahren eine Karriere als Pop- bzw. Punkband anstrebte.
Für den uninformierten Zuschauer, der nicht weiß, daß dieser Dokumentarfilm keiner ist, dürfte es schwer sein, dieses auf Anhieb zu erkennen. Zwar taucht als allererstes ausgerechnet der aus Terry Gilliam-Filmen bekannte Jonathan Pryce (und somit ein Schauspieler) auf, der in einer eigentümlichen Horror-Atmosphäre (inklusive unheilvoller Krähen) am Schicksal der beiden Brüder mitschuldig ist, doch diese Aufnahmen stammen dann aus einem nicht-realisierten Spielfilm über die Howe-Brüder, und Ken Russell, der Regisseur von Two-Way Romeo, gibt dann auch noch selbst Auskunft über seinen Film. Wenn als „The Author“ dann als nächstes Brian Aldiss, der Autor der Romanauflage auftaucht, dürften nur die wenigsten Zuschauer erkennen, daß es sich hierbei (im Gegensatz zu Russell) um einen Schauspieler handelt, und dieses Verwirrspiel beherrschen Fulton / Pepe bis zur Perfektion.
Two-Way Romeo ist auch der Titel des größten Hits der Band The Bang Bang, und ein besonderes Glück für den vermeintlichen Dokumentarfilm Brothers of the Head ist es, daß die Anfangszeit der Band (und somit auch die Entstehung ihres ersten Hits) in den Siebzigern glücklicherweise dokumentiert wurde, und zwar ausgerechnet von einem Studenten von D. A. Pennebaker, wohl einem der bekanntesten Dokumentarfilmer aller Zeiten.
Doch was den Film weit über sein Spiel mit dem Dokumentarischen auszeichnet, ist die eigentliche Geschichte der zwei Brüder, die zwar auch von Zwillingen gespielt werden, sich aber insbesondere in ihrem Verhalten nicht unbedingt ähneln und sich teilweise streiten wie Noel und Liam Gallagher. Die Geschichte der Brüder ist auch die Geschichte einer Frau zwischen ihnen, und so blödsinnig wie eine teilweise heimliche Dreiecksbeziehung bei siamesischen Zwillingen sein muß, so tragisch und zu Herzen gehend ist dieses bizarre love triangle doch. In der Auswahl ihrer Hauptdarsteller haben Pepe / Fulton eine besonders glückliche Hand gehabt, denn auch ohne die Präsentation ihres zusammengewachsenen Stückes Fleisch am Bauch haben die Brüder Treadaway jenes Charisma, das Rockstars auszeichnet, und nicht wenige Zuschauer wollten nach dem Film am liebsten den Soundtrack kaufen.
Durchbrochen wird die Realität des Films (ob als fake documentary oder nicht) meines Erachtens nur durch den musikhistorisch sehr gefälligen missing link zwischen Glam Rock und (sehr frühem) Punk, sowie durch die wahrscheinlich auch schwierig umzusetzende Verbindung zwischen den Brüdern, die mitunter eine Art Kaugummieffekt entwickelt, wenn die beiden mal wieder über den Rasen tollen, und man als Zuschauer befürchtet, es könne sie dabei „zerreissen“. Doch durch die Authentizität der Darstellung nimmt man auch dieses hin.
Und auch die wohl schönste Aufnahme des Films, das freeze frame, das die Brüder am Schluß des Films vereint, funktioniert im dokumentarischen Rahmen des Films nicht unbedingt, doch zu diesem Zeitpunkt ist es bereits offensichtlich, daß sich die Regisseure durch das gewählte Genre des Dokumentarfilms nicht beschränken, sondern beflügeln lassen wollten. Und das ist ihnen gelungen …

Find Me Guilty
(Sidney Lumet,
Wettbewerb)

USA 2006, Buch: Sidney Lumet, T. J. Mancini, Robert J. McCrea, Kamera: Ron Fortunato, Schnitt: Tom Swartwout, Szenenbild: Christopher Nowak, Ausstattung: Ron von Blomberg, mit Vin Diesel (Giacomo „Jackie Dee“ DiNorscio), Peter Dinklage (Ben Klandis), Ron Silver (Richter Finestein), Linus Roache (Sean Kierney), Annabella Sciorra (Belle DiNorscio), Alex Rocco (Nick Calabrese), James Biberi (Frank Brentano), Paul Borghese (Gino Mascarpone), Tim Cinnante (Joey Calabrese), 125 Min.

Der mittlerweile jährige Sidney Lumet gab sein Regiedebüt 1957, also vor fast einem halben Jahrhundert, mit Twelve Angry Men (dt.: Die zwölf Geschworenen), jenem Gerichtsfilmklassiker, in dem Henry Fonda ein Jahr nach Hitchcocks The Wrong Man als Geschworener seine elf Kollegen in einem langwierigen Prozeß davon abhält, ihrerseits den „falschen Mann“ zu verurteilen - auch, wenn alle Indizien auf den ersten Blick gegen diesen sprachen.
An einem Punkt von Lumets Karriere, der selbst bei gutem Willen langsam dem Ende näher kommt (Lumets vorletzter Film, das Cassavetes-Remake Gloria mit Sharon Stone, liegt sechs Jahre zurück) folgt nun ein weiterer Gerichtsfilm, bei dem wieder jemand versucht, die Geschworenen zu überzeugen. Doch diesmal ist es einer von diversen angeklagten Mitglieder einer Gangsterfamilie (“We own New Jersey“), der bereits für ein anderes Vergehen eine 30jährige Haftstrafe absitzen muß, und sich nicht um jenen bekannten Spruch schert, der da lautet: Wer sich selbst verteidigt, hat einen Narren als Klienten.
Vin Diesel, bisher durchweg nur in Action-Knallern à la Triple X, The Riddick Chronicles oder Schwarzeneggers Kindergarten Cop nachempfundenen The Pacifier (dt.: Der Babynator) aufgefallen, spielt diesen „Jackie Dee“, einen vom Pech verfolgten Berufsganoven, dessen Weigerung, zur Linderung seines Strafmaßes seine Kollegen zu „verpfeifen“ hier wie ein bewundernswerter Ehrenkodex dargestellt wird. Lumet, der sich immer gern der Fehler des US-amerikanischen Rechtssystems annahm, spielt hier einen realen Fall nach, der wegen seiner Prozeßlänge in die Annalen der Justizgeschichte (und womöglich das Guiness Book of Records) einging. Das Perfide daran ist, daß die Schuld der versammelten Ganovenvisagen zu keinem Zeitpunkt in Frage steht. Der Gerichtssaal wird zur Bühne eines leidlich begabten Komikers (“I’m not a gangster, I’m a gag-ster!“), und am Ende lachen die freigesprochenen Kriminellen - und der Zuschauer mit ihnen. Lumet lässt keinen inszenatorischen Trick aus, um „Jackie Dee“ zum sympathischen Helden, den Staatsanwalt zum cholerischen Schurken und den Richter ebenso wie die Geschworenen zum Platzhalter für den Kinogänger zu machen. „A laughing jury is not a hanging jury“ - dieser Sinnspruch gilt auch für das Publikum. Von Anfang an fühlen wir mit Jackie mit, der fast nur deshalb ins Gefängnis wanderte, weil ein Verwandter ihn erschießen sollte, diesen Job aber verpfuschte, und Jackie sich weigert, sein allenfalls „verwirrtes“ Familienmitglied anzuschwärzen. Der fiese Staatsanwalt nimmt ihm seinen eingelegenen Sessel weg, woraufhin Jackie wegen seiner Rückenprobleme nachts fast nicht mehr schlafen kann, seine Frau wird von den Wärtern belästigt, und er ist der einzige unter den Angeklagten, der selbst bei einem Freispruch sofort wieder hinter Gittern wandert. Dennoch kämpft er wie ein Löwe (oder eher eine geschwätzige Hyäne?) um „sein“ Recht, und der Zuschauer fiebert mit.
Wenn mit filmischen Mitteln ein Unrecht als Recht verkauft wird oder ein Missstand glorifiziert wird, so nennt man das gemeinhin Propaganda, und unabhängig vom handwerklichen Können wird so etwas verpönt. Im Fall Find Me Guilty hat man es aber um einen der unterhaltsamsten Pro-Gangster-Film aller Zeiten zu tun, und ähnlich wie die Sopranos längst zu TV-Helden geworden sind, ist auch diesem Ganoven, der immerhin Rückgrat und Humor beweist, der Applaus gewiß.
Außerdem hat der Film mit Peter Dinklage, Ron Silver und Annabella Sciorra auch noch (neben Vin Diesel) drei hervorragende Darsteller vorzuweisen, die jeder für sich (und gemeinsam allemal) den Kinobesuch wert sind.

Snow Cake
(Marc Evans,
Wettbewerb)

Großbritannien / Kanada 2005, Buch: Angela Pell, Kamera: Steve Cosens, Schnitt: Marguerite Arnold, mit Alan Rickman (Alex Hughes), Sigourney Weaver (Linda Freeman), Carrie Anne-Moss (Maggie), David Fox (Dirk Freeman), Jayne Eastwood (Ellen Freeman), Emily Hampshire (Vivienne Freeman), James Allodi (Clyde), Charlie (Marylin the Dog), Callum Keith Rennie, 112 Min.

Der Brite Alex Hughes (Alan Rickman) ist gerade aus einem kanadischen Gefängnis entlassen worden, und wäre wohl auch unter anderen Umständen nicht sehr gesprächig, als sich ihm die unerschrockene und etwas geschwätzige 19-jährige Vivienne (Emily Hampshire) aufdrängt - zunächst in einem Truck Stop, weil sie nicht alleine frühstücken will, dann weil sie eine Mitfahrgelegenheit nach Wawa braucht, wo sie ihre Mutter besuchen will. Trotz allem lernen die beiden sich im Gespräch ein wenig besser kennen, doch dann folgt jener abrupte und brutale Autounfall, auf den man auch durch die zwei sich direkt nach dem Vorspann lautstark passierenden Trucks nicht vorbereitet ist, und den Vivienne nicht überlebt. Alex, der eigentlich die Mutter seines verstorbenen Sohnes besuchen wollte, besucht nun erstmal Viviennes Mutter, die autistische Linda (Sigourney Weaver), die zwar die Nachricht, daß ihre Tochter gestorben ist, realisiert, aber nicht in der Lage ist, Trauer zu zeigen.
Alex und Linda sind ein seltsames Paar, und auch wenn Alex sich schon bald häufiger mit der (als Prostituierte verschrienen) Nachbarin Maggie trifft, was wiederum den Polizisten Clyde stört, lebt der Film natürlich vor allem von seinen zwei in Galaxy Quest bereits aufeinander getroffenen Hauptdarstellern, die sich, wie es in solchen Filmen halt immer ist, gegenseitig helfen, ohne es unbedingt selbst wahrzunehmen. Sie spielen gemeinsam „Scrabble mit Comicworten“, tauschen ihre Erfahrungen mit Vivienne aus (“Vivienne once described an orgasm to me. It sounds like an inferior version of what I feel when I have my mouth full of snow“), und letztendlich spielt auch Musik eine große Rolle in diesem Film. Vor allem Viviennes „hinterlassene“ Musik, der beide unabhängig voneinander lauschen (“Stereophonics …“ - „They’re not bad.“ - „I prefer tinnitus.“).
Der vorhersehbare Höhepunkt des Films ist Viviennes Beerdigung, bis zu der Alex bleiben will, und die Linda schließlich mit Unterstützung ihrer Eltern nicht so durchführt, wie die „Nachbarn“ meinen, daß es sich geziemt, sondern … aber das will ich an dieser Stelle nicht vorwegnehmen …
Snow Cake ist eine ähnlich leise Komödie wie Rain Man (“I know all about autism - I’ve seen that movie“, so eine Nachbarin), doch ohne die manchmal störenden didaktischen Anwandlungen und die allzu vorhersehbare Entwicklung des Nicht-Behinderten (dort Cruise, hier Rickman) zum „besseren Menschen“. Rickmans Alex lernt zwar auch dazu, aber er wird nicht völlig verwandelt, nur weil er eine Woche lang mit einer Autistin klarkommen musste. Ganz im Gegenteil, das kleine Detail, daß Alex wegen Mordes im Knast saß, wird nicht einfach gegen Ende unter den Teppich gefegt, weil er sich durch seine Erlebnisse mit Linda „bewährt“ hat. Und das zeichnet den Film aus, wenn man allerdings auch Rain Man damit verteidigen kann und muss, daß das Krankheitsbild des Autisten seinerzeit noch größtenteils unbekannt war - Snow Cake baut sozusagen auf dem Levinson-Film auf, und kann es sich deshalb erlauben, auch mal ganz andere Themen und Figuren anzuschneiden.

The Notorious Bettie Page
(Mary Harron,
Panorama Special)

USA 2005, Buch: Mary Harron, Guinevere Turner, Kamera: Mott Hupfel, Schnitt: Tricia Cooke, Musik: Mark Suozzo, mit Gretchen Mol (Bettie Page), Chris Bauer (Irving Klaw), Lili Taylor (Paula Klaw), Jared Harris (John Willie), Sarah Paulson (Bunny Yeager), Cara Seymour (Maxie), David Strathairn (Estes Kefauver), John Cullum (Prediger in Nashville), Matt McGrath (Nervöser Mann), Norman Reedus (Billy Neal), Ann Dowd (Edna Page), 91 Min.

Bettie Page ist in Deutschland so gar nicht „berüchtigt“, aber wer sich zum Beispiel wie ich für amerikanische Comics interessiert, kommt an diesem Pin-Up-Girl, das zu seinen größten Zeiten etwa so bekannt und beliebt wie Marilyn Monroe war, kaum vorbei, und in meinem Badezimmer hängt beispielsweise ein Air Freshener (Kokos) mit Betties von good girl artist Jim Silke eingefangenem Konterfei. Gerade Zeichner, die gerne weibliche Rundungen einsetzen, lassen sich gerne von Bettie inspirieren, und so sind etwa die weiblichen Hauptfiguren von Comic-Serien wie The Rocketeer (Dave Stevens) oder Liberty Meadows (Frank Cho) Bettie bis ins Detail nachempfundene Platzhalter.
Über das Leben dieser amerikanischen Pop-Ikone wusste ich hingegen vor dem Film so gut wie nichts, und so war es zum Beginn des Films vor allem ein Spaß, wie die 1950er hier in einer etwas schmierigen Art nachgestellt wurden. Männer, die in Trenchcoats mit hochgeschlagenem Kragen durch diverse Regale voller freizügiger Magazine herumirren, bis sie wie die eine Filmfigur schüchtern an der Kasse ihre „besonderen Wünsche“ äußern - selten wirkten verfilmte Klischees so authentisch.
Die Szene endet natürlich mit einer Razzia und führt sofort zu einer Senatsanhörung über den Einfluß pornographischer Materialien auf die Jugend des Landes, wo ein katholischer Priester den schädlichen Einfluß der Pornographie als noch fataler als den des Kommunismus erachtet. Wenn an dieser Stelle des Films Schwarzweißaufnahmen des rauchenden Senator Estes Kefauver aus Tennessee gezeigt werden, ist schon die Wahl des Schauspielers David Strathairn, der ja bekanntlich in George Clooneys Good Night, and Good Luck. den wohl bekanntesten Senator der 1950er bekämpft, ein Garant dafür, daß man sich als Zuschauer auf die Seite von Bettie stellt, die ganz brav gekleidet auf dem Flur auf ihre Anhörung wartet.
Doch nach dieser Einführung geht der Film zurück in die Jugend von Bettie, und die lapidaren Worte des Vaters „Bettie, I wanna see you, come on up“ deuten schon gleich zu Beginn an, daß das Mädchen womöglich sexuell missbraucht wurde. Diese unerfreuliche Sexualität Betties wird weiter zum Zentrum des Films gemacht. Offenbar will jeder Junge im Dorf ein Date mit ihr, und schnurstracks erzählt der Film von Billy Neal, der es sich in den Kopf gesetzt hat, Bettie zu heiraten. Einige Tanzschritte, ein Ehering, zwei Szenen einer erfüllten Ehe, und schon ohrfeigt er sie und sie packt die Koffer. Die satirische Schärfe dieser Ehe in Zeitraffer findet der Film leider nur selten, doch auch wenn der Film ein wenig darunter leidet, daß Biopics möglichst wahrheitsgetreu die Stationen eines Lebens nachzeichnen sollen, ist der Stil der Regisseurin Mary Harron (I shot Andy Warhol, American Psycho) zu jedem Zeitpunkt präsent.
Betties unerquickliche Geschichte spinnt sich mit einer weiteren Einladung zum Tanz fort. Ein ihr unbekannter (und durchaus sympathischer) Mann spricht sie bei einem abendlichen Schaufensterbummel an, ein anderes Paar wartet bereits im Auto und er sucht noch eine Begleitung. Doch das Auto schlägt nicht den Weg zum Tanzsaal ein, plötzlich hält man irgendwo vor einer Scheune, die andere Frau verschwindet und Bettie sieht sich mit sechs Typen konfrontiert, die allesamt dafür bezahlt haben „some kind of satisfaction“ zu erhalten, auch wenn Bettie sich durch ihr „it’s that time of the month“ zumindest eine Massenvergewaltigung erspart.
Bei all diesen Ereignissen ist es zumindest offensichtlich, daß nicht irgendwelche Photos, die Bettie erst später in ihrem Leben schießt, dafür verantwortlich sind, daß sich manche Männer eher wie Tiere verhalten. Und die zweite Frau im Auto ist als Komplizin, die ihre Geschlechtsgenossin ins Messer laufen lässt, mindestens genauso verachtenswert.
Bettie macht dann den „zweiten Platz bei einem Schönheitswettbewerb“ (durch Monopoly inzwischen auch zu einem Klischee verkommen), und ausgerechnet ein Polizist, der „nebenbei auch gern Photos schießt“, führt sie in einen Photo-Club ein, der immer auf der Suche nach Modellen ist. Hierbei ist es aber wichtig, daß nicht „zuviel“ gezeigt wird, ansonsten könnte man schnell mit dem Gesetz in Konflikt kommen …
Die weitere Geschichte Betties soll an dieser Stelle nicht verraten werden, was auch damit zusammenhängt, daß ich die Hälfte des Films, während derer sie noch ein „einfaches Mädchen“ ist, als interessanter und aussagekräftiger empfand. Mary Harron hat man es wohl zu verdanken, daß der Film zu keinem Zeitpunkt so „schmierig“ wirkt wie der „Buchladen“ zu Beginn, doch gerade für ein deutsches Publikum, das womöglich noch nie von Bettie gehört hat, ist wahrscheinlich selbst ein Biopic über Ray Charles oder Bobby Darin interessanter. Einen regulären deutschen Kinostart erwarte ich jedenfalls nicht, als DVD könnte man den Film vielleicht noch an einige Herren mit hochgeschlagenen Kragen vermarkten - und eventuell werden sie den Film nach der Sichtung sogar bei den ganz „normalen“ Filmen einsortieren und nicht bei der Pornosammlung auf dem Dachboden.

The Road to Guantanamo
(Michael Winterbottom & Mat Whitecross,
Wettbewerb)

Großbritannien 2006, Kamera: Marcel Zyskind, Musik: Molly Nyman, Harry escott, mit Farhad Harun (Ruhel) Arfan Usman (Asif), Rizwan Ahmed (Shafiq) Waqar Siddiqui (Monir), Shahid Iqbal (Zahid), Jason Salkey, Jacob Gaffney, Mark Holden (US-Verhörspezialisten), Duane Henry, William Meredith, Payman Bina (US-Wachen), Adam James (US-Geheimdienstler), Ian Hughes (Israelischer Geheimdienstler), Ruhel Ahmed, Asif Iqbal, Shafiq Rasul (als sie selbst, Interviews), 95 Min, Kinostart: 4. Mai 2006

Michael Winterbottom ist bekanntlich ein Regisseur, der sich immer wieder „neu erfindet“. Ein Dutzend Jahre sind vergangen, seit ich auf der Berlinale seinen Butterfly Kiss mit Amanda Plummer sah, es folgten schwelgerische Literaturverfilmungen nach Thomas Hardy (2x) und Laurence Sterne, Liebeserklärungen an die Städte London und Dublin, und so seltsame und eigensinnige Filme wie 24 Hour Party People, Code 46 oder 9 Songs. Außerdem gibt es da noch politisch bedeutsame Filme, die wie Welcome to Sarajevo nahezu dokumentarisch wirken, und nachdem Winterbottom für seinen letzten Berlinale-Beitrag aus dieser Kategorie, In this World, 2003 den Goldenen Bären verliehen bekam, scheint es ein wenig so, als sei The Road to Guantanamo eine Auftragsarbeit, die ihm dann auch diesmal gemeinsam mit seinem ehemaligen Cutter Mat Whitecross (der hier als Co-Regisseur fungiert) den Regie-Preis einbrachte.
Am 11. Oktober 2001, also genau einen Monat nach dem Anschlag auf das World Trade Center, macht sich der junge Brite Asif mit einigen Freunden auf den Weg nach Karachi, um seine Braut kennenzulernen. Dort angekommen, machen sich vier naive junge Männer nach Afghanistan auf, um zu schauen, was dort so „abgeht“, ob sie vielleicht helfen können. Sie wissen nicht, was für eine Sprache man dort spricht, haben nur mal gehört, daß die Brotfladen dort besonders groß sein sollen. In der Nähe von Kandahar verlieren sie einen von ihnen aus den Augen (Kevin allein in Afghanistan?), und schließlich landen die verbleibenen drei dann in einem Gefängnis, wo sie zunächst den Tip anderer Gefangener befolgen, und ihre britische Staatsangehörigkeit für sich behalten, bis sie dann über Kandahars Gefängnis für die gefährlichsten Kämpfer der Al-Quaida nach Guantanamo gebracht werden, wo die menschenunwürdige Zellensituation und die Foltermethoden der Amerikaner ausgiebig vorgeführt werden (an solch einer Stelle darf natürlich ein Nachrichtenauszug nicht fehlen, in dem George W. Bush versichert, daß die Handhabung der Gefangenen den Genfer Konventionen entsprechen - „for the most part“. Mit einem Sack auf dem Kopf sehen unsere von Pizza Hut träumenden Verdächtigen aus wie die Schwerverbrecher in US-Streifen wie Con-Air, und wenn der Verhörer von den naiven jungen Männern wissen will, wo sich Bin Laden aufhält, lachen nicht wenige im Publikum.
Die absurde Situation, die in diesem Film geschildert wird, ändert natürlich nichts daran, daß die hier dokumentierten Missstände anklagenswert sind, doch auch, wenn solche Filme vielleicht auch zu einer verstärkten Bekanntheit dieser Missstände beitragen und womöglich auch daran behilflich sein können, in Zukunft ähnliche Vorgänge früher einzustellen - ich persönlich besuche die Berlinale, um gute Filme zu sehen, die gerne auch mal politisch sein können - und nicht für politische Filme, die hin und wieder auch mal gut sind. Nun ist The Road to Guantanamo in seiner Vermischung von Interviews mit den inzwischen freigelassenen drei Jungs, nachgestellten Spielszenen und „zitierten“ Nachrichtensendungen zur zeitlichen Einordnung des Geschehens nicht so „ärgerlich“ wie andere halb-dokumentarische Filme, bei denen die Grenzen weitaus mehr verwischen, und der Film weiß auch zu unterhalten, doch gerade von Michael Winterbottom habe ich sehr viel mehr erwartet als nur ein Herunterspulen eines bereits erprobten Schemas. In Anlehnung an Kollege Simon Spiegels Rezension von Lars von Triers Manderlay (www.simifilm.ch) muß ich sagen, daß Winterbottom, der wie von Trier nicht immer vollends gelungene, aber zumindest immer interessante Filme vorlegt, es hier geschafft hat, erstmals einen (zumindest filmisch) langweiligen Film vorzulegen. Daß dieser dann auch noch mit dem Regiepreis ausgezeichnet wurde, ist vor allem eine politische Aussage - von allen Wettbewerbsfilmen, die ich während dieser Berlinale sah, hätten gut zwei Drittel diesen Preis eher verdient gehabt.

Candy
(Neil Armfield,
Wettbewerb)

Australien 2005, Buch: Luke Davies, Neil Armfield, Lit. Vorlage: Luke Davies, Kamera: Garry Phillips, Schnitt: Dany Cooper, Musik, Ton-Design: Paul Charlier, mit Heath Ledger (Dan), Abbie Cornish (Candy), Geoffrey Rush (Casper), Tony Martin (Mr. Wyatt), Noni Hazlehurst (Mrs. Wyatt), Tom Budge (Schumann), Roberto Meza Mont (Jorge), Luke Davies (Milkman), 108 Min.

Heath Ledger spielt momentan überall mit: Brokeback Mountain und Casanova starteten im Februar und März, Lords of Dogtown und The Brothers Grimm liegen auch noch nicht lange zurück, und nach all den Rollen als Cowboy, Italiener oder sogar Deutscher spielt er nun seit langem mal wieder in einem australischen Film mit. Laut eigener Auskunft durfte er acht Jahre lang nicht mehr in seinem Heimatakzent vor sich hin grummeln, was er auch zu genießen scheint.
“I wasn’t trying to wreck Candy`s life, I wanted to make mine better“ fasst der von Ledger gespielte Dan seine Ambitionen (offensichtlich im Nachhinein) zusammen. Die Titelfigur Candy wird vom australischen Shooting Star Abbie Cornish (Somersault) gespielt, und zunächst sieht auch alles nach einer fröhlichen love story aus. Einzig der Titel des ersten Kapitels „Heaven“ und die Präsenz von Drogen lassen neben dem Satz von Dan kaum offen, daß es ein böses Ende nehmen wird.
Caspar (Geoffrey Rush), ein väterlicher Freund des Paares, der als Professor immer ein bißchen mehr Geld hat als die beiden und auch gerne etwas vorschießt, fasst das Problem der Sucht einmal wie folgt zusammen: „When you can stop, you don’t want to - When you want to stop, you can’t.“ Was sich irgendwie wie die Arbeitsbedingungen wie Nanny McPhee anhört, und in der Tat - wenn es eines gibt, was man dem Film Candy anlasten kann, dann, daß er das Thema der Heroinsucht verharmlost. Zwar wird in späteren Kapiteln (“Earth“, „Hell“) von einer Fehlgeburt bis zum Strassenstrich alles durchexerziert, was das Leben einer jungen Frau wie die Hölle gestalten könnte, doch auch wenn es mal heißt, „the world is very bewildering to a junkie“, bleibt diese Welt doch fast durchgehend bonbonfarben und harmlos, wie es Rollennamen wie Candy oder Casper (so wie der „freundliche Geist“) ja schon andeuten.
Kreditkartenbetrug und andere Verbrechen, um geld für die Drogen aufzutreiben, werden ebenso amüsant dargestellt wie die skurrile Heirat zwischen Candice und Daniel. Letztendlich scheint die Kraft der Liebe über den Egoismus eines Süchtigen zu obsiegen, und als Zuschauer fragt man sich zumindest, was das Ganze eigentlich sollte. Auch der kreative Ausbruch der ehemaligen Kunststudentin Candy, die plötzlich die gemeinsame Wohnung als Briefpapier missbraucht (ebenfalls wieder in Bonbonfarben und in ästhetischer Vollendung auf dem Filmplakat wiederzufinden), erscheint wie eine ganz nette Idee, kann den Film aber auch nicht mit einer wirklichen Botschaft versehen. Und das ist schade angesichts der mitunter wirklich liebevoll ausgestatteten, erzählten und gespielten Episoden, die aber abgesehen von der Verfilmung eines in Australien recht erfolgreichen Romans nicht wirklich ein Ziel zu verfolgen scheinen.

Coming soon in Cinemania 31 (Aprilwetter im Kino 2006):
Kinostarts März/April, mit Basic Instinct 2, The Big White - Immer Ärger mit Raymond, Drei Grad kälter, Hostel, Ice Age 2 - Jetzt taut’s, Im Schwitzkasten, Noch einmal Ferien, 16 Blocks, Tarnation, The Weather Man.