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Die Box




Oktober 2005
Thomas Vorwerk
für satt.org

Brothers Grimm
USA 2005

Filmplakat

Regie:
Terry Gilliam

Buch:
Ehren Kruger

Kamera:
Newton Thomas Sigel, Nicola Pecorini

Schnitt:
Lesley Walker

Musik:
Dario Marianelli

Production Design:
Guy Hendrix Dias

Darsteller:
Heath Ledger (Jacob Grimm), Matt Damon (Will Grimm), Lena Headey (Angelika), Peter Stormare (Cavaldi), Jonathan Pryce (General Delatombe), Monica Bellucci (Spiegelkönigin), Tomás Hanák (Angelikas Vater), Julian Bleach (Letorc), Mackenzie Crook (Hidlick), Richard Ridings (Bunst)

Kinostart:
6. Oktober 2005

Brothers Grimm

US-Comicserien wie Castle Waiting oder Fables, Filmerfolge wie Shrek und Shrek 2 haben bewiesen, daß der folkloristische Hintergrund der Märchen der Gebrüder Grimm (wenn auch mitunter in der Disney-verpanschten Version) in den Vereinigten Staaten auf nicht wenig Interesse trifft, und so ist es nicht weiter verwunderlich, daß The Brothers Grimm, der neue Film von Terry Gilliam, in den Staaten das beste Startwochenende aller Gilliam-Filme aller Zeiten erzielte. Man sollte aber bei diesen Superlativen nicht aus den Augen verlieren, daß Gilliam zwar diverse Kultfilme wie Brazil, The Fisher King oder 12 Monkeys inszenierte, diese aber mehr oder weniger durchweg an der amerikanischen Kinokasse floppten, wenn auch glücklicherweise nicht ganz so katastrophal wie sein Baron Münchhausen …

Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene

Nun kehrt Gilliam also in das kriegsverwüstete Deutschland des diesmal 18. Jahrhunderts zurück und erzählt seine (oder Drehbuchautor Ehren Krugers?) Version der Erlebnisse der Gebrüder Grimm, die hier zwar auch von Dorf zu Dorf ziehen und so einiges an abergläubischen Ammenmärchen zu Papier bringen, aber eher wie eine Mischung aus den Trickbetrügern aus The Sting und den paranormalen Investigatoren aus The X-Files (oder Sleepy Hollow) daherkommen.

Deutschland befindet sich mal wieder unter französischer Okkupation, der froschfressende Finsterling Delatombe (Jonathan Pryce) und sein italienischer Lakei und Folterexperte Cavaldi (Peter Stormare) bemächtigen sich der unfreiwilligen Dienste der „Grimmi", um andere Glücksritter auf der Aberglauben-Erfolgswelle unschädlich zu machen. Unweit des thüringischen Dorfes Marbaden sind ein knappes Dutzend junge Mädchen verschwunden, wobei dem Zuschauer Ähnlichkeiten mit Rotkäppchen oder Hänsel und Gretel überdeutlich vor Gesicht geführt werden. Doch diesmal ist der Wald tatsächlich lebendig, die böse Königin und der böse Wolf machen gemeinsame Sache, und während der skeptisch-praktisch veranlagte Will recht schnell mit seinem Talent am Ende ist, bleibt es am vertrottelt-verträumten Jacob und einer passend zur Seite stehenden „wahren Liebe", der Zigeunerschönheit Angelika (Newcomerin Lena Headey), hängen, sich gegen zottelige Kindesentführer, eine vom Schönheits- und Jugendwahn besessene Monica Bellucci und die gesammelten französisch-italienischen Schurkenschergensoldaten durchzusetzen.

Im Lande der Gebrüder Grimm wundert man sich mitunter darüber, wie hier die Märchenmotive respektlos ausgebeutet werden, und etwa der (eher aus Amerika als von den Gebrüdern Grimm stammende) Mythos vom Gingerbread Man in eine Mixtur aus Wasserleiche und Golem (guten Appetit!) verwurstet wird, nur um noch ein paar CGI-Effekte einbauen zu können. Als Gilliam-Fan der alten Schule fragt man sich ferner, warum der vormalige Visionär des Kinos heutzutage nicht einmal mehr ein sich dem Zugriff von „Grete“ entwindendes Halstuch mit herkömmlicher Tricktechnik umsetzen kann und alle fünf Minuten eine CGI-Krähe vor der Kamera rumflattern muß, aber auch wenn The Brothers Grimm im direkten Vergleich mit den Gilliam-Filmen der letzten zwanzig Jahre etwas enttäuschend wirkt, funktioniert der Film als 21st century mainstream-Gilliam-Abwandlung und Genre-Mixtur aus The Evil Dead und The Princess Bride (vielleicht The Evil Dead Princess Bride?) immerhin noch besser als das Gros der durchschnittlichen amerikanischen Produktionen. Und auch, wenn der Gilliam-Faktor abgeschwächt erscheint, gibt es noch genügend Momente, die den Kinobesuch belohnen, etwa der „Rapunzel!"-Ruf als „Geronimo"-Ersatz, die sich lasziv räkelnde Großmutter Kröte (CGI kann auch Gutes bewerkstelligen), die bei den Brüdern bevorzugte Version von „a little huff, a little puff“ oder die magische Axt als Ersatz für das aus Vampirromanen gestohlene Kreuz. Und natürlich das exaltierte Schauspiel von Jonathan Pryce (ein Engländer als Franzose), Heath Ledger (ein Australier als Deutscher) und Peter Stormare (ein in Amerika wohnender Schwede als Italiener). Wenn man sich in den Staaten so das Old Europe vorstellt, dann ist das für uns Europäer zumindest unterhaltsam.