Anzeige:
Die Box




August 2005
Thomas Vorwerk
für satt.org

11:14
USA / Kanada 2003

11:14 (R: Greg Marcks)

Buch
und Regie:
Greg Marcks

Kamera:
Shane Hurlbut

Schnitt:
Dan Lebental, Richard Nord

Musik:
Clint Mansell

Opening Titles:
“The Ant Farm“


Darsteller:
Patrick Swayze (Frank), Rachael Leigh Cook (Cheri), Barbara Hershey (Norma), Hilary Swank (Buzzy), Shawn Hatosy (Duffy), Blake Heron (Aaron), Henry Thomas (Jack), Ben Foster (Eddie), Stark Sands (Tim), Colin Hanks (Mark), Clark Gregg (Officer Hannigan), Rick Gomez, Jason Segel (Sanitäter)

86 Min.

Kinostart:
1. September 2005

11:14

Bereits im letzten Sommer beim Fantasy Filmfest abgefeiert, dümpelte dieser Film lange Zeit auf der Start-Liste des Verleihs Solo-Film herum, ehe diese Firma Konkurs anmeldete und nun der ems-Kinoableger 3L endlich dafür sorgt, daß ein paar mehr Leute in den Genuß dieses Films kommen können. Natürlich wird die inzwischen zweifache Oscar-Gewinnerin Hilary Swank ein wenig wie die Hauptdarstellerin des Films präsentiert, doch 11:14 ist ein Ensemblefilm ohne richtige Hauptdarsteller, Hilary Swank hat auch nicht mehr screen time als Patrick Swayze oder Henry Thomas, den man zwei Jahrzehnte nach E.T. noch ohne Probleme wiedererkennt. Und von dem knappen Dutzend immer wieder auftauchenden Darstellern dieses Films fällt keiner negativ auf, alle machen ihre Sache gut, selbst jene, die weniger sympathische Figuren darstellen.

Filmszene
Filmszene
Filmszene
Filmszene

11:14 ist einer jener Filme im Gefolge von Pulp Fiction oder Memento, die sich von der sklavisch chronologischen Erzählung einer Geschichte abwenden und stattdessen die Erzählzeit so hinbiegen, daß sie dem Film unterstützt und die Spannung nur noch vergrößert. Der Film beginnt vielleicht zehn oder zwanzig Sekunden, bevor die Digitaluhr im Auto von Mark auf 11:14 umspringt und ihm plötzlich etwas in die Windschutzscheibe knallt, was sich sehr schnell als menschliche Leiche offenbart. Mark lässt erstmal den Flachmann auf dem Beifahrersitz verschwinden, doch es zählt sicher nicht zu den besten Ideen seines Lebens, die Leiche in eine alte Plane einzuwickeln und im Kofferraum zu verstauen, als - wie sollte es anders sein - ein Polizist des Weges kommt und nicht nur herausbekommt, daß Mark vor einem Vierteljahr seinen Führerschein wegen Trunkenheit am Steuer verlor …

Im Auto des Polizisten sitzen bereits zwei Delinquenten, die Marks Fluchtversuch nutzen, um ebenfalls das Weite zu suchen. Und da einer davon Duffy genannt wird, und Mark auf seiner Flucht ausgerechnet auf einem Friedhof auf eine Bowlingkugel mit eben diesem Namen stößt, ahnt man bereits erste Zusammenhänge, doch nicht nur gibt es in dieser Nacht noch andere Autounfälle, Missgeschicke und einen verpatzten Tankstellenüberfall, vor allem dreht Regisseur und Autor Greg Marcks (bisher einzig durch preisgekrönte Kurzfilme aufgefallen) nach ca. zwanzig Minuten die Uhr zurück und wir begleiten ein anderes Opfer dieser Nacht ab 11:09. Dies geschieht dann noch dreimal, und am Ende der letzten zwanzig Minuten sind wir genau da, wo wir angefangen haben (11:14), und wissen, was die Bowlingkugel auf dem Friedhof soll, wer der Tote auf Marks Windschutzscheibe ist, und welchen Verbrechens sich Duffy schuldig gemacht hat.

In seinem lakonisch schwarzen Humor (“Bist Du gekommen?“) und der mitunter sehr moralischen Bestrafung der Leichtsinnigen und Hinterlistigen erinnert 11:14 an die klassischen EC-Comics, nur das hier keine Monstren, Mumien, Mutationen auftauchen, sondern abgesehen von den Todesfällen und einer klitzekleinen Verstümmelung ein Hund, der etwas von der Windschutzscheibe leckt, das nicht für ihn gedacht war, noch das Gruseligste ist. Auch wenn der ganze Film eine Stunde vor Mitternacht spielt, es einige Verfolgungen im Wald und unangemessene Aktivitäten auf dem Friedhof gibt, ist 11:14 trotz einiger Special Make-Up-Effekte keineswegs ein Horrorfilm, sondern eine pechschwarze Komödie, die dem Zuschauer über die Folgen des ungeschützten Sex aufklärt, ihn instruiert, auf seine Schlüssel aufzupassen oder nicht in einer horizontalen Stellung zu pinkeln.

Auch wenn der Film nicht immer stilsicher ist und die wiederkehrenden Verfolgungsjagden mit verwackelter Kamera den Low Budget-Stil zu sehr repräsentieren, ist 11:14 selbst noch beim zweiten Schauen ein kurzweiliger, amüsanter Streifen mit vielen netten Ideen und einem ausgeklügelten Buch, das sicher auch Quentin Tarantino oder Christopher Nolan gern verfilmt hätten.

Schon beim (animierten) Vorspann fühlt man sich an Dogville, Sin City und Lost Highway erinnert, und auch, wenn Greg Marcks noch am Anfang seiner Karriere ist, zeugt 11:14 von genügend Potential, daß ich noch viele kleine dreckige Filme dieses Regisseurs sehen möchte.