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Juli 2005
 

Cinemania 17:
Smørrebrød für die Welt

Skandinavien, eine meiner persönlichen filmischen Lieblingsregionen habe ich mir bis zum Schluß aufbewahrt, und da der afrikanische Gewinner des Goldenen Bären in keine Schublade passte, krönt Benjamin Happels Rezension zu U-Carmen eKhayelitsha den Abschluß der diesjährigen Berlinale-Berichterstattung. Das mag manchem etwas spät vorkommen, da wir über den Zeitraum von etwas mehr als vier Monaten aber zu über 75 der auf der Berlinale gezeigten Filme Rezensionen zusammengekramt haben (die meisten davon in Cinemania 3, 6-10, 12, 14 und 17 versammelt - benutzt die Suchfunktion …), bin zumindest ich mit dem Zeitplan zufrieden. Dank an meine MitkorrespondentINNen Kathi, Friederike, Mélanie und Benjamin.



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Cinemania 17:
Smørrebrød für die Welt

[Bis auf U-Carmen eKhayelitsha alle Rezensionen von Thomas Vorwerk]

U-Carmen eKhayelitsha
(Mark Dornford-May, Wettbewerb)

Republik Südafrika 2004, Buch: Mark Dornford-May, Charles Hazlewood, Andiswa Kedama, Pauline Malefane, Vorlage (Oper): Georges Bizet, Kamera: Giulio Biccari, Schnitt: Ronelle Loots, Musik: Charles Hazlewood, mit Pauline Malefane (Carmen), Andile Tshoni (Jongikhaya), Zweilungile Sidloyi (Lulamile), Lungelwa Blou (Nomakhaya), Andiswa Kedama (Amanda), Bulelwa Cosa (Mandisa), Ruby Mthethwa (Pinki), 120 min.
[Rezension von Benjamin Happel]


Sie ist sicher eine der bekanntesten Frauengestalten der Kulturgeschichte: Carmen aus Bizets gleichnamiger Oper. Zahllose Adaptionen hat es gegeben, klassische Inszenierungen und moderne. U-Carmen eKhayelitsha verlegt die Handlung des Stücks von Spanien in die Townships Südafrikas, Carmen singt und spricht in Mark Donford-Mays Film Xhosa. Überraschend ist das zu Beginn, und ungewohnt. Die vertrauten Melodien in einer afrikanischen Sprache zu hören, ist ein irritierendes Erlebnis. Eine eigenwillige Ambivalenz entsteht, und diese Ambivalenz ist sicher die große Stärke des Films: Schwer zu sagen, wer hier eigentlich wen kolonisiert – einerseits scheint die Aufpfropfung des westlichen Kulturgutes auf die dem Zuschauer fremde Kultur Symbol für einen Akt der Herrschaft, andererseits ist die Übersetzung der Strophen, die Aneignung der Sprache und damit der Verständnismöglichkeit nicht weniger machtvoll. Dass ausgerechnet Carmen für das Filmprojekt der südafrikanischen Theatergruppe Dimpho Doi Kopane ausgewählt wurde, scheint dabei durchaus logisch – auch hier geht es schließlich um die Machtausübung über Menschen, um Carmens geschickte Inbesitznahme der von ihr begehrten Männer und den Hass, den sie damit auf sich zieht.
U-Carmen eKhayelitsha schwelgt dabei in seinen Bildern – trotz der Kulisse des Townships, die viele andere wohl lediglich zur möglichst effektvollen Inszenierung von Armut genutzt hätten, gibt es hier alles im Überfluss: Farben, Musik, Gesang, die intensive Inszenierung der Darstellerkörper. Schon der Prolog ist eine Konzentration auf das Wesentliche – aus abstrakten roten Farbschlieren bildet sich langsam das Gesicht Carmens heraus, ganz langsam fährt die Kamera auf ihr Gesicht zu, bis ihre Augen die Leinwand füllen. Die Nähe, die man zu Carmen auf diesem Wege erlangt, sie kann sie ebensowenig zulassen wie die Nähe der Männer, die ihr verfallen – und so wird die Kamera auch sehr schnell wieder zurückgeworfen, in einer Schwindel erregenden Fahrt rückwärts durch das Township, bis sie auf einem Außenposten zur Ruhe kommt, den Blick über die ganze Siedlung, Carmen jedoch verloren. Ganz zu Beginn wird somit bereits die Tragik der Figur vorweg genommen, und durch seinen Kurzschluss der filmischen Mittel mit dem Inhalt der Oper gelingt es dem Regisseur, das Stück in die anfangs so ungewohnte neue Umgebung zu übersetzen. Sicherlich fällt er dabei auch manchmal zurück in die üblichen Klischees, die der westliche Zuschauer von Afrika erwartet, einige vermeintlich traditionelle Tänze sicnd eingeflochten, Postkartenbilder aus den Slums. Trotz dieser beinahe zynischen Außenperspektive bleibt U-Carmen eKhayelitsha einer der interessanteren Beiträge des diesjährigen Wettbewerbs.

Angeklagt
(Jacob Thuesen, Wettbewerb)

Originaltitel: Anklaget, Dänemark, Buch: Kim Fupz Aakeson, Kamera: Sebastian Blenkov, Schnitt: Per K. Kirkegaard, Musik: Nikolaj Egelund, mit Troels Lyby (Henrik), Sofie Gråbøl (Nina), Kirstine Rosenkrands Mikkelsen (Stine), Paw Hanriksen (Pede), Louise Mieritz (Pernille), Bodil Jørgensen (Schultherapeuten), Kristian Halken (Bent, Henriks Boss), Charlotte Sieling (Miriam), Søren Malling (Rechtsanwalt), Ditte Gråbøl (Staatsanwältin), Kirsten Olesen (Richterin), 103 Min.

Die kleine Familie von Henrik, Nina und der 14jährigen Stine erscheint zunächst normal bis perfekt, doch die typisch pubertäre Abspaltung der Tochter, die das Familienleben auch zuvor schon schwer machte, manifestiert sich nach einem Gespräch mit einem Schultherapeuten mit einer ungeheuerlichen Anschuldigung. Wie bei Hitchcocks The Wrong Man wird die Geschichte aus der Sicht des Angeklagten Henrik erzählt, dessen Schuld oder Unschuld laut Ausführungen des Regisseurs zwar die Basis, aber nicht die Prämisse des Films ist.
Obwohl Henriks Frau Nina zu ihm steht, verändert sich für ihn alles, und auch der Zuschauer sieht ihn mit anderen Augen, versucht, seinen Blick zu durchdringen, sein Inneres zu erforschen. Ist es nur die pubertäre Rebellion, die Stine dazu veranlasste, sich in ihrem Zimmer einzuschließen ganz wie Sarah Polley in The Sweet Hereafter? Was steckt dahinter, daß Henrik, seit er 16 ist, nicht mehr mit seinem Vater gesprochen hat?
Bei seinem Job als Schwimmlehrer werden ihm die Kindergruppen entzogen, er ist fortan der Spezialist für Senioren. Plötzlich spricht seine joviale Art, sein Auf-die-Menschen-Zugehen gegen ihn. Freundschaften zerbrechen, in der Nachbarschaft wird hinter seinem Rücken über ihn geredet.
Nach 50 Minuten des Films sieht man dann die Anklägerin Stine auch erstmals, zunächst auf einem Fernsehmonitor. Da sie schon zuvor durch rebellische Lügen aufgefallen war, glaubt man ihr vor Gericht nicht, Henrik wird freigesprochen. Doch das Schlimmste steht ihm noch zuvor: das Gespräch mit seiner Tochter, in dem es ums Verzeihen und Ehrlichkeit geht. Ist die Familie noch zu retten, kann man "alles wieder gutmachen"?
Drehbuchautor Kim Fupz Aakeson hatte als Junge mal miterlebt, wie ein 50jähriger Mann aus der Nachbarschaft, der recht beliebt war, plötzlich von einer Frau der Vergewaltigung angeklagt wurde. Ob er schuldig war oder nicht, ob er verurteilt wurde oder nicht, das hat Aakeson nicht mitbekommen. Aber wiedergesehen hat er den Mann danach auch nicht wieder. Auch Jacob Thuesens Film bleibt offen, trotz eines "Geständnisses" weiß man bis zuletzt nicht, ob Henrik der Täter oder nur das Opfer ist, erbarmungslos erzählt der Film seine Geschichte und überlässt das Urteil dem Zuschauer.

Wie im Himmel
(Kay Pollak, Berlinale Special)

Originaltitel: Så som i himmelen, Int. Titel: As it is in heaven, Schweden 2004, Buch: Kay Pollak, Mitarbeit am Buch: Anders Nyberg, Ola Olsson, Carin Pollak, Margaretha Pollak, Kamera: Harald Gunnar Paalgard, Schnitt: Thomas Täng, Musik: Stefan Nilsson, mit Michael Nyqvist (Daniel Daréus), Frida Hallgren (Lena), Helen Sjöholm (Gabriella), Lennart Jähkel (Arne), Niklas Falk (Stig), Ingela Olsson (Inger), Per Morberg (Conny), André Sjöberg (Tore), Ylva Lööf (Siv), Mikael Rahm (Holmfrid), Axelle Axell (Florence), Lasse Petterson (Erik), Johannes Schantz (Daniel mit 7), Anna Lundström (Daniel mit 14), 130 Min., Kinostart: 20. Oktober 2005

Daniel Daréus ist ein berühmter Dirigent, dem aber abseits seiner musikalischen Karriere wenig lebenswertes widerfährt. Durch den immensen Streß seines Jobs erliegt er schließlich einem Zusammenbruch und zieht sich zurück in das Dorf, aus dem er stammt, Norrland, abgelegen im Norden Schwedens. Als Kind wurde er hier gehänselt, wenn er Geige übte, als Prominenter, dessen Identität sich nicht lange verschweigen lässt, wirkt er wie ein Fremdkörper, wenn er barfuss durch den Schnee wandert, Hasen fotografiert oder einen Mantel mit Pelzkragen trägt, den sich hier sonst niemand leisten könnte. Er lebt nun in seiner alten "Folkskola", die er gekauft hat, und es dauert nicht lange, bis man ihn bittet, sich doch mal den lokalen Kirchenchor anzuhören und womöglich einige Ratschläge zu geben.
Vieles von dem, was er bei den Chorproben hört, gefällt ihm, und nach und nach entdeckt er durch sein Engagement mit dem Chor seine alte Liebe zur Musik zurück - und für die junge Lena … Doch natürlich gibt es Ärger im vermeintlichen Paradies, ein eifersüchtiger Chorleiter fühlt sich übergangen, und Conny, der jähzornige Mann von Gabriella, einer der besten Sängerinnen des Chors, ist ausgerechnet einer der Bullys aus Daniels Schulzeit. Was nützt es, wenn Daniel durch die Kraft der Musik die Leute zusammenführt, Gabriella mit einem eigens für sie komponierten Song über sich hinauswachsen lässt, oder den zurückgebliebenen Tore in der dörflichen Gemeinschaft integriert, wenn überall Neid, Eifersucht und Missgunst lauern, und er und Lena sich natürlich ausgerechnet in der Kirche näherkommen. Vieles an Så som i himmelen erinnert an den dänischen Film Oh happy day, der Ende letzten Jahres in die deutschen Kinos kam. Dort waren es ein Gospelchor und ein farbiger Chorleiter, den es aus gesundheitlichen Gründen während einer Welttournee in ein kleines Nest verschlägt, wo auch er in der Kirche eine Sünde begeht, um ganz weltlich (um nicht zu sagen körperlich) dem Himmel näher zu kommen.
Doch Så som i himmelen ist von diesen zwei Filmen klar der gelungenere, kraftvollere, bei dem Drehbuch weniger klischeehaft wirkt, der mit Michael Nyqvist (Der Typ vom Grab nebenan) und Frida Hallgren ("European Shooting Star") zwei überzeugende Hauptdarsteller (und viele gute Nebendarsteller) hat, und dessen Oscar-Nominierung (Bester nicht-englsichsprachiger Film) auch ganz in Ordnung geht. Zu Beginn des Films verliert die Geschichte zwar ein bißchen den Fokus, weil zuviele Nebenfiguren eingeführt werden müssen und man als Zuschauer mitunter nicht weiß, wohin dies alles führen soll, doch spätestens mit sehr intensiven Schlußeinstellungen fügt sich der ganze Film dann zusammen, und man ist froh, daß Regisseur Kay Pollak, dessen letzter Film 1986 am selben Tag in die schwedischen Kinos kam, als Minister Olof Palme ermordet wurde, sich doch noch einmal entschlossen hat, einen Film zu drehen, u.a. auch, weil er seine Frau abends immer von den Chorproben abgeholt hat. In Schweden haben 1,2 Mio. Kinozuschauer Så som i himmelen gesehen - wahrscheinlich waren auch nicht wenige der knapp 700.000 Schweden darunter, die einmal in der Woche in einem Chor singen …

Die Farbe der Milch
(Torun Lian, Kinderfilmfest)

Originaltitel: Ikke naken, Norwegen / Schweden 2004, Buch, Lit. Vorlage: Torun Lian, Kamera: John Christian Rosenlund, Schnitt: Stian Johnsen Musik: Øyvind Staveland, Odin Aarvik Staveland, mit Julia Krohn (Selma), Bernhard Naglestad (Andy), Reidar Sorensen (Gaston, Selmas Vater), Andrine Saeter (AnneLise, Selmas Stiefmutter), Nora (Nora, Selmas Tante), Kim Sørensen (Rikard, Noras Verlobter), Gustav Skarsgård (Der Schwede), Maria Elisabeth A. Hansen (Elin), Marie Kinge (Ingun), 93 Min.

Aufgrund meines rudimentären Wissens über skandinavische Sprachen war mir recht früh klar, daß Die Farbe der Milch keine reine Übersetzung des Originaltitels Ikke naken sein könne, und vor der Vorführung wurde das Rätsel dann auch geklärt: "Nicht nackt" heißt die wortgetreue Übersetzung der ersten Hälfte des Romantitel Ikke naken, ikke kledt, und alle drei Titel klingen zunächst einmal geheimnisvoll.
Die zwölfjährige Selma hat mit ihren zwei besten Freundinnen Elin und Ingun einen Pakt geschlossen: Sie wollen sich nie für Jungs interessieren. Warum auch? Sie scheinen allenfalls Reptiliengehirne zu besitzen, und "Liebe" ist nur ein Euphemismus für eine Naturkatastrophe. Das kann Selma jeden Tag aufs neue erleben, wenn ihre Tante Nora sich mit ihrem Verlobten streitet, und bei Selmas Geburt ist ihre Mutter sogar gestorben, woran ja offenbar auch die "Liebe" schuld war. Doch Elin und Ingun halten sich plötzlich nicht mehr an den Pakt, ganz im Gegenteil, sie scheinen sich plötzlich extrem für Jungs zu interessieren, Selma bleibt mit ihrem Vorsatz allein, weshalb sie auf die glorreiche Idee kommt, sich mit einer Art umgekehrten Psychologie an ihren Freundinnen zu rächen und fortan mit den Jungs herumzuziehen, wodurch sie Elin und Inguns pathetische Versuche des Stalking mal aus einer anderen Perspektive miterleben kann …
Hierbei lernt Selma Andy kennen, der sich wie sie für die Wissenschaften interessiert. Haben wir es hierbei mit einem der wenigen Exemplare des männlichen Geschlechts zu tun, mit denen man sogar etwas anfangen könnte. Jemandem wie den Mann im Mond, einigen Metallica-Mitgliedern und natürlich Orlando Bloom? Doch ehe Selma sich diese Frage beantworten kann, kommt dann "der Schwede" (Gustav Skarsgård, der Bösewicht aus Ondskan / Evil) und bringt Selmas frühpubertären Hormonhaushalt völlig aus dem Gleichgewicht, denn er hat nicht nur einen wohlgestalteten Körper, wie die gesunde jugendliche Neugier Selma offenbart, sondern er bringt ihr auch Dinge bei, die man nicht im Biologieunterricht lernt, zum Beispiel die Farbe der Milch - ungeachtet meiner etwas anrüchigen Umschreibung ist dies etwas eigentlich ganz harmloses, aber dennoch interessantes. Und so (Harmlos, aber interessant) lässt sich auch der Film beschreiben, der neben einer Art humoristischen Prequel zum Coming-of-Age auch atemberaubende Landschaftsaufnahmen zu bieten hat, wie man sie in skandinavischen Kinderfilmen oft als gerngesehenen Bonus bekommt.

The Sun King
(Tomas Villum Jensen, International Film Market)

Originaltitel: Solkongen, Dänemark 2004, Buch: Anders Thomas Jensen, Kamera: Jacob Kusk, Schnitt: Mogens Hagedorn Christiansen, Musik: Jeppe Kaas, mit Nikolaj Lie Kaas (Tommy), Birthe Neumann (Susse), Niels Olsen (Ole Finland), Thomas Bo larsen (Lemming Cook), Peter Gantzler (Johannes), Mira Wanting (Stine), Lotte Andersen (Grethe), Kirsten Lehfeldt (Tommys Mutter), Jens Okking (Tommys Vater), Ole Thestrup (Leif), 88 Min.

Tommy ist 35 Jahre alt, lebt noch bei seinen Eltern (in der Garage), hat Angst vor Frauen, und ist tolpatschig und schüchtern. Gemeinsam mit seinen zwei besten Freunden Ole Finland und Fleming Cook verbringt er seine Zeit in Therapiesitzungen, die so aussehen, als hätte die Zomtec-Belegschaft einen Ausflug an den Set von One flew over the Cuckoo’s Nest gemacht. Plötzlich und unerwartet wird ihm ein Therapieerfolg bescheinigt und er bekommt einen Job zugewiesen, in einer Elektrofirma. Er hat zwar keinen Schimmer von Elektrik oder Elektronik, aber zumindest gibt es keine Frauen in der Firma. Thank God for small mercies! Als einen seiner ersten Jobs wird er zu einer Filiale der Royal-Sonnenstudios geschickt, wo er Susse über den Weg läuft, der frisch verwitweten Erbin des Solar-Imperiums. Sie ist 29 Jahre älter als Tommy, doch das hindert sie nicht daran, sich für den trotz (oder wegen?) seiner Tolpatschigkeit irgendwie liebenswerten Kerl zu interessieren. Und da sie merkt, daß weibliche Annäherungsversuche ihn nur nervös machen, will sie über einen Umweg an ihn heran und bietet ihm den Job als Manager der Sonnenstudios an.
Mit einem solch verantwortungsbewussten Beruf findet sich Tommy aber auch überfordert, und nur seine zwei durchgeknallten Kumpels können ihn dazu überreden, denn sie begreifen relativ schnell, daß Tommy ihnen als Manager ebenfalls gutbezahlte Jobs besorgen kann. Das seltsame Trio wird also auf die bessere Gesellschaft losgelassen, macht beispielsweise einen Jagdausflug zur Katastrophe oder kommt auf die widersinnige Idee, in den Sonnenstudios durch den Verkauf von Bier, Zigaretten und Fast Food eine neue Klientel anlocken zu wollen. Währenddessen lauert Susses missgünstige (ehemalige?) rechte Hand Johannes auf eine Chance, den Störenfried Tommy wieder loszulassen, und Tommy erfährt durch eine junge Angestellte, die sich über den Manager plötzlichen Reichtum erhofft, seine sexuelle Initiation, was durch eine Überdosis Viagra zu einer weiteren Katastrophe wird, die fast schon nicht mehr komisch ist. Ob Tommy und Susse unter diesen Umständen zueinander finden werden, scheint sehr fraglich.
Anders Thomas Jensens neuestes Komödiendrehbuch hat einige gelungene Grundideen, die durch die hochkarätigen Darsteller (Nikolaj Lie Kaas, Peter Gantzler, Lotte Andersen) und die unerschrockene Inszenierung mitunter auch perfekt zünden. Selbst aus Klischees wie dem Eisbärenfell vorm Kamin weiß die Crew noch einige erinnerungswürdige Momente zu entwickeln, doch leider gibt es auch viele weniger gelungene Ideen, und spätestens mit der voraussehbaren Entwicklung der Geschichte wird einiges vom Ausgangsmaterial wieder zunichte gemacht, außerhalb von Dänemark wird dieser Film wohl kaum ein Publikum finden.

Popular Music
(Reza Bagher, 14plus)

Originaltitel: Populärmusik från Vittula , Schweden 2004, Buch: Reza Bagher, Erik Norberg, Lit. Vorlage: Mikael Niemi, Kamera: Robert Nordström, Schnitt: Fredrik Morheden, Anders Refn, Musik: E. Halfdan, mit Max Enderfors (Matti mit 15), Andreas af Enehielm (Niila mit 15), Niklas Ulfvarson (Matti mit 7), Tommy Vallikari (Niila mit 7), Göran Forsmark (Birger), Björn Kjellman (Greger), Gustav Wiklund (Ryssi-Jussi), Sten Ljunggren (Mattis Großvater), Kati Outinen (Päivi, Niilas Mutter), 100 Min.

Die Romanvorlage, nach der dieser Film entstand, ist offensichtlich nicht nur in Schweden bekannt (dort hat man 750000 Exemplare verkauft), die deutsche Übersetzung von Popular Music (veröffentlicht in 23 Ländern) müssen nicht wenige Jugendliche gelesen haben, beim Screening war das Kino jedenfalls rappelvoll und ich hatte den Eindruck, als gehöre ich zu einer bedauernswerten Minderheit, die nie etwas von Mikael Niemi gehört haben.
Allerdings kam ich auch zur Überzeugung, daß der Film für ehemalige Leser weitaus besser funktioniert als für Uninitiierte. Eine bestimmte Art des skandinavischen Humors funktionierte bei mir jedenfalls nicht annähernd so gut wie bei einem Großteil des Publikums, was aber auch damit zusammenhängen kann, daß infantile (hier aber bitterernst gemeinte) Scherze, wie ich sie aus Dumm und Dümmer kenne (angefrorene Zunge), durch eine unappetitliche Befreiungsaktion auch nicht besser werden - Die Rahmenhandlung ließ mich schon gleich auf Sicherheitsabstand gehen.
Nur in Skandinavien kann man als Bewohner eines kleinen Nestes wirklich das Gefühl haben, am Arsch der Welt zu wohnen. Und Vittula liegt nicht nur isoliert irgendwo am Polarkreis, die hier wohnenden harten Männer zeichnen sich auch vor allem durch Ausdauer aus - gegen die lieblose Umgebung, das Tiefkühlklima und die einzigen Formen von Unterhaltung: Wettstreite um Armdrücken, Elchjagden, Saunamarathons und - besonders beliebt - Komasaufen. Für Matti und Niila sind dies keine rosigen Aussichten, doch da kommt der neue Musiklehrer Greger, ein Weichei, das sich dennoch gegen die harten Kerle durchsetzen kann, und offenbart den Jungs in den Sechzigern das Wunder des Rock’n’Roll, das dem Film die eine Szene beschert, die meines Erachtens trotz des eher mauen Gesamtwerkes den Kinobesuch bezahlt macht. Man sieht die Welt aus der Sicht einer aufgelegten Single, alles rotiert, die ganze Welt dreht sich nur noch um diese Musik, und unsere beiden Helden werden durch die Fliehkraft an die Wände gedrückt, die Luft bleibt ihnen weg. Wenn es dem Film öfter gelungen wäre, die Kraft des Buches so auf die Leinwand zu übertragen, hätte man wohl auch ohne Vorwissen mehr Spaß an dem Unternehmen haben können, aber dem war leider nicht so, und deshalb war höchstens noch der kleine Auftritt von Kati Outinen bemerkenswert.


Coming soon in Cinemania 18 (Französische Filmwoche 2005):
Rezensionen zu sechs bis zehn Filmen aus dem Programm, darunter sehr wahrscheinlich Clean (Olivier Assayas), Un fil à la patte (Michel Deville), Rois et Reine (Arnaud Desplechin), Le silence (Orso Miret), Les soeurs fachées (Alexandra Leclère).