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Die Box


 

März 2003
Thomas Vorwerk
für satt.org

Catch me if you can
USA 2002

Catch me if you can (R: Steven Spielberg)

Regie:
Steven Spielberg

Drehbuch:
Jeff Nathanson

Vorlage:
Frank W. Abagnale

Kamera:
Janusz Kaminski

Schnitt:
Michael Kahn

Musik:
John Williams

Animation:
Kuntzel Deygas

Darsteller:
Leonardo DiCaprio (Frank Abagnale jr.), Tom Hanks (Carl Hanratty), Christopher Walken (Frank Abagnale sr.), Natalie Baye (Paula Abagnale), Martin Sheen (Roger Strong), Amy Adams (Brenda Strong), James Brolin (Jack Barnes), Frank Abagnale (französischer Polizist)

Catch me if you can


Catch me if you can (R: Steven Spielberg)Die beste Nachricht zuerst: Trotz einer Laufzeit von 140 Minuten hat man beim neuesten Film von Steven Spielberg ausnahmsweise nicht das Gefühl, daß es besser für den Film gewesen wäre, wenn er eine halbe Stunde früher ein Ende gefunden hätte. Das liegt wahrscheinlich auch daran, daß es sich diesmal nicht um eine dunkle SF-Welt handelt, sondern um eine größtenteils authentische Geschichte aus den 60ern.

Trotz des recht offenen Titels ist es doch ziemlich klar, daß Frank Abagnale, ein von Leonardo DiCaprio überraschend sympathisch dargestellter Gentleman-Gauner, irgendwann gefasst wurde. Warum sonst sollte er wie Arno Funke oder Howard Marks ein Buch über seine kriminelle Vergangenheit geschrieben haben? Um sich zu belasten und seine Verfolger über die Tantiemen-Schecks an sein Versteck kommen zu lassen? Wohl kaum. Und der Film macht dies auch gleich klar, in dem er mit einer Gameshow à la "Was bin ich?" beginnt, in der sich der etwas gealterte Abagnale seiner Taten rühmt. Catch me if you can (R: Steven Spielberg)

Und obwohl man weiß, daß es zwei bis drei Jahre dauern wird, bis Dauerverfolger Hanratty alias Tom Hanks seinen Widersacher dingfest machen wird, kann der Film eine Spannung aufbauen, die man in den letzten, sicher mehr auf Spannung aufgebauten Filmen Spielbergs teilweise vermisst hat.

Ich würde nicht soweit gehen, "Catch me if you can" eine Gaunerkomödie zu nennen, aber mitunter ist der Tonfall schon recht amüsant. Der minderjährige Abagnale gibt sich nacheinander als Lehrer, Pilot, Arzt usw. aus, und lässt sich dabei inspirieren von Helden wie Barry Allen, Dr. Kildare oder James Bond. Insbesondere letzterem scheint er nachzueifern, wenn er seine gefälschten Schecks bevorzugt bei gutaussehenden jungen Bankangestellten einlöst, die er dann danach auch noch zum verlängerten Abendessen überredet. Dabei braucht Mädchenschwarm DiCaprio sich nicht besonders zu verstellen. Catch me if you can (R: Steven Spielberg)

Doch neben dem jungen Gentleman-Gauner, wie er in den Sechzigern verteufelt oft in Kinofilmen auftauchte, ist Abagnale auch ein Heranwachsender, der unter der Trennung seiner Eltern leidet und dem amerikanischen Staat (vertreten durch seine Bankhäuser) heimzahlen will, was dieser (in Form der Steuerbehörde) seinem Vater antat. Christopher Walken als Abagnale sr. überzeugt durch eine ungewohnt menschliche, gar zerbrechliche Darstellung, während die von Nathalie Baye gespielte Mutter größtenteils damit beschäftigt wird, typische Vorurteile gegen Französinnen zu bestärken.

Die andere positive schauspielerische Überraschung ist Tom Hanks, der sich diesmal nicht selbst zu ernst nimmt, sondern den FBI-Verfolger, der immer wieder nasgeführt und gedemütigt wird, ebenso verzweifelt wie psychologisch nachvollziehbar darstellt. Und wenn er hin und wieder wie in der Eclair-Szene dann doch als letzter lacht, fällt es dem Zuschauer leicht, in der Identifikation zwischen den beiden Hauptdarstellern hin- und herzuspringen. Catch me if you can (R: Steven Spielberg)

Doch die herausragendste Errungenschaft des Films ist es, die Sechziger einerseits nostalgisch wiederzubeleben, sie aber andererseits subtil zu hinterfragen. Der animierte Vorspann erinnert an die besten Arbeiten von Saul Bass, doch auch an die "Pink Panther"-Kapriolen, und sogar John Williams, der in den letzten Jahren zum einfallslosesten Filmkomponisten Amerikas degenerierte, kann mit seinem Filmthema durchaus Henry Mancini das Wasser reichen. Hinzu kommen die nur selten protzig wirkenden Bauten (immerhin geht es um Flughäfen und Hotellobbys) und die Photographie Kaminskis, der Pastelltöne betont, aber mitunter auch hinter die Kulissen der 60er blicken lässt, je nachdem, welche Stimmung gerade benötigt wird. Und daß es Spielberg gelingt, die nicht immer witzige Lebensgeschichte Abagnales noch zu überspitzen, ohne daß der Film in seine Einzelteile zerfällt, zeigt, daß er trotz einiger Fehltritte immer noch das Zeug zu einem Weltklasse-Hollywood-Regisseur hat. Den direkten Vergleich mit "Blow", einem doch sehr ähnlichen Film, gewinnt er jedenfalls ohne Anstrengung.