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Die Box


 

Februar 2004
Thomas Vorwerk
für satt.org

Muxmäuschenstill
D 2003

Regie:
Marcus Mittermeier

Buch:
Jan Henrik Stahlberg

Kamera:
David Hoffmann

Darsteller:
Jan Henrik Stahlberg (Mux), Fritz Roth (Gerd Grabowski), Wanda Roth (Kira), Joachim Kretzer (Björn), Günther Volkmann (Pornokonsument), Ruth Peschke (Frau Sabetzki), Markus von Lingen (Sciroccofahrer), Kathrin Spielvogel (Kaufhausdiebin), Lydia Stange (Tüdelchen), Hans-Jürgen Kreiß (Alleinunterhalter), Jaser Abib (kleiner Fettsack), Dirk Wächter (Beckenpisser), Gertrud Meyer (Lehrerin), Milena Dreißig (Mädchen in Freibad), Eddy Scheuzger (Geiger), Peter Hoffmann (Wichser), Engelbert v. Nordhausen (Stimme in Björns Trailer)

ca. 90 Min.

» Unterrrichtsheft zum Film der "Bundeszentrale für Politische Bildung"


Berlinale 2004

Berlinale 2004 (Perspektive Deutsches Kino):

Muxmäuschenstill



Der Titel hört sich an wie der eines Kinderfilms, und auch die Offenbahrung, daß er mit dem Namen der Hauptfigur, Mux, zusammenhängt, wird manchem vielleicht eher abschreckend erscheinen, doch Muxmäuschenstill ist einer der Geheimtips der diesjährigen Berlinale, so witzig, aber dennoch nah am deutschen Alltag wie in den Vorjahren die Filme von Adreas Dresen.
Berlinale (Perspektive Deutsches Kino): Mitfahrer (R: Nicolai Albrecht)

Mux ist ein ehemaliger Philosophie-Student, der immer noch gerne Kant, aber auch Houllebeque zitiert, und der der gegenwärtigen Gesellschaft sein Handeln als Maxime des Lebens aufdrängen will. Mux tritt an gegen Temposünder, Sexualverbrecher, Vandalen und den ganzen Abschaum, aber im Gegensatz zu Travis Bickle schießt er sie nicht wahllos über den Haufen, denn, so Mux: "Das passiert jeden Tag in Deutschland, daß Leute berühmt werden wollen und sinnlose Scheiße machen. Ich kann das nicht. Ich bin da anders." Und so nutzt er genau abgestimmte pädagogische Massnahmen, um die Missetäter über das Unrecht ihres Tun in Kenntnis zu setzen, und sie fortan auf den richtigen Weg zu führen. Dem Scirocco-Fahrer mit dem Bleifuß zwingt er, sein Lenkrad abzuschrauben, den Beckenpisser stellt er in flagranti bloß und einen uneinsichtigen Hundebesitzer drückt er auch schon mal mit dem Gesicht in das Geschäft seines kleinen Lieblings. ("Du bist ein Wiederholungstäter, du Arschloch. Du bist Gift für meine Statistik!")

Da sein "Geschäft" (Geldbußen gibt es nebenbei natürlich auch) floriert, stellt er einen Mitarbeiter ein, den übergewichtigen Langzeitarbeitslosen Gerd, der ihm fortan folgt wie Sancho Pansa und mit der Kamera die Maßnahmen seines "Chefs" dokumentiert.

Trotz der uneigennützigen und ehrenvollen Aufgabe, die sich Mux gestellt hat, gelingt es ihm aber nicht immer, berufliches und privates zu trennen. So gibt es Übergriffe frühere Täter auf das Büro der "Gesellschaft für Gemeinsinnpflege", und nachdem Mux eine überführte Ladendiebin in der Umkleide zwang, das Diebesgut, einen BH, wieder auszuziehen (Gerd filmt mit), gibt er nachher zu, daß ihn die Erniedrigung der Täterin sexuell erregt hätte, was natürlich nicht der Sinn der Sache war. (Und das Gerd später das dokumentarische Material "zweckentfremdet", wollen wir lieber gar nicht erst erwähnen …)

Während Mux sich in die Reinheit und Unschuld einer jungen Provinz-Serviererin namens Kira verliebt (eine Enttäuschung auf beiden Seiten ist vorprogrammiert), verselbstständigt sich der Betrieb mit bezahlten Informanten und früheren Tätern, die jetzt -bekehrt?- mithelfen, Zweigstellen in anderen Städten werden aufgemacht, schließlich will man sogar ins Ausland expandieren …

Muxmäuschenstill lehnt sich stilistisch an Reality-TV-Satiren wie Man bites Dog an, und das kleine Filmteam (der Hauptdarsteller Jan Henrik Stahlberg ist auch der Autor), das sogar aktuelle Ereignisse wie die Love-Parade oder die Überschwemmung in den neuen Bundesländern mit in die Handlung integrieren konnte, besticht durch seinen Mut zum Aktionismus, der aber nie von der eigentlichen Handlung ablenkt, sondern durch unzähliges "Dokumentarmaterial" eigentlich erst die Geschichte trotz aller Absurdität real erscheinen lässt. Muxmäuschenstill ist wirklich ein "Schulungsvideo für Deutschland", das einem einerseits den Niedergang der Gesellschaft vor Augen führt ("Michael Schuhmacher ist ein Held, weil er schnell um die Kurve fahren kann und in die Schweiz flieht, um keine Steuern zu bezahlen"), andererseits aber auch die Grenzen einer Zivilcourage aufzeigt, die in Selbstjustiz ausartet. Und das in einer verflucht komischen, oft die Grenzen des guten Geschmacks durchbrechenden Weise.