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Die Box




Februar 2005
 

Cinemania 6
Berlinale Blancmange

Eines der bösartigsten Prädikate, die man einem Film verleihen kann, ist das des "Euro-Puddings". Weil die besseren der hier besprochenen Filme dies nicht verdienen, wurde diese Ausgabe von Cinemania stilvoller benannt. Die zu früh erfolgte Auswahl der Filme wirft aber ein Licht auf die Berlinale, das sich nur über die ersten Tage halten konnte. Mehr und teilweise viel bessere Filme werden in den nächsten Ausgaben von Cinemania vorgestellt.



Berlinale-Bär

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Cinemania 6:
Berlinale Blancmange


Wenn nicht anders angegeben,
stammen die Rezensionen
von Thomas Vorwerk.

Der wilde Schlag meines Herzens
(Jacques Audiard, Wettbewerb)

Originaltitel: De battre mon cœur s’est arrêté, Buch: Jacques Audiard, Tonino Benacquista, Vorlage: James Toback, Kamera: Stephane Fontaine, Schnitt: juliette Welfling, Musik: Alexandre Desplat, mit Romain Duris (Tom), Niels Arestrup (Robert), Aure Atika (Aline), Linh-Dan Pham (Miao-Lin), Emmanuelle Devos (Chris), Joanthan Zaccai (Fabrice), Gilles Cohen (Sami), Anton Yakovlev (Miskov), Mélanie Laurent (Minskovs Freundin)

Man ist es gewohnt, amerikanische Remakes von europäischen (speziell französischen) Erfolgsfilmen vorgesetzt zu bekommen: Breathless, Three Men and a Baby, The Man who loved Women. Diesmal läuft es andersherum, denn De battre mon cœur s’est arrêté ist ein Remake des (mir leider nicht bekannten) US-amerikanischen Films Fingers (James Toback, 1978), dessen Inhalt im Fischer Film Almanach 1982 wie folgt zusammengefasst wird:
"Ein angehender Pianist treibt nebenbei Spielschulden für seinen Vater ein. Von der Diskrepanz zwischen seinen künstlerischen Idealen und dem Milieu seines Vaters angeekelt, flüchtet er sich in die Liebe zu einem Mädchen, das seinem Zuhälter hörig ist. Als er erfährt, daß sein Vater von Schuldnern ermordet wurde, ist er völlig deprimiert. Er spürt die Gangster auf und bringt sie gnadenlos um."
Jeden Satz dieser Inhaltsangabe kann man im Remake wiedererkennen, und doch weicht der Inhalt des moderneren Filmes pro Satz in mindestens einem Detail von seiner Vorlage ab. So sind etwa die Hauptfigur, deren Vater und der Zuhälter in De battre mon cœur s’est arrêté allesamt zur aktuellen Form von Gangstern geworden: Zu Maklern, die mit Ratten, Baseballschlägern und anderen Arbeitsmethoden, die eher an Schutzgelderpresser erinnern, dafür sorgen, Mieter ebenso wie Hausbesetzer schnell loszuwerden, dann Häuser aufkaufen und mit hohem Gewinn wieder abstoßen.
Die im Original von Harvey Keitel gespielte Hauptrolle wird hier vom gutaussehenden und begabten Nachwuchsschauspieler (kolossal, wie er in Sekundenbruchteilen seine Mimik ändern kann) Romain Duris (L’auberge espagnole) ausgefüllt, und wer das sehr schöne Plakat zum Film gesehen hat, wird sich vielleicht an Keitels Auftritte in Scorseses Mean Streets oder Tarantinos Reservoir Dogs erinnert fühlen. Als angry young man beherrscht Duris hier jede seiner Szenen, er überzeugt als (fast) skrupelloser Schlägertyp ebensosehr wie als sensibler Musiker, der aber unter Dauerstrom steht und sein Talent nur selten ausleben kann. Die emotionale Intensität seiner Darstellung wird nicht nur vom (an Duris Stelle) mit dem Silbernen Bären ausgezeichneten Filmmusik (neben klassischer Klaviermusik vor allem durch dumpfe Elektroklänge als Entsprechung des überhöhten Pulsschlags) getragen, sondern vor allem durch die Kameraarbeit. Dunkel bis an die Grenzen der Wahrnehmung, verwackelt und fast klaustrophobisch überträgt sich über die Bildausschnitte die Verfassung von Tom auf den Zuschauer. Wie ein Tier in einem Käfig scheint er sich ruhelos durch sein Leben zu bewegen, nur in wenigen (natürlich dramaturgisch wichtigen) Momenten öffnet sich die Kamera dem Raum und dem Tageslicht, zeigt einen Ausweg aus dem "Hexenkessel" des kaum noch legalen Milieus.
Wie jedem guten Remake gelingt es auch De battre mon cœur s’est arrêté, dem Original noch etwas hinzuzufügen (das behaupte ich jetzt mal, ohne Fingers gesehen zu haben), etwa die Klavierstunden mit einer Chinesin, die neue Möglichkeiten der Kommunikation eröffnet, die gelungene Episode über die "Rache" an der Freundin eines russischen Gangsters, die Treffen mit der "Verlobten" seines Vaters und vieles mehr. Obwohl ich ein großer Anhänger von Harvey Keitel bin, erwarte ich nicht, daß mir das Original (das ich mir auf jeden Fall bald besorgen werde) besser gefällt als dieser Film, der in meinen Augen der Beste des diesjährigen Wettbewerbs der Berlinale war - mit Abstand. (Allerdings habe ich aber auch Tsai Ming Liang verpasst)

Yes (Sally Potter, Panorama)

[Rezension von Kathi Hetzinger]

UK 2004, Buch: Sally Potter, Kamera: Alexei Rodionov, Schnitt: Daniel Goddard, Musik: Sally Potter, mit Joan Allen (Sie), Simon Abkarian (Er), Sam Neill (Anthony), Shirley Henderson (Putzfrau), Samantha Bond (Kate), Stephanie Leonidas (Grace), Sheila Hancock (Tante), Gary Lewis (Billy), Wil Johnson (Virgil), Raymond Waring (Whizzer), 95 Min.

Sally Potter (Orlando, 1992) hat mit Yes eine poetisch-philosophische Studie über den modernen Menschen vorgelegt, die ihresgleichen sucht. In Bildern, denen man die Herkunft der Regisseurin vom Experimentalfilm anmerkt, und Dialogen, die in Versen gesprochen werden, nähert sie sich ihren Charakteren; sie erzählt von der leidenschaftlichen Liebe auf den ersten Blick einer nordirischen, jedoch in den USA geborenen und in England lebenden Mikrobiologin (Joan Allen) und einem Chirurgen aus Beirut, der aus seiner Heimat fliehen musste und nun in London als Koch arbeitet (Simon Abkarian). Diese Biographien, ebenso wie die Tatsache, dass weder sie noch er einen Namen haben, machen deutlich, dass es der Regisseurin um mehr geht als die Darstellung des Schicksals zweier individueller Persönlichkeiten. Die Frau ist mit einem Politiker (Sam Neill) verheiratet, der nicht nur seine Frau betrügt, sondern im Laufe der Jahre auch seine eigenen Ideale verraten hat. Zum Ensemble gesellt sich außerdem noch eine Figur, die für gewöhnlich kaum wahrgenommen im Hintergrund agiert, hier jedoch im Zentrum des Films steht: die Putzfrau (Shirley Henderson). Noch weiter entfernt von einer realistischen Charakterdarstellung fungiert sie als neutrale Instanz, wie eine weiße Fläche, auf der sich das Geschehen distanziert und analytisch betrachten lässt. Vor ihr bleibt kein Schmutz verborgen.
Die Liebe zwischen den beiden Hauptfiguren, die neben Geschlecht auch Rasse, Nationalität und Religion überschreitet, führt für sie und ihn zu unvermeidlichen Problemen miteinander. Sally Potter begann die Arbeit an Yes kurz nach den Anschlägen vom 11. September; das drängende Bedürfnis, filmisch auf die weltpolitische Atmosphäre zu reagieren, ist dem Film anzumerken. Die schwierige Beziehung wirkt wie ein Katalysator auf das bisher mehr oder weniger geregelte Leben der beiden Protagonisten, in dem sich die innere Unruhe unter einer ruhigen Oberfläche verbarg. Ortswechsel, von London über Beirut und Belfast nach Havanna, versinnbildlichen die Reise, die die beiden zusammen beginnen und beenden, in deren Verlauf sich jedoch jeder mit sich selbst auseinandersetzen muss. Einiges bleibt dabei auf der Strecke.
Viele Themen kommen in Yes zur Sprache, man könnte meinen zu viele: Politik, Religion, Geschlechterrollen, Liebe und Tod sind dabei nur die wichtigsten. Aber trotz oder neben aller Komplexität und Aktualität, ist Yes vor allem ein poetischer Film. Die jambischen Pentameter der Dialoge erinnern an Shakespeare, aber auch an Hip Hop; die Sprache ist rhythmisch, modern, intelligent. Auch die Bewegungen der Körper, die Gesten, Tänze, die Blicke folgen einer Choreographie, die ebenso poetisch ist wie die Sprache, sei es in der Hitze der Leidenschaft oder des Konflikts. Es bedarf dieser Utopie der perfekten Kommunikation, um die Widersprüche der Welt zu überbrücken; dieser Herausforderung stellt sich der Film. Die Herausforderung für den Zuschauer ist es, sich auf das Experiment, die politische Lyrik, einzulassen. Schafft man es, wird man belohnt.

Man to Man (Régis Wargnier, Wettbewerb)

Frankreich / Großbritannien / Republik Südafrika 2004, Buch: William Boyd, Régis Wargnier, Idee: Michel Fessler, Frédéric Fougea, Kamera: Laurent Daillard, Schnitt: Yann Malcor, Musik: Patrick Doyle, mit Lomama Boseki (Toko), Cécile Bayiha (Likola), Joseph Fiennes (Jamie Dodd), Hugh Bonneville (Fraser McBride), Iain Glen (Alexander Auchinleck), Kristin Scott Thomas (Elena van den Ende), 122 Min.

Der Eröffnungsfilm der Berlinale 2005 stammt von Régis Wargnier, einen Regisseur, den ich über den Umweg von Brian DePalmas Femme Fatale als Regisseur eines anderen Eröffnungsfilms, Est-Ouest (Cannes 2000) kenne, von dem ich aber noch keinen ganzen Film zuvor gesehen hatte, nicht einmal seinen Oscar-Gewinner Indochine. Doch schon diese beiden Filmtitel gaben mir das Gefühl, es mit einem doch irgendwie politischen Regisseur zu tun zu haben.
Man to Man beginnt 1870 im afrikanischen Dschungel mit der Gefangenname zweier Pygmäen, aus deren Sicht man zumindest die ersten Einstellungen des Films sieht. Doch dann kommen Joseph Fiennes und Kristin Scott-Thomas ins Bild, und man weiß natürlich, daß dies die Hauptdarsteller sind. Doch … insbesondere Fiennes ist zu Beginn des Films nicht eben ein Sympathieträger, und so sah ich den Film auch weiterhin aus der Sicht der zwei Pygmäen, die gemeinsam mit anderer lebender Fracht der Tierhändlerin Elena van den Ende (Kristin Scott Thomas) im Bauch eines Schiffes eingesperrt werden, um im Heimatland des schottischen Biologen Jamie Dodd (Joseph Fiennes) als Basis eines wissenschaftlichen Durchbruchs untersucht zu werden.
Die beiden Musterexemplare werden zunächst von Tigern und Kakadus kaum unterschieden, einzig als es um die Gefahr geht, vom Zoll als Sklavenhändler fehlinterpretiert werden zu können, attestiert man ihnen überhaupt eine Ähnlichkeit zu (Unter-)Menschen, sie werden als Menschenaffen deklariert und vorsichtshalber bei der Zollüberprüfung versteckt.
Doch während der Film einerseits den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Status der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts repräsentiert, rückt die Inszenierung den Zuschauer ganz bewusst auch immer wieder auf die Seite der Pygmäen, man sitzt mit ihnen im Käfig und schaut zu den größeren Kaukasiern auf, wenn auch nicht eben in Bewunderung. Der Figur des Jamie Dodd kann man immerhin eine obsessive Sorge um seine Untersuchungsobjekte anrechnen, für die er auch mehrfach seine Gesundheit aufs Spiel setzt, um vom "Männchen", das definitiv mehr als nur animalische Instinkte besitzt, mehrfach angegriffen zu werden. Dennoch beginnt sich aber schon während der Überfahrt eine gewisse "Freundschaft" zwischen Dr. Dodd und Toko (Lomama Boseki) zu entwickeln, was bei der Ankunft in Schottland von Dodds Kollegen Auchinleck (Iain Glen) und McBride (Hugh Bonneville) nicht geteilt wird. Insbesondere für Auchinleck geht es weniger um eine Untersuchung der Lebensumstände als um eine Ausmessung der Schädelstruktur etc., um Ergebnisse, die der bereits vorformulierten Theorie nur noch angeglichen werden müssen. Rhetorik ist auf dem Weg zum wissenschaftlichen Ruhm wichtiger als Unvoreingenommenheit. Und so werden die Lebensumstände und die Überlebenschancen für Toko und seine Likola (Cécile Bayiha) zunehmend düsterer, ehe Joseph Fiennes sich doch noch zum Helden der Wissenschaftlichkeit und Humanität aufschwingen kann und rettet, was noch zu retten ist.
Während ich in der ersten Hälfte des Films durchaus meine Probleme hatte mit der Zerrissenheit zwischen dem Fokus der Geschichte und seiner Inszenierung, und alles danach aussah, als würde es zumindest für die Pygmäen, aber auch den einen oder anderen aus deren neuem schottischen Umfeld immer schlimmer und schlimmer werden, wurde Man to Man dann in der zweiten Hälfte durchaus zu einem mitreißenden Film, der mit spannenden Entwicklungen aufwarten konnte, und irgendwann fühlte ich mich dann auch wie ein etwas distanzierter, aber durchhaus gut unterhaltener Anthropologe, der zusah, wie die "Gefangenen der Leinwand" untereinander agierten und reagierten. Man to Man pendelt zwar ein wenig zu sehr zwischen historisch politischer Unkorrektheit und übertriebenem Gutmenschentum, doch besser, als er von der Kritik verschrien wurde, ist der Film allemal, und die nächsten vier Wettbewerbsbeiträge (Thumbsucker, Asylum, Provincia Meccanica und Les temps qui changent) waren allesamt weniger interessant. Außerdem hat Lomama Boseki mit seiner Darstellung des Toko den Silbernen Bären sicher eher verdient als der Knabe aus Thumbsucker.

La vita che vorrei (Giuseppe Piccioni, Panorama)

[Rezension von Kathi Hetzinger]

Deutscher Titel: Das Leben, das ich immer wollte, Italien, D 2004, Buch: Giuseppe Piccioni, Linda Ferri, Gualtiero Rosella, Kamera: Arnaldo Catinari, Musik: Michele Fedrigotti, Schnitt: Simona Paggi, mit Luigi Lo Cascio (Stefano), Sandra Ceccarelli (Laura), Galatea Ranzi (Chiara), Fabio Camilli (Raffaele), Ninni Bruschetta (Luca), Camilla Filippi (Monica), Paolo Sassanelli (Diego), Roberto Citran (Giordani), 139 Min.

Wieder einmal ein Berlinale-Film, der vor dem Hintergrund des Filmemachens spielt (wie dieses Jahr z.B. auch Childstar oder The Dying Gaul), genauer eine Nahaufnahme des Schauspiels: Was ist die beste Methode, in eine Rolle zu schlüpfen, und wie geht man erfolgreich die Gratwanderung zwischen Realität und Fiktion, wenn die Fiktion tatsächlich zur zweiten Haut wird? Diese Fragen stellen sich Laura (Sandra Ceccarelli) und Stefano (Luigi Lo Cascio), die sich während eines gemeinsamen Filmdrehs (einer italienischen Version der Kameliendame) ineinander verlieben. Nicht nur die heimliche amour fou zwischen der attraktiven Neuentdeckung und dem etablierten Filmstar spiegelt sich in ihrem Drehbuch, auch die unvermeidbaren Probleme dieser Verbindung verlaufen zum Teil direkt parallel mit dem Dreh des Kostümfilms.
Stefano sieht seinen Job ziemlich pragmatisch: wenn er am Set ist, spielt er, verlässt er das Set, ist er wieder er selbst. Er nimmt das "Spielen" in Schauspiel wörtlich. Doch er bekommt schnell mit, dass die mysteriöse Laura etwas anders an die Sache herangeht, mehr nach Method Acting-Manier; nicht nur ihm, auch dem Zuschauer fällt es schwer, Lauras tatsächlichen Charakter einzuschätzen. Nach außen gibt sie sich, als ob ihr die Arbeit nicht viel bedeute, dennoch tut sie scheinbar (wirklich) alles, um ihren Erfolg zu sichern. Kein Wunder, dass Stefano beginnt, sich zu fragen, wie viel an ihrer Liebe hinter der Kamera echt ist. Es bräuchte schon einen eindeutigen Beweis, um ihn zu überzeugen und ihn auch die tief sitzende Rivalität zwischen Kollegen vergessen zu lassen.
Es ist wohl kaum notwendig, zu erwähnen, dass ein solcher Film ohne hervorragende Schauspieler kaum durchführbar wäre. Luigi Lo Cascio, der seine Karriere am Theater begann, und Sandra Ceccarelli standen bereits 2001 in Piccionis The Light In My Eyes gemeinsam vor der Kamera; Ceccarelli erhielt für ihre Leistung damals den Coppa Volpi in Venedig. Mit fast dokumentarischer Genauigkeit setzt sich La vita che vorrei denn auch mit seinem Thema auseinander; am Rande schleicht sich auch ein wenig Kritik am Betrieb hinter den Kulissen der Traumfabrik ein, an der Selbstverständlichkeit, mit der Schauspiel (das manch einer ja auch schon als Euphemismus für Heuchelei bezeichnet hat) zum Business gehört, vor und vor allem auch hinter den Kulissen. Die unterschiedlichen Formen des Schauspiels, die großen Gesten des Kostümfilms und die verhalteneren Reaktionen im Leben, spiegeln sich auch im visuellen Stil des Films, der zwischen schwelgerisch opulenten, aufwändig gestalteten Bildern des Film-im-Film-Sets und den etwas zurückhaltender, nüchterner, aber nicht weniger sorgfältig inszenierten Blicken auf das Privatleben der Schauspieler hin und her wechselt. Und obwohl der Film diese Gegenüberstellung auf mehreren Ebenen aufbaut und von ihr lebt, schafft er es doch zumeist, nicht in plumpe Offensichtlichkeit abzudriften. Dazu bleibt Piccioni, vor allem am Ende seiner Geschichte, zu dicht an den Charakteren, die auch ohne die Doppelung durch den Film im Film markant und vielschichtig sind.

Sorry for Kung Fu (Ognjen Svilicic, Forum)

Originaltitel: Oprosti za Kung Fu, Kroatien 2004, Buch: Ognjen Svilicic, Kamera: Vedran _amanovic, Schnitt: Vjeran Pavlinic, Musik: Ognjen Svilicic, Maro Market, mit Daria Lorenci (Mirjana), Vera Zima, Filip Rados, Vedran Mlikota, Luka Petrusic, 71 Min.

Aus Deutschland ausgewiesen, kehrt Mirjana in ihre kroatische Heimat zurück, und schafft es nach einigen Anläufen zumindest, ihrem Vater ihre Schwangerschaft zu beichten. Dieser ruft gleich einen Cousin an, der in der Folge einige Heiratskandidaten anschleppt, die zwar allesamt kein Problem damit haben, daß ihre Zukünftige bereits in anderen Umständen ist, aber dementsprechend auch selber zur heiratstechnischen "Ausschußware" gehören, und auf "normalem" Weg sicher nicht allzu schnell eine Ehepartnerin gefunden hätten.
Außerdem ist Mirjana auch gar nicht an einer Heirat interessiert und weiß, wer der Vater ihres zukünftigen Sohnes ist - nicht etwa ein Deutscher, was für den Vater schon ein worst case scenario gewesen wäre, sondern ein Asiate, was natürlich spätestens mit der Geburt kein Geheimnis mehr bleiben wird. Die Parade der Heiratskandidaten bringt etwas Humor in die Geschichte, die eigentlich von der patriarchalen Unterdrückung bestimmt wird. Einer der Heiratskandidaten arbeitet mit einem Minenräumgerät, was vielleicht auch etwas mit seinem geistig etwas verwirrten Zustand zutun haben könnte. Mate sucht unter dem Traktor nach Kaninchen, scheint Mirjana aber immerhin etwas besser zu gefallen.
Nachdem es mit Mate immerhin zu einer Teilübereinkunft kommt, gebiert Mirjana ihr Kind, von dessen Herkunft ihr Vater noch immer nichts ahnt. Doch wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Kunde von der vermeintlichen Schmach der Tochter, als Mate in einem Supermarkt einkauft, wird ihm Reis empfohlen und auf der Straße über sich flachwitzige Kroaten in Kung Fu-Bewegungen.
Oprosti za Kung Fu lebt wie viele Forum-Filme vor allem von der Exotik des Landes, in dem er entstand. Die seltsame Mischung aus Humor und Satire dem eher ernsten Thema funktioniert ebenso wie das eher langsame Tempo des Films sicher nicht für jeden, aber einige Momente, insbesondere im Zusammenhang mit dem Minenräumgerät funktionieren universell überall.

Violent Days (Lucile Chaufour, Forum)

[Rezension von Mélanie Chebance]

Frankreich 2004, Buch: Lucile Chaufour, Kamera: Dominique Texier, Nicolas Eprendre, Bertrand Mouly, Musik: Lucile Chaufour, Thomas Couzinier, mit Frédéric Beltran, Franck Musard, François Mayet, Serena Lunn, 80 Min.

Der in schwarz-weiß gedrehte Film folgt einer Gruppe von Rüpeln, die in Paris ein mieses Leben führen. An einem Wochenende besuchen François und Frédéric ihren Kumpel Franck und seine sanfte platinblonde Freundin. Zusammen versuchen sie ihre harte Existenz und niedrigen Status mit Rock & Roll und unmäßigem Biertrinken zu vergessen. An diesem Samstag fahren Sie los in Richtung Westküste, um ein Konzert in Le Havre zu sehen. In Rockabilly-Klamotten und einer veralteten Karre mit lauter Fünfziger-Jahre-Musik machen sie sich auf dem Weg. Franck setzt sich allmächtig ans Steuer. Man spürt, obwohl kaum jemand spricht, dass diese kleine Clique am Rand der Gesellschaft lebt, eingeschlossen in einer proletarischen Rock'n'Roll-Szene, die jederzeit in Gewalt explodieren könnte. Die Frau ist Opfer der Grobheit dieser Männer und die einzige, die sich mutig traut zum Beispiel gegen Francks Fahrweise zu protestieren. Sie ist deshalb auch die einzige Figur, mit der man sich identifizieren kann. Sie allein bleibt geheimnisvoll und man behält das Interesse an ihr als Zuschauer: wir würden sie gerne davon laufen sehen, baden gehen, das Leben genießen und einen netteren Kerl kennen lernen. Wir fürchten um ihr fragiles Leben, besonders als das männliche brutale Publikum vom Konzert zu streiten anfängt und als ein brutaler Macho-Kerl sie anbaggert. Aber es gibt keinen Weg raus für sie und der Film ist in dieser zeitlosen düsteren, geschlossenen und etwas klischeehaften Welt der Arbeiter, wo Männer Machos und Frauen Lämmer sind, gefangen. Interessant sind aber trotzdem die Bilder, die in der Montage immer wieder auftauchen, in denen die Regisseurin die alltäglichen Jobs ihrer verlorenen Figuren zeigt, und uns dabei hilft, deren Dasein in einem tieferen sozialen Kontext zu betrachten. Aber auch die Schönheit der Schauspielerin Serena Lunn kann kaum einen Film retten, der trotz schöner Momente leider viel zu langatmig und trocken bleibt. Man freut sich, dass das Forum der Berlinale die kürzere Fassung ausgewählt hat, es soll auch noch Versionen mit 95 und 106 Minuten geben.

Les temps qui changent (André Téchiné, Wettbewerb)

Frankreich 2004, Int. Titel: Changing Times, Buch: André Téchiné, Laurent Guyot, Pascal Bonitzer, Kamera: Julien Hirsch, Schnitt: Martine Giordano, mit Catherine Deneuve (Cécile), Gerard Depardieu (Antoine), Gilbert Melki (Nathan), Lubna Azabal (Nadia / Aicha), Malik Zidi (Sami), Tanya Lopert (Rachel), Jabir Elomri (Said), 98 Min.

Ein weiterer Grundstein des erschreckend schlechten Starts des diesjährigen Wettbewerbs war eigentlich ein Hoffnungsträger, denn André Téchiné hat uns mit Filmen wie Les voleurs (1996) oder zuletzt Loin (2001) eigentlich immer hochkarätiges und durchaus innovatives Kino geboten, doch Les temps qui changent zeigt, wie sich die Zeiten geändert haben …
Der Architekt Antoine (Depardieu) reist nach Tanger, um die Fertigstellung eines Medienzentrums zu überwachen. Nebenbei arbeitet hier aber auch die große Liebe seines Lebens, Cécile (Deneuve) als Radiomoderatorin. Für über dreißig Jahren verband die beiden mal eine heiße und innige Liebe, jetzt lauscht Antoine ihrer Stimme aus dem Radio, während sie ihn längst vergessen hat und mittlerweile auch schon länger mit einem jüngeren Arzt (Gilbert Melki) mit südländischer Abstammung und jüdischer Religion verheiratet ist. Der gemeinsame Sohn Samy wohnt in Paris und besucht seine Eltern in den Sommerferien, zusammen mit seiner Freundin Nadia, die auch noch einen Sohn von einem anderen, unbekannten Mann dabei hat und in Tanger ihre Zwillingsschwester Aicha aufsuchen will.
Das in die Jahre gekommene Traumpaar Deneuve/Depardieu ist nur ein Teil eines Ensemblefilms, der auf keiner Ebene überzeugen kann. Wenn Gilbert Melki mal von seiner Gattin gesteckt bekommt, daß sein Sohn schwul sein könnte, so ist dieser Moment des déjà vu für jeden, der Crustacés et coquillages gesehen hat, noch einer der Höhepunkte des Films, der zwar einige nette Ideen versammelt, aber zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd das Interesse des Zuschauers fesseln kann.
Die schauspielerische Leistung der Doppelrolle von Lubna Azabal und die mitunter inspirierte Kameraführung sind noch das bemerkenswerteste an diesem Film, der weder einen Stil noch ein Ziel findet.

Provincia Meccanica (Stefano Mordini, Wettbewerb)

Int. Titel: Smalltown, Italy; Italien 2004, Buch: Silvia Barbera, Stefano Mordini, Kamera: Italo Petricione, Schnitt: Massimo Fiocchi, Musik: Fabio Barovero, mit Stefano Accorsi (Marco), Valentina Cervi (Silvia), Ivan Franek (Dragan), Miro Landoni (Quarto), Silvia Pasello (Gabriella), 107 Min.

Mit großem Vorsprung erringt dieser Film den Titel des langweiligsten, nichtssagendsten Film des diesjährigen Wettbewerbs der Berlinale. Hier fragt man sich wirklich, ob nur eine Quote erfüllt werden sollte und man einfach einen "gesamtitalienischen" Film im Wettbewerb haben wollte. Ansonsten gab es bei dieser Berlinale auch größtenteils nur Co-Produktionen mit italienischer Beteiligung, die dabei so italienisch wirkten wie Hotel Rwanda oder Sokurovs Solzne oder den "drittelitalienischen" Episodenfilm Tickets (Ermanno Olmi), der ebenso "außer Konkurrenz" lief wie Antonionis "Berlinale Special"-Beitrag oder ein "Carte Blanche"-Beitrag des Forums über Pasolini. Doch wenn der Berlinale-Wettbewerb partout nicht ohne italienischen Film stattfinden kann, warum hat man dann nicht lieber La vita che vorrei (Panorama) ausgesucht? Eine Frage, die niemand beantworten kann und die außer mir wahrscheinlich auch niemanden interessiert.
Marco und Silvia führen eine unkonventionelle Ehe, insbesondere die nur rudimentär vorhandene Erziehung der Kinder stößt manchem sauer auf. Silvia sieht sich nicht einmal veranlasst, Marco über die regelmäßigen, aber eigentlich harmlosen Besuche einer Mitarbeiterin des Sozial-/Jugendamtes zu informieren, und so gelingt es eines Tages sogar Silvias Mutter, die Erziehungsberechtigung für die selten in der Schule auftauchende Tochter Sonia zu erhalten und sie somit - zumindest aus ihrer Sicht - aus einem chaotischen Haushalt, in dem ein Hund und ein Leguan mehr Autorität ausstrahlen als die "Eltern", die ihrer Rolle nicht gerecht werden, zu "retten". Warum Sonias kleiner Bruder Davis bei den Eltern bleibt, ist eine der vielen Fragen, die sich der Zuschauer bei diesem Film zumindest noch am Anfang stellt - vielleicht, weil er noch nicht schulpflichtig ist?
Der weitere Verlauf der Geschichte bringt den russischen Automechaniker Dragan ins Spiel, der als völlig Unbekannter einfach mal längere Zeit in der Wohnung übernachten darf, bevor sich Silvia dann auch noch von ihm schwängern lässt und die Risse in der Ehe langsam irreparabel werden. Daran kann dann auch die Entführung der Tochter durch Marco ebensowenig retten wie am gesamten Film.
Anflüge von Interesse kommen bei diesem Film nur dann auf, wenn Regisseur Stefano Mordini versucht, den Zuschauer zu verwirren. So beginnt Provincia Meccanica mit dem Stöhnen einer Frau, das die schwarze Leinwand penetriert, sich aber recht schnell als die Geräuschkulisse der Geburt von Davis erweist. Für diesen kleinen Gag, den Polanski vor 30 Jahren in Chinatown weitaus überzeugender ausführte, wird dem Film beispielsweise ein völlig unnötiger Prolog angepappt, bevor die eigentliche Handlung dann zwei Jahre später beginnt. Ebenso unsinnig ist die Beischlafszene zwischen Silvia und Dragan. Dragan befindet sich im Wohnzimmer, plötzlich steht Silvia nackt hinter ihm. Schnitt: Wildes Gerammel, bei dem man den Mann nicht genau erkennen kann. Schnitt: Silvia und Marco am Frühstückstisch. Als Idee ganz nett, doch im Kontext dieses nichtssagenden Films nur ein Paradestück einer Inszenierung, die genau so chaotisch ist wie der dargestellte Familienhaushalt. Falls dies die Motivation hinter diesem eigentlich nichtexistenten Inszenierungsstil sein soll, so beantwortet es mir dennoch nicht die Frage, warum ich diese 107 Minuten nicht lieber in meiner nicht minder chaotischen Wohnung verbringen durfte, um dort selig zu schlummern (was auch viele im Kino taten) und einen sicherlich dramaturgisch überzeugenderen Traum zu betrachten.


Coming soon in Cinemania 7 (Berlinale Dumplings):
Rezensionen zu asiatischen Filmen auf der Berlinale: Dumplings, The Hidden Blade, Howl’s Moving Castle, Kekexili: Mountain Police, Mongolian Ping Pong, Shin Sung-il is lost, This Charming Girl