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Die Box


 

Juli 2004
Thomas Vorwerk
für satt.org

Ken Park
USA / Niederlande / Frankreich 2002

Ken Park (R: Larry Clark & Ed Lachman)

Regie:
Larry Clark, Ed Lachman

Buch:
Harmony Korine

Story / Figuren:
Larry Clark

Kamera:
Ed Lachman, Larry Clark

Schnitt:
Andrew Hafitz

Musik:
Howard Paar, Matt Clark

Darsteller:
Stephen Jasso (Claude), James Ransone (Tate), James Bullard (Shawn), Tiffany Limos (Peaches), Wade Andrew Williams (Claudes Vater), Amanda Plummer (Claudes Mutter), Julio Oscar Mecheso (Peaches' Vater), Adam Chubbuck (Ken Park), Patricia Place (Tates Großmutter), Harrison Young (Tates Großvater), Mike Apaletegui (Curtis)

95 Min.

Kinostart:
22. Juli 2004

Ken Park


Larry Clarks Debütfilm Kids (1995) war seinerzeit in aller Munde, der Nachfolger Another Day in Paradise (1998) kam nach dem Videostart zumindest auch mal mit wenigen Kopien ins Kino, Bully (2001) wurde von deutschen Verleihern ignoriert, und selbst Ken Park schaffte es nur mit zweijähriger Verspätung in die Kinos.
Ken Park (R: Larry Clark & Ed Lachman)
Ken Park (R: Larry Clark & Ed Lachman)
Ken Park (R: Larry Clark & Ed Lachman)
Ken Park (R: Larry Clark & Ed Lachman)
Ken Park (R: Larry Clark & Ed Lachman)

Gemeinsam mit dem Kameramann Ed Lachman (The Virgin Suicides, Erin Brockovich, Far from Heaven) suchte Clark lange nach Geldgebern für dieses Projekt, das der dritte Teil einer Trilogie (nach Kids und Bully) werden sollte. Wie schon bei Kids sind die jungen Darsteller fast ausschließlich Laien (allerdings diesmal Volljährige), und auch die Dialoge wurden nicht von Clark erdacht, sondern von einem gleichaltrigen. Der Fokus der Geschichte hat sich ein wenig verändert, denn auch die Eltern (ähnlich wie bei Elephant hat man hierfür etaiblierte Schauspieler wie Amanda Plummer engagiert) spielen nun eine Rolle.

Es beginnt mit dem Selbstmord der Titelfigur Ken Park. Mit Walkman und Skateboard ausgerüstet, rollt er während des Vorspanns freudlos durch die Straßen, spuckt sogar auf den Namen des Regisseurs, um sich dann mitten in einem vielbefahrenen Skatepark vor seiner aufgebauten Videokamera in den Kopf zu schießen. Und das ist nur der Anfang. Über ein Photo werden vier Freunde des Verstorbenen eingeführt, unterschiedliche Erzählerstimmen stellen uns die vier Jugendlichen vor, die allesamt glücklicher als der Selbstmörder erscheinen.

Doch eine der Aussagen des Films ist es, daß die "Überlebenden" kein fröhlicheres oder befriediegenderes Leben führen als Ken, sie wissen sich nur besser mit dem Erwachsenwerden und den Erwachsenen, die hier fast ausnahmslos wie Monster erscheinen, zu arrangieren. Wenn man als Heranwachsender einem Elternteil gleicht, und dieser für den anderen Elternteil zur Zeit sexuell nicht erreichbar ist, so könnte man ähnliche Probleme habe wie zwei der vier Hauptfiguren in Ken Park. Shawn, der dritte, lässt sich nicht von seinen Eltern, sondern von der Mutter seiner Freundin sexuell ausnutzen, und Tate, der bei seinen Großeltern lebt, sorgt mit der schockierendsten und explizitesten Szene des Films dafür, daß auch sein Sexualleben keineswegs als "normal" bezeichnet werden kann:

Während seine Großeltern Tennis spielen (nur eine von vielen als Parallelmontage angelegten Handlungssträngen des Films), schnappt sich Tate die Kordel des Bademantels seiner Großmutter und stranguliert sich an der Türklinke, während er sich mithilfe einer Damentennis-Übertragung im Fernsehen die nötige Inspiration zum Masturbieren verschafft. Der große Bruder von le petit mort lässt nicht lange auf sich warten …

Mit solchen Szenen, die in jeder Hinsicht hardcore sind, provoziert Ken Park natürlich wieder, doch auch, wenn Larry Clark darauf besteht, daß sämtliche Geschichten wahren Geschehnissen nachempfunden sind, erreicht er zu keinem Zeitpunkt den dokumentarischen Gestus von Kids oder die inszenatorische Dichte von Elephant. Die clevere Konstruktion hinter den fahrigen Bildern ist zu offensichtlich, als daß man sich auf die Figuren und ihre Probleme wirklich einlässt. Der Film entwickelt zwar eine Sogwirkung, die der ähnlicher Filme in nichts nachsteht, doch spätestens in der zweiten Hälfte verliert er diese auch wieder. Das verhalten glückliche Ende, daß die "Überlebenden" wie in Bertoluccis The Dreamers auf eine paradiesische Insel der fortgeschrittenen Doktorspiele entlässt, kann weder die vorherige Spannung auflösen noch der Schockbehandlung etwas zufügen, sondern verpufft ohne wahre Konsequenz und raubt dadurch den narrativ wie didaktisch lobenswerten Ansätzen des Films die Grundlage - Man verlässt das Kino nicht mehr geschockt, sondern vor allem verärgert, denn die "Zuckerbrot und Peitsche"-Mentalität des Films hinterlässt keine scharfen Kontraste, sondern ein unförmiges Schlamassel.