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Die Box


 

März 2004
Thomas Vorwerk
für satt.org

Böse Zellen
Österreich / Deutschland / Schweiz 2003

Böse Zellen (R: Barbara Albert)

Buch
und Regie:
Barbara Albert

Kamera:
Martin Gschlacht

Schnitt:
Monika Willi

Darsteller:
Kathrin Resetarits (Manu), Ursula Strauss (Andrea), Georg Friedrich (Andreas), Marion Mitterhammer (Gerlinde), Martin Brambach (Reini), Rupert M. Lehofer (Lukas), Bellinda Akwa-Asare (Sandra), Gabriela Schmoll (Belinda), Christian Ghera (Heinrich), Karl Fischer (Karl), Désirée Ourada (Patricia), Dominik Hartel (Kai), Nicole Skala (Gabi), Deborah Ten Brink (Yvonne), Alfred Worel (Josef)

120 Min.

Kinostart:
1. April 2004

Böse Zellen



Böse Zellen (R: Barbara Albert)
Böse Zellen (R: Barbara Albert)
Böse Zellen (R: Barbara Albert)
Böse Zellen (R: Barbara Albert)
Böse Zellen (R: Barbara Albert)
Böse Zellen (R: Barbara Albert)
Seit Nordrand konnte man von Barbara Albert höchstens einen (u.a. mit Ulrich Seidl realisierten) Dokumentarfilm sehen, jetzt meldet sie sich mit dem Drehbuch zu Nina Kustoricas Auswege und ihrem in Locarno im Wettbewerb gelaufenen Böse Zellen wieder zurück.

Böse Zellen ist ein narratives Experiment, das an Alan Moores großartigen (aber unvollendeten, nur zwei von zwölf Bänden erschienen) Comic Big Numbers (1990) erinnert. Auch hier geht es um die (teilweise sehr zufälligen) Verbindungen diverse Personen in einer Kleinstadt, über der zumindest filmisch visuell ein Einkaufszentrum thront, das im Verlauf eines Jahres aufgebaut wird. (Bei Moore haben wir nur die Pläne gesehen, die wahrscheinlichkeit ist aber groß, daß auch Big Numbers mit der Eröffnung des Mall hätte enden können …)

Die Chaos-Theorie und die Fraktalgeometrie des Benoit S. Mandelbrot spielen auch hier eine große Rolle, doch im Gegensatz zu Big Numbers hat Böse Zellen nicht nur einen Anfang, sondern auch eine Mitte und ein Ende - und dadurch einen entscheidenden Vorteil.

Insbesondere, was die Chaostheorie angeht und den Flügelschlag jenes Schmetterlings in China, der einen Wirbelsturm im Golf von Mexiko auslösen kann, halten sich Barbara Albert und ihr Film sehr zurück und überlassen es dem Zuschauer, Verbindungen zu ziehen und Theorien zu entwickeln. Der Anfangspunkt von Böse Zellen ist mindestens so effektvoll wie jene Schraube in Big Numbers, die ein jugendlicher Vandale auf einen fahrenden Zug wirft: Hier stellt sich die junge österreichische Regisseurin gleich einem Flugzeugabsturz, und mit minimalen Mitteln kann sie einen fast so sehr mitreißen wie Robert Zemeckis in Cast Away. Die Überlebende Manu führt uns dann in die Geschichte (und den Ort der Geschichte) ein wie bei Alan Moore die Schriftstellerin Christine Gathercole. Wie es bei Moore weitergeht, weiß man leider nicht, seine Pläne, aus Big Numbers eine Fernsehserie zu machen, habe ich nie wirklich ernst genommen. Barbara Albert hingegen benutzt ihre Figur auf eine Art und Weise, die einzigartig ist - und deshalb werde ich auch nicht herausplaudern, was Jahre später mit Manu passiert.

Doch selbst, wenn man Manu mal außen vor lässt, gibt es in Böse Zellen genügend seltsame Schicksale, Zufälle und Zusammenhänge, die den Kern des Films ausmachen. Mich berührten insbesondere die eigentümliche Liebesgeschichte zwischen dem Physiklehrer Lukas und der farbigen Parfümerie-Angestellten Sandra, die sich selbst an so langweiligen Orten wie einem Fast-Food-Restaurant visuell spannend entwickelt. Oder die fatalen Sexabenteuer der Kindergärtnerin Andrea. Oder die eigentümliche Beziehung zwischen zwei von Lukas' Schülern: Die unscheinbare Patricia, deren Eltern sich erschossen, und die seither Verbindungen zum Jenseits zu haben scheint, und der ehemalige Sunnyboy Kai, dessen Freundin durch einen Autounfall (mit Kai als Fahrer) querschnittsgelähmt wurde.



Barbara Albert
Barbara Albert

Böse Zellen ist ein faszinierender Film - gerade dadurch, daß er sich den typischen Narrationsvorgaben von Spielfilmen klar entzieht. Ich würde mich gerne mal mit Barbara Albert über Alan Moore unterhalten - auch, wenn ich ihren Film nicht als Rip-Off, sondern als Hommage begreife - das wird spätestens in der Schlußeinstellung klar, wenn die kleine Yvonne den Einfall von Regentropfen in einer Pfütze betrachtet, das geometrische Spiele der sich überschneidenden konzentrischen Kreise - für Alan Moore-Fans eine weitere Referenz auf die Anfangs- und Schlußpanels von The Killing Joke. Man glaubt, Barbara Albert zusammen mit Alan Moore lachen zu hören …