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Die Box


 

Februar 2004
Thomas Vorwerk
für satt.org

One Missed Call
Chakushin Ari

Japan 2003

One Missed Call (Chakushin Ari) (R: Takashi Miike)

Buch
und Regie:
Takashi Miike

Darsteller:
Kou Shibasaki (Yumi), Katsue Fukiishi (Natsumi), Shinichi Tsutsumi (Yamashita)

112 Min.

Berlinale 2004 (Forum):
One Missed Call
Chakusin Ari

Takashi Miike (Audition, Ichi der Killer) ist für seine extremen Gewaltdarstellungen und absurden tiefschwarzen Humor bekannt, die seinen auch nicht eben zimperlichen Fast-Namensvetter Takeshi Kitano harmlos erscheinen lassen. In One Missed Call hält er sich aber ziemlich zurück und erzählt zunächst ziemlich straight eine Horrorgeschichte, wie sie momentan wohl besonders in ist. So, wie es in Gore Verbinskis Ring (bekanntlich ein Remake nach japanischer Vorlage) eine Videocassette und im erschreckend dümmlichen Fear Dot Com eine Website waren, die den bevorstehenden Tod prophezeiten, ist es diesmal des Japaners liebster Freund das Handy.

One Missed Call (Chakushin Ari) (R: Takashi Miike)
One Missed Call (Chakushin Ari) (R: Takashi Miike)

Es kursiert das Gerücht, daß eine von Hass erfüllte Frau für mysteriöse Anrufe verantwortlich ist, die sich im Umfeld unserer Heldin Yumi häufen. Von der ertrunkenen Rina hat sie nur im Nachhinein gehört, aber als bei einer Party ihre Bekannte Yoko einen durch einen hypnotischen Klingelton angekündigten Anruf bekommt, halten die beiden es noch für einen schlechten Scherz. Ein verpasster Anruf, der nicht nur vom eigenen Handy, sondern auch auf übermorgen datiert ist, und bei dessen Abruf aus der Mailbox man Yokos eigene Stimme hört: "Oh no, it's raining", kurz darauf gefolgt von einem markerschütternden Schrei. Als Yumi zwei Tage später bei einem Telefonat exakt dasselbe mitanhören muß (und jetzt sozusagen live) und ihre Freundin in übergemangelt als vermeintliche Selbstmörderin unter einer Eisenbahnbrücke gefunden wird, erscheint dies Yumi nicht mehr als Scherz.

Drei Tage später erzählt Yoko Yumis Freund Kenji von der Geschichte, und erfährt, daß auch er so einen Anruf bekommen hat ("Shit, I completely forgot …"), und diesmal hört Yumi nicht nur wie Kenji stirbt, sondern erlebt es mit, was zumindest für sie einen Unfall ausschließt.

Zuhause angekommen, macht sie erstmal ihr Handy und das ihrer Mitbewohnerin aus, doch ungeachtet dessen erklingt in der Nacht wieder der unheimliche Klingelton. Yumis rennt zu ihrem Handy und stellt erleichtert fest: "Nicht meins", doch für ihre Mitbewohnerin Natsumi gibt es diesmal sogar eine Bildmitteilung, die aber nicht weniger schaurig ist.

Bis zu diesem Punkt des Films hält sich Miike an alle Regeln dieses neuen Subgenres, doch damit, daß Natsumi nach der Einsicht, daß die Kündigung des Handy-Vertrags den Horror nicht stoppen wird, beginnt der interessanteste Teil des Films, denn Natsumi geht auf das Angebot eines Fernsehproduzenten ein, kurz vorm angekündigten Todeszeitpunkt es vor laufender Kamera mit einem Live-Exorzismus zu versuchen.

Die Einschaltquoten sind wahrscheinlich besser als bei Daniel K's Kakerlaken-Bad, und die satirisch überhöhte Medienkritik hält sich einschließlich der Werbepausen an die üblichen Sensationsformate: "Is it life or is it death? Can our team protect her?" Doch der leichenblasse Arm, der schon vor dem allerersten Anruf einmal zu sehen war, taucht auch hier wieder auf, und Miike starte nach diversen kleinen Schockmomenten seinen Terror-Showdown, der vielleicht sogar ein klein bißchen zu lang andauert.

Zurück zu den Regeln dieses seltsamen Technologie-Horrors. Auffallend oft hing das Böse mit irgendeinem ungesühnten Mord zusammen, und die Leiche des Opfers musste gefunden werden. So ähnlich entwickelt es sich auch hier. Dazu kommt die filmimmanente Logik dazu, daß man ahnt, daß Yumi ihr Kindheitstrauma, das mit einem Guckloch zusammenhängt, noch überwinden muß, und schließlich weiß man ja auch schon, was ihre letzten Worte sind: "Warum?" Doch Miike kümmert sich nicht darum, daß der Countdown längst abgelaufen ist, spannt die Nerven der Zuschauer bis zum Zerreißen, und überfordert manch einen auch durch sein mal wieder typisch zweideutiges Ende, das allerdings auch nicht jeden zufriedenstellen wird.

Dennoch gelingt es Miike, aus einem abgelutschten Thema noch jede Menge Spannung zu beziehen. Noch mehr schwarzer Humor wäre noch besser gewesen, aber vor allem möchte ich jetzt diesen Klingelton haben …