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Die Box


 

Februar 2004
Thomas Vorwerk
für satt.org

Erbsen auf halb 6
D 2003

Erbsen auf halb 6 (R: Lars Büchel)

Regie:
Lars Büchel

Buch:
Ruth Toma, Lars Büchel

Kamera:
Judith Kaufmann

Schnitt:
Peter R. Adam

Musik:
Max Berghaus, Dirk Reichardt, Stefan Hansen

Darsteller:
Fritzi Haberlandt (Lilly Walter), Hilmir Snær Gudnason (Jakob Magnusson), Harald Schrott (Paul), Tina Engel (Regine), Jenny Gröllmann (Franziska), Alice Dwyer (Alex), Max Mauff (Ben), Annett Renneberg (Nina), Jens Münchow (Jan), Ina Holst (Zimmerwirtin), Dustin Sattler-Semmelrogge (Kette), Mario Winkelmann (Leisetreter), Imke Büchel (Puck)

Kinostart:
4. März 2004

Erbsen auf halb 6



Im letzten Jahr lief in Deutschland der Schweizer Film Stille Liebe über ein stummes Pärchen an, jetzt folgt die Blinden-Variante des Themas. Vielleicht ein bißchen beeinflusst von einer der wenigen aus der Daredevil-Verfilmung im Gedächtnis verbliebenen Szenen findet auch hier der romantische Höhepunkt im strömenden Regen statt, wo die Blinden sich "hören" können, aber schon lange, bevor sich die beiden das erste Mal treffen, ist das Wasser das verbindende Element, nahezu unsichtbar, aber in der Lage, eine "fühlbare" Umwelt mehr als nur symbolisch aufzuzeigen.
Erbsen auf halb 6 (R: Lars Büchel)
Erbsen auf halb 6 (R: Lars Büchel)
Erbsen auf halb 6 (R: Lars Büchel)
Erbsen auf halb 6 (R: Lars Büchel)
Erbsen auf halb 6 (R: Lars Büchel)
Erbsen auf halb 6 (R: Lars Büchel)
Erbsen auf halb 6 (R: Lars Büchel)

In der einführenden, leider von etwas penetranter Chormusik unterlegten Parallelmontage sieht man zunächst die seit Geburt blinde Lilly beim Duschen, dann den erfolgreichen Theaterregisseur Jakob im Regen. Während Lilly nach der Dusche den Sprungturm eines völlig leer erscheinenden Schwimmbades erklimmt, fährt Jakob (in womöglich leicht alkoholisiertem Zustand?) durch die Stadt und erinnert sich an die Theaterproben seiner (ebenfalls recht nassen) Inszenierung des "Sommernachtstraums", bevor er dann gleichzeitig mit Lillys Sprung ins Becken bei einem Autounfall in einen Fluss stürzt, und die beiden in der durch die Montage verbundenen Fontänen erstmals "verschmelzen".

Doch bis es von dieser Vorwegnahme zum ersten Kuss kommt, muss noch viel passieren, Erbsen auf halb 6 ist nicht nur ein Film über Behinderte und ein Liebesfilm, sondern vor allem ein Road Movie, das durch halb Europa führt.

Nachdem Jakob mit seiner Theater-Kariere und seiner Freundin abgeschlossen hat, missglückt ein Selbstmordversuch, und die von ihm bereits einmal barsch abgewiesene Lilly stellt ihn vor die Wahl, sich von ihr helfen zu lassen (Jakob ahnt nicht, daß seine Blindenlehrerin auch blind ist), oder als Suizidgefährdeter in einer Anstalt zu verbleiben. Lilly hingegen ahnt jedoch nicht, daß Jakob es sich in den sturen Kopf gesetzt hat, seine todkranke Mutter in Russland noch einmal zu besuchen, und so geraten die beiden auf eine gemeinsame Odyssee, die sie zusammenführt, Jakob wieder etwas Lebenswillen einflößt, und in Lilly den Willen zur Emanzipation vom behüteten Heim mit Mutter und treusorgendem Verlobten entstehen lässt (ähnlich wie in Stille Liebe).

Erbsen auf halb 6 überzeugt sowohl durch seine Hauptdarsteller (die zuletzt in Liegen lernen aufgetretene Fritzi Haberlandt und der in Blueprint kaum aufgefallene Isländer Hilmir Snær Gudnason stellen ihre Blindheit überzeugend dar, können den Figuren aber auch darüber hinaus ein eigenes Leben einhauchen) als auch durch Buch und Regie. Eigentlich kaum zu glauben, denn Lars Büchels Regiedebüt Jetzt oder nie - Zeit ist Geld zeigte kaum Talent und war einfach nur nervig. Doch in seinem zweiten Film, dessen Skript er wieder zusammen mit Ruth Toma (Gloomy Sunday) verfasst hat, stecken jede Menge (oft auch visuelle) Ideen. Wenn sich das unfreiwillige Paar durch ein Rapsfeld hindurch verpasst, erscheint das auch wie eine freie Variation auf die Liebenden bei Shakespeare, die durch den Wald irren. Und wenn die per Notbremse irgendwo in der Wallachei gestrandeten Blinden anhand der Bahngleise zur Zivilisation zurückfinden wollen, hat das etwas malerisches und rührendes.

Einzig die offenbare Faszination des Regisseurs (und seiner Co-Autorin) für gewisse Themenkomplexe, die schon seinen Erstling über halbtote Seniorinnen auf Bankräuberzug sauer aufstießen (aber dort immerhin zum Sujet passten), fallen hier völlig aus der Rolle. Ist der missglückte Selbstmordversuch immerhin noch spannend und humorvoll, scheinen die Schlußszenen mit Jakobs Mutter gänzlich aus einem anderen Film zu stammen.

Dieses Manko wird aber u. a. ausgeglichen durch einen ebenso disperaten spielerischen Subplot um Lillys zuhause gebliebene jüngere Schwester Alex (gespielt von Alice "Baby" Dwyer), die in der sturmfreien Bude eine "Interessengemeinschaft Sex" ins Leben ruft. Leider sind nicht alle Szenen so geschmackssicher inszeniert wie die Liebesszenen, die Schnapsidee etwa, zweimal über Jakobs fehlgeleitetes Urinieren Humor in die Geschichte zu bringen, zeigt dann doch, daß Lars Büchel für einen billigen Lacher die Integrität seines Films riskiert.

Ferner könnte ich mich auch noch über zwei oder drei Szenen im Film auslassen, die reaction shots einsetzen, die ein bißchen zu visuell für den zustand der Figuren erscheinen (etwa bei Lillys erschrecktem Gesichtsausdruck angesichts Jakobs blutverschmierter Hand), aber ähnlich wie bei Stille Liebe erweckt der Film ausreichend positive Emotionen, um über Kleinigkeiten hinwegzusehen - man stellt sich halt als Zuschauer ein wenig blind, und wird dafür belohnt.