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Die Box


 

Januar 2004
Thomas Vorwerk
für satt.org

Nicholas Nickleby
USA/GB/D/NL 2002

Nicholas Nickleby (R: Douglas McGrath)

Buch
und Regie:
Douglas McGrath

Lit. Vorlage:
Charles Dickens

Kamera:
Dick Pope

Schnitt:
Lesley Walker

Musik:
Rachel Portman

Darsteller:
Charlie Hunnam (Nicholas Nickleby), Jamie Bell (Smike), Jim Broadbent (Wackford Squeers), Christopher Plummer (Ralph Nickleby), Anne Hathaway (Madeline Bray), Tom Courtney (Newman Noggs), Romola Garai (Kate Nickleby), Edward Fox (Sir Mulberry Hawk), Nicholas Rowe (Lord Verisopht), Juliet Stevenson (Mrs. Steers), Nathan Lane (Vincent Crummles), Barry Humphies aka Dame Edna Everage (Mrs. Crummles/Mr. Leadville), Kevin McKidd (John Browdie), Timothy Spall (Charles Cheeryble), Alan Cumming (Mr. Folair), Henry McGrath (Child Nickleby)

132 Min.

Nicholas Nickleby



Nicholas Nickleby (R: Douglas McGrath)
Nicholas Nickleby (R: Douglas McGrath)
Nicholas Nickleby (R: Douglas McGrath)
Nicholas Nickleby (R: Douglas McGrath)
Nicholas Nickleby (R: Douglas McGrath)
Nicholas Nickleby (R: Douglas McGrath)
Regisseur Douglas McGrath hatte schon mit seinem Regiedebüt, der Verfilmung von Jane Austens Emma (mit Gwyneth Paltrow und Ewan McGregor) bewiesen, daß er sich für unterhaltsame Bearbeitungen viktorianischer Literaturklassiker eignet. Mit Charles Dickens’ Nicholas Nickleby hat er sich jetzt einen Stoff ausgesucht, der noch altmodischer wirkt.

Die Lebensgeschichte des Herrn Nickleby beginnt mit seiner Geburt und endet mit seiner Hochzeit, doch dazwischen hat er einiges zu ertragen wie den Tod des Vaters, die Niedertracht dessen an der Börse erfolgreichen Bruders Ralph (Christopher Plummer wie so oft als Schurke), die Erniedrigungen seiner Schwester, die jener Onkel fast schon initiiert, oder sein erster Job …

Als Lehrer wird er an ein angesehenes Internat geschickt, das sich (der Anblick des Leiters der Anstalt nahm es schon vorweg) als menschenverachtendes Dreckloch erweist, in dem die bedauernswerten Schüler, für die ja von den Eltern Schulgeld bezahlt wird, möglichst günstig am Leben gehalten werden. Dort trifft Nicholas auch Smike, einen übel zugerichteten Jungen, dessen Eltern die Zahlungen eingestellt haben, weshalb er wie ein Sklave gehalten wird. Wie es von diesen düsteren, Oliver Twist-ähnlichen Zuständen zur sonnenbeschienenen Landhochzeit kommt, ist die Geschichte, für die Dickens seinerzeit etwa 850 Seiten benötigte, und für die auch McGrath die 2-Stunden-Grenze überschreiten muß.

Abgesehen von der manchmal elegischen Kameraführung Dick Popes ist an dem Film vor allem auffallend, daß er mit seinem Staraufgebot und dem plain storytelling irgendwie an vergangene Zeiten erinnert, an Little Lord Fauntleroy oder Dickens-Verfilmungen aus den Siebzigern. Der Text von Dickens wird nicht hinterfragt oder modernisiert, sondern frohen Mutes auf die Leinwand gebannt, und die Heerscharen guter Schauspieler wie Juliet Stevenson (die Mutter aus Bend it like Beckham), Jim Broadbent (jüngst oscarprämiert für Iris), Timothy Spall (Secrets and Lies, All or Nothing), Tom Courtenay, Edward Fox, Alan Cumming (Nightcrawler in X-Men 2) oder Nathan Lane haben alle sichtbar viel Spaß daran, hinterhältige Schurken oder exzentrische Herren aus dem 19. Jahrhundert zu porträtieren.

Während Hauptdarsteller Charlie Hunnam ebenso wie seine Zukünftige Anne Hathaway (bekannt aus Plötzlich Prinzessin) fast eine Spur zu schön und edel erscheinen (was aber durchaus im Sinne Dickens’ ist), wird Jamie Bell als Smike zum heimlichen Star des Films. Bell, den jeder als Billy Elliot kennt, spielt mit viel Körpereinsatz einen „Krüppel“, der sich auch noch in die Schwester Nicklebys verliebt, und gegen seinen gutsituierten Nebenbuhler kaum eine Chance sieht. Smike ist wie Smeagol bei Lord of the Rings: Er zeigt die dunkle Version des Helden, jemanden, dem nicht alles in den Schoß fällt, und der gerade dadurch die Sympathien des Publikums erringt. Ein Donald gegen eine allzu anständige Micky, ein Daffy gegen einen arrogant wirkenden Bugs.

Jamie Bell macht diesen Film sehenswert - und lässt ihn über seinen etwas angestaubten 70er-Look hinauswachsen.