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Die Box





31. januar 2014
Kristin Eckstein, Antje Ehmann,
Felix Giesa
& Nana Wallraff
für satt.org

Ich war selbst etwas überrascht, dass sich auf dieser Liste so viele Manga zu finden, die allesamt herausragend sind. Und dabei habe ich noch nicht einmal Wandering Son erwähnt, da die Serie schon seit Jahren läuft und die auch dringend empfohlen ist. Ansonsten finden sich zwei alte Bekannte und recht wenig Heftchen. Auch irgendwie überraschend …

Yuichi Yokoyamas Manga sehen aus wie der uneheliche Bastard eines mit IKEA-Anleitungen liebäugelnden Designers und seiner Mangaka-Freundin. World Map Room hat im Vergleich zu anderen Titeln von Yokoyama deutlich mehr Figuren und deutlich mehr Handlung. Allerdings trifft es Handlung auch nicht wirklich. Auf jeden Fall ein spannendes Experiment.

Yuichi Yokoyama: World Map Room

Picture Box hat zwei wundervolle Reihen mit klassischen Manga im letzten Jahr gestartet. Beide Reihen werden von dem Kunsthistoriker Ryan Holmberg herausgegeben und mit erstklassigen, umfangreichen Begleittexten versehen. Die bisherigen Bände sind alle als hochwertige Bücher erschienen und setzen einen Standard, was historisch Comic-Ausgaben betrifft. Wobei man ja froh sein kann, dass Carlsen nun angefangen hat, Tezuka umfangreich herauszugeben ... Den Auftakt machte bei Picture Box die Reihe Ten Cent Manga (der tatsächliche Preis liegt leider deutlich darüber). Hier sollen vergessene Schätze neben Arbeiten von Superstars veröffentlicht werden. Der erste Manga war

Eine sehr freie Adaption des Stoffes von Cooper aus den frühen 1970er Jahren. Graphisch erinnert das sehr an die Trickfilme und Manga Tezukas aus dieser Zeit, wobei erzählerisch völlig neue Wege beschritten werden. In der Reihe folgte natürlich eine Arbeit Tezukas. Wobei von The Mysterious Underground Men (1948) vermutlich kaum jemand was gehört haben wird. Die zweite Reihe wurde mit Masters of Alternative Manga betitelt und enthält entsprechendes. Die Ausstattung ist analog zu Ten Cent Manga, der Inhalt gleichsam überzeugend und überraschend.

versammelt einige kürzere Geschichte, die allesamt um das Jahr 1970 erschienen sind. Graphisch könnte man meinen, es handelt sich hier um den frühen Vorläufer Yokoyamas; was vermutlich gar nicht so falsch sein dürfte. Doch während Yokoyama streng im traditionellen schwarz-weiß des Manga bleibt, gibt Hayashi seinen Manga teilweise bleich wirkende Farben bei. Das gibt dem Ganzen einen leichten Novelle-Vague-Flair, was im Kontrast zu den teils traditionellen Inhalten steht.

Seiichi Hayashi: Gold Pollen and other Stories

Nachdem NoNonBa und Onward to our Noble Death von Mizuki für einen ziemlichen Wirbel in der englischsprachigen Comicwelt gesorgt hat, hat D&Q im letzten Jahr direkt zwei Titel von ihm nachgelegt. Während Kitaro in der Tradition von NoNonBa wieder eine yokai-Geschichte erzählt, aber nicht wirklich überzeugen kann, ist Showa die Geschichtsschreibung einer zentralen Periode (eben der Showa-Periode) Japans aus der Sicht des ,kleinen Mannes’, eben Mizuki. Das ist wie schon bei Onward to our Noble Death beeindruckend umgesetzt, in der Erzählung teilweise unfassbar drastisch, aber immer faszinierend. Bis 1939 hat Mizuki nun erzählt, die Showa-Periode dauerte noch fünfzig Jahre länger. Man darf also gespannt sein auf Fortsetzungen.

Comicfundamentalisten würden natürlich behaupten, dass es sich hier gar nicht um einen Comic handelt und das nicht nur, weil es ein Leporello ist (ich wollte es mal komplett auslegen, leider gab es in unserer Wohnung keine gerade Strecke, die lang genug war). Nilsen erzählt in ganzseitigen Bildern mit untertitelndem Text von einem Poseidon, der sich nach Jahrtausenden mal wieder aus dem Meer erhebt und die Welt, die sich ihm zeigt, nicht mehr versteht. Zumindest ist das scheinbar die vordergründige Geschichte. Wie so oft bei Nilsen wird jedoch viel mehr von den zwischenmenschlichen Zerwürfnissen unserer Zeit erzählt. Und das tut er überzeugender tiefgründiger, als viele andere.

Anders Nilsen: Rage of Poseidon

Hat jemand BodyWorld oder Bottomless Belly Button gelesen? Wenn ja, New School ist schon wieder anders. Oder auch nicht, das weiß man bei Shaw ja eh nie so genau. Auf jeden Fall hat es irgendwie dem Aufwachsen in den 1990ern zu tun und ein zauberhaftes Großformat, damit man sich auch ja in den Seiten verlieren kann.


Immer wenn ich denke, ich könnte eigentlich auch aufhören, Heftchen zu lesen, machen Matt Kind, Jeff Lemire oder Frank Quitely ein Heftchen. Danke dafür!

Und wollte ich nur eine Serie lesen, diese wäre es. Sag ich jetzt nicht mehr zu, kommt bestimmt bald auf Deutsch. Wenn nicht, naja, dann halt nicht. Okay, dann halt doch: Man könnte natürlich argumentieren, es handelt sich hier um den Comic zum NSA-Skandal. Obwohl es natürlich um Gedankenmanipulation globalen Ausmaßes geht. Allerdings passt das dann wohl, da MIND MGMT ja schon vor dem Skandal erschien. Versteht man so nicht? Na dann auf, lesen!

Matt Kind: MIND MGMT

Mark Millar hat also mal wieder etwas über Superhelden zu erzählen. Zum Glück zeichnet das Frank Quitely für ihn, denn so kann der machen, wofür ich ihn liebe: eben Superhelden zeichnen. Jupiter’s Legacy nimmt einmal mehr eine Welt mit übermächtigen Wesen in den Blick und wie diese sich in das Menscheitsgefüge einpassen. Jupiter, der erste und größte Held hat immer Zurückhaltung gehegt, doch andere sehen das anders. Fight’s on &hellip!

Ich hätte auch über das Ende von Sweet Tooth im letzten Frühjahr schreiben können und dass ich etwas enttäuscht davon war. Aber zum einen ist man das vermutlich eh immer, wenn eine großartige Serie, die man über Jahre begleitet hat, endet und zum anderen hat Lemire ja eine neue Serie, wenn auch nur eine Mini-Serie. Gleich vorweg, sie ist nicht so gut wie Sweet Tooth. Aber immer noch überzeugend genug, um hier erwähnt zu werden. Die Geschichte von Trillium ist eine Zeitreise-Geschichte im weitesten Sinn. Zwei Menschen treffen am selben Ort über Jahrtausende hinweg zusammen. Es geht um Liebe (klar), um das Ende der Menschheit (eigentlich auch klar) und um das Wesen des Menschseins (genau). Soviel also zum Standard, was neu ist (zumindest im Comic-Mainstream), ist Lemires formaler Zugang, der die Seiten des Comics regelrecht auf den Kopf stellt. Die erste Nummer ist eine Flip-Side-Ausgabe, der eine Zeitstrang beginnt vorne, der andere hinten. In späteren Nummern gibt es das nicht mehr, aber die Zeitstränge verlaufen teilweise immer noch von der Seitenausrichtung um 180° gedreht zueinander, bis sie schließlich in Nummer 3 zusammenlaufen. Und in der aktuellen Nummer – nach dem großen Knall – wird der eine Strang in der oberen Seitenhälfte erzählt, der zweite unten, wobei beide gespiegelt sind. Das ist hier sogar teils wörtlich zu nehmen, da die Panels in beiden Strängen identisch sind und die Figurenarrangements ebenfalls. Dabei vorkommt der Zugang allerdings nicht zum schnöden Formenexperiment, sondern dient zu jedem Zeitpunkt der Narration und macht diese dadurch deutlich zugänglicher. Wer hätte gedacht, dass es irgendwann im amerikanischen Mainstreamcomic eine OuBaPo-Serie geben würde?

Isabel Pin: Wenn ich ein Löwe wäre (Beltz & Gelberg)

Guido van Genechten: Wer ist dick und wer ist dünn? (arsEdition)

uido van Genechten: Wer ist dick und wer ist dünn?

Günther Jakobs: Die Rentierrennerei (Carlsen)

Alexander Steffensmeier: Es wird Frühling, Lieselotte (Fischer Sauerländer)

Sybille Hein: Halli Hallo Halunken (Beltz &mGelberg)

Henrike Wilson: Die allerbeste Schnee-Idee (Coppenrath)

Manuela Olten: Echte Kerle (Beltz & Gelberg)

Daniela Kulot: Reim dich nett ins Bett (Gerstenberg)

Jutta Bauer: Steht im Wald ein kleines Haus (Moritz)

Anne Möller: Hör mal: Der Wald (Carlsen)

Kathrin Wiehle: Mein kleiner Garten (Beltz & Gelberg)

Kathrin Wiehle: Mein kleiner Garten

Yayo Kawamura: Schau mal, viele bunte Tiere (Coppenrath)

Thomas Müller: Was braust so schnell vorbei (Moritz)




Hands down mein Favorit im letzten Jahr; da hat es mich selbst überrascht, wie schnell ich die ersten drei Bände verschlungen habe und wie gut es funktioniert, mit einer abstrakten Figur wie Punpun eine derart dramatische und fesselnde Story zu erzählen. Mittlerweile bin ich bei Band 5 und muss sagen, dass es immer deprimierender und tiefschichtiger, aber nicht schlechter wird. Und bitterböse.

Solanin gefällt mir neben Punpun von Asano am besten, weil es eine slice-of-life-Geschichte ist, die ziemlich gut die (eigentlich first-world-)Probleme unserer Generation repräsentiert. Der erste Band ist m.E. stärker als der zweite, aber es ist halt insgesamt wirklich eine gute Geschichte.

Inio Asano: Solanin

Mein aktueller Lieblings-Shojo, weil er sich vom durchschnittlichen Shojo abhebt, eigentlich mehr in die Richtung Josei geht. Ich finde es faszinierend, wie eine tote Figur quasi im Mittelpunkt steht und sehr viel in Rückblenden erzählt wird und sich so nach und nach wirklich die »Puzzleteile« zusammensetzen... Geschichte & Charaktere sind super, selten hab ich so ne plausible Charakterentwicklung gesehen, auch wenn es halt einige typische Manga-Stilmittel gibt (zB überraschend viel comic relief, das manchmal doch nervt). Wird mit 10 Bänden abgeschlossen sein, ich bin sehr gespannt, wie es ausgeht!! (Bzgl. Shojo les ich auch noch gern Nah bei dir – Kimi ni todoke von Karuho Shiina, aber das zieht sich langsam leider wie ein ausgeleierter Kaugummi :/ )

Seeehr bizarr ... da gabs die Tage eine Rezension beim Tagesspiegel, die das alles besser zusammenfasst, als ich jetzt schreiben könnte.

Usumaru Furuya und Otsuichi: The Chronicle of the Clueless Age

Der Name ist hier nicht Programm, denn es handelt sich um Boys Love. Erfreulich nicht-klischee-haften Boys Love (okay, teilweise schon, hrmpf) und eine schöne Geschichte. Insgesamt sehr seicht, aber tolle Zeichnungen!!

Was ich randomly sonst noch gut fand:

Tetsuya Tsutsui: Manhole (Carlsen): Gruseliger Scheiß!

Christina Plaka: Kimi he – Worte an dich (Carlsen): Siehe meine Rezi bei satt.

Eiki Eiki und Taishi Zaoh: Love Stage!! (Tokyopop): Alberne Boys Love Comedy, kann nichtmal sagen, WIESO ich sie mag, aber ich mag sie sehr.

Junji Ito: Uzumaki – Spiral into Horror (Carlsen)

Junya Inue: BTOOOM! (Tokyopop): Es ist halt storytechnisch nicht besonders innovativ, aber solide Unterhaltung mit abgefuckten Charakteren.




Kirsten Boie: Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen (Oetinger)

Alina Bronsky: Nenn mich einfach Superheld (Kiepenheuer & Witsch)

Gabriela Cichowska (Illustrationen) und Adam Jaromir (Text): Fräulein Esthers letzte Vorstellung (Gimpel Verlag)

Fräulein Esthers letzte Vorstellung

Sarah Crossan: Die Sprache des Wassers (mixtvision)

Joey Goebel: Ich gegen Osborne (Diogenes)