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28. September 2013
Kristin Eckstein
für satt.org

  Melanie Schober: Skull Party
Melanie Schober:
Skull Party
Band 1
Carlsen 2013
196 S., € 6,95
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Melanie Schober: Skull Party
Abbildung aus dem besprochenen Band.


Melanie Schober:
Skull Party

Neben Christina Plaka gehört die Österreicherin Melanie Schober zu den produktivsten deutschsprachigen Mangaka. Bereits 2005 machte sie durch den zweiten Platz im mittlerweile leider eingestellten Wettbewerb „Manga-Talente“ der Leipziger Buchmesse auf sich aufmerksam. Sie profilierte sich zunächst im Independent-Bereich und lieferte schließlich mit dem Chibi-Manga Raccoon bei Carlsen 2007 ihr kommerzielles Debüt. Fest im Bereich der Germanga etabliert hat sie sich mit der fünfbändigen, dystoptischen Reihe Personal Paradise, die sicherlich zu den qualitativ hochwertigsten deutschsprachigen Manga zu zählen ist. Mit dem ersten Band ihrer neuen, auf vier Bände angelegten Reihe Skull Party versucht sich die Zeichnerin erneut im gleichen Genre.

Die Geschichte um den jungen Studenten Emil Schwarz spielt in einer optisch an Venedig angelehnten europäischen Stadt und in einer möglicherweise gar nicht so weit entfernten Zukunft. Das Setting entspricht ganz dem Genre: Es ist wenig von der Natur übrig geblieben, infolge des Klimawandels sind die Polkappen geschmolzen und haben nahezu die gesamte Welt im Meer versinken lassen. Die meisten Lebensmittel sind zu einem Luxusgut geworden und eine korrupte Regierung kontrolliert ihre Bevölkerung mittels Drogen. Emil allerdings rebelliert gegen diese Bevormundung und findet sich schließlich inmitten einer Verschwörung wieder: In seinen Träumen begegnet er einem mysteriösen Vogelmann, der ihm befiehlt, nach „dem Unterkiefer“ zu suchen. Erst nach und nach löst sich dieses Rätsel auf: Beim Unterkiefer handelt es sich um den Bestandteil eines sogenannten Kristallschädels, eines Artefaktes aus einer uralten Kultur, das mysteriöse Energien ausstrahlt (Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels, anyone?). Nach diesen Schädeln suchen sowohl die regierungstreuen Bilderberger als auch die Mitglieder der Skull Party, einer „Gruppierung radikaler Technisierungsgegner“. Die Energien der Schädel wiederum können nur sogenannte Schädelmeister kontrollieren – und Emil stellt sich als ein solcher heraus …

Ebenso wie bereits Personal Paradise bewegt sich Skull Party nicht nur in einem Weltuntergangsrahmen, sondern beinhaltet – wie es für das Genre typisch ist – zugleich eine nicht allzu geringe Portion an Sozial- und Gesellschaftskritik. Vor allem wird dieses vermittelt durch den Protagonisten, der die Rahmenbedingungen seines Lebens seinen Vorfahren anlastet: „Wir alle sind Opfer der gierigen Generationen vor uns! Die Menschen haben immer die Welt ausgebeutet ... und wir schwimmen heute in einer radioaktiven Kacksuppe und fressen Quallen und Algen.“ Nicht nur vermittels dieser Botschaft, die auch als Warnung und Anregung an die gegenwärtige Generation gelesen werden kann, trifft Schober den Nerv ihres vorwiegend jugendlich-adoleszenten RezipientInnenkreises und deren Zukunftsängste. Auch die kontrollierte Vergabe von Drogen durch die Regierung – genannt „Cerebro-Kapseln“, die regelmäßig durch einen im Hals der Menschen eingebauten Spinalapplikator eingenommen werden und vermeintlich die Leistungsfähigkeit steigern und körperliche sowie geistige Gesundheit suggerieren, jedoch vor allem die Gefühle unterdrücken und abhängig machen sollen – kritisiert unmittelbar den stetig steigenden Medikamentenkonsum (nicht nur) in Deutschland. Als Emil durch die Straßen läuft, dort eine Werbetafel seinen erhöhten Stresshormonspiegel erkennt und ihm eine an ihn angepasste Anzeige für entsprechende beruhigende Medikamente anbietet, vermag diese Parallele zu personalisierter Werbung im Internet zum Nachdenken anzuregen.

Die Tatsache, dass von politischer Seite die Menschen zunehmend zu gläsernen BürgerInnen gemacht werden und durch „Bürgerchips“ permanent unter Überwachung stehen, aber auch die Bevormundung – was ist „gut“ und „gesund“ für die Menschheit – sowie das heimliche Verabreichen von Beruhigungsmitteln und Gefühlshemmern machen die Geschichte des Manga hochaktuell. Wenngleich der Titel „Skull Party“ zunächst an eine Grusel-Feier denken lässt, entfaltet sich der Horror hier primär durch die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen sowie die Skrupellosigkeit der kontrollsüchtigen Regierung. Einzig die Entwicklung ins Phantastische durch die Integration von „Monstern“ im letzten Kapitel wirkt holprig und irritiert, da eine solche Wendung nicht in den bisherigen Verlauf der Geschichte zu passen scheint.

Melanie Schobers Manga heben sich positiv vom Durchschnitt des deutschen Manga ab – und Skull Party stellt hier keine Ausnahme dar. Ihre Arbeiten thematisieren ernste Belange und stellen die zwischenmenschlichen Aspekte eher in den Hintergrund, wenngleich insbesondere die komplizierten Familienverhältnisse von Emil sicherlich noch eine wichtige Rolle spielen werden. Inhaltlich stehen sie dem boomenden dystopischen Jugendroman nahe und bieten daher auf der thematischen Ebene bislang nichts allzu Innovatives. Die zeichnerische und kompositorische Entwicklung der Mangaka ist allerdings als beeindruckend zu bezeichnen: Wenngleich die Nähe zum japanischen Comic nicht von der Hand zu weisen ist – vor allem hinsichtlich ihrer Figurenstilistik und der formal-ästhetischen Darstellungskonventionen wie der Panelgestaltung und der Dynamik –, handelt es sich um einen sehr individuellen Stil, der sich erfreulich von der klassischen Zuordnung zum shônen manga oder shôjo manga abkoppelt. Schonungslos werden auch tote und verstümmelte Menschen, grausame Morde und bizarre Sexszenen – bei denen weniger vielleicht mehr gewesen wäre – inszeniert und unterstützen die eher düstere Stimmung. Diese vermag lediglich Protagonist Emil zuweilen durch sein loses Mundwerk aufzulösen, wenngleich seine sich wiederholenden typischen Phrasen (wohl angelehnt an Figuren wie Naruto, die sich ebenfalls durch ein „persönliches“ Schlagwort auszeichnen) auf Dauer eher die Nerven strapazieren denn zu unterhalten vermögen.

Der erste Band, der in seiner Gesamtheit mehr wie eine Art Exposition vor der „richtigen“ Storyline anmutet, endet mit einem Cliffhanger. Ob das angedeutete Potential der Geschichte auch tatsächlich ausgeschöpft wird, bleibt abzuwarten – der nächste Band ist für den Januar 2014 angekündigt. Nach der Lektüre von Band 1 möchte man jedoch mutmaßen, dass sich das Warten lohnen wird.