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7. Mai 2013
Kristin Eckstein
für satt.org

  Game of Thrones – Das Lied von Eis und Feuer. Band 1
Tommy Patterson (Illustrator), George R. R. Martin (Autor), Daniel Abraham (Autor), Andreas Helweg (Übersetzer): Game of Thrones – Das Lied von Eis und Feuer. Band 1. Panini Manga und Comic, 192 Seiten, € 19,95
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Game of Thrones
Das Lied von Eis und Feuer. Band 1

Das Phänomen der A Song of Ice and Fire-Reihe von George R. R. Martin wird spätestens seit der Adaption für das Fernsehen durch den US-amerikanischen Sender HBO an kaum einem an der Populärkultur interessierten Menschen vorüber gegangen sein. Gehandelt als das wichtigste Werk seit Lord of the Rings erscheint nun seit 2011 auch eine Comic-Adaption zunächst lediglich des ersten Bandes. Es sei im Folgenden eine kurze Zusammenfassung des Inhalts versucht:

Auf dem Kontinent Westeros droht ein neuer Krieg auszubrechen. Lord Eddard Stark von Winterfell erhält Besuch von seinem langjährigen Freund, König Robert Baratheon, der ihn darum bittet, seine neue rechte Hand zu werden – da er einer der wenigen Menschen ist, denen er noch vertraut. Während des Besuchs jedoch beobachtet sein Sohn Bran Roberts Frau, Königin Cersei, beim Inzest mit ihrem Zwillingsbruder Jaime; um dieses Geheimnis zu schützen, stößt Jaime den Jungen aus einem hohen Fenster der Burg, woraufhin Bran schwer verletzt im Koma liegt. Trotz des schweren Unfalls seines Sohnes sagt Eddard Robert zu und begibt sich auf den Weg in die Hauptstadt, noch unwissend darüber, welches Schicksal ihn und seine Töchter Sansa und Arya dort erwartet. Sein unehelicher Sohn Jon Schnee wiederum tritt der Nachtwache an der Mauer, einer uralten, aus Stein und Eis bestehenden Grenze im Norden bei.

Zeitgleich wird die junge Daenerys Targaryen, Nachfahrin des „verrückten“ Königs Aerys, der von König Robert gestürzt wurde und sie und ihren Bruder ins Exil trieb, mit dem Anführer der kriegerischen Dothraki, Khal Drogo, verheiratet. Ihr Bruder Viserys will mit der Armee Khal Drogos seinen vermeintlich rechtmäßigen Platz als König von Westeros zurückerobern. Als Hochzeitsgeschenk erhält Daenerys – die zunächst den Khal, wie vielleicht die meisten 13jährigen Mädchen an ihrer Stelle, überhaupt nicht heiraten will - drei steinerne Dracheneier, die ebenfalls noch eine wichtige Rolle spielen werden ... Dies nur als kleiner, hoffentlich nicht allzu verwirrender Einblick in diese noch weitaus mehr Figuren und Handlungen umfassende Geschichte.

Besonders interessant an dieser Adaption von Martins opulentem Westeros-Universum ist das von ihm selbst verfasste Vorwort, in welchem er zunächst seine eigene Vergangenheit als Comicleser reflektiert. Es vermag daher den ein oder anderen passionierten Menschen, der sich schon länger mit graphischer Literatur auseinander setzt, zu einem Schmunzeln anregen, dass Martin die Begrifflichkeit der „Graphic Novel“ als Terminus begreift, der lediglich die wirtschaftlichen, kommerziellen Interessen der Verlage durch die Legitimation eines viele Jahre lang (und zuweilen bis heute) verschmähten Mediums unterstützt: „Graphic Novel‘ nennt man diese Art Comic-Roman heutzutage. Eigentlich handelt es sich dabei aber um große, schön gemachte Comic-Bände im Paperback-Format, die eher im Buchhandel als in Comic-Läden oder Zeitungskiosken zu kaufen sind.“ Es handelt sich somit bei diesem Buch um eine Sammlung der ersten sechs von geplanten 24 Heften; wie es bei Panini Tradition ist, werden die Cover dieser sechs Hefte – die optisch nicht zu verschmähen sind – auch innerhalb des Sammelbandes abgedruckt.

Wer sich bisher – wie die Rezensentin selbst – ausschließlich mit den englischen Originalfassungen der Reihe beschäftigt hat, mag zunächst erstaunt sein über die Eindeutschung verschiedener Namen (wie etwa Jon Schnee, Theon Graufreud, Königsmund oder – gruseligerweise – „Kleinfinger“). Ob es zwingend notwendig war, diese Namen – wenngleich der Verlag sich hier sicherlich primär an den deutschen Fassungen der TV-Serie und Bücher orientieren wollte oder musste – ob ihrer spezifischen Bedeutungen zu übersetzen, sei dahingestellt und ist sicherlich eine Frage des persönlichen Geschmacks respektive des Wunsches nach Authentizität.

Weitaus irritierender vermag zunächst der überaus hohe Anteil an „Erzähltext“, unabhängig der Dialoge der Figuren – Monologe existieren an keiner Stelle – anzumuten. Innerhalb dieser Erzählkästen werden die LeserInnen aufgeklärt über sowohl die (teilweise eigentlich anhand der Panels sichtbaren) Handlungen, über die Gefühle und Gedanken der Figuren, aber auch externe Informationen über die Charaktere, ihre Beziehungen zueinander und ihre Hintergründe: „Jon Schnee war sieben Jahre älter als Bran und ein alter Hase, was Hinrichtungen anging.“ Sicherlich sind derart viele Hintergrundinformationen für mit der Geschichte noch nicht konfrontierte LeserInnen hilfreich und nützlich zum besseren Verständnis, doch muten sie im Medium Comic in einer derart hohen Frequenz eher befremdlich und fehl am Platze an. Dass sie zuweilen vor Pathos triefen, vermag diesen Eindruck nicht zu mildern: „Die Angst wand sich in ihr wie eine Schlange, doch sie lächelte für den Mann, den sie liebte.“ Ein guter Comic vermag auch eine solche innere Zerrissenheit lediglich anhand der bildlichen Ebene zu vermitteln, die textuelle Ebene wäre somit obsolet.

In seinem Vorwort spricht Martin konkret die Problematik von Medientransformationen an; es ist gerade das Problem der visuellen Adaptionen seiner epischen Buchreihe, dass verschiedene Stilmittel wie etwa die der unzuverlässigen ErzählerInnenstimmen, aber auch innere Monologe nicht in der gleichen Art und Weise umzusetzen sind, wie es der Romanform möglich ist. Dass dies für den Comic als Medium per se nicht konstitutiv ist, mögen zwar zahlreiche Beispiele etwa aus dem Bereich des Manga zu widerlegen wissen, doch ist es vielmehr der Umfang der Vorlage, der die visuellen Umsetzungen vor ein Problem stellt. Bereits die TV-Serie hat dies gelöst, indem einige Figuren und Handlungsstränge gänzlich aus der Geschichte gestrichen respektive ersetzt wurden. Dieser Methode bedienen sich auch die Macher der Comic-Adaption, sodass die Geschichte, aber auch gerade die Figuren in ihrer Konzeptionalisierung im Vergleich zum Originalwerk an Tiefgang verlieren. Gleichermaßen werden dennoch – wenngleich nicht so ausgiebig wie in der Vorlage – zahlreiche Charaktere eingeführt oder nur namentlich genannt, sodass LeserInnen, die hier erstmals mit Westeros konfrontiert werden, möglicherweise alsbald dazu geneigt sind, sich zum besseren Verständnis das character sheet neben die Lektüre zu legen.

Dass die Adaption eines derart umfangreichen Epos zuweilen an Komplexität verliert, ist kaum überraschend. Gerade einer graphischen Umsetzung ist es daher möglich, auf einer anderen Ebene – auf der piktoralen – diese möglicherweise als Schwäche zu verstehenden Änderungen zu kompensieren. Im Falle von Game of Thrones ist dies nur bedingt der Fall. Einerseits sind die Zeichnungen selbst überaus detailliert – und dies nicht nur bei der Gestaltung der Charaktere, ihrer Gestalt und Kleidung, sondern gerade in Bezug auf die Hintergründe. Es gelingt dem Zeichner durchaus, mit seinen Fähigkeiten eine ganz spezielle Welt, ein eigenes Westeros zu erschaffen, das insbesondere durch seine Farbgestaltung zu begeistern weiß. Umso problematischer erscheint im Kontrast hierzu das Charakterdesign selbst: Die Figuren sehen sich in vielen Fällen zu ähnlich, die weiblichen Figuren entsprechen in ihrer Visualisierung mehr stereotyper Männerphantasien, wie man sie eher in einem erotischen Comic erwarten würde – so mag man Catelyn Starks Körper weder ihr tatsächliches Alter, noch die Tatsache, dass sie bereits fünf Kinder zur Welt gebracht hat, ansehen. Königin Cersei und ihre Tochter Myrcella sind trotz des Altersunterschiedes kaum auseinander zu halten und ihre Mimik wirkt – wie die, der meisten anderen Figuren – permanent gleich, starr und vor allem leb- und emotionslos. Da A Song of Ice and Fire gerade von seinen Figuren und ihren Emotionen lebt, handelt es sich hierbei wohl um den größten Kritikpunkt, den auch die wunderschönen Zeichnungen, die in den ganzseitigen Panels gar wie kleine Gemälde anmuten, nicht aufzuwiegen. Dies bedingt dann auch, dass – entgegen Martins Wunsch, dass mit dem Graphic Novel kein „Begleitprodukt“, sondern eine „eigenständige Bearbeitung meiner Romane“ erschaffen wird – die Adaption nur bedingt als gelungen bezeichnet werden kann: Ohne die Kenntnis der Bücher oder TV-Serie ist es schwer, der Handlung zu folgen, Empathie mit und Interesse an den Schicksalen der Figuren entsteht nicht; eine vergleichbare Sogwirkung wie die beiden Vorlagen kann dieser Comic leider nicht erzeugen.