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8. Oktober 2012
Kristin Eckstein
für satt.org

  »Three Wolves Mountain« von Bohra Nanao
Bohra Nanao:
Three Wolves Mountain

Christine Steinle (Übersetzerin)
Egmont Manga & Anime 2012
226 S., € 7,00
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„Wie ein Hund, der sich nach der Liebe seines Herrchens verzehrt“

Über das Boys' Love-Genre wurde bereits viel geschrieben, die Leserinnen – in Japan fujôshi („verdorbene Mädchen“) genannt – wurden pathologisiert und diffamiert; die erst kürzlich entbrannte Fassungslosigkeit der Populärmedien um die Begeisterung von Frauen für den Twilight-fanfiction 50 Shades of Grey erinnerte an dieses Unverständnis. Beide Diskurse zeichneten sich primär durch die Irritation ob des Faktes auf, dass sich – man glaubt es kaum – auch Frauen für Pornographie jenseits des heteronormativen Mainstreams respektive Vanilla Sex interessieren.

Dies lediglich als einführende, allgemeine und relativierende Worte, denn viel Positives wird über das zu besprechende Werk nicht mehr zu lesen sein – doch liegt dies sicherlich nicht nur an Naonos Manga selbst, sondern vielmehr an der unglücklichen Zusammenstellung verschiedener BL-Stereotype, die der Rezensentin (trotz hoher BL-Affektion) per se auf den Magen schlagen. Aber zunächst einmal zur Geschichte selbst:

Three Wolves Mountain ist eine Zusammenstellung von fünf Kurzgeschichten, geschrieben und gezeichnet von Bohra Naono – die sich bisher nur in Japan als Mangaka von Boys' Love einen Namen gemacht hat –, die eine mehr oder minder (chrono-)logische Geschichte erzählen. Der junge Mann Kaya arbeitet nachts als Friedhofswärter und führt tagsüber ein Café. Eines Nachts stößt er bei einem seiner Rundgänge auf einen Jungen namens Jirou und einen Wolf namens Tarou, der sich als Jirous Bruder entpuppt. Die beiden sind Werwölfe und wurden von ihrem Vater aus dem Haus gejagt, um zur Unabhängigkeit erzogen zu werden. Kaya nimmt die beiden schließlich unter der Prämisse, dass sie für Kost und Logis arbeiten, in seinem Haus auf – und schon bald entspannt sich zwischen dem schweigsamen, mysteriösen Kaya und dem naiven, tollpatschigen Jirou eine Art romantische (vordergründig sexuelle) Beziehung. Denn Jirou gerät regelmäßig in die sogenannte „Ranz“ – die Paarungszeit der Wölfe – und dürstet nach sexueller Befriedigung ...

So weit, so awkward. Man muss nicht viele BL-Manga gelesen zu haben, um bereits nach den ersten Seiten erahnen zu können, welcher Charakter den Part des aktiven seme und wer den Part des passiven uke übernehmen wird, welche die homonormativen Strukturen des Genres dominieren: Kaya wird als düster und mysteriös, schweigsam, cool und attraktiv inszeniert, während Jirou in seiner naiven und weinerlichen Art sowie auch zuweilen auf der visuellen Ebene stark stereotyp effeminiert wirkt. Seine unterwürfige Art insbesondere in den sexuellen Momenten zwischen den beiden Männern („Bitte mach's mit mir!“) sowie Kayas distanzierte, ihn zuweilen beschämenden Reaktionen („Was für ein verzweifeltes Gesicht du machst. Nichts als Umstände hat man mit dir.“) reproduzieren die altbekannten Stereotype, für die das Genre schon häufig Kritik geerntet hat. Dass sich die letzten beiden Kapitel übergreifend damit auseinandersetzen, dass Jirou gern den Part des seme übernehmen möchte (und dies charmant mit den Worten „Also, darf ich ihn auch mal in dich reinstecken?“ erbittet), ist für das Genre untypisch und zumindest ein überraschendes Moment in der Handlung. Die offensichtliche Homonormativität des Werks kann dieser Wechsel der Positionen jedoch kaum abschwächen.

Generell spielt der Sex im Werk eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Rolle überhaupt: In jedem Kapitel gibt es mindestens eine umfangreiche Szene dieser Art, in der es an Körperflüssigkeiten nicht mangelt. Allzu eindeutige Abbildungen vermeidet Naono jedoch auf eine amüsante und kreative Weise: Jirou, nicht in der Lage, sich gänzlich in einen Wolf zu verwandeln, hat zumeist einen riesigen, buschigen Schweif, der seine primären Geschlechtsmerkmale verdeckt. Der Schweif und die Wolfsohren verdeutlichen zugleich die Tendenz zum Furry-Fandom, die sich durch das gesamte Werk erstreckt; im letzten Kapitel möchte Tarous menschliche Freundin gar mit ihm in seiner Wolfsform schlafen, da sie nicht bis zum nächsten Vollmond (und somit seiner Verwandlung in einen Halbmenschen) warten möchte. Wem Furry Unbehagen bereitet (so wie beispielsweise auch der Rezensentin), dem sei geraten, einen großen Bogen um Three Wolves Mountain machen.

Problematisch ist an diesem Manga zudem die mögliche patho-psychologische Interpretation der Beweggründe für Kayas Homosexualität sowie seinen dunklen Charakter: Ein Kapitel erläutert seine Familiengeschichte – die Eltern früh verstorben, die Zieheltern haben ihn und seinen Bruder permanent verprügelt – und integriert seinen verstorbenen Bruder Kai, der regelmäßig vom Ziehvater sexuell missbraucht wurde. Ausgelöst durch dieses Trauma vergreift er sich auch an seinem Bruder Kaya, nahm sich jedoch – um Kaya vor sich selbst zu schützen – schließlich das Leben. Diese Hintergrundgeschichte wird allerdings derart kurz und oberflächlich abgehandelt, sodass sie fast schon wie eine Entschuldigung wirkt, um ein weiteres, brisantes (und nicht minder stereotypes) „Tabu“-Thema zu integrieren: Inzest zwischen Brüdern. Denn der verstorbene Geist von Kai wandelt noch immer auf dem Friedhof und sehnt sich nach der körperlichen Liebe mit Kaya. Nach all diesen „schockierenden“ Wendungen macht es die Leserin geradezu glücklich, dass der kurz darauf in die Geschichte eingeführte Vater von Jirou und Tarou nicht ebenfalls in die sexuellen Abenteuer mit einbezogen wurde. (Auch das wäre kein Novum im BL-Genre.)

In Retrospektive auf den ersten Absatz sei an dieser Stelle erneut darauf hingewiesen, dass hier keine Bewertung der Fetische oder Vorlieben von Leserinnen erfolgen soll. Das Problem an Three Wolves Mountain sind keinesfalls seine thematischen Schwerpunkte und die (vermeintlichen) Tabuthemen, sondern deren Umsetzung: Das Werwolf-Dasein wird an keiner Stelle hinterfragt oder überhaupt thematisiert; Kaya ist zu Beginn leicht verwundert ob des sprechenden Wolfes Tarou, doch nimmt dies schließlich scheinbar schlicht als gegeben hin. Zusätzlich dient es dem „Erotik“-Faktor: Durch das Auslecken von Wunden kann Jirou Kaya bei Verletzungen heilen. Die Rahmengeschichten wirken überaus weit hergeholt (das bereits erwähnte plötzliche Auftauchen des Vaters, der seine Söhne wieder in seinem Haus haben möchte und dadurch dafür sorgt, dass Kaya seine Gefühle für Jirou erkennt sowie die immer mal wieder aus dem Nichts auftauchenden Grabräuber, die Kayas Leben bedrohen), dienen lediglich als Platzhalter und plot device zur Begründung des Geschlechtsverkehrs zwischen den beiden Protagonisten, und erinnern somit durchaus an die klassische Struktur des Pornofilms.

Die Dialoge – möglicherweise bedingt durch die Übersetzung – erregen allerhöchstens Fremdscham. Als Beispiel seien neben den bereits genannten Stellen Perlen wie „Soll ich dich am Po wieder heil lecken?“ (nach dem uke-/seme-Wechsel), „Bitte, hab mich auch lieb. Wenigstens ein bisschen.“ (während des Geschlechtsverkehrs) sowie „Weil ich das nächste Oberhaupt bin, hat die Sippe beschlossen, ich solle meinen Samen hinterlassen, und zwar in dir.“ genannt.

Doch es ist nicht alles schlecht: Der Zeichenstil von Naono hat einen gewissen Wiedererkennungswert und die Zeichnungen sind sehr liebevoll gestaltet; sie verwendet viel Rasterfolie, arbeitet ihre Figuren immer detailliert aus und auch die Hintergründe sind in den meisten Fällen vergleichsweise detailreich. Der Manga nimmt sich zudem selbst nicht immer ernst: Es gibt viele lustige Momente und comic relief, die jedoch im Kontrast zur grausamen Familiengeschichte von Kaya nicht selten deplatziert wirken.

Betrachtet man Three Wolves Mountain als das, was es ist – reine Pornographie von und für Frauen mit einer seichten Geschichte und für ein Publikum mit spezifischen Vorlieben – so ist es sicherlich im qualitativen Mittelfeld anzusiedeln. Mehr als das ist es allerdings nicht. Wer sich ein erstes Bild vom Genre Boys' Love machen möchte, dem sei von diesem Werk abgeraten – dient es doch mehr der Bestätigung altbackener Stereotype. Und das hat dieses vielfältige Genre schlicht und ergreifend nicht verdient.