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Die Box





2. Juli 2012
Felix Giesa
für satt.org

  »Wie hungrige Wölfe« von Jiro Taniguchi
Jiro Taniguchi (Zeichnungen) und Baku Yumemakura (Textvorlage): Wie hungrige Wölfe. shodoku (Schreiber & Leser) 2012. 288 Seiten, € 16,95
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Mann gegen Mann

Es ist ein weit verbreitetes Klischee, dass Manga häufig überaus brutale Handlungen darstellen. Zumeist einhergehend mit der Darstellung von Sex und überhaupt alles klischeehaft. Doch ist dieses Urteil von außen selber nur ein Klischee, explizite Darstellungen folgen im Manga durchaus nicht (nur) ungezügelten Triebphantasien, sondern sie tragen meist handlungsrelevanten Charakter. Sehr schön lässt sich das an dem vor kurzem erschienenen Einteiler Wie hungrige Wölfe nachvollziehen. Der Manga stammt aus der Feder von Jiro Taniguchi, einem gemeinhin als sehr ‚europäisch‘ bezeichneten Mangaka. Nachvollziehen deswegen, denn Wie hungrige Wölfe ist ein Karate-Wrestling-Manga der besonders harten Variante. Der junge Karatekämpfer Tanba ist beeindruckt vom Wrestling und entwickelt eine eigene Mischtechnik beider Kampfstile. Auf seiner Herausforderungstour durch verschiedene Dōjōs wird er letztlich ein einziges Mal besiegt: vom Kampfkoloss Kajiwara. Die nächsten sechs Jahre bringt er mit seiner Wut und seinem Willen zur Verbesserung seiner Technik zu, bis es endlich zum Rematch kommt. Inhaltlich kann man es hierbei weitestgehend belassen, interessant ist die graphische Umsetzung der Geschichte, die auf einem Roman von Baku Yumemakura beruht (mit dem Taniguchi später Der Gipfel der Götter umsetzte). Im direkten Anschluss zu Taniguchis Durchbruch mit Botchan no jidai Ende der 1980er Jahre legt der Zeichner hier einen in seiner Perfektion der Kampfszenen außergewöhnlichen Manga vor.

Dabei lebt die Geschichte von den zahlreichen Motiven insbesondere aus Filmen und anderen Manga. Erschien die Romanvorlage 1985 erkennt man eindeutige Zitate aus Karate Kid aber auch insbesondere aus Rocky III. Sowohl spielen bei Rocky III Wrestler und Schaukämpfe eine wichtige Rolle als auch die Abhängigkeit der Kämpfer von ihren Managern. In Wie hungrige Wölfe findet gerade letzteres Motiv seinen Ausdruck in dem Umstand, dass Tanba und Kajiwara sich ‚privat‘ zur Prügelei treffen, da ihnen ein offizieller Kampf nicht zugestanden wird. Zugleich erscheint der Roman auf dem Höhepunkt des Erfolges des amerikanischen Pro-Wrestling mit dem Durchbruch der WWF. Auch in Japan scheint damit ein Zeitenwechsel einhergegangen zu sein, was Taniguchi in einer der ersten Kampfszenen umsetzt, wenn er dort seinen ‚Wolf‘ gegen einen Karate-Meister antreten lässt und die gesamte Stimmung und Seitenkomposition an den Samurai-Epos schlechthin erinnert: Kazuo Koikes und Goseki Kojimas Kozure Ōkami aus den 1970er Jahren. Der (kampf)stilsichere Meister wird vom Wildfang aus der Gosse schlicht verdroschen. Und das ist keineswegs ästhetisch überzeichnet, der Kampf Mann gegen Mann nichts Schönes. Zähne bersten, Knochen brechen, Blut und Erbrochenes sind Bestandteil jedes der zahlreichen Kämpfe. Der Titel ist mit seiner Drastik sicherlich als Vorläufer für solch herausragende Karate-Serien wie Shamo zu betrachten, die sich in der Wahl ihrer stilistischen Mittel weit von effekterhaschenden Titeln entfernen und auf eine authentische Darstellung des Kampfgeschehens verlegen.

Durch die zahlreichen historischen Anspielungen droht der Band Kind seiner Zeit zu bleiben, doch ist dafür die Charakterzeichnung der Figuren und ihrer Umgebung zu oberflächlich. Die gesamte Handlung fällt darauf zurück, einen Mann im Kampf mit sich selbst zu zeigen. Denn Kajiwara mag für Tanba der Antrieb für sein persönliches Stählen sein, doch als das Rematch da ist, fühlt Tanba, dass der Grund, weiterzumachen, schon längst verflogen ist. Er kämpft im finalen Match nur mehr gegen sich selbst und erkennt sich dabei im anderen. Das mag einer extremen Männlichkeitsbespiegelung gleichkommen, ist aber ein starkes Stück Karateunterhaltung.