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Die Box





17. Juli 2012
Felix Giesa
für satt.org

  »Roxanne & George« von Carolin Walch
Carolin Walch: Roxanne & George. Lettering von Carolin Walch, Font von Arne Bellstorf. Reprodukt 2012, 136 Seiten, € 17,00
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Ihr Leben in Bildern,
sie leben durch Bilder

Vor einem Jahr habe ich an dieser Stelle die damals aktuelle Nummer von Orang besprochen und mich insbesondere über den Beitrag von Carolin Walch gefreut, der ein guter Appetizer zu ihrem ersten Comicbuch schien. Nun ist Roxanne & George bereits erschienen und wenn man den Band vor sich liegen hat, ist man erst einmal begeistert, weil die Aufmachung so herrlich Glamour ist: Die Schriftzüge auf dem Cover sind allesamt in goldenem Prägedruck gesetzt, ebenso ist der Buchrücken in Gold gehalten. Das erinnert von der Aufmachung schon sehr an schnulzige Liebesmanga, was sicherlich kein Zufall ist. Schließlich ist Carolin Walch als eine der drei Royal Walch-Schwestern, die gemeinsam einen gelungenen Manga mit dem Titel Magic Mütze zeichneten, bekannt geworden. Was dort, insbesondere zum Ende hin, auf der inhaltlichen und figürlichen Ebene bereits in groben Zügen angelegt war, findet nun in Roxanne & George seine Fort- oder eher logische Weiterführung.

Carolin Walch bedient sich für ihre Geschichte verschiedener etablierter Erzählformate der Populärkultur und spinnt daraus ihr Hohelied der Rock- und Pop-Society. Sie erzählt von Roxanne und George, den Kindern zweier alternder Rockstars, die ihr Hipsterleben als Dokusoap an MTV verkauft haben. Die Anspielungen dürften hinlänglich bekannt sein und auch die Gesichter der Väter und weiterer Rockmusiker lassen sich unschwer zuordnen. Die Geschichte geht dann ungefähr so: Die Exzesse der Kinder werden den Vätern irgendwann zu viel, sie begraben alten Streit und setzen ihre Blagen kurzerhand vor die Tür. Die leben nun in einer MTV-Villa zusammen mit anderen coolen Kids, während die Alten an einem Comeback-Album arbeiten. Carolin Walch macht nun zweierlei, wobei ihr Mittel der Darstellung immer die feinsinnige Überspitzung ist. So leben die Kinder in einer viel zu coolen, viel zu abgebrühten Welt mit viel zu hübschen und viel zu gestylten Menschen in viel zu schicken Klamotten, denen es lediglich um eine Selbstinszenierung vor einer der unzähligen Kameras geht. Die Bilder dieses vermeintlichen Scheinlebens werden hier nur vordergründig unentscheidbar zwischen Realität und Fernsehbild – in der inszenierten, der ‚scripted reality’ verschmelzen sie und werden indifferent. Das mag in der Außensicht genauso ‚fake’ sein, wie der Mitbewohner, den George und Roxanne aus ihrer WG werfen, aber für die beiden ist es offensichtlich real.

»Roxanne & George« von Carolin Walch

Die alten Männer hingegen werden als rechtschaffene Musiker beschrieben, die aus Liebe zur Musik mit Schweiß und harter Arbeit (und auch einigen Drogen) eine neue Platte zimmern. Das auch sie natürlich Teil einer aufmerksamkeitsgierigen Verwertungsindustrie sind, wird etwas unter den Tisch gekehrt, aber auch das ist Teil von Carolin Walchs Überhöhungsstrategie. Beide Lebensweisen werden gleichzeitig als ultracool, aber durch die Zuspitzung auch als Parodie dargestellt. Diesen ambivalenten Status erhalten sie durch ihre Gemachtheit, Pop, um einen Überbegriff zu wählen, ist immer Inszenierung. Gesehen zu werden, besser noch in Bildern festgehalten zu werden, ist zentrales Lebenselixier.

Passt Walchs feiner, fast möchte man sagen hyper-stylischer (oder eher sexy?), Strich dabei perfekt zur Modedesignwelt der Hipsterkids mit ihren flächigen Fassaden, irritiert dieser in der Welt der gealterten Rockstars, erwartet man hier doch etwas raueres. Doch dann muss man feststellen, dass auch diese Rockwelt in der stylischen neuen Welt gefangen ist. Was spätestens dann offensichtlich wird, wenn die Väter nach erfolgreichem Comeback auf dem Wacken Open Air spielen und somit ebenfalls Teil des medialen Bilderstrudels werden. Zu sehen sind sie nämlich nur auf Roxannes Fernsehbildschirm, der bezeichnenderweise stumm geschaltet ist. Beide Welten mögen nebeneinander existieren, ein Austausch ist kaum möglich, vielleicht auch gar nicht gewollt. Carolin Walch gelingt mit ihrer ersten eigenständigen Comicerzählung ein schönes Popmärchen, dass sie als Zeichnerin ausweist, die ihren eigenen Strich gefunden hat und nun bereit sein sollte für mehr.