Anzeige:
Die Box





29. Juli 2012
Thomas Vorwerk
für satt.org

  Alfonz - der Comicreporter
Edition Alfons, vierteljährlich, € 6,95
» Verlag


Alfonz
(1/2012)

Die »Edition Alfons« kennt man wegen der Reddition, und die Reddition ist (wenn einen das jeweilige Thema anspricht) das beste deutschsprachige Comic-Magazin, mit einem einzigen Manko: sie erscheint zu selten. Alfonz will zum einen durch vierteljähriges Erscheinen dieses Problem ausstechen, und zum anderen schwebt den Machern vor, ein Zielpublikum anzusprechen, das sowohl etwas über anspruchsvolle Comic-Literatur erfahren will als auch über das breite Spektrum des Mediums, auf der Titelseite fasst man das als »Von Graphic Novel bis Manga« zusammen.

Diese Herangehensweise ist unübersehbar, denn Alfonz ist nicht nur Alfonz, sondern »Alfonz - der Comicreporter«. Schon diese Namenswahl impliziert vielerlei: den Hang zu Old-School-Journalismus (hätte ja auch »die Comicblogger« heißen können), den Bezug zur »Edition Alfons« und allem, was man damit verbindet, aber durch das kleine Z auch ein flatterhaftes wildes Element.

Ich bin alt genug, um vom Namen Alfonz an Alfons Zitterbacke erinnert zu werden, eine eher flüchtige Erinnerung an eine Buchserie meiner Jugend. Und der Name Alfonz hat für mich was nostalgisches (wer nennt heutzutage sein Kind Alfons?), aber gleichzeitig auch etwas rebellisches. Man kann sich vorstellen, dass sowohl ein Frührentner als auch ein Zehnjähriger sich dieses Magazin kauft, ein rein markttechnisches Potential ist durchaus gegeben. Nur: Aus der Sicht des Comic-Enthusiasten oder zumindest -Interessierten: Was machen sie daraus?

Die Mischung (ausgehend von der ersten Nummer und kurzen Einblicken in zwei digitale Nullnummern) ist schon mal sehr ausgewogen. Die Titelstory (8 Seiten) ist dem Spanier Vicente Segrelles gewidmet, dessen Sujets bei El Mercenario muskelbepackte Schwertkämpfer, leichtbekleidete Damen und Drachen und andere Monstren sind - also eher ein traditionell erscheinender Comic, der an Pulp-Magazine aus Conans Zeiten anknüpft. Aber schon allein aufgrund der Jahrzehnte umspannenden Odyssee der Serie durch deutsche Verlagshäuser und der »Collector's Edition« beim Splitter-Verlag ist dies ein ungewöhnlicher Aufhänger, aber man spricht schon gleich zu Beginn auch Fantasy-Freunde an, die mit Comics womöglich weniger zu tun haben.

Für die Fans von Superhelden-Filmen (eine andere Randgruppe, die angefixt werden muss) gibt es einen vierseitigen Artikel über The Avengers von Georg Seeßlen, dem zweifellos bekanntesten Autoren, den man verpflichten konnte. Und wo Marvel ist, darf DC nicht fehlen: ebenfalls vier Seiten über den DC-Relaunch.

Eine weitere Randgruppe bzw. ein Interessengebiet, das ähnliche Bevölkerungsschichten anspricht, wird gleich auf dem Cover angesprochen: »Facebook - Comicverlage & Social Media«. Auf zwei Seiten gibt es neben Infos und Statistiken nahezu Nachhilfeunterricht für »rückständige« Verlage, die hier über markttechnische Möglichkeiten aufgeklärt werden. Aus meiner Sicht einer der interessantesten Artikel des Heftes, weil er zumindest ansatzweise die Verflechtung von PR- und journalistischer Arbeit untersucht (dazu später noch mehr).

Ebenfalls schon auf dem Cover umworben (sogar mit Bild): Ein etwas anderer Relaunch (vorgestellt auf vier Seiten, angereichert um weitere vier Seiten über ein beteiligtes Zeichnerpaar): Bei Spirou hat man einige der bekanntesten Figuren in Kinderversionen reanimiert. Insbesondere bei Gaston (bzw. »Gastoon«) und Lucky Luke (»Lucky Kid«) ist dies natürlich auch eine clevere Taktik, einerseits Respekt gegenüber den verstorbenen Schöpfern André Franquin und Morris zu üben, andererseits aber seine Gewinnmöglichkeiten nicht auf Nachdrucke zu beschränken. »P'tit Boule & Bill«, »Marsu Kids« und der bereits etablierte kleine Spirou sind auch dabei, und die ersten Ableger dieser Art gibt es jetzt auch in deutscher Übersetzung.

Hier jetzt minutiös jeden Artikel zusammenzufassen, ist mir zu mühselig, jeder kann ja selbst am Kiosk nachschauen, ob der Mix als ansprechend erachtet wird, aber die Vielfalt ist schon erstaunlich: Fünf Seiten (teilweise aus Frankreich übernommen) über Comic-Originale und unterschiedliche Praktiken hierzu, ein »Tagebuch« aus der Schöpfungsphase des Ehapa-Comic-Stipendium (3 Seiten), das Comic-Festival in Luzern, die »Tour de France im Comic«, eine frankobelgische, eine Superhelden-Kolumne, eine als »Kampf« aufgemachte Doppelrezension zweier Autoren (jeweils zwei Seiten), einige weitere Kurzvorstellungen, News und Neuerscheinungen und natürlich (leider nur!) vier Seiten mit Rezensionen. Eine nette Idee (aus dem Stern übernommen) ist außerdem die Rubrik »Was macht eigentlich ...?«, in der ich gerne etwas über das Verbleiben von Debbie Drechsler erfahren würde ...

Die manchmal eher populistisch als elitäre Herangehensweise (womöglich ist das auch einfach »modern«) zeigt sich etwa in Listen (diesmal zu den beiden erwähnten »Relaunchs«) oder bei den Neuerscheinungen die kleinen Kästchen mit »Alfonz meint« (die mich an die Bild-Zeitung erinnern). Damit kann man aber durchaus gut leben.

Die Texte sind größtenteils ansprechend und gut recherchiert, dass man für die Vergabe von Stipendien nicht das Alphabet kennen muss, hatte ich bereits befürchtet (S. 16 - hihi!), aber dem schlimmsten Satz des Heftes möchte ich mich noch kurz annehmen (auf S. 76, ein unbekannter Autor zu »Marzi«).

Die Zeichnungen sind nicht »der Burner«, wie es in neudeutschem Jugendsprech wohl heißt, [...]

Dass man nicht genau weiß, ob sich der Autor von der »Jugendsprech« distanzieren will oder er sich bei der möglichen Leserschaft anbiedern will, ist die eine Sache, aber eigentlich uninteressant. Doch ungeachtet der Coverabbildung des besprochenen Bandes will man doch nicht wissen, ob der vermeintliche Rezensent die Zeichnungen gut oder weniger gut findet, sondern WARUM! Welchen Zeichenstil pflegt man, was daran ist »nicht der Burner«? Die Proportionen, die Hintergründe, die Mimik, die Koloration? Wenn mir der Autor unbekannt ist (ich also somit auch seine Vorlieben nicht kennen kann), bedarf es schon mehr als so eines nichtssagenden Statements. Ich persönlich habe Marzi übrigens noch nicht gelesen, aber es fällt mir leicht, zum Beispiel folgendes zu den Zeichnungen zu sagen:

Die Hauptfigur Marzi ist einem eher kindlichen frankobelgischen Funny-Stil gehalten, in ihrer Umwelt wirkt einiges etwas realistischer als ihre übertriebenen Rehaugen. Der mitunter textintensive Six-Panel-Grid gleicht sich vermutlich dem Erzählton der Autorin an, der Zeichner hat wenig Möglichkeit in den immergleichen Kästchen mit comicspezifischer Erzählkunst zu glänzen. Die Zeichnungen sind zwar durchweg koloriert, aber bis auf einige Rottöne herrscht Grau vor. Immerhin ein warmes Grau, in dem man auch eine Nuance von Rot wiedererkennt.
Okay, soviel Platz wird der Alfonz-Autor nicht zur Verfügung gehabt haben, aber durch meinen Text (der sich übrigens in Werturteilen zurückhält, den mir gefällt der Stil, aber ich wüsste gerne erst, ob die Zeichnungen auch die Geschichte transportieren können) erfährt der Leser, was das für ein Comic ist - und er wird selbst wissen, ob er beispielsweise Funny mag, Seiten-Layout wichtig findet oder ihm ohne knallige Farben etwas fehlt.

Nun zum letzten Kritikpunkt an Alfonz, der meinen ansonsten positiven Eindruck ein winziges bisschen gedämpft hat. Ich bin selbst ein Pressemokel und weiß darum, dass man sich sein Leben als Journalist oder Publizist durch eine gewisse »Käuflichkeit« sehr erleichtern kann. Für den Leser ist das unterschiedlich sichtbar. Wer das »W.O.M.-Journal« oder die »McDonald's Kino-News« als Journalismus fehldeutet, tut mir leid. Wer auf dem Cover eines Gratis-Stadtmagazins ein Filmplakat sieht und glaubt, in dieser Ausgabe einen Verriss dieses Films zu finden, ist unrealistisch. Anzeigenkunden sind für viele Publikationen wichtiger als Leser. Im Alfonz fiel es mir dann doch stark auf, dass es zu vielen der Artikeln gleich auf der Nebenseite oder auch mal mitten im Artikel eine Anzeige des entsprechenden Verlegers gab (bei - erfreulich wenigen - 18 Anzeigenseiten ist dies in mehr als der Hälfte der Fälle so). Nun weiß man nicht immer, ob hier zuerst das Huhn oder das Ei da war, aber für mich ist die Unabhängigkeit der Autoren auch ein wichtiger Punkt dabei, was ich als »lesenswert« erachte. Vielleicht ist diese »Zusammenarbeit« unumgänglich, um so ein Projekt überhaupt stemmen zu können, aber ich hoffe, dass sich Alfonz, falls sich das Magazin auf dem deutschen Markt etablieren kann (und das wäre durchaus wünschenswert!) von diesem »Einfluss« stärker lösen kann. Oder ihn zumindest nicht mehr so deutlich erkennen lässt. Um es klar zu machen: Alfonz hat durchaus auch kritische Worte zu einigen der umworbenen Produkte, ich finde aber, dass eine klare Trennung (für den Leser) von redaktionellem und Fremd-Inhalt angestrebt werden sollte. Manchmal kann das den Werbeeffekt sogar unterstützen, liebe Anzeigenkunden!