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29. Dezember 2011
Alexander Plaum
für satt.org

  Igort: Berichte aus der Ukraine. Erinnerungen an die Zeit der UdSSR
Igort: Berichte aus der Ukraine
Aus dem Italienischen von Giovanni Peduto
Handlettering von Céline Merrien
Reprodukt 2011, 180 S., 24 €
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Igort: Berichte aus der Ukraine
[Erinnerungen an die Zeit der UdSSR]

»... und wer diese scheinbar kleinen Geschichten von vier ganz normalen Personen und diese eine fürchterliche Geschichte eines nicht ganz normalen Landes nicht kennt, wird zwar besser schlafen können, aber auch kein komplettes Bild des zwanzigsten Jahrhunderts besitzen.« Das Andreas-Platthaus-Zitat im Klappentext des neuen Sachcomics von Igort macht vor allem eins klar: »Berichte aus der Ukraine« ist kein nettes Weihnachtsgeschenk – aber ein aufschlussreiches Buch über einen Teil Europas, dessen politische, ökologische und soziale Beschädigung bis auf den heutigen Tag zu spüren ist.

Die vier kleinen Geschichten, das sind die Berichte von vier alten Menschen aus der Region Dnipropetroswk im Südosten der Ukraine. Der in Paris ansässige, sardische Comic-Autor Igort (eigentlich: Igor Tuveri) hat sie 2008/ 2009 auf seiner ausgedehnten Reise durch den zweitgrößen Flächenstaat Europas auf der Straße getroffen, ihnen zugehört und ihre Geschichten zu Papier gebracht. Mit knappen Worten, aber umso ausdrucksstärkeren Zeichnungen, deren feiner Strich viele Details enthüllt, während die gekonnt eingesetzten Sepiafarben Tristesse und Grauen noch stärker erfahrbar machen. Inhaltlich gleichen sich die Berichte auf erschreckende Weise: Armut, Krankheit, enttäuschte Hoffnungen und ein gewisser Fatalismus sind zentrale Themen der zähen, aber seelisch gebrochenen Rentner aus der Raketenstadt, die bis in die 1990er Jahre militärisches Sperrgebiet war.

Die große, das Buch umspannende und immer wieder durchdringende Geschichte, das ist der Bericht über den Holodomor: die Tötung bzw. das Sterben durch Hunger, die große, hauptsächlich von Menschen gemachte Katastrophe, der zwischen 1932 und 1933 mindesten 3,5 Millionen Ukrainer zum Opfer fielen. Wie schrecklich und schwerwiegend die Lage war, verdeutlichen vor allem die Anmerkungen zur damals drastischen Kannibalismusrate. Igort: Berichte aus der Ukraine. Erinnerungen an die Zeit der UdSSR

Alle von Igort befragten Personen erinnern sich in ihrem Teil der Geschichte an diese Zeit, die meisten von ihnen haben sie als Kinder selbst erlebt. Der Autor fasst die Ereignisse in mehreren Zwischenkapiteln zusammen. Hierbei begeht er übrigens den (aufgrund seiner Nähe zu den Opfern und ihren Nachfahren verständlichen) Fehler, historische Geschehnisse etwas undifferenziert und ausschließlich aus ukrainischer Perspektive zu beleuchten. Die geht vorwiegend von einer systematisch geplanten Katastrophe aus, die einem Hungerholocaust gleichkommt, während westliche Historiker – bei aller Kritik an Stalins Verbrechen – eher davon überzeugt sind, dass der Holodomor Folge einer tödlichen Mischung aus Maßnahmen zur Zwangskollektivierung und Widerstandsbekämpfung, Moskauer Machtpolitik und klimabedingten Ernteausfällen war. Ohne ausgiebige Recherchen inklusive Konsultation von Osteuropa-Experten kommt man hier aber sicher zu keinem eindeutigen Ergebnis.

Weitere (Kurz)kapitel in Igorts nicht immer ganz stringent aufgebauten, aber durchgehend fesselnden Buch widmen sich den Folgen des Reaktorunfalls in Tschernobyl und der wirtschaftlichen Misere durchschnittlicher Lohnabhängiger in Dnipropetrowsks, wo eine Wohnung im Zentrum scheinbar nur mit Mafiakontakten zu haben ist. Das in diesem Zusammenhang beschriebene Marschrutka-Pendler-Netz, ein unzulängliches Nahverkehrssystem mit schrottigen Kleinbussen, hat mich übrigens spontan an meinen eigenen (Zwangs)aufenthalt in Ulan Ude (Burjatien) im Sommer 2008 erinnert.

Summa summarum lässt sich festhalten, dass »Berichte aus der Ukraine« – Igorts erster Band für den Berliner Reprodukt-Verlag – spannende Lektüre für Hartgesottene bietet. Dabei überzeugt mich der Autor weniger als Journalist oder Historiker denn als hochtalentierter Zeichner – und als empathischer Chronist fürchterlicher Ereignisse, für die sich hierzulande kaum jemand interessiert. Ein zweiter Teil mit Aufzeichnungen aus der ehemaligen Sowjetunion ist angekündigt.