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13. November 2011
Felix Giesa
für satt.org

  Superhelden. Zur Ästhetisierung und Politisierung menschlicher Außerordentlichkeit
Imorde, Joseph; Scheller, Jörg (Hrsg.): Superhelden – Zur Ästhetisierung und Politisierung menschlicher Außerordentlichkeit. kritische berichte. Zeitschrift für Kunst- und Kulturwissenschaften. Ausgabe 01/2011. Marburg: Jonas- Verlag, 2011. 158 Seiten, 12 €. ISSN: 0340-7403
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Superhelden.
Zur Ästhetisierung und Politisierung menschlicher Außerordentlichkeit

Zurückgehend auf eine Tagung der Siegener Kunstgeschichte im Museum für Gegenwartskunst (Siegen) im Mai 2010 erschien als erste Nummer der kritischen berichte dieses Jahres eine Auswahl der Tagungsbeiträge. Für die Tagung sollten »die sublimierende Funktion der Heldenerzählung sowie die Mediatisierung und Instrumentalisierung des Übermenschlichen, kurz die Ästhetisierung und Politisierung menschlicher Außerordentlichkeit« (Tagungsankündigung) im Vordergrund stehen. In der Einleitung stellen die Herausgeber weiterhin fest, dass Superhelden in der medialen Gegenwart zu einer Selbstverständlichkeit geworden seien, was sich durch eine Kompensation der Unzulänglichkeit eines jeden Einzelnen begründen ließe. Als Problem hierin erkennen sie die eigene politische Entmündigung mit der eine fremde imaginative Ermächtigung einherginge, was sich in der Etablierung zumindest fragwürdiger ästhetischer Regime diverser Fernsehshows zeigte. Diese sicherlich weitestgehende zutreffende Einschätzung eröffnet in ihrer Allgemeinheit nun den Reigen der elf Beiträge, die in ihren jeweiligen Zugriffen sehr unterschiedlich ausfallen.

Den Anfang macht ein Beitrag von Hans-Joachim Backe, der in einem fundierten Aufsatz die Superhelden-Dekonstruktion durch Alan Moore in Watchmen nachzeichnet und anhand der Figuren Comedian, Ozymandias und Dr. Manhattan unterschiedliche Machtentwürfe untersucht. Dabei kommt er zu dem Befund, dass sich diese auch in den mit den Figuren verbundenen Erzählweisen wiederfänden, wenn die jeweilige Erzählhaltung zu einer Verunsicherung beiträgt. An klassischen Superhelden arbeiten sich schließlich Sebastian Sierra Barra und Andreas Rauscher ab. Barra versucht anhand der Marvel Serie X-Men »evolutionstheoretische Spekulationen«. Die X-Men dienen Barra dabei lediglich als Anlass einer Aneinanderreihung biologisch-naturwissenschaftlicher Überlegungen, die für den naturwissenschaftlich nicht vorgebildeten Leser schlicht nicht nachzuvollziehen sind. Ganz anders verfährt da Rauscher in seiner Typologie von Antihelden, die er anhand der Superheldenfilme der vergangenen Jahre aufstellt. Zentrale Figuren sind ihm dabei neben Batman und Spider-Man besonders Iron Man. Die Figuren zeichneten sich in ihren Typen durch Charakterbrüche unterschiedlichen Grades aus. Aus diesen bezögen sie nicht nur ihre Identität, sondern für eine Figur wie Iron Man, dessen Alter Ego Tony Stark ein erfolgreicher Waffenmagnat ist, auch ihre Konsensfähigkeit als Antiheld.

Erstaunt muss man jedoch ob einiger Ansätze sein, die in regelrechter Fanmanier Fakten anhäufen und kategorisieren, ohne zu einem weitergehenden analytischen Schluss zu gelangen. So etwa in den Beiträgen von Henry Keazor, der in beachtlicher Weise die Verwendung von Superhelden in den Simpsons untersucht, Kristina Baumanns Überlegungen zu ikonographischen Stilisierung Barack Obamas als Superhelden sowie in Marcel Trummers »Powermythologie. Zur Phänomenologie des Superhelden in der Ikonografie des Heavy Metal«. Aufschlussreicher ist da die Ergründung der Leonidas-Figur durch Anna Pawlak, die ausgehend von der antiken Heldenzeichnung die künstlerische und literarische Rezeption des Mythos nachzeichnet, um dann Beispiele ihrer Interpretation in der Gegenwart, hier besonders die Verfilmung von 1960, zu untersuchen. In der Auseinandersetzung mit Frank Millers 300 sowie der Verfilmung durch Zack Snyder erkennt sie schließlich ein ambivalentes Heldentum, welches sich durch eine visuelle Ästhetik der Selbst- und Fremdgewalt begründete.

In seinem »Versuch über Schurken und kriminelle Genies« widmet sich Roland Meyer dem wahren kriminellen Genie, das er, in Anlehnung an ein Simpsons-Zitat, klar vom ›regulären‹ Schurken getrennt wissen will. Das kriminelle Genie ist nicht mehr an alltägliche Rationalität gebunden, wie Mr. Burns in Meyers Simpsons-Anleihe, wenn dieser versucht das Sonnenlicht zu stehlen. In der Folge entwirft Meyer eine Genealogie des bösen Genies von Dr. Moriarty, dem Gegenspieler Sherlock Holmes, über Fritz Langs Dr. Mabuse, anhand dessen es ihm vortrefflich gelingt, die Besonderheit für einen Archetyp des Superschurkens zu benennen: Dieser konturiere sich eben nicht als Antagonist des Superhelden, sondern existiere unabhängig von diesem. Der Superschurke agiere, indem er als unsichtbarer Gegner das System ausbeute. In Variationen habe dies bei den Schurken der Gegenwart auch heute noch seine Gültigkeit, wie Meyer eindringlich anhand des Jokers darlegt.

Bei der Vorstellung der einzelnen Beiträge dürfte ausgefallen sein, dass einer Vielzahl der Beiträge das zentrale Titelthema abgeht, der Superheld. In diesen dient der Superheld vielmehr nur als Ausgangspunkt für andere Überlegungen oder wird nur an Stellen gestreift. Dies beiseitegelassen, verfolgen die Autorinnen und Autoren des Heftes eine Vielzahl spannender Fragen und kommen zu beeindruckenden Ergebnissen. Sie eröffnen so in der Unterschiedlichkeit ihrer Ansätze und Verfahren ein weites Feld für Anschlussforschungen.