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12. Juli 2011
Thomas Vorwerk
für satt.org

  »Celluloid« von Dave McKean
Dave McKean: Celluloid
Delcourt, Fantagraphics 2011
HC, 282 Seiten, 35 $
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»Celluloid« von Dave McKean
»Celluloid« von Dave McKean


Dave McKean
Celluloid

In den letzten zwölf Monaten wurde ich mit Arbeiten von Dave McKean, meinem Lieblingszeichner seit Bill Sienkiewicz zu viele Drogen einwirft, sehr verwöhnt. Das lag zwar daran, dass ich mich erst mit Verspätung um etwas ältere Werke bemüht habe, aber man ist ja irgendwann aus dem Alter raus, wo man jede CD gleich am Veröffentlichungstag bereits viermal gehört hat.

Crazy Hair, seine jüngste Zusammenarbeit mit Neil Gaiman, baut zwar format- und vermarktungstechnisch auf deren Kinderbüchern The Day I Swapped My Dad for Two Goldfish und The Wolves in the Walls auf, erinnert in seiner Gedichtform aber eher an die Kollaborationen Gaimans mit Charles Vess wie Blueberry Girl. Nur mit dem Unterschied, das Crazy Hair sowohl narrativ als auch visuell einfach viel überzeugender ist.

Varjak Paw und The Outlaw Varjak Paw (beide auch in Deutsch als Titus Tatz etc. erhältlich) sind zwei vor allem auf Jugendliche gemünzte Romane (ich bin 43 und fand sie großartig) um eine Katze, die sich in Kampfsportarten schulen lässt. Den Autor SF Said hielt ich zwischenzeitig mal für ein Pseudonym Gaimans, doch immerhin findet man im Internet auch Fotos von ihm. Varjak Paw ist eine Art Harry Potter für Katzenfreunde (mit weniger Magie, aber die Gruppendynamik eines Freundestrios wirkt sehr vertraut), aber auch der Vergleich mit Karate Kid lässt sich nicht von der Hand weisen. Eigentlich hat McKean diese Romane nur illustriert, aber im Zusammenspiel von Wort und Bild zeigt sich die Feinabstimmung der beiden Künstler, und die Summe von Wort und Bild ist den Einzelaspekten um vieles überlegen.

Meine jüngsten Entdeckungen waren zwei weitere Kinderbücher des in diesem Bereich wohl bewanderten Autors David Almond. Hierbei leidet Slog's Dad ein wenig darunter, das man sich einer früheren Textversion angenommen hat, aber The Savage hat einen Buch-im-Buch-Effekt, der Literatur und Comic eine glückliche wilde Ehe eingehen lässt. Uneingeschränkt empfohlen.

Nach McKeans Ausflug in die Filmbranche mit Mirrormask (2005) und dem zwischenzeitig auf Eis gelegtem Filmprojekt Luna (soll jetzt angeblich 2011 rauskommen) fällt die Anhäufung von Arbeiten für ein jüngeres Publikum auf, und somit ist Celluloid, ein Buch, das explizit nicht an Personen unter 18 Jahren verkauft werden soll, vielleicht auch eine Art Gegengift innerhalb McKeans kreativen Prozesses.

Als »an erotic graphic novel« redet Celluloid nicht um den heißen Brei, sondern steht dazu, Pornographie zu sein. Doch selten dürfte ein pornographisches Werk erschienen sein, das sich zwar ausgiebig mit Sex in vielen Spielarten beschäftigt, aber als Wichsvorlage kaum geeignet ist. Das wirkt wie ein Widerspruch, und auch, wenn ich lange suchen musste, um Bildmaterial zu finden (Abbildungen wurden verkleinert und geben nur einen ansatzweisen Eindruck von McKeans brillanter Kunst in perfekter Druckqualität), das man halbwegs bedenkenlos zu Anschauungszwecken vorführen kann, so ist die komplett wortlose Narration in Celluloid eben eher was für den Kopf als für den Unterleib.

McKean lässt sich zwar von den traditionellen Erzählschemata »herkömmlicher« Pornographie inspirieren (eine Frau kommt nach Hause, telefoniert mit einem Mann, entkleidet sich und nimmt ein Bad, entdeckt dann etwas erregendes und spielt sehr schnell an sich herum usw.), bleibt größtenteils auf dem heterozentristischen Pfad mit den üblichen Ausflügen in den Girl/Girl-Bereich, und weicht nicht einmal beim obligatorischen Cumshot von den etwas seltsamen, aber längst etablierten Konventionen des Genres ab, doch schon nach der soeben beschriebenen Eingangssequenz kommt eben nicht der Postbote überraschend in die Wohnung, während die Dame des Hauses sich gerade befriedigt, sondern eine anregende, aber etwas diffuse Filmvorführung (siehe Titel Celluloid) kommt zu einem vorzeitigen Ende (Interruptus!), bei dem das Filmmaterial dann durchbrennt.

Aus dieser neuentstandenen »Öffnung« webt McKean eine fortlaufende Handlung, die sozusagen Alice in Wonderland und Inception (was die Verschachtelung angeht) miteinander kombiniert. Und so durchläuft unsere Heldin auf der Suche nach ihrem Orgasmus mehrere Welten, die McKean sowohl visuell unterschiedlich umsetzt, bei denen sich aber auch die sexuellen Handlungen in unterschiedlicher Weise entwickeln, wobei man zwischen Realität, Mythos und der kinky Pornofilmbranche hin- und herirrt, und McKean sich dabei austobt, nebenbei nicht nur sein vieles umfassendes Talent zu demonstrieren – nein, das ganze entwickelt sich geradezu zu einem Kurztrip durch die Kunstgeschichte (bzw. McKeans bevorzugte Stilrichtungen hierin). Von Henri Fuselis Nightmare über den Kubismus à la Picasso und Verbindungslinien zwischen der Obst-Stillleben des 19. Jahrhunderts (George Lance und Konsorten) und Georgia O'Keefes eindeutig zweideutigen Orchideen – McKean zeigt hier das ganze Spektrum seiner Wandlungsfähigkeit, und sein Buch gerät zu einem Augenschmaus, wie es einem selbst der anregendste Porno mit den bestaussehendsten DarstellerInnen nicht bieten kann. Übrigens ein großartiges Geschenk für all jene Leute, die sonst über Comic und/oder Pornographie die Nase rümpfen.