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Die Box





20. Juli 2008
Felix Giesa
für satt.org

Die Große Erlangen
Heftchen-Nachlese,
zweiter Teil

Hier nun der Nachschlag zur letztwochigen Heftchen-Nachlese. Mancherorts scheint sich der Sommer jetzt doch durchzusetzen und wer noch den passenden Lesestoff für Freibad, Park oder auch Flugzeug in den Urlaub sucht, der lasse sich hier inspirieren. Denn so sprach mein Fahrer nach Erlangen sehr weise: „Lest mehr Comics in der Öffentlichkeit!“

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  FAB: Ausscheider
FAB: Ausscheider. Geschichten aus den Neunzigern # 4
Schwarzer Turm, 44 S.; € 6,-
» schwarzerturm.de
» artigebilder.com

FAB: Ausscheider

Die so genannte ,hohe Literatur’ in die Handlung eines Comics einfließen zu lassen oder sich ihrer beim Aufbau der Geschichte und Figurenkonstellation zu bedienen ist so nicht neu. Zwei aktuelle Titel, die das ganz beeindruckend veranschaulichen, sind Alan Moores „Lost Girls“ und Alison Bechdels „Fun Home“. Nun handelt es sich hierbei allerdings um Comics von gestandenen Comicheroen. Wie sieht so ein intermedialer Versuch aber im Independent-Bereich aus? Wenn man sich das Cover von „Ausscheider“ genau ansieht, erkennt man bereits, dass hier auf das allgemein bekannte Bild von Hamlet rekurriert wird: Vorne rechts steht Thomas mit einem kleinen Tierschädel in der Hand. Fabian „FAB“ Stoltz hat in der neuen Nummer seiner Reihe von den „Geschichten aus den Neunzigern“ Textfragmente aus „Hamlet“ und Tom Stoppards „Rosenkranz & Güldenstern“ in die Dialoge eingewoben. Dadurch erreicht er für seine Geschichte eine zusätzliche Handlungsebene und das macht den besonderen Reiz aus. Inhaltlich bietet er nämlich nur eine „Schule-fertig-Abi-Party“-Story, wie man sie kennt. In diesem Kontext aber lesen sich die Shakespeare- und Stoppard-Zitate wie ein zusätzlicher Hinweis auf die Situation der ehemaligen Schüler. Gerade mit der Schule fertig und an der Schwelle zu einem neuen Leben, weiß keiner von ihnen so recht, wie es weitergehen soll. Rosenkranz und Güldenstern, die Nebenfiguren aus „Hamlet“, werden hierbei von Crantz und Stern verkörpert, die reichlich planlos durch den Tag leben und denen der Leser durch die Handlung folgt. Ihre literarischen Vorbilder arbeiten sich an der Frage nach freien Willen und Vorherbestimmtheit ab – grundlegende Fragen der Adoleszenz, wenn man beginnt, auf eigenen Beinen zu stehen. Bei „Ausscheider“ funktioniert dieser Anspruch nur etwas holprig, da man den beiden Gammlern Crantz und Stern diese dialogische Versiertheit nicht ganz abkaufen möchte. Auch Thomas wird seiner Stilisierung zum Hamlet nicht ganz gerecht, so sind seine Fragen und Konflikte zwar dieselben, doch die Tragweite seiner Entscheidungen doch ungleich kleiner. Und doch gefällt der Band. Das liegt zum einen natürlich daran, dass einem die Figuren aus den bisherigen drei Bänden bekannt sind und man gerne weiß, was die Bekannten früher so getrieben haben. Und zum anderen an Fabians graphischem Können. Die unaufgeregten Bilder des Nachmittags, lassen noch nicht erahnen, was sich abends auf der Feier alles ereignen wird. Wohingegen die dunklen Bilder dann eine bedrohliche Szenerie entwerfen. Die Figuren und Umgebungen sind stark schraffiert, teils flächig mit dem Pinsel gefüllt und schaffen so auch die Bühne für das, was bereits in den Heften eins und drei erzählt wurde. Als vor sieben Jahren die erste „Geschichte aus den Neunzigern“ erschien, hat sich Fabian wohl kaum gedacht, dass es so lange dauert, bis er die einzelnen Hefte veröffentlicht. Aber in diesem Fall hat sich das Warten jedes Mal gelohnt. Derzeit zeichnet er an einem längeren Projekt. 150 Seiten sollen es diesmal werden und autobiographisch geprägt Ereignisse aus Heiligendamm letzten Jahres erzählen. Man darf gespannt sein!


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  Epidermophytie: Call of the Lederhosenfilm (# 14)
Epidermophytie: Call of the Lederhosenfilm (# 14)
44 S.; € 5,-
» epidermophytie.de

Epidermophytie: Call of the Lederhosenfilm

Spätestens seit der grandiosen „Wimmelbild“-Ausgabe (# 12) ist das Berliner Magazin mit dem komischen Namen breiteren Kreisen der Comiclandschaft bekannt. Das führte dann auch dazu, dass die vorletzte Nummer direkt ausverkauft war und man ab nun bei der Edition 52 als eigenständiges Sublabel agiert. In Erlangen lag der frischgebackene Neuling vor und stellte sich der Anschlussherausforderung. Das Cover verrät schon mal, wo die Reise diesmal hingehen soll: Alpöhi in Lederhose krallt sich Dirne im Dirndl. In hochländlicher Umgebung soll dem soften Porno gefrönt werden. Die Zeichner ließen sich von einigen Genrefilmtiteln zu ihren Geschichten animieren, was dann zu so hodenlosem Wahnsinn wie „Stoßtrupp Venus bläst zum Angriff“ und „Le Cabaret des Filles Perverses“ führte. Erstere greift das Thema am unterhaltsamsten auf, wenn bei Rolf Nölte eine Gruppe außerirdischer Frauen neuen Treibstoff benötigt und an eine Gruppe Öhis gerät. Die zweite stammt von Kenichi Kusano, der schon in Panik Elektro zu begeistern wusste. Seine Geschichte geht zwar eher am Thema vorbei, kann aber graphisch begeistern: Im Stil früher „Perry Rhodan“-Comics und mit einem offensichtlichen Seitenhieb in Richtung „Krieg der Sterne“ wird hier intergalaktische Spionage mit Freudenhausspaß gepaart. Wem Comics in letzter Zeit zu avanciert sind und wer lieber auf subversive Unterhaltung setzt (und sich bei Weissblech noch nicht ausgetobt hat), der kann hier nicht falsch liegen.


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  Andreas AE Eikenroth: Tage wie Blei
Andreas AE Eikenroth: Tage wie Blei
ponyXpress. 48 S., € 8,-
» pony-x-press.de
» parole-ae.de

Andreas AE Eikenroth: Tage wie Blei

Zwar keine Erlangen Novität, aber bisher kaum wahrgenommen ist Andreas Eikenroths „Tage wie Blei“. Die Handlung beruht auf mehreren Kurzgeschichten aus Paul Hess „ohne Amok“. Geschildert werden die alkoholgeschwängerten Monologe eines vereinsamten Protagonisten, der den ganzen Tag an seinem Fenster hängt. Wenn er nicht gerade seine sexuellen Gelüste auf die Frau gegenüber projiziert, gibt er sich Todesfantasien hin oder massakriert eine Taube auf seiner Fensterbank. Falls sich das bekannt anhört, dann wird das an dem stark bukowskoesken Ton liegen. Doch wo beim Helden aller Amateurschreiber die Figuren exzessiv saufen, sich prügeln, ficken und sterben, kann Hess Figur gerade einmal jammern und lamentieren. Das sind zwar deutsche Lieblingsbeschäftigungen, aber auf Dauer wirkt das etwas dröge. Zum Glück kann Eikenroths Umsetzung hingegen begeistern. Sein schnörkelloser und dynamischer Strich, die großteils flächigen schwarz-weiß Illustrationen lassen eine schnelle Aufnahme zu. Genauso wie die strenge Seitenaufteilung mit je drei mal zwei Panels, welche die Szenerie wie einen Film vorbeiziehen lässt. So liegt ein graphisch ansprechender Band vor, der etwas an seiner literarischen Vorlage zu tragen hat.


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  Comicaze
Rainer Schneider (und Frank Cmuchal)(Hrsg.): Comicaze # 23 + 24
Ca. 30 S., kostenlos in München
» comicaze.net

Comicaze # 23 + 24

Und zum Abschluss noch ein Ausblick auf das nächste größere Comicfestival aus deutschen Landen: Zum 14. Mal findet vom 11. bis zum 14. Juni 2009 das „Comicfestival München“ statt. Als Vorgeschmack sei das Haus-und-Hof-Organ der Münchener Comicszene „Comicaze“ empfohlen. Beiträge zu Ausstellungen und aktuelle Arbeiten des Münchener Umfeldes sowie illustrer Gäste verschaffen einen Blick in den tiefen Süden der Comicrepublik.