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Die Box





7. Juni 2008
Felix Giesa
für satt.org

Erlangen 2008

Erlangen 2008
Abschließender Bericht

Der „13. Internationale Comic-Salon Erlangen“ ist seit fast zwei Wochen gelaufen, ich denke zwar immer noch in Bildstreifen, aber wenigstens rede ich nicht mehr in Sprechblasen. Zeit also, abschließend über das Geschehen zu berichten und ein Fazit zu ziehen.

Wie bereits im „Ersten Zwischenbericht“ angesprochen, ist der Begriff der ,Graphic Novel’ mehr als virulent in der Comiclandschaft unterwegs. So stellte auch Klaus Schikowski scherzhaft zu Beginn des Podiums „Graphic Novels – Neues Genre oder Marketing-Trick?“ fest: „Der Begriff verfolgt uns!“ Gemeinsam mit Dirk Rehm (Reprodukt), Ralf Keiser (Carlsen Comics) und Dennis Scheck („druckfrisch“) diskutierte er, was vom vermeitnlich neuen Begriff zu halten ist. Überraschend differenziert wurden dabei die eigenen Meinungen, warum man den Begriff neuerdings verstärkt verwendet, vertreten. Im Kern geht es um den Versuch, Comics im Buchhandel zu etablieren. Jedoch, so führte Dennis Scheck aus, werden dort Comics immer noch als „komische Literatur“ begriffen. Wenn man „Comics, die nicht komisch sind“ platzieren will, ist es sehr geschickt, diese Barriere mit einem Begriff, wie dem der Graphic Novel, zu umschiffen. Genau dieses Vorgehen verfolgt Carlsen Comics, die sich nach dem Erfolg des Manga dazu entschlossen haben, die Sparte „Graphic Novels“ zu etablieren. Der Manga wurde Ralf Kaiser zu Folge so erfolgreich angenommen, weil er eben nicht „als japanischer Comic beworben wurde, sondern als ,Manga’.“

Comics in die Buchläden

Den Plan der ,Eroberung’ des Buchhandels durch den Comic wird auch von Dirk Rehm verfolgt. Mittels des Infomationsportals graphic-novel.info sollen Vorurteile bei Händlern und Publikum abgebaut werden. Für die Diskussion auf einen Nenner bringen konnte er dann aber auch, was als Graphic Novel überhaupt verstanden werden kann: „Eine epische [Comic-]Erzählung, von mindestens 100 Seiten Umfang, die schon eher an Belletristik erinnert.“ Dies entspricht einer Entwicklung, die mit Hugo Pratts „Südseeballade“ und Will Eisners „Vertrag mit Gott“ ihren Anfang nahm, und die nun darin gipfelt, dass immer mehr KünstlerInnen längere Geschichten erzählen.

Erlangen 2008
Graphic Novels – Neues Genre oder Marketing-Trick?:
Teilweise herrschte etwas Ratlosigkeit ob des zu diskutierenden Begriffs.

Das diese Diskussion gerade einmal die Spitze des Eisberges ,aktuelles Comicgeschehen’ kratzt, erkennt derjenige, der den Inhalt dieses Podiums mit den Inhalten zweier anderer abgleicht: „Der Nouvelle Bande Dessinée – Der unabhängige Comic in Fankreich und die Folgen“ und „Wozu noch Verlage? – Comics online“ waren zwei nicht minder interessante und gut besuchte Veranstaltungen. Frankreich gilt nach wie vor, zumindest was den anspruchsvollen Comic westlicher Spielart jenseits des Superhelden-Mainstreams anbelangt, als Vorreiter für neue Strömungen auf dem Comicmarkt. Klaus Schikowski führte in seinem einführenden Referat aus, wie die l’Association ab den 1990er Jahren den Comicmarkt nachhaltig revolutionierte.

Kleinverlegertum vs. Online-Publizieren

Die unvermeintlichen Randbemerkungen:
  • Die Schlümpfe werden dieses Jahr 50 Jahre alt! Um sich gehörig feiern zu lassen, haben sie sich auf Welt-Tournee begeben und direkt auch mal in Erlangen Halt gemacht. Gewidmet war ihnen eine Ausstellung in der Innenstadt und man konnte schicke kleine Schlumpf-Figuren zum Selber-Anmalen kaufen.
  • Der Comic-Salon hat zusammen mit Panini ein Sammelalbum herausgegeben. Einklebebildchen gab es an fast jedem Stand und an allen Ausstellungsorten, was unter anderem dazu beigetragen hat, dass sich alle Orte über eine hohe Besucherfrequenz freuen konnten. Wir haben nicht gesammelt, da wir Angst hatten, das Album nicht komplett zu bekommen und nachher fehlende Bildchen bei Ebay kaufen zu müssen. Wer ein komplettes zu viel hat, darf uns das gerne schenken! Danke.
  • Thomas Vorwerk, Film-Redakteuse dieses Organs, hat auf dem Salon an einer Comic-Ausgabe seines Fanzines Klirr di Birr“ zu arbeiten begonnen. Nach erfolgter Veröffentlichung werden Sie hier bestimmt keine Rezension zu lesen bekommen.
  • Sehr treffend bemerkte Harald Havas während der Preisverleihung der ICOM-Preise, dass es überall quäkt und kreischt“. Erfreulicherweise vermehrt sich die Comicszene derzeit ganz unglaublich stark, sodass überall Comicsammler und Comicschaffende entweder mit Kindern auf dem Arm oder schwanger über den Salon gepilgert sind. Es ist davon auszugehen, dass dieser Kinderboom auf dem Salon 2018 dazu führen wird, eigene Podien und Leseräume für Kinder einzurichten. Das es ab 2010 Krabbelgruppen geben muss, ist auch selbstverständlich!
  • Zum 80. Geburtstag von Hansrudi Wäscher gab es übrigens auch jede Menge vom alten Herrn der deutschsprachigen Comiclandschaft zu sehen. Eine umfangreiche Ausstellung zeigte reichlich Originale und zeichnete geschickt ein Stück Zeitgeschichte nach, indem sie populärkulturelle Referenzen, wie etwa Filme, mit den Publikationen Wäschers verknüpfte. Vollkommen unvoreingenommen stellten daher auch die satt.org-Deligierten fest: Es gibt nur einen Hansrudi Wäscher!“ Herzlichen Glückwunsch nachträglich.

Autobiografische Geschichten, wie David B.’s „Die heilige Krankheit“ und „Babel“ oder auch Marjane Satrapis „Persepolis“, und formale Experimente, wie das 2000 Seiten starke Machwerk „Comix 2000“, dass ComicautorInnen aus der ganzen Welt vereint, waren das Markenzeichen der l’Association. Stand am Anfang dieser Entwicklung der Wille, Neues jenseits der etablierten Verlage zu publizieren, so finden sich mittlerweile die meisten der Gründungsmitglieder selber bei großen Verlagen unter Vertrag. Heutige junge Comicschaffende gehen daher mittlerweile häufig einen anderen Weg: Sie publizieren ihre Comics im Internet.

Allerdings handelt es sich hierbei fast ausnahmslos um reines Online-Veröffentlichen, wie etwa das Projekt electrocomics von Ulli Lust und Kai Pfeiffer. Hierbei handelt es sich um reine „Bildschirmcomics“, die ausnahmslose für das Lesen am Bildschirm bestimmt sind. Formale Experimente, welche die Eigenschaften des Computermediums auszunutzen versuchen und so „neue narrative Möglichkeiten entdecken“, sind jedoch die Ausnahme. Allen diesen Internetauftritten gemein ist, dass sie kostenlos abrufbar sind. Die beteiligten KünstlerInnen sehen in Online-Comics lediglich eine Möglichkeit, eine breitere Wahrnehmung zu erzeugen. Doch ist davon auszugehen, dass auch hier bald mit einer Trendwende zu rechnen ist. Immer mehr Comics, vor allem Mangas, werden von Fans eingescannt und ins Netz gestellt. Diese Form der Netzpiraterie kennt man bereits aus der Musikbranche, auch wenn für den Comicmarkt das Ausmaß wesentlich geringer ausfällt. Doch aus dieser Tatsache an sich lassen sich zwei Punkte ablesen: Für Daten, egal ob Comic oder Musik, aus dem Internet, sind die Konsumenten nicht bereit Geld zu bezahlen und es gibt ein wachsendes Interesse an ePublishing, das gilt auch für den Comicmarkt. Es liegt an den Verlagen, diesen Trend nicht zu verschlafen.

Gastland China und Ausstellungen

China war dieses Jahr Gastland auf dem Comic-Salon, was sich in einer großen Sonderausstellung niederschlug und die Anwesenheit einiger chinesischer Comiczeichner zur Folge hatte. So spannend die Entwicklungen auf dem chinesischen Comicmarkt auch sein mögen, konnte die Ausstellung diese kaum nachzeichnen. Groß und pompös wurde mit offensichtlich viel Geld eine effekthascherische Ausstellung geboten, die einer ernstzunehmenden Auseinandersetzung jegliche Möglichkeit nahm. Es wurden, und das gilt es bei allen Ausstellungen des Salons zu bemängeln, kaum Begleitinformationen geliefert. So fanden sich weder Hinweise auf den thematischen Kontext der Ausstellung, noch auf die gezeigten KünstlerInnen und ihre jeweiligen Werke.

Kam und kommt es aufgrund der diesjährigen Olympia-Ausrichtung durch China weltweit immer wieder zu Protesten, besonders wegen Chinas Tibet Politik, so war in Erlangen keine Rede von Boykott oder Protest. Lediglich zwei oder drei Tibet-Fahnen hingen aus einigen Häusern. Auf dem Salon selber musste man schon sehr genau gucken, um wenigstens ein künstlerisches Statement zu finden. Hendrik Dorgathen ist es ein „dringendes Anliegen gewesen“ Stellung zu beziehen. Und da „Tim in Tibet“ sein „absolutes ,Tim und Struppi’-Lieblingscomic ist“, fand er sehr schnell einen Weg, seinem Unmut kundzutun: In einer Vitrinenpyramide, in welcher der Künstler diverse Gegenstände rund um den Comic präsentiert hat, findet sich auch eine Ausgabe dieses Hergé-Klassikers – ergänzt um ein Post-It, auf dem „Free“ steht, welches den Titel zu „Free Tibet“ verändert. Das mag dem ein oder anderen etwas vereinfacht erscheinen, aber zumindest wurde überhaupt die Stimme erhoben.

Nach dem Salon ist vor dem Salon

Unter diesem Titel zogen Organisator Bodo Birk und die größeren Verlage Bilanz für den diesjährigen Comic-Salon. Ziel war es, mit einem kleinen Budget (€ 40.000,-) einen abwechslungsreichen Salon auf die Beine zu stellen und mindestens genauso viele Besucher wie im Jahr 2006 anzulocken (25.000 Besucher). Dies wurde geschafft, mit einem Besucherzuwachs um 20 Prozent. Zufrieden war man vor allem mit der guten Durchmischung des Publikums, zu dem sich eine Vielzahl junger Menschen und vor allem auch Studierende gesellt haben. Das alles wird als positives Signal für den kommenden Salon gewertet, so dass Erlangen 2010 (3. – 6. Juni 2010) nichts im Wege steht.

Dem ist generell wenig hinzuzufügen. Erfreulich war ganz besonders erneut das „Junge Forum“, auf dem sich Hochschulen und junge Verlage/ KünstlerInnen präsentieren konnten. Was dem Besucher dort an innovativen Comicproduktionen geboten wurde, ist wirklich beachtlich und lässt auf manch größeres Projekt von dem einen oder der anderen Comicschaffenden hoffen. Alle Verlage haben sich bemüht, den Großteil ihrer neuen Publikationen zum Salon druckfertig zu haben und in Erlangen dem Publikum zugänglich zu machen. Viele dieser Titel stapeln sich derzeit auf unseren Regalen und Schreibtischen und es wird in der kommenden Zeit die „Große Erlangen Nachlese“ auf satt.org geben!


Mawil für satt.org
Wir wissen nicht genau, wen Mawil da zu sehen glaubte ...

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