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Die Box




28. Februar 2017
Felix Giesa
für satt.org

Unter meinem Bett

Vom Elend unserer Kindermusik
Aktuelle Tendenzen eines kaum beachteten Genres

In der Diskussion über den gemeinsamen Musikkonsum kommen Eltern und Kinder schnell an ihre Grenzen; der allgegenwärtige Rolf Zuckowski ist eben nur eine gewisse Zeit auf- und anregend, und Frederik Vhale war zwar ein auch für Erwachsene konsensfähiger Songwriter, aber das Œuvre hat man dann schnell durchgehört und es verlangt nach Neuem. Was der Mainstream dabei an Kinder-Disco-Glitzer-Zuckerwatte-Pop zu bieten hat, ist meist so, dass wir getrost den Mantel des Schweigens darüber werfen dürfen. – Seit knapp zehn Jahren kommt nun jedoch etwas Bewegung in den Kindermusikmarkt.[*]

Mit der Avantgarde und dem Mainstream verhält es sich ja manchmal so, dass die Avantgarde die guten Ideen hat, der Mainstream das Konzept aber massentauglicher – und damit natürlich auch umsatzschwangerer – umzusetzen vermag. Das könnte man auch anhand der Kindermusiksampler der vergangenen Jahren nachvollziehen: Eine, zugegeben völlig subjektiv gewählte, Zäsur erfuhren Kinderzimmer hierzulande 2008, als Bernadette la Hengst den Kinder-Pop ihrer Tochter nicht mehr aushält und kurzerhand einen Sampler bei ihrem Hauslabel Trikont zusammenstellt. Tonangeberei enthält Songs für jedes Alter ab 3 und stellt alte Singer-Songwriter-Texte von den Lassie Singers oder Stereo Total neben eigens Produziertes von Chicks on Speed oder Rocko Schamoni.


[*] An dieser Stelle sei endlich einmal eine Protestnote aus elterlicher Sicht über die Einführung der CD als Abspielmedium für Kinder formuliert. Was war denn bitte an der unkaputtbaren MC auszusetzen? Heutzutage müssen Eltern immer erst CDs sicherheitskopieren oder digital abspeichern, bevor diese in Kinderhände gelangen dürfen. Dank des ‚fürsorglichen‘ Umgangs mit CDs kann man diese nämlich spätestens vor der nächsten Autofahrt neu kaufen.

Das Konzept des Coverns bekannter, heißt hier: traditioneller Kinderlieder ist natürlich nicht neu, Nenas Unser Apfelhaus (1995) war hier sicherlich ein erster Mainstreamerfolg. Traditionelle Lieder hingegen arrangiert seit 2009 das Liederprojekt. Sowohl mit Kindern als auch mit klassischen MusikerInnen werden die Titel mit großem Orchester eingespielt. Der Ausstoß ist umfangreich, es existieren Liederbücher, CDs mit den kompletten Stücken oder nur der Musik, besonders die Homepage ist als Songarchiv eine wahre Fundgrube. Während hier traditionell intoniert wird, setzt die Samplerreihe Giraffenaffen (ab 2012) von Universal auf moderne Interpretationen bekannter Kinderlieder, wobei die Stückauswahl etwa auch auf Themen bekannter Filme und Serien ausgeweitet wurde. Hier liegen neben einem umfangreichen Medienverbund mit etwa Büchern und Hörspielen mittlerweile fünf Teile vor. Bei der InterpretInnenauswahl gibt sich die deutschsprachige Popelite die Ehre und ja, auf dem zweiten Sampler covern sogar Slime mit Trau Dich einen Titel von Volker Ludwig (entstanden für das GRIPS-Theater). Insgesamt bleibt die Auswahl an Liedern jedoch meist recht absehbar, ebenso wie die musikalischen Neuversionen.

Auffällig ist, dass man ähnlich wie in der Filmindustrie bevorzugt auf Bewährtes zurückgreift und fast gar nicht in eine originäre Musik für Kinder zu investieren scheint. Bands wie die Hamburger Rapper Deine Freunde, die seit 2012 den Tanzboden in Kindergarten- und Grundschulkinderkinderzimmern beschallen, bleiben landesweit Ausnahmeerscheinungen. Ein Glücksfall ist es dann, wenn es jemandem wie dem Oetinger Verlag und den Herausgebern (Idee und Konzept) Markus Langer und Wolfgang Müller bzw. Francesco Wilking gelingt, das Beste aus beiden Welten zusammenzubringen und dabei ein ungemein tanzbares Projekt auf die Beine zu stellen: Unter meinem Bett heißen mittlerweile zwei Sampler, auf denen einige der bekanntesten deutschsprachigen Singer-Songwriter Lieder für Kinder machen. Sie können sich hier kurz einen Eindruck davon verschaffen:

  Unter meinem Bett

Unter meinem Bett 2
Idee: Markus Langer
Konzept: Francesco Wilking
Hamburg: Oetinger Media 2016
Für Hipster: Vinyl LP + CD
ca. 20,00 EURO
Für alle anderen: CD
ca. 16,00 EURO
» Oetinger
» amazon



Laing bringen hier mit „Mücken nerven Leute“ eine soulige Nummer als Eröffnungsstück von Unter meinem Bett 2, das mit einer eingängigen Melodie und einem noch eingängigeren Refrain – „Mücken nerven Leute / gestern, morgen, heute / bsssss / auf der Suche nach Beute“ – gleich klar macht, dass gute Kindermusik offensichtlich nach den identischen Regeln funktioniert, wie das generell bei Popmusik der Fall ist: sprachlich klar formuliert, emotional nachvollziehbar und das Ganze unterlegt mit einem mitreißenden Groove. Dieses einmal verfolgte Grundschema bleibt im Grunde in allen Songs gleich, die Variationsbreite ist dabei ungleich beachtlich; das war bei der Vielzahl der unterschiedlichen Bands und Künstler aber auch nicht anders zu erwarten: So singen Das Bo neben Bella B, Lisa Bessange oder Erdmöbel. Markus Berges, der Sänger und Texter von Erdmöbel, hat sich als Autor (Ein langer Brief an September Nowak [2009]) humorvoller und einfühlsamer Jugendliteratur bereits verdient gemacht und empfiehlt sich hier nun mit „Svenja und Raul“ ebenso als versierter Dichter für Kinder. In sprachlicher Einfachheit und doch durchaus komplexer Bedeutung singt Berges von Svenja und ihrem Stoffhund Raul, der ihr so real vorkommt wie das Zeltversteck unter dem Tisch. Die verzweifelte Elternperspektive, die dabei im Hintergrund erscheint, ist in den wenigen Zeilen tiefgründiger, als vieles, was auf dem kinderliterarischen Markt geboten wird.

Entstanden ist mit Unter meinem Bett also eine Reihe kindermusikalischer Stücke, die einem Trend aus der Kinder- und Jugendliteratur folgt. Auch hier schreiben immer öfter und mehr AutorInnen aus der sogenannten allgemeinen Literatur auch für Kinder, streckenweise crossmedial, also direkt an Kinder und Erwachsene adressiert, und sind damit sehr erfolgreich. Gleichzeitig bedeutete das einen Innovationsschub für die literarischen Verfahren der Kinder- und Jugendliteratur, sodass in den avancierten Erzählungen für Kinder und Jugendliche auf der textlichen Ebene oftmals keine Unterschiede zur an Erwachsene adressierten Belletristik auszumachen sind. Die Macher von Unter meinem Bett bzw. die InterpretInnen haben sehr genau darauf geachtet, dass ihre Stücke einerseits Kindern gefallen können, aber eben auch andererseits noch als Stücke der/s jeweiligen KünstlerIn werkimanent wiedererkennbar sind. Ist also am Ende doch nicht ‚Vom Elend unserer Kindermusik‘ im Wolgast‘schen Sinne zu sprechen? Nun, man scheint sich auf einem vielversprechenden Weg zu befinden …




Dieser Beitrag erschien ursprünglich in der Lesebar.