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Die Box




25. Februar 2016
Dominik Irtenkauf
für satt.org

STEVEN WILSON
Bochum, Jahrhunderthalle
15. Januar 2016

2015 tourte STEVEN WILSON bereits zu seinem aktuellen Album Hand.Cannot.Erase durch Europa und machte damals (März 2015) im Kölner E-Werk Halt. Im Jänner 2016 spielt Wilson mit seiner Band in großen Hallen. Die Jahrhunderthalle in Bochum bietet für mehrere Tausend Gäste Platz und am heutigen Tag ist das Konzert ausverkauft. Am Tag zuvor gab WILSON bereits ein Konzert am selben Ort; wenn man bedenkt, dass er inzwischen an zwei Abenden in einer Halle im Ruhrgebiet Publikum anzieht, dann lässt das durchaus Schlüsse auf die Popularität des Künstlers zu.

Steven Wilson Live (Foto: Dominik Irtenkauf)Steven Wilson Live (Foto: Dominik Irtenkauf)
Steven Wilson Live (Foto: Dominik Irtenkauf) Steven Wilson Live (Foto: Dominik Irtenkauf)
Fotos © Dominik Irtenkauf

Es wird an der Musik liegen, dass das Publikum in die Halle strömt. WILSON präsentiert im ersten Teil des ingesamt zweieinhalbstündigen Konzerts das komplette Album Hand.Cannot.Erase. Anders als noch vor einem Jahr in Köln erlauben sich die technisch stark versierten Musiker auch Improvisationen in den längeren Stücken wie in 'Ancestral'. Im E-Werk konzentrierte sich WILSON letztes Jahr mit Band noch auf ein Potpourri aus seinem langjährigen Schaffen. Auf der Tour im Januar kann er sich bei ausverkauften Hallen die Freiheit der freien Abendgestaltung herausnehmen: sprich - er spielt das aktuelle Album, und schließt dann mit Material als Solokünstler wie auch mit Porcupine-Tree-Material an. Das Line-Up vereint routinierte Sessionmusiker wie Gitarristen Dave Kilmister, der bereits für Roger Waters live spielte oder Bassisten Nick Beggs, der noch für Steve Hackett auf der Tour aushalf, über diesen Kontakt dann auch an WILSON geriet. An diesem Abend zeigt sich deutlich, warum der Prog-Tausendsassa diese beiden Musiker mit ins Boot genommen hat. Alle Musiker zeigen eine hohe Spielfreude an diesem Freitag, und das gemischte Publikum kommt voll und ganz auf seine Kosten. Der Name WILSON scheint auch viele bereits ergrauten Zuhörer anzuziehen, neben den obligatorischen Metalheads, die STEVEN WILSON aufgrund seiner Kooperation mit Opeth, Anathema, Orphaned Land und nicht zuletzt aufgrund seiner zunehmenden Metallisierung der eigenen Band Porcupine Tree die Gefolgschaft bezeugen. Klar sprechen Stücke wie »Regret #9« auch die klassische Prog-Fraktion an. Infolge der subtilen Pop-Einflüsse im aktuellen Album erweitert WILSON konstant seinen Fankreis, was angesichts des doch eher melancholischen Progressive Rocks schon eine Leistung an sich ist.

Steven Wilson Live (Foto: Dominik Irtenkauf)Steven Wilson Live (Foto: Dominik Irtenkauf)
Steven Wilson Live (Foto: Dominik Irtenkauf)Steven Wilson Live (Foto: Dominik Irtenkauf)

Verglichen mit der Porcupine Tree-Tour 2005 mit den mittlerweile aufgelösten Oceansize hat WILSON an Kraft, Elegie und Virtuosität gewonnen. Will heißen: die feste Position in der Modern Prog-Szenerie verschafft ihm das nötige Selbstbewusstsein auf der Bühne.
Immer noch barfuß auf der Bühne spielend, wird die Musik von einer Videoshow begleitet. Die nackten Füße ermöglichen für den aufstrebenden Musiker, Songwriter und Produzenten die Bodenhaftung; immer wieder garniert er den Abend mit britischen Understatements. Dabei sieht man dem Multiinstrumentalisten in Bochum deutlich an, dass er mit seiner nach ihm benannten Band am bereits dritten Ziel seiner Karriere angekommen ist. Mit Porcupine Tree startete das Projekt als Verwirklichung der zutiefst literarischen Idee, Konzeptalben zu schreiben. Als Produzent konnte er nicht nur im Metal wildern, sondern auch Klassiker von Bands wie King Crimson, Yes, Tears For Fears etc. mastern und nun unter seinem Namen Hallen füllen. Das Glasdach der Jahrhunderthalle wirft die Aura von progressiven Klängen zurück. WILSON greift eigentlich bei jedem Song in die Luft, versucht mit den Fingern etwas zu greifen - ist es die Melodie, der Rhythmus, der Kern seiner Vision? Wahrscheinlich von allem etwas. Das soll nicht heißen, dass die Performance an diesem 2. Abend in Bochum nicht präzise wäre. Ganz im Gegenteil zeigen sich die Musiker als eingespieltes Team. Allein der Schlagzeuger wirkt stellenweise etwas weniger im Fluss. Er spielt korrekt, präzise, aber es fehlt noch das gewisse Etwas, das ihn organisch in die Songs versenken lässt.

Steven Wilson Live (Foto: Dominik Irtenkauf)Steven Wilson Live (Foto: Dominik Irtenkauf)

PLAYLIST
First Regret / 3 Years Older / Hand Cannot Erase This Love / Ancestral / Happy Returns / Ascendant Here On / No Twilight Within The Court... / My Book Of Regrets / Harmony Korine / Index / Dark Matter / Vermillioncore / The Watchmaker / How Is Your Life Today

Neben dem aktuellen Album greift STEVEN WILSON in seine bunte Vergangenheit, so dass auch Songs wie »The Sound Of Muzak« oder »Harmony Korine« von Porcupine Tree durchaus maßstabsgetreu interpretiert werden. Aber auch atmosphärisch dichte Prog-Epiker wie »The Watchmaker« oder der Titelsong vom Vorgänger The Raven That Refused To Sing. Insgesamt zwei Stunden spielen sie, danach stehen die Leute auf, standing ovations, auf der Tribüne stampfen die Besucher mit den Beinen. Mit sichtlich Freude im Gesicht kommt die Band erneut auf die Bühne und intoniert »How Is Your Life Today?«, das bereits genannte »The Sound Of Muzak« und »The Raven That Refused To Sing«. Die Leichtigkeit, die WILSON in den klassischen Progressive Rock gebracht hat, schlägt sich 2016 in der grazilen Performance nieder. Aber vielleicht ist es auch an der Zeit, die alten Etiketten in die Schublade zu legen ... und so schnell nicht wieder zu öffnen? Ein STEVEN WILSON-Konzert ist ein guter Anlass, überholte Prog-Stereotypen hinter sich zu lassen. Er öffnet Augen und Ohren für die Feinheiten, die selbst im todgenudelten Retro-Prog liegen.