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Die Box




9. September 2014
Kerstin Petermann
für satt.org

  Jens Friebe – Nackte Angst Zieh Dich An Wir Gehen Aus
Jens Friebe: Nackte Angst
Zieh Dich An Wir Gehen Aus

Staatsakt / Roughtrade
VÖ: 19.09.2014
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Jens Friebe – Nackte Angst Zieh Dich An Wir Gehen Aus

„Der Tod wird nicht sein wie das seltsame Schweigen am Ende des Tractatus von Wittgenstein / Er wird auch nicht sein wie die blutige Pornografie des Marquis de Sade“. Das ist Jens Friebes Art, uns eine der existentiellen Fragen zu beantworten. Seit zehn Jahren schon. Er beschreibt nicht, er ermächtigt uns zum Ausschlussverfahren, damit wir am Ende ahnen können, wie denn der Tod nun aussieht. Es ist Jens Friebes Art, uns einen Blick in seine Welt zu gestatten. Denn ob er will oder nicht, er verrät, was ihm begegnet: Wittgenstein, Marquis de Sade und Kokain.

Es ist Jens Friebes Art zu beobachten und überhaupt zu denken. Wie in der Sendung mit Julia Francke. Er sitzt mit der Schriftstellerin in einem Creative-Writing-Seminar. Sie sollen ihren Puls fühlen und dann 5 Minuten lang drauf los schreiben. In Jens Friebes Text steht am Anfang der Puls und am Ende der Leichensaft seiner Tante. Es ist seine Art zu assoziieren und es ist vollkommen kohärent. So wie auch das Leben die merkwürdigsten Verbindungen zulässt und manchmal sogar fordert.

Das Cover des Albums „Nackte Angst Zieh Dich An Wir Gehen Aus“ ist von Daniel Josefsohn fotografiert. Und wie das zum Album passt. Wie das auch zu Jens Friebe passt. Daniel Josefsohn ist immerhin so etwas wie die personalisierte Respektlosigkeit vor der Tragödie des Lebens. Wer leben will, muss mit Rückschlägen rechnen und klarkommen. So wie Josefsohn nach seinem Schlaganfall weitermacht, feiert Jens Friebe nach dem Kater vom Vorabend noch härter. Obwohl oder gerade weil er um den Kater weiß, der ihn erwartet. Der Kater der gesamten Menschheit scheint deswegen auch mitzuschwingen in trashig wirkenden Disco-Rhythmen, die klingen, als wären sie auf Trash getrimmt, weil die Leute auf Stadtfeste und 80er-Jahre Parties gehen wollen.

So jedenfalls rumort es unruhig im Magen, wenn das kleine Kind über den Disco-Rhythmus fragt: „Warum zählen die rückwärts, Mammi?“ Es könnte der Countdown zum neuen Jahr an Silvester sein oder der Countdown zum Weltuntergang vorm Atombombenabwurf.

Das Rumoren wird fieser, je mehr man über den Text nachdenkt. Jens Friebe besingt in „Warum zählen die rückwärts, Mammi?“ den „Krieg um Benzin“ und die „Endzeit-esken Bondage-Sachen“. Der Magen fragt sich: Sind das jetzt Szenarien aus Call of Duty oder der letzte Blick auf die Politik-Seite der Taz? Beides ist nicht gut. Das reale Kanonenfeuer haben wir zur Genüge und halten es uns trotzdem oder deshalb durch Gleichgültigkeit auf Distanz. Da kann man die zerstörte Stadt ein paar Zeilen weiter auch mal mit dem Schlachtfeld im Wohnzimmer nach der Silvesterparty gestern vergleichen. Und das „Herz aus Blei“ muss also kein Symbol für Glück in der Liebe sein, sondern könnte in der Wirklichkeit auch steinhart sein. Aber ist man schon abgestumpft, wenn man sich mehr Gedanken um Freunde macht, die sich lange nicht gemeldet haben, als um Syrier, die gerade jetzt fliehen? Oder ist man an den Freunden nur näher dran? Da sind sie wieder, die Assoziationsketten, die Jens Friebe auslöst. Und am Ende hängt ein Satz bleischwer in der Luft: Es ist nur ein Spiel. Wer's glaubt.

Zu dieser Doppelbödigkeit passt die musikalische Abwechslung auf dem Album. Zu leichtem Pop singt er „I am not born for plot-driven porn“. „Schlaflied“ kommt daher wie eine morbide Moritat und „Guess Which Celebrity Partied Too Much On Their 18th Birthday (Or Not)“ kratzt am Chanson. Dazwischen das stakkato-lastige „Ich Wusste Zuviel Von Euch.“ Ein wenig, als wollte Jens Friebe jede Regung, die er in den Texten erzeugt mit einer eigenen musikalischen Stimmung umsetzen.