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Die Box




29. November 2010
Thomas Backs
und Christina Mohr
für satt.org

Short Cuts-Logo

Dunkler Folk und mehr: Neue Platten von Emily Jane White, British Sea Power, Suede, Steve Cradock, The Concretes, Marnie Stern und Frankie Rose & The Outs


  Emily Jane White: Ode To Sentience
Emily Jane White:
Ode To Sentience

(Talitres/Rough Trade)
» emilyjanewhite.com
» myspace



Emily Jane White live:
  • 09. Dezember 2010:
    Haldern Pop Bar
  • 10. Dezember 2010:
    Hafen 2, Offenbach
  • 11. Dezember 2010:
    Cafe Glocksee, Hannover
  • 13. Dezember 2010:
    Subrosa, Dortmund



Emily Jane White: Ode To Sentience

Kontemplation. Innerlichkeit. Stille und Einkehr. Diese Begriffe kommen einem bei Emily Jane Whites drittem Album »Ode To Sentience« in den Sinn. Dass die kalifornische Singer-/Songwriterin ihre Laufbahn in Punk- und Metalbands begann, mag man angesichts der gefühlvollen Dark Folk-Balladen kaum glauben. Auf »Ode To Sentience« handelt Emily die ganz großen Themen ab: Liebe, Glaube, Hoffnung, Leben, Tod. »I don’t write happy songs«, sagte sie in einem Interview, und tatsächlich wird man fröhliche Texte in ihren Songs vergeblich suchen. Ihren Hang zur Melancholie erklärt sie mit ihrer Jugend in Fort Bragg, einem verlassenen Städtchen in der Nähe von San Francisco. »Fort Bragg lehrt dich, dass du leben wirst – aber auch, dass du irgendwann unweigerlich stirbst.«: Eine einfache Wahrheit, die sie auf faszinierende Weise künstlerisch verarbeitet. Emily spielt hauptsächlich Akustikgitarre und singt, auf dem Album wird sie von einer Handvoll Musiker unterstützt, die sie mit Cello, Geige und behutsamem Schlagzeug begleiten. Ähnlich wie beim Duo Azure Ray entstehen bei Emily Jane White Intensität und Intimität durch Reduktion, der Kontrast von gefühlvoller Musik und schwermütigen Texten betört und verstört. Americana wie Folk, Country und Blues sind der Boden, aus dem Whites zarte Balladen wachsen. Dramatik und Tiefe entstehen oft aus einem einzigen Ton, bei »The Law« zum Beispiel ist nicht viel mehr als eine eindringlich gespielte Klaviernote zu hören. »I Lay To Rest (California)« dominieren Streicher und Emilys klarer Sopran. Was Emily Jane White von anderen Dark Folk- und Alternative Country-Musikerinnen unterscheidet, ist ihr großes Talent für Melodien: Songs wie »The Cliff«, »The Preacher« und »Requiem Waltz« mögen tieftraurig sein. Und doch pfeift man sie beim ersten Hören mit. (cm)

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  British Sea Power: Zeus E.P.
British Sea Power: Zeus E.P.
Rough Trade
» britishseapower.co.uk


British Sea Power: Zeus E.P.

Mit Blitz und Donner melden sich British Sea Power zurück, wie bereits vor drei Jahren wird mit dem Format der E.P. ein Longplayer für den Beginn des neuen Jahres angekündigt. Damit hat die Band aus Brighton offenbar ein Experimentierfeld gefunden, denn die acht Titel (der Bonus-Track »Retreat« fehlt auf dem Backcover) bringen dem Hörer auf beinahe 43 Minuten Lauflänge eine musikalische Achterbahnfahrt der besonderen Art. »What’s Your Maximum?« heißt es da im »Refrain« des Openers »Zeus« zwischen dem Trommelwirbel und Gitarrengewitter einer temporeichen Nummer, die bereits ziemlich weit entfernt vom klassischen Songschema ist. Hier und im folgenden »Cleaning Out The Rooms« wird die Sieben-Minuten-Marke gekratzt. Der geneigte Hörer befindet sich im Gleitflug. Es scheint, als sei der Zugvogel, die Suche nach dem Rückzugsort, weiterhin das Leitmotiv im musikalischen Schaffen der Naturfreunde. »The Great Skua« vom 2008er-Album und oft auch der »Man Of Aran«-Soundtrack bauten eine ganz ähnliche Atmosphäre auf. Wie passend, dass die schottische Isle of Skye einer der Produktionsorte für dieses Werk war. Bezeichnend auch, dass der Flug des Zugvogels im Bonus-Track »Retreat« eben auch den Schlusspunkt dieses Mini-Albums bildet. Davor hörte man krachig-verspielte Highlights wie »Mongk« und »kW-h«. »Postpunk trifft Krautrock« lässt sich dieser Hörgenuss vielleicht umschreiben. Der bald folgende Longplayer wird den verheißungsvollen Titel »Valhalla Dancehall« tragen und soll nur einen Song dieser E.P. enthalten. Wir dürfen gespannt sein, in welche Richtung die Reise geht. (tb)

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  Suede: The Best of
Suede: The Best of
Ministry of Sound/ Warner
» suede.co.uk


Suede live 2010:
  • 3. Dezember:
    Columbiahalle, Berlin



Suede: The Best of

Die vorweihnachtliche Konsumrallye hat begonnen, da wollen auch Brett Anderson und Suede noch ein paar Scheine mitnehmen. Nur: Für wen soll die liebe Geschenketante diese »Best Of« erstehen? Freunde melodischen britischen Gitarrenpops mit leichten Glamrock-Tendenzen und großen Bowie-Einflüssen fallen da zu einem guten Teil weg, wenn sie als Zeitzeugen dabei waren und das nötige Kleingeld hatten. Sie dürften alle der hier auf zwei CDs vereinten A-Seiten (18 Singles auf CD 1), B-Seiten und Albumtracks haben. Mit »haben« sind in diesem Fall diverse Silberlinge aus den Jahren 1992 – 2000 gemeint. Was diese Sammlung auszeichnet, ist die Zusammenstellung durch Mr. Anderson himself. Garantierte Qualität also, die es unter anderen Umständen vielleicht nicht gegeben hätte. Singles und Maxi-Singles gehörten nämlich immer zu den Formaten, auf denen Anderson einen Teil seiner besten Songs veröffentlichte. Das galt für die Anfangsjahre mit Gitarrist Bernard Butler (1992 – 1994) und für Suede 2, oder wie auch immer die Formation mit Butler-Nachfolger Richard Oakes genannt werden soll. Vereint gab es diese B-Seiten für die Jahre bis 1997 schon einmal unter dem Albumtitel »Sci-Fi Lullabies«. Auf CD 2 dieser neuen »Best Of« finden sich mit »My Insatiable One«, »To The Birds« und »My Dark Star« einige Highlights der frühen Jahre. Interessant: CD 2 klingt reichlich dramatisch aus. Gleich drei Balladen des zweiten Albums »Dog Man Star« gibt es hier mit »The 2 Of Us«, »Asphalt World« und »Still Life«. »The Next Life«, Piano-Schlusspunkt des Debütalbums, bildet diesen dann auch hier. Fazit: Eine richtig feine Compilation mit 35 Songs aus den Jahren 1992 – 2000. Nur: Für Suede-Fans jener Tage eben eher weniger geeignet. (tb)

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  Steve Cradock: The Kundalini Target
Steve Cradock:
The Kundalini Target

Haldern Pop/ Cargo Records
» oceancolourscene.com
» myspace


Steve Cradock: The Kundalini Target

Ganz besonders nett ist das Haldern Pop-Label in diesen Tagen zu Steve Cradock. Das erste Solo-Album des Gitarristen wird neu veröffentlicht und sogar im Vinyl-Format auf dem europäischen Festland angeboten: Nachdem es bereits Anfang 2009 in einem Eigenverlag erschienen war, ohne außerhalb Großbritanniens große Aufmerksamkeit zu erlangen. Cradock wird die Unterstützung vom Niederrhein freuen, ziemlich aktiv ist er ohnehin. Mit seinen Ocean Colour Scene feierte der Gitarrist im Oktober den 21. Band-Geburtstag mit zwei großen Konzerten in der Heimat, Major Universal wirft dazu ein schickes Box-Set auf den Markt. Und neue Scheiben gibt es ziemlich regelmäßig, auch wenn die Britpop-Tage der Neunziger lange vergangen sind. Das neunte Ocean Colour Scene-Album »Saturday« erschien erst im Februar, zudem war Cradock im Studio zuletzt an den fabelhaften »22 Dreams« (2008) und »Wake Up The Nation« (2010) seines Spezis Paul Weller beteiligt. »The Kundalini Target« bringt zehn liebevoll instrumentierte, oftmals verträumte Popsongs. Sicher nicht zufällig wurde das Album 2008 in Wellers Black Barn Studios eingespielt. Fast komplett von Cradock selbst, doch der Modfather und Cradocks Frau Sally waren auch beteiligt. Familie und Kinder sind oft das Thema, der Opener »Something Better« ist ein Klassiker aus der Feder von Gerry Goffin und Barry Mann, bekannt durch Marianne Faithfull (Album: »Rock And Roll Circus« der Rolling Stones) und zuletzt im Soundtrack eines Muppets-Spielfilms zu hören. Es folgt das eingängige »The Apple«, in dem ganz offensichtlich ein Vater zu seinen Söhnen singt. Marriott/ Lane, Lennon, Davies und Weller – das sind die Spuren, auf denen sich Steve Cradock hier meist entspannt und melodiös mit Ohrwürmern wie »On And On«, »It’s Transcendental« oder »Beware Of Falling Rocks« bewegt,. Am Schluss gibt es mit Song elf unter dem Titel »Kundalini’s Target« alles noch einmal als Collage. Kundalini ist nach tantrischer Lehre eine Energie, die in jedem Menschen steckt. Ob Yoga und Meditation jetzt Steve Cradocks Ding sind, ist uns nicht bekannt. (tb, zuerst veröffentlicht bei CULTurMAG)

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  The Concretes: WYWH
The Concretes: WYWH
(Something in Construction
/ Rough Trade)
» myspace


The Concretes: WYWH

Es war einmal ein schwedisches Mädchentrio, das nannte sich The Concretes. Lisa, Maria und Victoria, so hießen sie, sangen und musizierten fröhlich vor sich hin und veröffentlichten fast jedes Jahr ein neues Album. Mit ihrem Sixties- und Eighties-beeinflussten Indiepop erfanden sie weder das Rad noch die Musik neu, sorgten mit Songs wie »Say Something New« oder »You Can’t Hurry Love« (keine Coverversion des Supremes-Hits) aber für viel Spaß und gute Laune. Weil sie so nett und lustig waren, wurden The Concretes bald viel mehr: Zu Lisa, Maria und Victoria gesellten sich ein paar nette schwedische Jungs, die fortan mit ihnen musizierten. In 2006 gab es eine kleine Krise, Victoria verließ die Band, um eine Solokarriere zu beginnen. »Hey Trouble«, das Concretes-Album vom darauffolgenden Jahr, war aber immer noch ziemlich gut. Dann zogen sich die sieben restlichen Concretes zurück, um zu reisen und Familien zu gründen, ein Concrete wurde sogar zeitweilig zum Zirkus-Mitglied. Weihnachten 2009 traf man sich wieder, um neue Songs aufzunehmen, die ganz anders klingen sollten als früher. Und ach, was soll man sagen: Irgendwas ging den Concretes auf ihren Reisen und dem Spielplatz verloren. Natürlich kann man nicht ewig auf derselben Gitarren-Indiepop-Schiene fahren. Und natürlich darf man Experimente mit Disco machen, warum nicht? Man kann das Dance-Genre auch so soft und melancholisch anfassen wie die britischen Elektro-Nerds von Hot Chip – aber man darf das nicht so lahm, unentschlossen und hüftsteif tun wie The Concretes. Der Bass wummert ein wenig dicker, die Keyboards spielen eine wichtigere Rolle, die Gitarren sind etwas zurückgenommen, sogar Kuhglocken erklingen – nur leider tuckert durch »WYWH« fast durchgängig ein so langweiliger wie unerbittlicher Discofox-Takt, der The Concretes, diese einstmals so energiegeladene Truppe, wie einen gerontoiden Abklatsch von Ace Of Base klingen lässt. Bitte, liebe Concretes: trefft euch dieses Jahr zum Julfest wieder, trinkt eine ordentliche Menge Glögg und geht dann direkt ins Studio. Dann freue ich mich aufs nächste Album. (cm)

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  Marnie Stern
Marnie Stern
(Souterrain Transmissions
/ Rough Trade
» myspace


*der Vorgänger trug den griffigen Titel »This Is It And I Am It And You Are It And So Is That And He Is It And She Is It And It Is It And That Is That« (2008)



Marnie Stern

Ein Track auf Marnie Sterns neuem Album heißt »Female Guitar Players Are the New Black«, »Transparency Is the New Mystery« ein anderer. Die 34-jährige Ausnahmegitarristin aus New York weist völlig zu Recht auf das Schattendasein von Gitarre spielenden Frauen im Rock hin, der andere Titel wäre zu diskutieren. Kritikerlob ist ihr allerdings sicher, 2007 kürte die New York Times ihr Debütalbum »In Advance of the Broken Arm« zum »aufregendsten Rock'n'Roll-Album des Jahres«. Mit ihrer dritten, transparent und ökonomisch »Marnie Stern« betitelten Platte* manifestiert Marnie Stern ihren Ausnahmestatus, sogar unter Ausnahmemusikerinnen: Prog- und Noiserock, Free Jazz und irre Gitarrensoli im Stile Jimi Hendrix' und Eddie Van Halens treffen auf Riot Grrrl-Punkrock, College-Indiepop und Folk. Klassische Songstrukturen mit Strophen und Refrains interessieren Marnie nicht, die zehn Tracks wirken wie eine wilde Improvisationssession. Sterns außergewöhnliche Technik (fingertapping) macht ihre Musik ohnehin unverwechselbar, ihre neue Platte wollte sie noch »lauter und intensiver« – Producer Lars Stalfors (Mars Volta) erfüllte ihr den Wunsch. In Stücken wie »Building A Body« und »For Ash« verschränkt sich punkige »so what!«-Attitüde mit jazziger Komplexität, aber auch Harmonie und Entspannung haben ihren Platz bei Marnie Stern. Wer noch nie etwas von ihr gehört hat, sollte sich auf ein geräuschintensives (vermeintliches) Chaos á la Broken Social Scene mit mehr Energie einstellen – nur dass Marnie Stern zu keinem kuschligen Musikantenkollektiv gehört. Im Studio wird sie zwar von einem Bassisten und einem Drummer unterstützt, aber im Grunde dreht Marnie ihr Ding alleine. Fast schon im Vorbeigehen möchte man noch ergänzen, dass auch ihre Texte mehr als bemerkenswert sind (z.B. »Her Confidence«). Beeindruckende Frau, definitiv keine Poserin. (cm)

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  Frankie Rose & The Outs
Frankie Rose & The Outs
(Slumberland/memphis industries)
» myspace


Frankie Rose & The Outs

Geht man nur dem Namen nach, könnte das in die falsche Richtung führen: Frankie Rose ist eine Frau! Eine sehr schöne übrigens, das aber nur nebenbei. Frankie kommt aus Brooklyn/NYC und spielte Schlagzeug bei den Vivian Girls, Dum Dum Girls und Crystal Stilts, denen sie mit ihrem minimalistischen Moe Tucker-ähnlichen Stil die besondere Note gab. Die genannten Bands hingegen weisen in die richtige Richtung, wenn man wissen will, wie Frankie mit ihrer all female-Combo The Outs klingt: Das Quartett schöpft wie die Vivian Girls aus vielen Einflüssen wie Phil Spectors Sixties-Girlgroups, Surfpop der Beach Boys, dem avantgardistischem Prä-Punk von Velvet Underground, Eighties-Shoegaze und der verstörenden Feedback-Schwarzromantik von Jesus And Mary Chain. Frankie, die bei den Outs neben Schlagzeug auch Gitarre spielt und singt, ist es am wichtigsten, mit ihrer Musik Stimmungen zu erzeugen, was ihr voll und ganz gelingt. Die Kombination aus engelsgleich zartem Gesang á la Julee Cruise oder Cocteau Twins und rauem Garagenbeat, aus Cramps-inspiriertem Psychobilly, Rückkopplungsrauschen und dichten Walls of Sound wirkt einfach berückend, auch wenn man ganz kühl und analytisch fast jede Note der Outs ihrem jeweiligen Vorbild zuordnen kann. Frankie Rose schreibt tolle Songs wie »Candy« und »Little Brown Haired Girls«, die zerbrechlich und widerborstig zugleich sind, covert geschmackvoll (Arthur Russells »You Can Make Me Feel Bad«) und rockt scheppernd durch die Hinterhöfe Brooklyns (»Don’t Tread«, »That’s What People Told Me«). Nach der halben Stunde mit Frankie Rose & The Outs fühlt man sich zwar ein bisschen schwummrig - wie es einem nach Cocktails mit vielen Zutaten eben geht – aber man will das Ganze sofort noch mal. Und singt »Candy« beschwingt und lautstark mit. (cm)

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