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Die Box




29. November 2010
Robert Mießner
für satt.org

  Underground Ost: Alexander Pehlemann geht mit einer Audio & Video-Annäherungsshow auf Tour.
  • 30. November, 21.00 Uhr
    STAATSGALERIE Prenzlauer Berg, Greifswalder Straße 218, 10405 Berlin:
    Underground Ost
    Subkulturen hinterm Iron Curtain zwischen Punk und Kunst
  • 09. Dezember, 21.00 Uhr
    Rumbalotte continua, Metzer Straße 9, 10405 Berlin:
    Beats of Freedom
    (Filmdokumentation über die polnische Rock-Generation der Achtziger
  • von Leszek Gnoiński und Wojciech Słota)
  • 10. Dezember, 21.00 Uhr
    Karo, Reuterstraße 9 – 17, 28217 Bremen
    Underground Ost
  • 12. Dezember, 16.30 – 17.30 Uhr
    Neue Synagoge Mainz, 55118 Mainz, Synagogenplatz 1
    Spurensuche Ost
    (im Rahmen der Tagung »Jüdische Rebellen und subkulturelle Strategien«,
    davor Frank Apunkt Schneider: »My Future in the SS«. Punkprovokation in Deutschland,
    danach Klaus Walter: Die jüdischen Wurzeln des Punk)


* Ronald Galenza, Heinz Havemeister (Hrsg.): Wir wollen immer artig sein. Punk, New Wave, HipHop und Independent-Szene in der DDR von 1980 bis 1990, Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 1999

Alexander Pehlemann, Ronald Galenza (Hrsg.): Spannung. Leistung. Widerstand. Magnetband-Kultur in der DDR 1979-1990, Verbrecher Verlag, Berlin 2006

Michael Boehlke, Henryk Gericke (Hrsg.): Too Much Future – Punk in der DDR, Verbrecher Verlag, Berlin 2007

Uwe Warnke, Ingeborg Quaas (Hrsg.): Die Addition der Differenzen. Die Literaten- und Künstlerszene Ostberlins 1979 bis 1989, Verbrecher Verlag, Berlin 2009



Schräge Randblüher

Wer Punk und Post Punk sagt, denkt zumeist an London, New York oder Westberlin. Dass das ideelle und materielle Autoritäten zersetzende Verwirrspiel auch in Ostberlin praktiziert wurde, ist in den letzten Jahren Gegenstand von Ausstellungen, Filmen und Veröffentlichungen* gewesen. Dabei löste der Einbruch von Punk im gesamten Ostblock eine neue Welle an Kreativoutput aus, sei es unter Kunsthipstern oder frustrierten Kids. Punk im Osten musste von den Offiziellen als doppelt gefährlich empfunden werden: Einerseits als westlicher Import, der auf eine gefühlte Endzeit nicht einfach mehr reagierte, sondern sie gelegentlich noch umarmte: »Wenn es keine Zukunft gibt / wie kann es da Sünde geben« hieß es bei den Sex Pistols. Fand das andererseits in Osteuropa ein lautstarkes Echo, dann gab es auch in der besseren Menschengemeinschaft Entfremdung und Verzweiflung. Diese Syndrome zu artikulieren, konnte im Westen zu einem Plattenvertrag, oder mit weniger Erfolg, einem Sitzplatz in der Fußgängerzone führen. Im Osten fiel die ökonomische Wirkungsebene zumeist weg, dafür warteten Spießer mit geballter Faust, Armee, Ausreise oder Knast. Die Repressionsgefahren waren von Land zu Land unterschiedlich: Was in Warschau sein durfte, ging in Ostberlin noch lange nicht und von Tirana weiß man nichts.

Wer als erster durchstartete, muss noch geklärt werden. Für sich beanspruchen tun das zwei Bands: Die Spions aus Ungarn und Pankriti (=»Bastarde«) aus Slowenien. Als gesichert darf gelten, dass die Spions die erste ungarische Punkband waren. Ein Foto zeigt sie, noch mit Schlaghose und Brille, am 21. April 1977 im Budapester Kulturzentrum Ganz-MVAG. Hinter den Spionen steckten: Gergely Molnár (alias G.G. Miller, Anton Ello, Gregor Dawidow, Sergei Pravda and DJ Helmut Spiel!) und Péter Hegedűs (alias Peter Ogi). Sie kamen aus einem Kunstumfeld und gaben sich provokant-militant. Bevor Molnár und Hegedűs nach Frankreich gingen und mit Malcolm McLaren arbeiteten, nahmen sie im Frühjahr 1978 in Budapest acht Demotracks auf: Songs wie »Nirvánia« lassen an eine osteuropäische Variante von Pere Ubu oder den Swell Maps denken. Im April des selben Jahres fand in der Warschauer Galerie Remont ein Performancefestival statt. Mit auf der Bühne: Die Raincoats aus London. Punk getarnt als Kunst? Post Punk pflegte sowohl im Osten wie im Westen eine enge Beziehung zu den radikaleren und modernistischen Strömungen. Pankriti traten in der Ljubljaner Galerie Škuc auf und bewegten sich in einer Szene, die Sloweniens bekanntesten und berüchtigsten Exportschlager hervorbrachte: die Brachialdialektiker Laibach.

Wer mehr wissen will: Seit 1993 erforscht, zuerst von Greifswald, mittlerweile von Leipzig aus, das Periodikum ZONIC den osteuropäischen Underground. Die Redakteure Alexander Pehlemann, Bert Papenfuß und Angelika Rothhardt kümmern sich um »schräge Randblüher, denen manchmal mehr Verzückung als Verstehen gewidmet wird«. ZONIC hat in Koproduktion mit der Pommerschen Literaturgesellschaft e.V., dem Verbrecher Verlag und ZickZack den mittlerweile vergriffenen Sammelband »Spannung. Leistung. Widerstand. Magnetbanduntergrund DDR 1979 – 1990« (plus 2 CDs) veröffentlicht. Im vorigen Jahr dann die Compilation »Polska Rootz. Beats, Dubs, Mixes & Future Folk from Poland«, zusammengestellt von Alexander Pehlemann und die von ihm organisierte Undergroundrevue »Ihr habt es nicht ANDERS gewollt« in Leipzig. Dieser Tage wird er in mehreren Städten einige seiner spektakulärsten Fundstücke präsentieren: Punk von der Berliner Mauer über Leningrad/Moskau bis nach Sibirien, Reggae und Hardcore aus Polen, Psychedelic aus Ungarn, Progrock aus der ČSSR und Yugo Wave aus Slawien. Osten gärt am längsten.


www.zonic-online.de



Underground Ost
v.l.n.r.: HNF (Hrdinove Nove Fronty), Tape Flake Lorenz / Stefan Schill,
Poster Vágtázó Halottkémek (Rasende Leichenbeschauer), Laibach.