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Die Box




18. Oktober 2010
Christina Mohr
für satt.org

Short Cuts-Logo

Ein Mann und viele Frauen: Neue Platten von Kat Frankie, Kim Wilde, Robyn, Marie Fisker, Lydia Daher mit Band und Kurt Wagner & Cortney Tidwell


  Kat Frankie - The Dance Of A Stranger Heart
Kat Frankie:
The Dance Of
A Stranger Heart

(Zellephan)
» katfrankie.com
» myspace
» zellephan.com

Kat Frankie
Foto: Francesco Brigida


Kat Frankie - The Dance Of A Stranger Heart

Dass Berlin eine magnetische Wirkung auf KünstlerInnen aus aller Welt ausübt, ist bekannt. Leute wie Peaches, Chilly Gonzales oder unlängst !!! (Chk Chk Chk) fanden in der Hauptstadt zu ihrem charakteristischen Stil; die Musik der eben Genannten erlaubt den Schluss, dass Berlin offenbar in erster Linie zu knalligen Dancesounds inspiriert. Nach Berlin zu kommen, um Folk zu machen, scheint dagegen eher selten zu sein. Die aus Sydney stammende Sängerin, Gitarristin und Komponistin Kat Frankie tat aber genau das: Sie zog 2004 nach Berlin, knüpfte Kontakte zur hiesigen Indie-Folkszene und veröffentlichte 2008 das vielbeachtete Debütalbum »Pocketknife« auf Kitty Solaris' Label Solaris Empire. Jetzt ist ihre zweite, im Alleingang produzierte Platte »The Dance Of A Stranger Heart« draußen und wieder überzeugt die Australierin mit minimalistischen Kammerfolkskizzen: Intensiv und emotional sind ihre Songs, dabei niemals »gefühlig«, sondern kraftvoll. Die Punk-Attitüde ist stellenweise unüberhörbar (»The Wild One«). Parallelen zu Ani DiFranco, P.J. Harvey, Joan As Policewoman und – wegen des Gesangs – auch zu Feist lassen sich ausmachen, aber Kat Frankie hat ihren ganz eigenen Stil, der zum Einen aus dem sensibel-gekonnten Einsatz von Piano, Akustikgitarre und Fagott entsteht, zum Anderen aus ihrem poetischen Talent. Frankie ist eine kluge Beobachterin mit messerscharfem Blick, die aus dem trüben Alltag in »San Antonio« lyrische Kleinode schafft; sie seziert »People« und sinniert über ihren eigenen Tod (»Death Of Me«), ohne Trübsal zu blasen. Effekthascherischer Lärm ist Kat Frankies Sache nicht. Aber wer sich mit etwas Muße auf »The Dance Of A Stranger Heart« einlässt, wird reicht belohnt.

Kat Frankie Live-Termine: 20.10. Magdeburg – Moritzhof; 21.10. Köln – Kulturkirche; 22.10. Frankfurt – Brotfabrik; 24.10. Essen – Zeche Carl; 28.10. Berlin – Festsaal Kreuzberg; 29.10. Leipzig – UT Connewitz; 30.10. Annaberg – Alte Brauerei; 05.11. Plauen – Malzhaus; 10.11. München – 59:1; 13.11. Karlsruhe – Jubez

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  Kim Wilde - Come Out And Play
Kim Wilde:
Come Out And Play

(Columbia/Sony)
» kimwilde.com


Kim Wilde - Come Out And Play

Kim Wilde ist zurück – und anders als 2003, als sie mit Nena »Anyplace, Anywhere, Anytime« sang, gibt es jetzt ein richtiges neues Album von ihr. Das ist erstmal ein echter Grund zur Freude, schließlich gehören ihre Hits wie »Kids In America« zu den schöneren Hinterlassenschaften der Achtziger. Dass sich Wilde zwecks Familiengründung aus dem Popgeschäft zurückzog und im britischen Fernsehen als Hobbygärtnerin wieder auftauchte (»Garden Invaders« auf Channel 4), macht sie zudem enorm sympathisch. Ob es Nena zu verdanken ist, dass Kim Wilde wieder Lust auf die Musik bekam, kann man nur vermuten: Gemeinsam mit Bruder Ricky, Sohn Harry und alten Weggefährten wie Nik Kershaw nahm sie jedenfalls ganze dreizehn neue Stücke auf. Die Vorabsingle »Lights Down Low« mit jubilierenden Synthies und euphorisierender Mitsing-Melodie macht rundum gute Laune und steigerte die Spannung. Insgesamt verhält es sich mit »Come Out And Play« aber ähnlich wie mit dem neuen Album von OMD: Da ist dieser typische Sound, die vertraute nasale Stimme – und doch vermisst man wirklich gute Songs. Der rockende Opener »King Of The World«, der einem verstorbenen Freund gewidmet ist, gehört neben der Single, dem punkigen »This Paranoia« (an der Gitarre: Kims Sohn) und dem fröhlichen »Get Out« zu den Höhepunkten der Platte. Auch »Jessica«, das zarte Liedchen über Kims Terrierdame, ist wunderschön. Die beiden Duette allerdings hätten Wilde, Wilde, Wilde & Co. besser weggelassen: Die Namen der Partner klingen vielversprechend (»Greatest Journey« singt Kim gemeinsam mit Glen Gregory von Heaven 17, »Love Conquers All« mit Nik Kershaw), doch sind die Stücke viel zu pompös und überladen: Bombasthymnen, in denen sich das Schreckensgesicht der Achtziger zeigt. Auch die kreischende E-Gitarre auf »Suicide« verstört. Dass das prägnante Riff von »Hey! You!« Ton für Ton von Depeche Modes »Personal Jesus« übernommen und das nicht mal im Booklet vermerkt wurde, ist ärgerlich. Aber: Trotz aller berechtigten Kritik hört man »Come Out And Play« den Spaß aller Beteiligten an. Kein Comeback-Pflichtprogramm, sondern Musik der Musik wegen. Welcome back, Mrs. Wilde!

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  Robyn - Body Talk Pt. 2
Robyn
Body Talk Pt. 2

(Ministry of Sound / Warner)
» robyn.com
» myspace


Robyn - Body Talk Pt. 2

»Als geistig gesunder Mensch ist es, glaube ich, unmöglich, kein feministisches Weltbild zu haben.« Bei den Raincoats: Robyns Zitat klingt nicht gerade überzeugend. Vielleicht sollte man von der schwedischen Elektropopperin auch kein feministisches Manifest erwarten. Man kann ihr durchaus glauben, dass sie irgendwie für die Sache der Frauen einsteht, ihr Talent liegt aber woanders. Sie produziert tanzbare Discotracks. Im Frühsommer erschien der erste Teil ihrer geplanten Trilogie »Body Talk«. Pt. 2 liegt jetzt vor. Und wieder kann man nur unterstreichen, dass es eine gute Idee ist, alle paar Monate einige griffige Tracks abzuliefern, anstatt Jahre bis zum nächsten Großwerk verstreichen zu lassen – zumindest im Dance-Bereich. Mit der Unterstützung ihrer Wegbegleiter Kleerup und Klas Ahlund hat Robyn acht neue Stücke aufgenommen, die durch die bewährte Kombi dicke Beats / zarte Stimme / poppige Melodien begeistern. Wobei es Robyn auch auf die Lyrics ankommt: Sie wettert gegen den oberflächlichen Popzirkus, unterstützt Transgender-Leute und Senioren und kommt immer wieder auf ihr Hauptthema »Körper und Geist« zurück: »We dance to the beat of distorted knowledge passed on» heißt es in »We Dance To The Beat«. Tanzen kann man auch zu »Hang With Me«, das auf »Body Talk Pt. 1« als Akustikversion enthalten war. Nachdenklich und dunkler getönt ist »Love Kills« mit einem pessimistisch-fatalistischen Text. Besonders herausragend sind der von Super-Producer Diplo gebastelte und an seine Schäfchen M.I.A. und Major Lazer erinnernde Grime-Elektro-Punk-Track »Criminal Intent« und das Duett »U Should Know Better«, bei dem neben Robyn niemand Geringeres als Snoop Dogg zu hören ist. Wie »Body Talk Pt. 1« endet auch Teil 2 akustisch: »Indestructible« wogt auf sanften Streichern, und Robyns engelhaftes Stimmchen leuchtet hier so hell wie nirgends sonst. »Body Talk Pt. 3« wird gewiss genauso abwechslungsreich und ausfallen wie die ersten beiden Teile – spätestens im Dezember soll die Trilogie komplett sein.

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  Marie Fisker - Ghost of Love
Marie Fisker:
Ghost of Love

(Maryvine Records)
» mariefisker.com
» myspace


Marie Fisker - Ghost of Love

»Was machen eigentlich Mazzy Star?« Diese Frage drängt sich nach den ersten Takten von Marie Fiskers Albumopener »Ghost Of Love« geradezu auf. Antwort: Mazzy Star haben sich offiziell zwar nie getrennt, nahmen aber seit 1996 kein neues Album mehr auf, Sängerin Hope Sandoval startete ein Soloprojekt. Wer Mazzy Stars unverwechselbare schläfrig-schwebende, melancholische Blues-, Country-, Folk- und Dreampop-Hybriden mit unheilvollen Texten vermisst, wird von der dänischen Singer-/Songwriterin Marie Fisker vortrefflich getröstet. Mit einem entscheidenden Unterschied: Fiskers Stimme ist nicht zartbrüchig wie Hope Sandovals, vielmehr kräftig und klar, was ihren Songs Stärke und Tiefe verleiht. Zumindest in Dänemark ist Marie Fisker keine Unbekannte: Sie sang auf Platten ihres Landmanns Trentemöller, trat bereits zweimal beim Roskilde Festival auf. Mit Ex-Raveonettes-Drummer Jakob Hoyer hat sie nun ihr Debütalbum aufgenommen. »Ghost of Love« klingt allerdings nicht nach einem dänischen Erzeugnis, die zehn Tracks wirken, als seien sie in den unüberschaubaren, staubigen Weiten Amerikas entstanden. Eine vibrierende Gitarre, ähnlich der Neil Youngs auf dem »Dead Man«-Soundtrack, Klavier und Tambourin untermalen behutsam Fiskers Gesang, Songs wie »My Love My Honey« und »Little Light Lit« sind dunkel und traurig und verbreiten doch so etwas wie Hoffnung. In den seltenen rauen Momenten spürt man gar anarchische Energie á la Gun Club -- noch so eine Band, die mit dem musikalischen Erbe Amerikas auf ganz eigene Art umging. Auch wenn man mit den hier zum Vergleich herangezogenen Namen nichts anfangen kann: Marie Fiskers Debüt verdient alle Aufmerksamkeit. Mit »Ghost Of Love« weht eine erste Ahnung vom nahenden Herbst und Winter in den Spätsommer, kann nicht schaden, wenn man vorbereitet ist.

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  Lydia Daher mit Band - Flüchtige Bürger
Lydia Daher mit Band
Flüchtige Bürger

(Trikont)
» lydiadaher.de


Lydia Daher mit Band - Flüchtige Bürger

Als 2007 Lydia Dahers erste CD erschien, bekam das Feuilleton vor Staunen und Begeisterung den Mund nicht mehr zu – zu Recht, denn sowas hatte man noch nicht gehört. Die 1980 in Berlin geborene und seit langem in Augsburg (man beachte die Richtung des Umzugs) lebende Lyrikerin und Poetry-Slammerin begleitete sich und ihre Texte mit Westerngitarre und ein paar Spielzeuginstrumenten, nahm das Ganze d.i.y.-mäßig zuhause per Musiksoftware auf und fertig war eins der umwerfendsten deutschsprachigen Debütalben der letzten Jahre. Pointiert und poetisch, hellwach und scharf beobachtet, lustig, ernst, romantisch und sarkastisch waren diese Songs, von denen »Gott wohnt hinter meinem linken Ohr« sogar ein kleiner Hit wurde. Wer Lydia Daher mal live gesehen hat, wird das nicht so schnell vergessen: Die kleine, drahtige Künstlerin hat eine enorme Bühnenpräsenz, die unwirkliche Situation des Alleine-auf-der-Bühne-stehens lässt sie dabei nie unkommentiert. Womit wir bei ihrem zweiten Album angelangt sind: Lydia Daher ist nicht mehr allein. Für »Flüchtige Bürger« holte sie Sebastian Giussani und Deniz Khan an Bord, die ihre Songs mit Bass, Klavier, Xylophon, Schlagzeug und Background-Gesang unterstützen. Schon beim Opener, der Lassie Singers-Hommage »Auf Augenhöhe mit der Welt« wird schmerzlich klar: Lydia Daher braucht keine Unterstützung. All die Instrumente und Jungschöre sind überhaupt nicht nötig, schlimmer noch: Lydia Daher mit Band machen gefälligen, urbanen, melancholisch-balladesken Singer-/Songwriter-Pop, wie es ihn zuhauf gibt. Dahers Texte wollen sich festhaken, in Ohr und Hirn krallen, im Bandgewand wirken sie glattgebügelt, gebremst und unangemessen brav, so als hätte man Patti Smith einen Scheitel in die wirre Mähne gezogen und Glanzhaarspray darauf gesprüht. Am besten ist Daher, wenn sie sich von ihren Kollegen losreißt, nach vorne prescht: »Komm schon, komm schon, komm schon« fordert sie aufrührerisch, hier klingt sie so wendig, schlau und schnell, wie sie eigentlich ist. Auf »Flüchtige Bürger«, dessen Titel so perfekt zum zwanzigsten Jahrestag der gesamtdeutschen Vereinigung passt, ist Daher kaum politisch, sondern vorwiegend ganz privat. Und wenn sie in dem nachdenklichen Liebeslied »Hier bei mir« singt, sie sei »Herrin der Lage«, hört sich das für ihre Verhältnisse ganz schön verzagt an.

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  Kurt Wagner & Cortney Tidwell present KORT: Invariable Heartache
Kurt Wagner & Cortney Tidwell
present KORT:
Invariable Heartache

(City Slang)
» kort.cd


Kurt Wagner & Cortney Tidwell present KORT: Invariable Heartache

Hier haben sich zwei gefunden, die zueinander passen wie der sprichwörtliche Deckel zum Topf: Alternative Country-Musikerin Cortney Tidwell und Lambchop-Mastermind Kurt Wagner verschmelzen zu KORT – und dürfen keinesfalls mit einem anderen Paar namens Co(u)rtney und Kurt verwechselt werden. Wie diese Geschichte endete, ist bekannt und wird hier nicht weiter ausgeführt. Dass es KORT einmal geben würde, war nur eine Frage der Zeit: Wagner und Tidwell arbeiteten bereits bei Cortneys Platte von 2008, »Don’t Let Stars Keep Us Tangled Up« zusammen, beide traten höchst erfolgreich gemeinsam in Nashville auf, wo Kurt Wagner seit einigen Jahren wohnt und Cortneys familiäre Wurzeln liegen. Cortneys früh verstorbene Mutter Connie Eaton hatte ein paar kleine Hits mit in Nashville produziertem, kommerziellen Countrypop, der wegen des hohen Kitschfaktors von »echten« Countryfans und -Musikern verachtet wird. Kurt und Cortney hingegen wollen die vermeintlich kitschigen Songs von Charlene Davidson, Gene & Rod, Karen Wheeler oder Neil McBride retten: Ihre Interpretationen (»Invariable Heartache« ist ein reines Cover-Album) sind frei von Geigen und Glöckchen. Schwulst und Schmalz sucht man vergebens, auch wenn Kurt und Cortney nach Herzenslust in Romantik schwelgen und bei »Penetration« auch mal ganz drastisch werden. Musikalisch gehen KORT eher spartanisch vor: Piano, Steel Guitar, Akustikgitarren und Schlagzeug – that’s it. Kurt Wagners Stimme klingt wohlig altmännerhaft und warm, kein Vergleich zum wütenden Grollen eines Mark Lanegan. Cortney Tidwell kann glockenhell jubilieren wie Tammy Wynette und ihre eigene Mama. KORT singen mal im Duett (wunderbar das schmissige »Wild Mountain Berries«), mal jeweils alleine. Stücke wie »Incredibly Lonely«, »Who’s Gonna Love Me Now« oder »Yours Forever« brechen einem völlig kitschfrei das Herz. Das Besondere an »Invariable Heartache«: Die Songs wirken, als hätten Kurt und Cortney sie sich gegenseitig auf den Leib geschrieben – selten passen gecoverte Stücke so gut zu ihren Bearbeitern wie die von »Invariable Heartache« zu Cortney und Kurt. Hier haben sich wirklich zwei gefunden.

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