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Die Box




14. Oktober 2010
Robert Mießner
für satt.org

  Hildur Guðnadóttir – Mount A


Majestätisch und minimalistisch

Ihr Vorname bedeutet »Kampf«. Dabei spielt die Isländerin Hildur Ingveldardóttir Guðnadóttir eine berührend-entrückte Musik, die nichts Martialisches hat. In die Aufnahmen ihres Solodebüts »Lost In Hildurness« (2006) habe sie sowenig andere Menschen wie möglich einbezogen, sagt sie. Dennoch sollte man sich Guðnadóttir nicht als Einzelgängerin vorstellen: Die klassisch ausgebildete Cellistin tourte mit Fever Ray und Animal Collective und erarbeitete Musik zu Derek Jarmans Film »In The Shadow Of The Sun« (1980). Die Aufführung fand 2007 mit Throbbing Gristle statt, Guðnadóttir dirigierte den New London Chamber Choir. Man kann sie hören, wie sie mit dem Ensemble Stórveit Nix Noltes griechisch und bulgarisch Inspiriertes spielt.

Guðnadóttir gastierte bei den Finnen Pan Sonic und dem Berliner Schneider TM. Sie spielte in den isländischen Bands Múm und Angel und betreibt mit ihrem Landsmann, dem Komponisten Jóhann Jóhannsson, das Künstlerkollektiv Kitchen Motors. Die Endzwanzigerin ist also gut beschäftigt. 2009 erschien ihr jüngstes Soloalbum »Without Sinking«. »Lost In Hildurness« hat sie dieser Tage unter dem neuen Titel »Mount A« auf dem britischen Label Touch wiederveröffentlicht. Die Neuabmischung besorgte Denis Blackham. Genau der, der schon für Antony & The Johnsons und Current 93 hinter den Reglern saß. Wer beider Musik kennt und schätzt, hat eine ungefähre Vorstellung von Guðnadóttirs Sound. David Tibet sagte einmal, er habe immer Wert auf Raum und Schlichtheit gelegt. »Mount A« könnte ihm gefallen.

Hildur Guðnadóttir (Foto: Máni Tómasson)
Foto: Máni Tómasson

Guðnadóttir spielt auf dem Album Cello, Gambe, Zither, Morin Khuur (das mongolische Saiteninstrument), Piano, Vibraphon und Gamelan. Aufgenommen hat sie die Platte in New York und Hólar, Nordisland in einem Haus, das sie extra wegen der Celloakustik auswählte. »Mount A« setzt majestätisch-minimalistisch ein: »Light«, der erste Track, klingt eher nach schwindendem Licht. Mit »Floods« schleicht sich ein bedrohlicher Unterton in das an anderen Stellen fragile Werk. Epische Sehnsucht dann in »Casting« und »Shadowed«. Bis hierhin regieren die gestrichenen Klänge. Ab »Self« mischt Guðnadóttir andere Klangfarben in ihr Cellospiel. Der Sound wird perlend, ist mal gezupft oder auf »In Gray« und »Earbraces« impressionistisch und perkussiv zugleich. Mit »My« gewinnt das Album gar an Tempo. Das zehnminütige »You« beschließt das Gesamtkunstwerk »Mount A«.

Wie bei Touch üblich, stammt die Covergestaltung vom Mitbetreiber Jon Wozencroft. Er pflegt eine Ästhetik des Details, die bis zur Wahl der Schriftzüge geht: Wozencroft unterrichtet am Royal College of Art in London. Diesen Mittwoch präsentiert sich sein schon 1982 gegründetes Label das erste Mal in Deutschland. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Elektroakustischer Salon« traten fünf Künstler im Berliner Berghain auf. »Paganini non ripete«, der Beitrag des Komponisten und Performers Kaj Aune, wurde der kürzeste und bizarrste. Länger hätte seine Geige kaum durchgehalten. Aune leitete unmittelbar zu Guðnadóttir über: In der Akustik des Berghain kriegte ihr Sound eine zusätzliche Raumfülle. Ihre Stimme ist übrigens heller, als ihr Instrument klingt. Der Aachener Achim Mohné nutzte das Knistern und Kratzen gleichzeitig abgespielten Vinyls und machte daraus eine suggestive Symphonie. Nach ihm Fennesz: Er schichtete langgezogene Klangschleifen an Gitarre und Sampler. Der Österreicher hat übrigens gerade eine Splitsingle mit Antony Hegarty veröffentlicht. Den Abend beschloß der Teheraner Sohrab: Im eigenen Land isoliert, ließ er Ambient auf orientalische Klangmuster treffen. Danach war Mitternacht, und man meinte, durch eine andere Stadt nach Hause zu fahren.


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