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Die Box




24. August 2010
Marcel Tilger
für satt.org

 


Zeitgeister Label
Fotos: Zeitgeister
Label Zeitgeister


»Wir kreieren unseren eigenen Zeitgeist.«

Das Vorhaben, das einstmals prächtige Hansa-Haus direkt neben den Bahngleisen hochzuziehen, war noch tollkühner, als noch keine Proberäume in dem Gebäude untergebracht waren. Ob es wirklich die beinahe im Minutentakt vorbeifahrenden Züge sind, die den Putz blättern lassen und tiefe Risse in die Fassade treiben? Immerhin schlägt unterm Dach auch das Herz eines sehr vitalen Künstlerkollektivs, deren Musik gleichzeitig Mittelpunkt des Bonner Metal-Untergrunds sein könnte, wenn sie denn nicht so konstant so avantgardistische Haken schlagen würde.

Fünf Musiker bringen es im Zeitgeister-Universum auf sieben Bands, die von Ambient bis Doom, von Post Rock bis Black Metal, von Death Metal bis Progressive Rock vor keinem Sound Halt machen. Die drei aktuellen Veröffentlichungen markieren dabei gewissermaßen die Endpunkte des Zeitgeister-Klangspektrums: Valborgs »Crown of Sorrow« zeigt mit aller Wucht, welche Kräfte sich in dem Kollektiv vereinen, während Gruenewalds »II« und Islands »Enigma of the Stars« die obskuren Sphären ausloten. Und weil die fleißige Biene nach William Blake keine Zeit für Kummer und Sorgen hat, unterbricht Florian Toyka für satt.org seine Proben für das neue Woburn-House-Album, spricht über Vorbilder und Einflüsse, denkt über alternative Vertriebsmodelle für Musik nach und erzählt, ob und wie es gelingen kann, an mehreren Alben gleichzeitig zu arbeiten.

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Florian Toyka: Mittlerweile bekommen wir das ganz gut hin. Es ist ja auch nicht so, dass wir immer mit gleicher Kraft an mehreren Releases arbeiten. Man muss sich das eher so vorstellen: Während die neue Valborg-CD gemastert und das Artwork gemacht wird, fangen wir schon mal mit der Komposition von Woburn-House-Material an. Dann gibt es noch ein fertig geschriebenes Island-Album, für das dann irgendwann die Recording-Session eingeschoben werden. Eine Ekpyrosis-Aufnahme liegt auch rum und wartet auf den Mix. Valborg entspannen sich dafür und komponieren locker vor sich hin. Ich glaube, ich könnte nicht intensiv an mehr als einem Album auf einmal arbeiten. Man muss mit der Zeit lernen, sich auf die Dinge, die gerade anstehen, zu fokussieren. Das ist ja nicht nur bei der Musik so.

Gab es Plattenfirmen oder künstlerische Kollektive, die den Zeitgeistern als Vorbild gedient – oder sagen wir besser: die euch zu diesem Zusammenschluss motiviert haben?

Vielleicht am ehesten Jester Records. Aber es war eher die Masse an guten Projekten um uns herum als die Vorstellung, irgendeinem Label oder irgendeiner Idee nacheifern zu wollen. Wie die meisten guten Sachen entwickelte sich das ganz natürlich, nach einigen Jahren musikalischen Schaffens standen wir mit denselben oder ähnlichen Besetzungen mit einer Reihe schöner Veröffentlichungen dar. Alle Bands dann unter einem Dach zu vereinen, war quasi nur noch der letzte logische Schritt.

In den letzten Jahren ist immer wieder von neuen Vertriebsmodellen für Musiker die Rede. Mal wird das Internet verteufelt, mal gepriesen, mal sind Konzerte das Nonplusultra. Ist es eher Glück oder notwendiges Übel, dass ihr mit Zeitgeister eure Musik selber vertreibt?

Beides. Notwendiges Übel – und Glück, dass es einigermaßen gut läuft. Dadurch, dass wir alles selbst in der Hand haben, bekommen wir 100 Prozent der Einnahmen und können selber bestimmen, was damit passiert. Und das ist eigentlich immer dasselbe: Wir stecken das Geld in neue Projekte. Die ganze Sache ist also nichts, um Geld zu verdienen, aber das geht Bands, die deutlich mehr als wir verkaufen, auch nicht anders.

Unter dem Label Zeitgeister veröffentlicht ihr Musik, die eins sicher nicht tut: Sich dem Zeitgeist unterwerfen. Wie kam es zu dem Namen und welche Gedanken verbindet ihr damit?

Der Gedanke dahinter ist ganz einfach: Wir kreieren unseren eigenen Zeitgeist, was außerhalb in der Welt abläuft, ist uns egal. Wörter, Namen sind in erster Linie wichtig, damit sie dir Kraft verleihen und künstlerisch eine Richtung geben. Außerdem lieben wir Gegensätze. Wir wollen verwirren und verstören. Denn so ist das ganze Leben: Chaos.

Was ist deine erste Erinnerung im Zusammenhang mit Musik?

Hm, das ist vermutlich viel Unterbewusstes. Ich kommen aus einer Familie, in der Musik seit jeher eine einen wichtigen Platz einnimmt. Mein Vater spielt Klavier, meine Mutter Orgel, Trompete und ebenfalls Klavier. Viele meiner Onkel, Tanten und Cousins/Cousinen spielen auch mindestens ein Instrument auf hohem Niveau. Meine erste wirklich bewusste Erinnerung im Zusammenhang mit Musik ist eine Aufführung an Weihnachten im Kinderchor meiner Mutter, das dürfte so 1983 oder '84 gewesen sein...

Autoren unterstellt man häufig, das erste Buch sei autobiografisch. Kann man das auch auf Musiker übertragen?

Ja bestimmt, irgendwo spielt doch immer die persönliche Seite mit rein. Bei uns ist das auf jeden Fall so, nicht nur beim ersten Album. Wenn es sich nicht in den Texten widerspiegelt, dann irgendwie in der Musik.

Musikalisch scheinst du einen weiten Horizont zu haben. Ganz nüchtern betrachtet: Welche Faktoren bestimmen für dich den Wert von guter Musik?

Musik muss in mir zu dem Zeitpunkt, wo ich sie höre, etwas bewegen, mir irgendwie aus der Seele sprechen, der persönliche Soundtrack zur aktuellen Stimmung sein. Jeder, der etwas Persönliches – eben Herzblut – in seine Musik gibt, macht für mich gute Musik, auch wenn ich sie mir in vielen Fällen nicht anhören kann oder will.

Über »I Am Space« aus dem aktuellen Valborg-Album »Crown Of Sorrow« hast du in einem anderen Interview gesagt, dass ihr an dem Stück über einen langen Zeitraum hinweg gearbeitet habt und es im Grunde in Jam-Sessions entstanden sei. Wie gelingt es dabei, den Fokus nicht zu verlieren?

Selbst nach den Aufnahmen zu »Crown Of Sorrow« war der Prozess nicht abgeschlossen: Wir haben »I Am Space« noch so oft bei Proben und auf Konzerten gespielt – und irgendwie hat es sich immer weiter entwickelt. Auf der CD-Version gibt es beispielsweise kein Gitarren-Solo, das kam irgendwann durch die Gigs hinzu. Wie das Lied auf CD ist, das ist eine Art Momentaufnahme. Man darf sich aber nicht davor scheuen, den Dingen ihren weiteren Lauf zu lassen. Musik ist lebendig. Den Fokus verliert man dabei schon nicht, man wirft ja nicht immer wieder alles komplett über den Haufen. Häufig werden in Jams vorher erdachte Parts ausprobiert und wir schauen, wohin sich die Sache entwickelt. Bei uns wird wenig über Songs gesprochen oder diskutiert. Wir machen einfach, ohne zu viel zu planen, es kommt dann schon alles früher oder später so, wie es kommen soll.

Ist die Live-Aufnahme des neuen Valborg-Albums eigentlich auch eine Reaktion auf den High-Tech-Overkill, der bei so vielen Produktionen betrieben wird?

Irgendwie schon. Aber in erster Linie war es so, dass Jan und Christian sich mit »Glorification Of Pain«, dem ersten Valborg-Album, einen Traum erfüllt haben – eben den Traum, ein Album live und auf Bandmaschine aufzunehmen, zusammen mit ihrem Kumpel und Produzenten Oliver Weiskopf aus dem Stonehenge Studio. Nach dieser Erfahrung wollten wir am liebsten nichts anderes mehr machen, weil es sich so einfach echt anfühlt. Es ist die ehrlichste Art, seine Musik den Hörern zu präsentieren. Man weiß außerdem hinterher, was man wirklich kann. Leider ist das nicht unbedingt die allergünstigste Art, ein Album zu produzieren, und so leisten wir uns diesen Luxus bisher nur bei Valborg. So ist diese Band etwas ganz besonderes für uns.

Ist es ein Laien-Gedanke, dass ein richtig guter oder besser: ein passionierter Musiker sein Musik auch ohne den nachträglichen Einsatz einer ganzen Armada an Studio-Technikern und -Produzenten zu einem guten Ende bringen können muss?

Nein, das ist absolut korrekt. Ein guter Musiker spielt außerdem für sich. In unserem Proberaumkomplex wohnt ein 50-jähriger Schlagzeuger. Er hat ein riesiges Drumkit mit vier Bassdrums. Quasi der Terry Bozziovon Bonn. Er spielt seit 30 Jahren Musik, nimmt alles auf. Nur für sich. Er hat nie live gespielt, nie etwas veröffentlicht. Nur gejammt. Das ist wahre Kunst, weil keine Erwartungen, kein möglicher Ruhm damit verbunden sind.

Live habe ich bei Valborg in den zunächst bierernst wirkenden Gesten oft auch eine große Portion Humor zu erkennen geglaubt. Wie siehst du das: Musik, zumal solche, die mit mindestens einem Fuß im Black Metal verhaftet ist, und Humor – kann das zusammengehen?

Ja klar! Natürlich machen wir mit Valborg sehr düstere, sperrige, zuweilen primitive und unangenehme Musik. Trotzdem gehören die Momente, in denen wir als Band zusammen spielen, zu denen, wo wir uns als Menschen und Musiker mit am besten fühlen. Das wird wohl seltener auf der Bühne durchscheinen, weil wir uns in dem Moment ziemlich weggebeamt in unserem eigenen Kosmos befinden, aber im Proberaum wird eine Menge Blödsinn gemacht und viel gelacht... Ich denke, dass das bei 99 Prozent aller ach so bierernsten Black-Metal-Bands so ist.

Mit welchen Erwartungen geht ihr an einen Auftritt heran?

Wir wollen uns gehen lassen, um die rohe, bestialische Energie unser Musik zum Vorschein zu bringen. Die Show kommt dann von selbst. Wir wollen natürlich gut spielen und dem Zuschauer etwas bieten. Eine Stimmung, ein Gefühl transportieren. Weltschmerz teilen, Kraft teilen.

Als jemand, in dessen Musik viel Vergangenes anklingt: Würdest du dich als Nostalgiker bezeichnen?

Ja, schon. Wobei ich versuche, nicht zu sehr in Vergangenem verhaftet zu sein, das tut mir nicht immer gut. Auf jeden Fall höre ich kaum aktuelle Musik. Ich kann locker an einer Hand abzählen, wie viele aktuelle Releases ich mir in einem Jahr geholt habe. Wenn ich in Interviews zum Jahresende hin nach meinen Lieblingsveröffentlichungen der letzten zwölf Monate gefragt werde, gerate ich immer arg ins Schwimmen...

Bands wie Anathema oder Amorphis erreichen mittlerweile Zuhörer, die sich der Verwurzelung beider Formationen im Metal gar nicht mehr bewusst sind und sie in erster Linie als progressive Rock Musiker wahrnehmen. Wie erlebt ihr das mit Woburn House und Island? Freut euch, dass die Mauern, die in euren Köpfen nie existiert zu haben scheinen, auch beim Publikum allmählich einstürzen?

Natürlich freut uns das. Es gibt nichts Schlimmeres als Schubladen und starre Strukturen. Manche brauchen aber anscheinend das Gefühl, mit anderen gemeinsame Richtlinien, Vorgaben, Denkweisen zu teilen. Daraus ergibt sich dann aber schnell Engstirnigkeit. Musik sollte als Spiel gesehen werden. Menschen, die über den Tellerrand hinaus schauen, sind uns immer sehr willkommen.

Gerade mit Island greift ihr lyrisch auch Bilder und Themen auf, die sich mit dem sehr inflationär gebrauchten Wort naturmystisch wohl treffend beschreiben ließen. Äußert sich darin auch eine Sehnsucht?

Jeder Mensch, der Musik liebt, verbindet mit ihr Sehnsüchte. So war es schon immer, auch bei uns. Gerade die Musik von Island hat viel mit Träumerei und Phantasie zu tun, mit Orten, an denen wir gerne wären, mit Stimmungen, die das Herz anrühren...

Verglichen mit »Orakel« ist Islands Musik nicht nur visueller, sondern auch offener für andere Stile und deshalb atmosphärisch weiter geworden. War das eine bewusste Entscheidung?

Das hat sich ganz natürlich ergeben. Wir haben zusammen in einer WG gewohnt und hatten Lust, abends gemeinsam Gitarre zu spielen. Dass dabei dann ganz andere Musik entsteht, als bei voller Lautstärke und mit einem auf Blastbeats fixierten Metal-Drummer im Proberaum, versteht sich von selber. Wir haben nur das gemacht, worauf wir Bock hatten, und was zu dem Zeitpunkt einfach dran war.

Woher kommt dieser unbedingte Wille zur Kunst, der sich bei euch auch in erlesenen, sehr stimmungsvollen Artworks Bahn bricht?

Wir wissen, dass wir gut sind. Wir halten die Augen offen – und sehen, was für ein Schrott nach draußen geworfen wird. Aber letztlich machen wir alles nur, damit es uns gefällt. Und wir wollen eben keinen Schrott hören und auch keinen Schrott fabrizieren. Jeder Mensch, der einen Computer hat, denkt, er könnte Artworks gestalten oder Musik machen. Und auf der einen Seite ist es ja auch schön, dass die Leute so was machen. Aber dann will jeder noch Geld und Ruhm dafür einsammeln, ab da läuft es falsch. Die Ansprüche sind extrem niedrig geworden. Ob das nun daran liegt, dass viele Labels keine Ahnung haben oder sich Ramsch einfach besser verkauft? Who knows. Jan und Christian arbeiten als Grafiker und erzählen mir immer wieder, wie sehr die meisten ihrer Kunden doch lieber zu dem schlechten Entwurf greifen... Ich glaube auf jeden Fall, dass wir mit den uns gegebenen zeitlichen und finanziellen Möglichkeiten im Zeitalter der ewig gleichen Massenware eine interessante, sehr persönlich individuelle Alternative anzubieten haben. Ich glaube auch nicht, dass es unbedingt nötig ist, als Plattenfirma jeden Monat eine Hand voll Scheiße auf den Markt zu schleudern, nur damit man präsent bleibt. Wir veröffentlichen zwei bis fünf Alben im Jahr, das ist völlig ausreichend. Dafür steckt da dann auch alles drin.


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