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Die Box




14. August 2010
Christina Mohr
für satt.org

School of Zuversicht: Randnotizen From Idiot Town

School of Zuversicht: Randnotizen From Idiot Town

Eigentlich sollte ein Text nicht mit dem Wort »eigentlich« beginnen, doch wir können es leider nicht umschiffen: eigentlich hätte das folgende Interview mit DJ Patex schon viel früher bei satt.org erscheinen sollen, nämlich zur Veröffentlichung des School of Zuversicht-Albums »Randnotizen aus Idiot Town« (Februar 2010). Wie es halt manchmal so geht, man hat viel zu tun, die Zeit streicht dahin und schwupps, ist ein halbes Jahr vergangen. Aber in diesem Fall zeigt sich, dass eine Verzögerung gar nicht schlimm sein muss, im Gegenteil: wir nutzen das Interview, um auf Frau Patex' DJ-Set beim Ladyfest in Darmstadt am 3.9.2010 hinzuweisen. Yeah! Vielleicht spielt sie ja dann auch den einen oder anderen Track aus »Randnotizen«.

Wer »Randnotizen From Idiot Town« noch nicht kennt, braucht sich nicht zu genieren, denn es ist ja nie zu spät, um eine gute Platte zu entdecken. School of Zuversicht ist keine Band mit festen Mitgliedern, sondern ein Kollektiv, dem sich unter anderem Maurice Summen, Pascal Fuhlbrügge, Knarf Rellöm, Guz und Hans Platzgumer zugehörig fühlen. DJ Patex, die auch bei Knarf Rellöms Trinity Bass spielt, ist eher Strippenzieherin als Chefin der School, wenn auch ihre Stimme für den Wiedererkennungswert sorgt. Die grundsätzliche Offenheit des Kollektiv-Systems lässt sich auch in der Musik von School of Zuversicht ablesen: Einflüsse kommen von überall, musikalisch und textlich/inhaltlich. Minimalistische Strukuren im Geiste der Young Marble Giants schließen fette Beats á la 50 Cent nicht aus, literarische Bezüge auf Beckett und Voltaire sind kein Ausdruck intellektueller Hochnäsigkeit, sondern zeigen, dass Popkultur eine Menge vertragen kann, durchaus auch mal einen komplizierten Gedanken. Und School of Zuversicht fegen einige – ebenfalls popkulturelle – Vorurteile beiseite, wie zum Beispiel, dass Kunst ohne Geld funktioniert. Einer der bemerkenswertesten Tracks auf »Randnotizen« ist »We Play As Long As You Pay« - wurde das schon mal deutlicher gesagt? Ganz uneigentlich.

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DJ Patex

Christina Mohr: Pingipung weist selbst explizit darauf hin: Mit School of Zuversicht veröffentlicht zum ersten Mal eine Künstlerin auf diesem Label. Findest du das bemerkenswert, seltsam, schade, toll, längst fällig...?

DJ Patex: Ich glaube, solange das Geschlecht eines Kunstschaffenden eine Rolle spielt, solange sind wir noch nicht am Ziel. Ganz egal um welches Genre, welches Label, etc. es sich handelt.

Bei School of Zuversicht spielen aber außer dir meistens nur Männer mit. Warum?

DJ Patex: In der Band haben wir ein 50:50-Verhältnis. Die Studiozusammenarbeit mit anderen Musikern ergab sich aufgrund musikalischer und freundschaftlicher Verbindungen, nicht wegen irgendwelcher Geschlechterverhältnisse. Nicht zuletzt gibt es aber leider relativ wenig Frauen in meinem Umfeld, die musikalisch tätig sind. Aber: würde man diese Frage auch einem Mann stellen? (Berechtigter Einwand! Anm. CM)

Und warum ist die School keine Band, sondern ein Kollektiv?

DJ Patex: Die Grenzen einer Band sind viel zu regulativ. Wir versuchen, eine Idee zu initiieren, eine Bewegung, eine Schule, die nicht nur im Bereich der Musik arbeitet, sondern sich auch auf anderen Feldern betätigt. Die Wahl der Form eines losen Kollektivs ist eine bewusste Entscheidung, eine Form des Zusammenarbeitens und eben auch Teil einer politischen Praxis.

Ist mit »Idiot Town« eine bestimmte Stadt gemeint (rein zufällig vielleicht Hamburg) oder ist das nur ein Modell?

DJ Patex: Die Stadt steht im Mittelpunkt, weil sie unsere Fabrik, unsere Arbeits- und Produktionsstätte ist. Aber idiot town befindet sich nicht nur in Hamburg, idiot town ist überall!

Gerade Hamburg ist ja seit einiger Zeit ständig in den Schlagzeilen wegen massiver Gentrifizierung des Stände- und Karoviertels. Wie beurteilst du diese Entwicklung? Engagierst du dich auch wie z.B. Rocko Schamoni?

DJ Patex: guck' mal hier: www.esregnetkaviar.de

School of Zuversicht sind ja schon eine Weile aktiv. Warum gibt's erst jetzt ein Album?

DJ Patex: Um ein Album zu machen benötigt man Zeit und Geld. Beides ist häufig leider nicht unbegrenzt vorhanden.

Der erste Song auf dem Album, "Die wunderlichen Träume..." und Nummer drei (Beckett...) klingen dancefloor-fett wie Madonna, textlich wird eine gewisse Belesenheit vorausgesetzt, sonst weiß man ja gar nicht, wer Herr Candide und Herr Beckett sind. Gehört das für dich immer zusammen, Tanzen und (im weitesten Sinn) Bildung/Wissen/Hochkultur?

DJ Patex: Ein gutes Kunstwerk funktioniert immer auf mehreren Ebenen, Tanzen und Wissen sollten sich dabei auf keinen Fall ausschließen, im Gegenteil. Ich möchte weder Kopf noch Herz gegeneinander ausspielen. Und es ist für die Rezeption der Songs nicht notwendig, Candide oder Beckett zu kennen - umso schöner, wenn Leute dadurch auf Neues stoßen. Wenn man so will, verfolgt die School damit auch einen Bildungsauftrag.

Tanzen und Systemkritik: auch die Sterne verbinden das auf ihrer aktuellen Platte. Ist das ein Trend oder will die Hamburger Schule (verzeih' diesen abgenudelten Begriff) endlich auch mal booty shaken?

DJ Patex: Mit der Knarf Rellöm Trinity shaken wir doch schon lange den Booty. Move your ass and your mind will follow! (Stimmt natürlich – aber die Trinity wirkt so outer-spacig, dass ich sie niemals »nur« in Hamburg verorten würde / Anm. CM)

Wozu tanzt du am liebsten?

DJ Patex: Zu Musik. Seltener zu Architektur.

Euer Track "We Play As Long As You Pay": Kapitalismus und Kultur - ein Spannungsfeld, ärgerlich oder motivierend?

DJ Patex: Der Kapitalismus ist keine ärgerliche Randerscheinung, sondern die Grundlage unseres gesellschaftlichen Systems und somit auch immer wieder Teil der Auseinandersetzung. Aber: Probleme machen produktiv!

Die Texte und natürlich der Band-/Kollektivname School of Zuversicht mixen englisch und deutsch - kommt das automatisch beim Aufnehmen oder ist das Konzept? (Komme drauf, weil Andreas Spechtl von Ja, Panik in der Spex zu seiner Art zu Texten lange und ausführlich befragt wurde. Das klang arg nach Kopfgeburt - wie ist das bei Euch?)

DJ Patex: Sicherlich ist der Mix eine bewusste Entscheidung. Die Sprache der Popmusik ist englisch und somit schwingen auch immer Konnotationen mit, aber wir adaptieren das Englische und benutzen es eher im Sinne der deutschen Grammatik. Es geht somit nicht um ein perfektes Englisch, sondern um einen kreativen Umgang mit dieser Sprache.

Dein Lieblings-Line-Up für eine Frauenband lebende und tote Musikerinnen erlaubt):

DJ Patex: Ada Lovelace, Rosa Luxemburg, Rosa Parks, Elfriede Jelinek.

Was machst du mit 70? Und wo bist du dann?

DJ Patex: Hoffentlich auf der Bühne.

Beim Googeln habe ich einen anderen (mutmaßlich männlichen) DJ Patex gefunden, der offenbar (ebenfalls mutmaßlich) dörfliche Discoabende beschallt. Kennt Ihr Euch?

DJ Patex: Das ist mein Alter Ego.




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