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Die Box




3. August 2010
Manske
für satt.org

  Mutter – Trinken Singen Schießen

Alle Kunst kostet

Das erste Mal traf ich auf die Berliner Band Mutter in München: Marc Degens spielte auf einer satt.org-Begeisterungsshow ein Video von ihnen. Ich glaube, es war aus »Das ganze Spektrum des Nichts« (2005). Schon bei dieser ersten Begegnung war es die pure Kraft dieser Musik, die mich umhaute: Schräge Töne und berserkernde Instrumente zu Texten ohne Wenn und Aber. Das hat man selten: Worte, die sich niemals hinter der Barriere der Ironie verstecken, die vom Gefälle zwischen Wollen und Haben, zwischen Ich und Du erzählen.

Mutter haben sich mit ihrer neuen Platte »ausgeliefert«, wie sie es nennen. »Trinken Singen Schießen«, das neue Album, das in diesen Tagen auf dem eigenen Label Die eigene Gesellschaft erscheint, wurde über persönliche Schuldverschreibungen finanziert: Für 100 Euro bekamen Fans und andere Wohlwollende eine limitierte Kaltnadelradierung von Max Müller, die sie auf Wunsch bis Ende 2011 auch wieder zurückgeben können, Rückzahlung garantiert. Das wird aber keiner machen, schließlich darf man darauf hoffen, dass die Radierung einmal sehr viel mehr wert sein wird. Innerhalb weniger Tage waren die Dinger jedenfalls ausverkauft und Mastering und Pressung der CD gesichert.

Auch die Einstürzenden Neubauten haben sich ihre letzten Platten von ihren Fans bezahlen lassen. Das Prinzip der der sponsorenfinanzierten Musik hat eine Geschichte: Bereits 1918 gründete sich auf Initiative von Arnold Schönberg in Wien der »Verein für musikalische Privataufführungen«. Dessen Ziel war es, einem ausgewählten Publikum, nämlich »Künstlern und Kunstfreunden eine wirkliche und genaue Kenntnis moderner Musik zu verschaffen« – und zwar nur für zahlende Mitglieder. Damit wollte man sich die Presse vom Hals halten, die zuvor für einige missliebige Artikel und skandalöse Auftritte gesorgt hatte. Immerhin 114 Konzerte fanden auf diese Art und Weise statt, Schüler von Schönberg spielten dabei Kompositionen unter anderem von Gustav Mahler, Igor Strawinsky oder Anton von Webern. Drei Jahre später musste der Verein wegen der galoppierenden Inflation wieder dicht machen, aber schön war die Idee schon.

  Mutter (Foto: Eva Bruhns)
Foto: Eva Bruhns,
under creative commons license

Sicher sind Mutter mit ihrem Geschäftsmodell nicht die direkten Erben dieses Vereins und damit einer sogenannten Hochkultur, aber als bahnbrechende Avantgarde fühlen sie sich auch nicht mehr. Gebrüllt wird immer noch, aber der Rühr-mich-nicht-an-Gestus ist so gut wie verschwunden. An seine Stelle tritt eine Melancholie, die man schon in Max Müllers Soloalbum »Die Nostalgie ist auch nicht mehr das was sie mal war« (2008) spüren konnte. Ja, diese Musik ist sehr viel zugänglicher, als man das ahnen konnte. 24 Jahre (!) nach ihrer Gründung befinden sich Mutter mittlerweile in der Position der Älteren: »Die Alten hassen die Jungen / sie sagen dass das so nicht geht / ... Es geht es geht / Wir sind zu spät«, singt Müller. »Wir sind«, nicht »ihr seid«. Der, der da nicht mehr verstehen will, das ist der jugendliche Besserwisser von damals. »Bis die Jungen die Alten sind«, et voilà, und die Geschichte sich wiederholt. Und dennoch ist da diese Ahnung, dass man immer noch etwas entgegensetzen muss: »Ich möchte alles sein / bloß nicht wie die anderen« (»Erlösung von Oben«). Oder eben: »Idioten zu erklären, dass sie welche sind / kann man nicht und tut es doch, weil sie welche sind« (»Tag der Idioten«) – wer sich nicht mehrmals in der Woche wie Sisyphos fühlt, der rolle den ersten Stein.

Ach ja, vor Kalauern wird nicht zurückgeschreckt. »Sie sind Wohltäter / und wir die Opfer«, heißt es in »Wohltäter«, dem unvermeidlichen Antikapitalismussong (der am Schluss als mitreißender Blaskapellen-Wiedergänger »Wohlopfer« noch einmal auftaucht). Doch lachen wird man hier nicht, zu ernst sind die Themen. Der Titel der Platte spielt an auf das Massaker von Rechnitz, bei dem 1945 während eines Schlossfestes im Burgenland 180 ungarische Juden erschossen wurden. Und heute? Wo sich in Afghanistan welche die Köpfe einhauen, damit wir hier billiges Öl haben, da verwischen die Grenzen. Auch so etwas kann man bei dieser Band zwischen den Zeilen lesen. Täter und Opfer, sie sind eben längst nicht mehr so leicht zu unterscheiden. Das Politische wie das Private, es ist bei Mutter gleich wichtig, weil es sich vermischt. Und am Ende darf man sich tatsächlich verwundert die Augen reiben, wie soviel Geschrei wieder einmal ein so gutes Album ergibt. Alchemie à la Mutter.


muttermusik.de
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Record-Release-Konzert am
5. August im Festsaal Kreuzberg, Berlin