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Die Box




1. Juni 2010
Janine Andert,
Wolfgang Buchholz

und Christina Mohr
für satt.org

Short Cuts-Logo


  The Black Keys: Brothers
The Black Keys: Brothers
(V2 / Cooperative Music / Universal Music)
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The Black Keys: Brothers

Nach Soloausflügen und einer Kooperation mit stadtbekannten Hip-Hop-Größen im vergangenen Jahr schlossen sich Dan Auerbach und Patrick Carney wieder brüderlich für ihr Hauptprojekt, die Black Keys, zusammen. Das fünfte Studioalbum „Brothers“ glänzt mit zeitlos-faszinierendem Bluesrock. Die Herren aus Ohio spielen ihre Instrumente auf den Punkt und klingen dabei wahnsinnig amerikanisch. Als wäre man Gast in einer heruntergekommenen Südstaaten-Bar. Salma Hayek räkelt sich an der Tabledance-Stange, die Flasche Whiskey steht auf dem Tresen, Kopf und Fuß wippen im Takt. Oder: Selbst die schüchternste Frau würde zu diesem Groove den Kellner anbaggern. Das ist dreckiger, verwegener Blues par excellence, der mit verboten viel Sexappeal daherkommt.

Für die erste Single-Auskopplung „Tighten Up“ gab es Unterstützung von Danger Mouse, der 2008 bereits das Album „Attack & Release“ produzierte. Tchad Blake, legendärer Produzent von den Rolling Stones, Aretha Franklin und Sheryl Crow, um nur einige zu nennen, mixte mit. Ein bisschen Soul, ein bisschen Motown geben die geschmackssichere Würze für einen vollen, abgerundeten Sound. Wen wundert’s, dass ein vom ersten bis zum letzten Song sensationelles Album entstanden ist? „Brothers“ folgt keinem Trend und gehört einfach in die Sparte „Lieblingsalbum.“ Es wird den Black Keys wohl nicht zum Megastar-Status verhelfen: Bluesrock passt nicht in das quirlige Morgen- oder Nachmittagsprogramm gängiger Radiostationen. Die vertonten Geschichten über unglückliche Lieben und Mord aus Leidenschaft wurden für individuellen Musikgenuss aufgenommen; ein Soundtrack für die nächtliche Überlandfahrt, Futter für schweifende Gedanken im Wohnzimmersessel oder eben die beste musikalische Untermalung für den gelungenen Abend an der Bar. (Janine Andert)


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  The Cure: Disintegration Deluxe Edition
The Cure:
Disintegration Deluxe Edition

(3 CD-BoxSet / Fiction/Polydor)
» thecure.com


The Cure: Disintegration Deluxe Edition

“Disintegration” aus dem Jahr 1989 ist das bis dato meistverkaufte Album von The Cure – doch damals, so erinnert sich Robert Smith in den Linernotes zur luxuriösen Deluxe Edition, waren die Polydor-Vertreter keineswegs überzeugt von dem, was die Band abgeliefert hatte. Nach dem erfolgreichen Doppelalbum “Kiss Me Kiss Me Kiss Me” (1987) mit euphorischen Popsongs wie “Why Can't I Be You?” oder “Just Like Heaven” wirkte “Disintegration” melancholisch und schwerfällig. Tatsächlich klingen Stücke wie “Plainsong”, “Prayers for Rain” und “Fascination Street” nicht wie Hitparadenmaterial, selbst zu Hochzeiten des Darkwave Ende der 1980'er Jahre nicht: Lange Intros, getragene Gitarrenfiguren, Smith' Stimme streckenweise so gequält wie auf “Pornography”, dem düstersten Cure-Album ever. Aber auf “Disintegration” befindet sich auch der langsamste Dancefloor-Hit aller Zeiten: “Lullaby”, Smith' augenzwinkernde Gothic-Persiflage, und “Lovesong”, mit dem The Cure Platz zwei der amerikanischen Billboard-Charts erreichten. “Disintegration” hatte nicht nur mit der Ablehnung der Plattenbosse zu kämpfen, sondern stand auch sonst unter keinem guten Stern. Während der Aufnahmen brannte das Zimmer, in dem Robert Smith die Lyrics aufbewahrte – todesmutig stürzte Smith, in nasse Handtücher gewickelt, hinein, um die Texte zu retten. Sein lakonischer Kommentar: “I knew if I didn't go in to get that bag, 'Disintegration' was going to be an instrumental album.... and I really didn't want that!” Zudem wurden Lol Tolhursts (Keyboards/Schlagzeug) Drogenprobleme für die Band untragbar – nach den Aufnahmen verließ Tolhurst schließlich The Cure, Keyboarder Roger O'Donnell folgte ihm kurz darauf. “Disintegration” ist im Cure'schen Universum Höhepunkt und Wegmarke in einem: Die Band war endgültig im Popmainstream angekommen und füllte mühelos die größten Fußballstadien. Mit “Disintegration” erreichte Robert Smith aber auch seinen künstlerischen Zenit, so gut sollten The Cure nie wieder werden, wenn auch 1992 das rockigere Album “Wish” mit Cures größtem Hit “Friday I'm In Love” erschien. Späteren Platten wie “Bloodflowers”, “Wild Mood Swings” oder dem letzten Album “4:13 Dream” fehlt die Faszination, die von “Disintegration” bis heute ausgeht.

Die schicke Deluxe Edition beinhaltet das Originalalbum, eine CD mit 24 bisher unveröffentlichten Tracks (von Robert Smith kompilierte Mastertapes der Aufnahmesessions zu “Disintegration”) und das Livealbum “Retreat Plus”. (CM)


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  Broken Social Scene: Forgiveness Rock Record
Broken Social Scene:
Forgiveness Rock Record

(CitySlang/Universal)


Broken Social Scene: Forgiveness Rock Record

Ein bunter, vielfältiger Blumenstrauß von Indiepop-Weisen oder ein Gemischtwarenladen ohne klare Linie? So ganz sicher bin ich mir noch nicht in der Bewertung des neuen Albums des kanadischen Musikerkollektivs Broken Social Scene. Andererseits liegt Vielfalt natürlich in der Natur der Sache eines Kollektivs. Also tendiere ich wohl eher zum bunten Strauß.
Zu hören bekommt man Folgendes:
Opulent produzierte Chor-Arrangements (Tracks 1,2,7,12,14)
Etwas schlichter gehaltene Pop-Hits (Tracks 3,4,6,13)
Elfenhafter Gesang der weiblichen BSS-Mitglieder (Tracks 5,10,11)
Ein Eels-Look-, bzw. Hearalike (Track 8)
Ein Instrumental (Track 9)
Mir gefällt Kategorie zwei am besten, wobei „schlicht“ bei Broken Social Scene relativ gesehen werden muss. Auch die sehr schönen eingängigen Gitarrenlinien, wie z.B. beim Opener „World Sick“, zeugen von hoher Musikalität. Gesanglich kann das Kollektiv aus dem Vollen schöpfen: Amy Millan und Torquil Campbell von Stars, Leslie Feist und Emily Haines von Metric bieten Herausragendes. Manchmal verlieren sich die Lieder ein wenig in Selbstverliebtheit, die gar nicht notwendig wäre. Die Platte sprudelt natürlich nur so vor Ideen, auch sehr guter, zugegebenermaßen. Es muss aber nicht immer noch ein Erker angebaut werden – Schlichtheit und klare Linien können auch schön sein. Aber da sind wir wieder bei der leidigen „Geschmackssache“. Broken Social Scene sind auf jeden Fall ein Schwergewicht in ihrer Kategorie des opulent arrangierten Indiepops. Für Freunde dieser Musik ist die Platte uneingeschränkt zu empfehlen. Wer aber statt auf prächtig verzierte Schlösser eher auf skandinavische Holzfertigbauweise steht, könnte sich in diesem Haus verlaufen. (Wolfgang Buchholz)


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  I Heart Hiroshima: The Rip
I Heart Hiroshima: The Rip
(Ais/Cargo)


I Heart Hiroshima: The Rip

„A guitar, a bass, a drum – a good song will remain“, heißt es in einem Gitarrenpop-Klassiker. Immer mehr Bands weichen von dieser Grundregel ab. Hier haben wir die Variante: Two guitars, a drum – bedient von zwei Herren (Matt Somers und Cameron Hawes) und einer Dame (Suzie Patten). Die Band kommt von Down under, Brisbane, ging aber nach England, um dort ihr zweites Album „The Rip“ von Andy Gill (Gang of Four) produzieren zu lassen.

Moment - gab es das nicht ganz ähnlich in den 80ern schon einmal? Und führte das nicht zu einer der wohlklingendsten Gitarrenpopbands ever? Ganz so weit möchte ich natürlich bei der vorliegenden Platte nicht gehen. Aber hinsichtlich Schlichtheit, Prägnanz, Sprödheit und das bei gleichzeitig „hinreißendem Melodiefaktor“ kann „The Rip“ mit den Frühwerken der geschätzten Go-Betweens durchaus mithalten. Und Suzie hat auch bei Robert Forster’s Velvet Underground Hommage getrommelt. Den fehlenden Bass vermisst man überraschenderweise gar nicht, die Gitarren klingen Fender-mäßig trocken und klar, am Gesang wechseln sich Suzie, Matt und Cameron ab. Die Songs tragen passend zur Musik kurze Titel wie „South“, „River“, „Ocean“ oder „Well“ und der Produzent Andy Gill steht ja auch nicht im Verdacht, eine Phil Spector’schen Wall of Sound zu favorisieren. Band und Produzent passen also sehr gut zusammen. Bei „Ocean“ hackt die Gitarre gar in klassischer „Gang of Four-At home he feels like a tourist-Manier“ - toller Nerd-Ausdruck, nicht wahr?

Meine Favoriten sind der Opener „Count me in“ mit tollem Rhythmuswechsel und einer Gitarre, wie ich sie liebe - zu hören z.B. auch am Anfang von „Can’t stand me now“ dem Opener der zweiten Libertines-Platte. Auch klasse sind die Single „Shakeytown“ und das treibende „Sisters“. Generell am besten finde ich die von Suzie gesungenen Stücke, Kim Gordon und P.J. Harvey sind Assoziationen, die hier leicht auftauchen.

Bei I Heart Hiroshima handelt es sich um eine wirklich famose Neuentdeckung im Frühjahr 2010, die mich richtig begeistert - das gibt es heuer nicht mehr so oft. Das Album ist allerdings schon das zweite und in Australien und auch in England hat Platte Nummer 1 aus 2007, „Tuff Teef“, schon Aufmerksamkeit erregt. Ich hoffe, I Heart Hiroshima spielen demnächst auch live in Deutschland. Der Booker erzählt mir, dass er sie im Gleis 22 schon zu Gast hatte. Mist, wieder nicht aufgepasst. Aber sie dürfen wohl gerne wiederkommen. (Wolfgang Buchholz)


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  Roky Erickson with Okkervil River: True love cast out all evil
Roky Erickson with Okkervil River:
True love cast out all evil

(Chemical Underground/Rough Trade)


Roky Erickson with Okkervil River: True love cast out all evil

Mal wieder in Berlin und die Stadt ist normalerweise auch immer für ein interessantes Konzert gut. Heute Abend gibt es Kiss für 70 Schleifen aufwärts in der O2-Arena und The Exploited im SO 36. Das motiviert aber beides nicht, daher ist die Alternative, das neue Roky Erickson-Album via PC und Kopfhörer im Hotelzimmer.

Verknarzt geht es los, wie mit dem Cassettenrekorder im „Rusk State Hospital for the Criminal Insane“ aufgenommen, wo der heute 62jährige Roky Erickson einige Zeit verbracht hat. Roky Erickson ist auch einer dieser schicksalsgebeutelten Gesellen der Popmusik: Als an Schizophrenie erkrankter Musiker mit dem amerikanischen Gesundheitssystem klarzukommen, ist mit Sicherheit kein Vergnügen. In den 60ern mit „The 13th Floor Elevators“ gestartet, dominierte die Krankheit mehr und mehr sein Leben. Er veröffentlichte dann und wann ein Album und wird als begnadeter Songwriter geschätzt, der von Bands wie REM, Primal Scream oder Radio Birdman gecovert wurde. Sechzehn Jahre nach seiner letzten Veröffentlichung „All that may do my rhyme“ haben ihn jetzt Will Sheff und Okkervil River unter ihre Fittiche genommen und ein gemeinsames Album mit Liedern eingespielt, die aus allen Phasen des Erickson’schen Schaffens stammen. Aus sechzig verfügbaren Songs ist die Quintessenz von zwölf verbliebenen jetzt auf dem Album „True love cast out all evil“ erschienen.

Die Kooperation passt prima. Das Spektrum reicht von sparsam instrumentierten Country-Schunklern wie „Be and bring me home“, über verquaste Pianoballaden wie „Please Judge“ (in einer anderen Version auch schon auf der letzten Platte) bis hin zu üppigeren Rockern wie „Good bye sweet dreams“, „Bring back the past“ und dem explosiven „John Lauman“. Das Liedgut ist exquisit und von erstaunlicher Eingängigkeit, die Umsetzung durch die Musiker adäquat und virtuos. Vintage-Gitarren, perlende Pianos und knochentrockene Drums begeistern auch an ausgefuchsten Arrangements Interessierte. Hier wird das Rad nicht neu erfunden, aber der geneigte Hörer im Spektrum zwischen Bob Dylan, den Walkabouts oder den Felice Brothers wird hier mit feiner Musik versorgt. Und auch der Rauschebart steht dem Künstler im Gegensatz zu jüngeren Vertretern der Zottelzunft wirklich gut. Hoffentlich dauert es nicht wieder sechzehn Jahre bis zum nächsten Lebenszeichen Roky Ericksons, vorher ist zumindest mit einem Beitrag von Okkervil River zu rechnen. (Wolfgang Buchholz)


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  Badly Drawn Boy: Is there nothing we could do?
Badly Drawn Boy:
Is there nothing we could do?

(Biglife/Rough Trade)


Badly Drawn Boy: Is there nothing we could do?

Nach „About a boy“ ist dies zum zweiten Mal eine Filmmusik aus dem Hause Damon Gough aka Badly Drawn Boy. Ein Schluffi vor dem Herrn, immer mit Wollmütze und Gesichtspullover unterwegs, aber ein begnadeter Komponist und Multiinstrumentalist. Mit Album Nummer zwei „Have you fed the fish“ aus 2002 habe ich ihn kennengelernt und war direkt schwer begeistert. Im gleichen Jahr erschien auch der Soundtrack zur eingangs genannten Nick Hornby-Verfilmung. Danach erschienen zwei weitere Alben, die in Song- und Arrangement-Qualität den Stand halten konnten. Badly Drawn Boy pflegt einen sehr eigenen Stil, ausgestattet mit großer Melodiösität, manchmal pathetisch, aber nie überkandidelt. Gespannt lege ich die neue Scheibe in den Rekorder. Der erste Eindruck: Filmmusik ist nun einmal kein klassisches Song-Album, dessen muss man sich bewusst sein und die Erwartungshaltung entsprechend justieren. Nach der instrumentalen Overture kommt der Titelsong „Is there nothing we could do?“, einem typischen Badly Drawn Boy – wunderbare Melodie, stilvoll arrangiert, melancholisch ohne Schmalz. So liebt man Mr. Gough – Atmosphäre und Melodieführung sind unverkennbar. „Welcome me to your world“ ist der nächste „richtige Song“ an Position fünf, dessen Thema im nächsten Stück leicht modifiziert aufgegriffen wird. Danach die Reprise zum Titelstück. Weiter geht’s mit diversen kurzen Piano- und Gitarreninstrumentals, z.T. mit Originalfilmton versehen, nett, aber nicht vom Hocker reißend. Wieder ein “richtiges Lied” an Position elf mit dem Titel „Just look at us now?“, mit jubilierenden Hörnern. Ich kenne den Film „The fattest man in Britain“ zwar nicht, kann mir die Stimmung einer englischen Tragikomödie mit dieser Musik aber sehr gut vorstellen. Mit dem Bolero-ähnlichen „Wider than a smile“ geht es in die Schlussphase, auch hier wird das Titelthema aufgegriffen. Zum Abschluss ein schöner Folksong auf der Gitarre, „I’ll carry on“. In der Summe also fünf „richtige Songs“ und ein Haufen netter Instrumentalmusik. Badly Drawn Boy folgt in meinem Plattenregal direkt auf Burt Bacharach, da stehen zwei prima zueinander passende Kollegen zusammen. (Wolfgang Buchholz)


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  The Divine Comedy: Bang Goes The Knighthood
The Divine Comedy:
Bang Goes The Knighthood

(Divine Comedy Records/Pias)
» thedivinecomedy.com
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The Divine Comedy: Bang Goes The Knighthood

Fast wundert man sich darüber, dass Neil Hannon für sein Projekt The Divine Comedy etwas so neumodisches wie eine myspace-Seite eingerichtet hat: Selbstverständlich klingt auch die neue Platte des irischen Songwriters so nostalgisch, elegant und stilbewusst, als wäre Frank Sinatra kein mafiöses Schlitzohr aus Manhattan gewesen, sondern ein junger Beau aus Howards' End. The Divine Comedy versorgt seit zwanzig Jahren literatur- und generell kunstbeflissene Pop-Connaisseure mit wunderbarer Musik, die sich niemals dem flüchtigen Reiz der Aktualität oder des Angesagtseins ergeben würde. Der frühe Scott Walker und die komplizierten, aber eingängigen Melodien Burt Bacharachs mögen als Vergleiche dienen, Hannons leicht blasierte Tenorstimme verströmt Distinguiertheit und Melancholie. Schon die Songtitel von “Bang Goes The Knighthood” sprechen Bände: da wird “The Lost Art of Conversation” betrauert, oder, schlicht und highbrow geraten, “Assume the Perpendicular”. Die Texte zeugen vom gut gefüllten Bücherregal ihres Schöpfers, Hannon sinniert über Francis Bacons Gemälde, resümiert Geschichte (“Neapolitan Girl”) und erörtert die Wirtschaftskrise (“The Complete Banker”). Aber: Neil Hannons Musik klingt viel weniger elitär und pompös, als es die Titel vermuten lassen. Aus Streichern, Fagott, Akkordeon und Bläsern kreiert Hannon spielerisch leichte Songs, die niemanden ausschließen wollen, im Gegenteil: schon beim ersten Hören kann man mitsingen oder -pfeifen (hier bitte eine beliebige Szene aus dem bereits erwähnten Film “Wiedersehen in Howards' End” imaginieren), die Stimmung ist häufig beschwingt, zuweilen nachdenklich (“When A Man Cries”), niemals vulgär. “Island Life” ist ein zauberhaftes, verträumtes Duett mit der Sängerin Cathy Davey, die Single “At the Indie Disco” fällt mit der energischen Gitarre ein wenig aus dem Rahmen – Hannon wollte einen “catchy little pop song for kids” schreiben, seine Freunde hingegen fühlten sich an ihre Jugendzeit erinnert, was ihn darin bestätigte, ein “social historian” zu sein. Wer sich jetzt noch immer nichts unter The Divine Comedy vorstellen kann: Neil Hannon würde über die Beatles sagen, “oh ja, das sind talentierte junge Burschen.” (CM)


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  ISAN: Glow In The Dark Safari Set
ISAN:
Glow In The Dark Safari Set

Morr Music (Indigo)
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ISAN: Glow In The Dark Safari Set

Es gibt kleine Buddha-Boxen, die in Endlosschleife beruhigende elektronische Melodien spielen. Die zweiköpfige Electronica-Band ISAN setzt auf eine ähnlich repetitive Grundidee, allerdings um vielschichtige Songelemente erweitert. Seit Gründung der Band im Jahr 1996 leben Robin Saville und Antony Ryan getrennt voneinander in verschiedenen Teilen Europas und kooperieren lediglich per Post und übers Internet. Dennoch weisen die Alben eine Homogenität auf, die in Anbetracht des Entstehungsprozesses erstaunt. Mit analogen Synthesizern, Kassetten-Loops und luftigen Sounds erschaffen die beiden Engländer zeitlose Musik, die nicht so recht in die Popwelt passen will. Ihre Musik verzichtet auf Gesang und besticht durch liebevoll zusammengestellte Klänge, die erst in letzter Instanz mit dem Laptop bearbeitet werden. Das sechste Studioalbum „Glow In The Dark Safari Set“ versetzt den Hörer ans Meer. Wie die Gezeiten wabert, ebbt und fließt es. Ein meditativer Strom, der im musikhistorischen Kontext durchaus auf Krautrockbands wie Neu! verweist. Nicht zu überhören ist auch die Zugehörigkeit zum Heimatlabel Morr Music, das für qualitativ hochwertige Tunes auf dem Sektor feiner elektronischer Musik steht. Wie jeder Morr-Act besitzen ISAN trotz ihres leisen Auftretens einen Wiedererkennungswert, der sie unverwechselbar macht.

ISAN im Allgemeinen und „Glow In The Dark Safari Set“ im Besonderen sind eine Empfehlung für Freunde ruhiger, unaufdringlicher Soundcollagen, die jenseits von Hypes und Massenunterhaltung ihre kleine, aber feine Nische gefunden haben. (Janine Andert)


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  The Acorn: No Ghost
The Acorn: No Ghost
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The Acorn: No Ghost

Folkiger Indiepop ist omnipräsent und die kanadische Musikszene ebenso. The Acorn aus Ottawa passen wunderbar in dieses Bild, auch wenn sie musikalisch eher in Nordamerika als in Kanada zu verorten sind. Leider reiht sich das in einem Cottage des nördlichen Quebec aufgenommene dritte Studioalbum „No Ghost“ unauffällig in das bereits vorhandene Repertoire des Genres ein: (Akustik-)Gitarre, leises Schlagzeug, Bass und das obligatorische Unterbringen von Glockenspiel, Geige und diversen Perkussions. Weder die Stimme des Sängers und Texters Rolf Klausener noch die Instrumentierung weisen Eigenständigkeit oder gar das besondere Etwas auf. So plätschern die elf Songs 37 Minuten lang nett dahin. Hätten die Jungs doch besser aufgepasst, als sie Anfang 2009 Bands wie Fleet Foxes, Bon Iver, Calexico und Elbow supporteten. Im Gegensatz zu diesen fehlt The Acorn nämlich vor allem eines: Energie. Besonders deutlich wird der Mangel beim letzten Song, „Kindling To Cremation“. Das Zusammenspiel wirkt lustlos und hängt müde dem Takt hinterher. Vielleicht ist es aber auch die musikalische Mutlosigkeit, mit der zwar eine solide Platte abgeliefert wurde, aber keine rechte Spielfreude aufkommt. „No Ghost“ kann man hören, muss man aber nicht. (Janine Andert)


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