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Die Box




21. Juni 2010
Wolfgang Buchholz
für satt.org

Virtuos genudelter Krach und Sozialpalast

Gisbert zu Knyphausen
Foto: Wolfgang Buchholz

SST – die Freunde amerikanischer Underground-Musik aus den 80er Jahren dürften bei diesen drei Buchstaben mit der Zunge schnalzen, handelt es sich hierbei doch um eines der wichtigsten amerikanischen Independent-Labels aus dieser Zeit. Bands wie Black Flag, deren Kopf Greg Ginn auch Gründer des Labels war, Minutemen, Meat Puppets, Hüsker Dü, aber auch Dinosaur Jr. und Sonic Youth veröffentlichten zu dieser Zeit ihre Platten bei SST. Eine SST-Band war auch Saccharine Trust um den Gitarristen Joe Baiza, die als eine der ersten Bands Jazz und Punk miteinander verwoben. Ich hörte erst in den späten 80ern von SST - wohl dem, der die SPEX las, den runden Ball hörte und der Kommilitonen mit gutsortierten Plattensammlungen hatte - und war mehr ein Freund der späteren und etwas melodiöseren SST-Fraktion wie fIREHOSE oder All. Joe Baiza entfernte sich Ende der 80er mehr und mehr vom Punk und machte mit Universal Congress Of nunmehr Jazz in atemberaubender Geschwindigkeit. Beide Bands sind in diesen Wochen auf ausgedehnter Deutschlandtour und dabei auch im Gleis 22 in Münster.

Fast keine Fahrräder vor dem Club lassen auf eher übersichtliche Zuschauerreihen schließen. Zwanzig bis dreißig Verwegene werden es am Ende sein, die eine fulminante Show der beiden Bands erleben. Ein großer, in einen schwarzen Ledermantel gewandeter Herr betritt zusammen mit einem Bassisten die Bühne. Es handelt sich, wie später klar wird, um Jack Brewer, den Saccharine Trust-Sänger, und um den Universal Congress Of-Bassisten, die eine von gekonntem Bass-Gezwiebel unterlegte Spoken-Word-Performance darbieten: Patti Smith meets Henry Rollins. Intensiv, aber für den Nicht-Native-Speaker in der dargebotenen Geschwindigkeit und Nuscheligkeit schwer zu verstehen. Tempo ist dann auch bei den vier kurz darauf die Bühne betretenden Tex-Mex-Herrschaften das prägende Element: knochentrockenes Schlagzeug, slappender Bass, röhrendes Saxofon und Joe Bazia mit seiner abgenudelten Strat. Häufig kann man an der Hanghöhe der Gitarren vor dem Körper des Gitarristen Rückschlüsse auf die Virtuosität des Spiels ziehen und bei Joe Bazia hängt die Gitarre verdammt hoch, knapp unter der Brust. Die Musik ist Jazz-Rock, so was wurde schon in den 70ern in Deutschland von Bands wie Kraan oder der Headband gespielt. Manchmal klingen die Songs wie die Hintergrundmusik von „Die Straße von San Francisco“ - mit geschlossenen Augen sieht man den jungen Michael Douglas und die Knollnase in ihrem Straßenkreuzer über die Hügel hüpfen. Eigentlich würde die Musik viel besser in einen anderen Münsteraner Laden, den Hot Jazz Club, passen. Vereinzelt wird Gesang eingestreut, das ein oder andere Solo vorgeführt, vorwiegend auf der Gitarre, meistens nicht zu lang, in der Regel aber in Highspeed. Der Saxofonist kommt nicht mehr mit, und ein Stück muss neu gestartet werden. Nur ab und an geht’s auf die Bremse, ein verkappter Blues, etwas Bar-Jazz und schließlich noch eine Mundharmonika-Einlage. Das kleine Publikum ist begeistert, insbesondere ein Herr direkt vor der Bühne, der die ganze Zeit Luftsaxofon spielt. Quintessenz für mich: Permanent nur Töne auf der Gitarre spielen ist nicht so meins. Bitte, liebe Gitarristen, spielt ab und an auch mal Akkorde!

Als ob er es gehört hätte, spielt Joe Bazia bei den nun folgenden Saccharine Trust tatsächlich anders. Mit neuen Musikern und einer neu aufgebauten Batterie an Gitarreneffekten wird es lauter, akkordbetonter, aber nicht weniger vertrackt - eher nervös, auch verursacht durch den zappeligen Jack Brewer. Die Songs sind kurz, enden abrupt und sind von Rhythmuswechseln geprägt. Man ist richtig dankbar, wenn es bei einem Stück mal einen weitgehend durchgängigen Beat oder vielleicht eine Melodie gibt. Brewer zieht seinen schwarzen Ledermantel später aus, dann wieder an, verwendet ihn als Schweißtuch, ein Handtuch wäre jetzt nicht schlecht, oder als eine Art Poncho, sehr schräg und lustig, durchaus nicht unsympathisch. Er wirkt bisschen wie ein Riesenbaby. Am Ende ist er schweißgebadet, fertig und zufrieden. Dagegen eher stoisch verrichten die Mitmusiker ihren Dienst, die Spielfreude, insbesondere bei Joe Bazia ist unverkennbar und auch der Saxofonist von vorhin darf dann noch mal ran.

Die Zugaben klingen wie die Dead Kennedys, „I am right“ ist ein Kracher und das Schlusswort übernimmt der Saxofonist mit der These „The Munsters came from Münster“. Die Musiker und das kleine Publikum sind begeistert, ich bin zufrieden. Im Prinzip ein gutes Konzert, aber zwei Bands mit ähnlich vertrackter Musik sind auf Dauer anstrengend. Aber: Universal Congress Of und Saccharine Trust muss man einfach gesehen haben. Hut ab in jedem Fall vor Joe Bazia, der bald zweieinhalb Stunden das Griffbrett rauf und runter gejagt ist.

Appendix: Vier Tage später findet am Gleis 9/12 im Hauptbahnhof Münster ein weiteres interessantes Konzert statt. Ich war ja nun schon auf vielen, vielen Konzerten, aber diese „Umsonst-und-draußen-Veranstaltung“ ist ein absolutes Novum. Im Rahmen des Kunstprojektes Sozialpalast finden seit einigen Jahren im Sommer in Münster innovative Kulturveranstaltungen an ungewöhnlichen Plätzen statt. Das diesjährige Konzept lautet „Gleis 9/12, ein Wartehäuschen, Musik und eine Mission“. Im Bahnhäuschen zwischen zwei Gleisen treten in diesem Jahr diverse Liedermacher, im Juli z.B. noch Tom Liwa, auf.

An diesem Samstagabend spielen hier Desiree Klaeukens und Gisbert zu Knyphausen. Schnell noch England : USA fertigschauen, austrinken und nichts wie hin zum Bahnhof. Es ist voll auf dem Gleis, mehrere hundert Musikinteressierte tummeln sich hier. Dass zu Knyphausen im Moment so angesagt ist, war wohl bei der Planung nicht abzusehen. Mit Mühe ergattere ich eine Position, von der man etwas sehen und vor allem hören kann. Die Musiker haben sich tatsächlich in dem verglasten Bahnhäuschen positioniert, das von allen Seiten einzusehen ist. Der Sound ist unterirdisch, man hört kaum etwas, die Ansagen zu den ankommenden Zügen kommen besser durch. Auf dem Häuschen befinden sich vier Boxen Marke „Jugendzimmer-Equipment-aus-den-80ern“. Hier wären ein, zwei Nummern größer nicht schlecht gewesen. Aber egal, dem Happening-Charakter der Veranstaltung tut das keinen Abbruch, die Stimmung ist prächtig. Frau Klaeukens spielt schon, oder stimmt sie ihre Gitarre oder erzählt sie Geschichten? Gerade für diese Veranstaltung wäre eine etwas straffere Gig-Organisation sicher nicht schlecht gewesen – Tipp für’s nächste Mal. Dann kommt Herr zu Knyphausen in Begleitung seines Gitarristen und spielt sich durch einige Songs seiner beiden Alben. Er wirkt zwar eher zurückhaltend, trotzdem kann man sich seine Bühnenpräsenz sehr gut vorstellen, im Bahnhäuschen kommt diese selbstredend nur bedingt zur Geltung. Von der Musik hört man nicht wirklich viel, die Texte lassen sich aber an den Lippen der vielen jungen Damen ablesen, die um das Bahnhäuschen herum sitzen. Es sind vorwiegend Fans hier und der Applaus zwischen den Stücken ist frenetisch. Kurz darf dann nochmal Frau Klaeukens ran, dann übernimmt Herr Knyphausen wieder und um 23:57 rollt der EC nach München auf Gleis 12 ein. Dazwischen geht die Bahnhofsmission mit der Sammelbüchse umher und für die am Bahnhof tätigen Leergutsammler ist heute auch ein Festtag. Ein Lob an die viel geschmähte Deutsche Bahn, die eine solche Veranstaltung auf dem Bahnsteig genehmigt hat und natürlich an die Künstler, die hier unter eher widrigen Bedingungen spielen. Aber sichtlichen Spaß hatten sie dabei – ich auch.



www.sozialpalast.de