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Die Box




8. Mai 2010
Janine Andert, Thomas Backs,
Tobi Kirsch und Christina Mohr
für satt.org

Short Cuts-Logo


  Audio Bullys: Higher than the Eiffel
Audio Bullys:
Higher than the Eiffel

(Cooking Vinyl/ Indigo)
» audiobullys.com
» myspace


Audio Bullys: Higher than the Eiffel

Feine Überraschung: Nach fünf Jahren melden sich Simon Franks und Tom Dinsdale mit einem dritten kompletten Album der Audio Bullys zurück. Damit war kaum noch zu rechnen, nachdem der Major EMI sich vom Duo getrennt hatte und nach „Generation“ (2005) nur noch eine Single mit dem Titel „Gimme that Punk“ im Umlauf war. Zugegeben: Neu sind diese Londoner Großstatdtgeschichten im Sprechgesang zu einem Mix aus Breakbeats, House und Electroclash nicht. Schließlich hat sich die Musikwelt seit dem gefeierten Debüt „Ego War“ (2003) ein paar Mal gedreht. Was dann aber nicht heißt, dass „Higher than the Eiffel“ die Tanzflächenfreunde nicht high macht. Während Damon Albarn 2010 zu Recht für den Stilmix des Gorillaz-Albums „Plastic Beach“ gefeiert wird, bereitet zeitgleich auch der dritte Streich der „London Dreamers“ eine Menge Freude. Vielleicht auch, weil sich die Audio Bullys auf „Higher than the Eiffel“ mehr als ein Mal selbst nicht mehr ganz so ernst nehmen. Die eingängige Single „Only man“ und das folgende „Daisy chains“ sind noch typischer weißer Hip Hop, wie wir ihn von der Insel eben auch von Mike Skinner oder den Stereo MC`s kennen. Es folgen zwei absolute Highlights. „Feel alright“, das klingt wie ein „Kinky Afro“ für ein Madchester des neuen Jahrtausends, gemixt mit den Synthieklängen eines vergessenen 1980er-Hits a là Harald Faltermeiers „Axel F.“ Spaßig. Und „Twist me up“ ist klassischer Pop für die Massen. Dabei ist der Einfluss von Suggs und Mike Barson klar zu hören. Denn: Wie schon für „Generation“ haben sich die Audio Bullys für Album Nummer drei die Unterstützung der Madness-Legenden geholt und verwursten hier öfter mal Ska-Zitate. „The future belongs to us“ heißt es optimistisch. Wer bis zum Albumende nach dem entspannt fröhlichen Ska-Track „Goodbye“ weiterhört, wird hoffen, dass das auch so kommt. Als „Hidden Track“ (so etwas gibt es tatsächlich noch) wird nämlich die Single „Only man“ mit herrlich stumpfen Metalgitarren (Sample: Ozzy Osbournes „Diary of a Madman“) unterlegt. Spätestens da hören und sehen wir Simon Franks und Tom Dinsdale breit grinsen. Und das nicht zu knapp. (Thomas Backs)


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  Andrew Collberg: On the wreath
Andrew Collberg: On the wreath
(Le Pop Musik/ Groove Attack)
» myspace


Andrew Collberg: On the wreath

Tucson, Arizona. Da denken viele Musikliebhaber natürlich automatisch an Giant Sand und Calexico. Vom typischen Wüstenrock und Americana seines Wohnorts ist der junge Singer-Songwriter Andrew Collberg mit „On the wreath“ meistens jedoch ziemlich weit entfernt. Stattdessen legt der gebürtige Schwede hier mit seinem internationalen Debütalbum eine Sammlung entspannt-melodischer Popsongs vor, bei der auch europäische Einflüsse wie Ray Davies, Badly Drawn Boy oder Gorky's Zygotic Mynci zu hören sind. Die letztgenannte walisische Band um Euros Childs nennt Collberg auch selbst als Einfluss. Natürlich: Eingespielt wurde sein eigenes Album in Tucsons Upstairs Studio von Nick Luca, der eben auch schon Calexico produziert hat. Und deren Chef Joey Burns wirkte beim Ruhepunkt „Wait inside“ am Cello mit. „On the wreath“ ist aber bestimmt von fröhlichem Gitarrenpop, beginnend mit dem beschwingten Opener „Clouds of all your rain“ über das euphorische „To the road“ bis zur musikalischen Zuckerwatte der „Plastic bows“ und des „Garbage Day“. Diese beiden Songs erinnern dann tatsächlich auch an Manchesters Badly Drawn Boy in seinen poppigsten Tagen. Collbergs „I am the walrus“ heißt dann „Man in the moose suit“. Spätestens hier hat der 21-Jährige die Beatles der späten 1960er erreicht. Den Elch zum Song, den gibt es dann auch im Bild. Er hat es auf das Albumcover geschafft. (Thomas Backs)


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  Adam Arcuragi: I am become joy
Adam Arcuragi:
I am become joy

(High Two/ Rewika/ Al!ve)
» adamarcuragi.com
» myspace


Adam Arcuragi: I am become joy

Bereits zum Jahresbeginn erreichte unsere Redaktion der zweite Longplayer des US-Amerikaners Adam Arcuragi. Wie das so ist: Oft fehlt in der Flut von Neuveröffentlichungen einfach die Zeit, auf alle Tonträger einzugehen. Manchmal sind die Alben aber auch so gut, dass wir sie hier einfach noch vorstellen müssen. Für den Singer-Songwriter Arcuragi gilt das auf jeden Fall. Gerade in Zeiten, in denen die Fleet Foxes und The Low Anthem mit ihrer Mischung aus Folk, Americana und Blues weltweit gefeiert werden. Adam Arcuragi ist in Georgia geboren und in Pennsylvania aufgewachsen. Für die oft aufwändig arrangierten und bunt instrumentierten Songs auf „I am become joy" hat er sich erstklassige Musiker in die Studios von New York, San Francisco und Philadelphia geholt. Wo dann öfter auch mal gemeinsam zu den Klängen von Akustikgitarre, Akkordeon und Banjo gesungen und geklatscht wurde. Mit Gospel-Chören. Der volle Albumtitel lautet dann auch „The Lupine Chorale Society under the direction of Adam Arcuragi accompanying himself on guitar with voice present to you with song and singing i am become joy“. Die elf hier versammelten, oft fröhlich beschwingten Songs werden sicher vielen Freunden amerikanischen Folks gefallen. Moderne und traditionelle Elemente perfekt vermengt, da kommt wirklich Freude auf. (Thomas Backs)


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  Christian Prommer’s Drumlesson II
Christian Prommer’s Drumlesson II (!K7)


Christian Prommer’s Drumlesson II

Der zweite Streich: Nach der ersten Unterrichtsstunde in Sachen House entwickelt sich Christian Prommer’s Drumlesson gen Techno und Krautrock.

Wer Christian Prommer noch nicht kennt, dem will ich schnell aushelfen: Produzent vom weltbekannten Trüby Trio, dem Drum’n’Bass-Output Fauna Flash und Mitgestalter der „Day“-Seite vom letzten Hell- Album „Teufelswerk“. 2008 kam Christian mit einer ungewöhnlichen Idee zu einem Albumkonzept an die Öffentlichkeit: Ein ganzes Album mit Klassikern der elektronischen Musik, die von ausgezeichneten Jazzern re-interpretiert wurden. Dabei ist dieses Wort der erneuten Interpretation wirklich angebracht, handelt es sich nämlich weniger um Coverversionen an sich. Prommer und seine Musiker (beim ersten Teil Wolfgang Haffner am Schlagzeug, Dieter Ilg am Bass, Ernst Ströer an der Percussion, Roberto Di Gioia am Piano) hoben die Tracks auf ein anderes Level hielten sie mit den Mitteln einer Jazzband fest.

Nachdem einige Zeit ins Land gegangen war und verschiedene Möglichkeiten für eine Fortsetzung ausgelotet wurden, entschied sich Christian Prommer im letzten Jahr für eine Variante, die ihm am naheliegendsten schien. Mit zwei der alten Musikerkollegen und zwei neu dazugekommenen (Christian Diener/Bass, Uwe Krampa/Gitarre) sowie Live-Schlagzeuger Matte Scrimali realisierte er Version II von Anfang an konzeptioneller. Drumlesson I entwickelte sich wie eine funktionierende Jamsession mit einer eingespielten Gruppe von Instrumentalisten, den endgültigen Mix übernahm sein Freund und DJ-Kollege Peter Kruder. Bei Nummer II griff sich Christian neben dem absoluten Ober-Klassiker der elektronischen Musik „Oxygene“ von Jean-Michel Jarre vor allem Detroit-Techno-Stücke wie „Jaguar“ von DJ Rolando und entwickelte eine Komposition, die dem Drumlesson-Ansatz gerecht wurde. Im Unterschied zum Vorgänger kam Christian mit klareren Vorstellungen ins Studio und bearbeitete die Aufnahmen wesentlich stärker nach. Deutliche Unterschiede hört man auch hinsichtlich Länge und Stringenz heraus. Mit seinen repetitiven Drumloops und Keyboardlinien erinnert die zweite Drumlesson an manche Krautrockproduktion, ohne dass man diese konkret als Inspiration benennen könnte. Besonders „Jaguar“ und „Sandcastles“ (die einzige Eigenproduktion) lassen solche Assoziationen aufkommen. Die Coverversion des Kruder & Dorfmeister –Klassikers „High Noon“ hingegen bot sich eigentlich schon lange an, weil auch das Original leicht jazziges Flair vermittelte. So bleibt das Projekt jedenfalls sehr lebendig und man darf gespannt sein, wohin sich dieser außergewöhnliche Ansatz noch hin entwickelt. (Tobi Kirsch)


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  Faithless: The Dance
Faithless: The Dance
(Pias)


Faithless: The Dance

Nachdem Faithless' letztes Album "To All New Arrivals" eher introspektiv und familienorientiert ausgefallen war, gibt das seit über fünfzehn Jahren aktive britische TripHop-House-Rave-Kollektiv um Sister Bliss, Rollo und Maxi Jazz auf "The Dance" wieder ordentlich Stoff. Die Beats rollen tief und dynamisch, die Musik schwillt tanztempelkompatibel an und ab, die Tracks entwickeln sich kathedralengleich über sechs, sieben Minuten, man fühlt sich direkt in alte Rave-Zeiten von ca. 1993 zurückversetzt. Damals setzten Faithless Maßstäbe in der Clubkultur: Tracks, nein, Hymnen wie "God Is A DJ", "Insomnia" oder "Reverence" sind heute noch Garanten für volle Tanzflächen und glückseliges Strahlen auf den Gesichtern. Auf "The Dance" erstaunt und begeistert daher auch am meisten der unverwechselbare, warme Faithless-Sound, der durch bereits erwähntes An- und Abschwellen und Maxi Jazz' hypnotischen Sprechgesang entsteht. Ansonsten bietet "The Dance" nichts wirklich Neues. Faithless und ihre vielen GastsängerInnen gehen eher ein paar Schritte zurück, wenn auch manchmal ungewohnte: das strenge "Feel Me" zum Beispiel, mit Unterstützung von den Frühachtziger-Elektropoppern Blancmange wirkt, als ob sich die EBM-Veteranen von Nitzer Ebb ins Faithless-Studio verirrt hätten; "Crazy Bal'heads" mit Vokalist Jonny "Itch" Fox ist ein moderat abgehangener Reggae, "Feeling Good" mit Rollo-Schwester Dido kommt ein bisschen brav, aber eingängig-poppig daher. Das angekitscht-gefühlige "North Star", ebenfalls von Dido gesungen, und der opernhafte Track "Love Is My Condition" (featuring Mia Maestro, der Name ist Programm) sind mehr als verzichtbar, dafür sorgen der Schlusstitel "Sun To Me" und das beschwingte "Comin Around" ganz automatisch für in die Luft gestreckte Arme und, ebenfalls siehe oben, glückseliges Grinsen. Fazit: Faithless' typische Mixtur aus TripHop, House, Trance, Elektro und politisch bewussten Lyrics funktioniert noch immer gut. Aber sie sind eine Band für Techno-Nostalgiker als -Avantgardisten. (CM)


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  Tracey Thorn: Love and its Opposite
Tracey Thorn:
Love and its Opposite

(Strange Feeling/Pias)
» traceythorn.com


Tracey Thorn: Love and its Opposite

Das Familienfoto auf dem Cover von Tracey Thorns neuem Album sieht ramponiert aus: die Gesichter wurden von den Kindern mit Filzstift angemalt und man fragt sich, ob Mama und Papa heute überhaupt noch ein Paar sind. Drei Jahre nach ihrem Comeback-Album "Out of the Woods" widmet sich die ehemalige Everything But The Girl-Sängerin ("Missing") auf "Love and its Opposite" den Begleiterscheinungen der Liebe im fortgeschrittenen Erwachsenenalter. Bezeichnenderweise heißt der erste Song "Oh, the Divorces!"; "Long White Dress" erzählt von den desillusionierten Träumen einer jungen Braut; "Hormones", "You Are a Lover" und das Lee Hazlewood-Cover "Come on Home to Me" drehen sich um das Problem, die Liebe wach zu halten, wenn die Stürme der Leidenschaft sich längst zum kaum noch wahrnehmbaren Lüftchen gedreht haben. Das liest sich trauriger als es klingt: natürlich ist aus Tracey Thorn keine überdrehte Hupfdohle geworden, ihre Stimme wirkt noch immer schwerblütig und melancholisch. Doch "Love and its Opposite" zeichnet sich durch eine gewisse Abgeklärtheit aus, ein augenzwinkerndes Sich-arrangiert-haben mit dem Älterwerden. Entsprechend unaufgeregt ist die Produktion: Ewan Pearson (Delphic, The Rapture) vermeidet jegliches Chi-Chi, die Arrangements sind schlicht und zurückhaltend. Klavier, ein paar Streicher, sparsame Elektronik - mehr ist nicht nötig, Traceys Stimme braucht keine Staffage. Gäste sind allerdings willkommen, es gibt ein Duett mit Jens Lekman, Cortney Tidwell und Hot Chip´s Al Doyle sind ebenfalls vertreten. Fast alle Songs sind Balladen, kammermusikalisch-intim, chansonhaft, sakral zuweilen. Die lebendigen Country-Klänge von "Hormones" und die synthetischen Beats bei "Why Does the Wind?" sind dazu keine Widersprüche, sondern raffinierte Details einer eleganten Gesamterscheinung. Tracey Thorn klang auch früher nicht jung und übermütig, deshalb kann man nicht behaupten, sie melde sich mit "Love and its Opposite" als gereifte Künstlerin zurück. Das war sie schon immer. Umso schöner, dass sich die Musik für sie nicht abnutzt wie eine in die Jahre gekommene Beziehung.


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  Chloé: One In Other
Chloé: One In Other
(Kill the DJ/Broken Silence)


Chloé: One In Other

Chloé Thévenin lässt sich Zeit. Viel Zeit zuweilen: Das erste Full-Length-Album der französischen Produzentin, Musikerin und Musikwissenschaftlerin erschien 2007, mehr als zehn Jahre nach ihren ersten Auftritten als DJ in Pariser Clubs wie dem legendären Pulp. Ließen der Albumtitel „The Waiting Room“ und der Hit „Around the Clock“ schon den Schluss auf eine besondere Beziehung zum Thema Zeit zu, zeigt sich diese bei Chloés neuer Platte „One In Other“ ganz konkret. Der Opener „Word for Word“ und der Titeltrack entwickeln sich aufreizend langsam, Chloés Stimme, die im Übrigen häufiger zu hören ist als auf „The Waiting Room“, raunt und flüstert zu psychedelischem Rauschen, kein Groove, nirgends. Auch „Diva“ mit zögernd trabendem Beat und verhangenem Operngesang besteht zwar formal aus Elektro-Elementen, ist aber definitiv nicht für die Tanzfläche gemacht. Tanzbarkeit ist keine Hauptbedingung für Chloés Musik, trotz satter Basslinien und pulsenden Drums. Chloé gönnt sich und ihrem (Club-)Publikum den Luxus Zeit. Zeit zur Entfaltung von Musik, zum Forschen und Experimentieren. Und: Chloé produziert Songs, keine Tracks. Bei „Distant“ zum Beispiel kommt mächtig Dynamik ins Spiel; die zauberhaft-leichte, eingängige Indiepop-Gitarrenmelodie wird vom tiefen Bass geerdet, und obwohl vielschichtig und komplex aufgebaut, lockt „Distant“ wie beiläufig doch auf den Dancefloor. Der elefantöse Rhythmus von „One Trick Circus“ hingegen wirkt wie eine Persiflage auf Techno: man kann sich das dicke Grinsen in Mme. Thévenins Gesicht hinter den Reglern lebhaft vorstellen, bitte alles nicht so eng sehen in den Techno-Tempeln, entspannt Euch! „Fair Game“ klingt wieder mehr nach ernstgemeinter Clubmusic, der Beat ist straight four-to-the-floor, um sich im noisigen „Slow Lane“ aufzulösen. Chloé verschmilzt Minimal, Pop und Psychedelik zu einer sehr persönlichen Definition elektronischer Musik: intelligent, ästhetisch perfekt und mit ganz viel Zeit im Gepäck. (CM/Review erschien zuerst bei titel-magazin.de)


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  Ganglians: Monster Head Room
Ganglians: Monster Head Room
(Souterrain Transmissions / Rough Trade)
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Ganglians: Monster Head Room

2009 wurde „Monster Head Room“ beim New Yorker Label Woodsist veröffentlicht. 2010 bringt Souterrain Transmissions (Rough Trade) die CD erneut auf den Markt. Nur dieses Mal etwas „größer“ aufgemacht. Kein Wunder, stehen doch Referenzen zu den späten 60ern und frühen 70ern gerade hoch im Kurs. Von Folk bis Spacerock kämpft so alles aus diesen Jahrzehnten um ein Comeback mit neuem Image. Manchmal gelingt der Versuch sehr gut, dann nämlich, wenn die Transformation in das neue Jahrtausend stattfand und die Musik entsprechend frisch klingt. Bestes Beispiel hierfür ist das aktuelle Album von MGMT. Anders bei den Ganglians aus Sacramento, deren psychedelischer Sound irgendwo im Jahr 1967 stehen geblieben ist. Einzig die Downtempo-Nummer „To June“ schafft den Sprung ins Hier und Jetzt. Losgelöst vom Album ist die verträumte Atmosphäre des Songs ganz wunderbar. Auch „The Void“ geht noch als großartige Flower Power-Hommage durch. Darüber hinaus ist das Nachspielen von Musik aus Papas Studentenzeit auf Albumlänge recht unspektakulär geraten. Wenn das Ganze so einfallslos geschieht, ist der Griff zu den Originalen sicherlich die interessantere Wahl. Wer auf psychedelischen 60ies-Pop steht, wird die Platte mögen. Ansonsten ist „Monster Head Room“ eher belanglos. (Janine Andert)


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  LCD Soundsystem: This Is Happening
LCD Soundsystem:
This Is Happening

(Parlophone/EMI)
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LCD Soundsystem: This Is Happening

Aller guten Dinge sind drei, dachte sich wohl James Murphy, Mastermind hinter LCD Soundsystem, als er verkündete, das aktuelle Album „This Is Happening“ soll voraussichtlich das letzte sein. Er ist mit seinen 40 Lenzen erwachsen geworden und will sich neu orientieren. Das sei ihm gegönnt. Nur, muss das zu Lasten seiner Hörerschaft gehen? Murphy kennt sich mit Musik aus und weiß, was zusammengehört. Ein bisschen 80er-Sound, ordentliche Clubbeats und alles verdammt catchy ohne dabei abgenudelt zu klingen. Das macht Spaß, davon bekommen wir nicht genug! „Dance Yrself Clean“ groovt ordentlich und die Synthies spielen sich warm. Nach fast neun Minuten dürften sämtliche Tanzbeine im Saal startklar für eine lange Nacht sein. Gut ist, wer dabei auch gleich viel Bier konsumiert. Für „Drunk Girls“ empfiehlt sich ein höherer Alkoholpegel. Simpler Mitsingtext, punkige Gitarren. Großartig! Der Tanzboden bebt und das LCD Soundsystem setzt mit „One Touch“ noch einen drauf. Was elektrolastig beginnt, spielt sich schnell in einen EBM-Beat ein. Jede Faser des Körpers ist vom Rhythmus durchdrungen. Kurzes Durchatmen und einen neuen Drink an der Bar bestellt. Schon geht es weiter mit „I Can Change“. Das ist 80er-Party aufgemöbelt für das neue Jahrtausend. Warum Herr Murphy anschließend mit „You Wanted A Hit“ an der Hittauglichkeit seiner Musik zweifelt, verwundert. Ironie? Einzig die Länge der Songs spricht gegen häufiges Senden im Radio. Mit durchschnittlichen sechseinhalb Minuten ist der Radiokonsens um drei Minuten überschritten. Dennoch fühlt sich kein Song zu lang an: „Pow Pow“ „You Wanted A Hit“, und bekommst gleich ein voll gepacktes Album. Das ist „All I Want“. Bitte mehr davon! (Janine Andert)


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  The National: High Violet
The National: High Violet
(4AD/Beggars Group)
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The National: High Violet

Noch vor dem ersten Akkord stand fest, „High Violet“ soll düster, aber catchy werden. Ohne Umschweife setzten die fünf Wahl-New-Yorker dieses Vorhaben in die Tat um: Irgendwo zwischen opulenten Indie-Hymnen und dem Soundtrack für überzeugte Teilzeitmelancholiker breitet sich Wärme und Wohligkeit aus, die Sogwirkung hat. Brauchte es bei den Vorgängeralben noch zwei Durchläufe, bis sich die Melodien in Herz und Hirn einschlichen, zündet hier jeder einzelne Track auf Anhieb. Und so kommt es wie es kommen muss, die Songs wollen einfach nicht mehr aus dem Kopf. Unweigerlich summt man einprägsame Textzeilen wie „I never thought about love when I thought about home“ vor sich hin. Suchtfaktor! Schon der Opener „Terrible Love“ füllt den gesamten Körper mit Musik an. Kribbelnd pulsieren die Lieder durch die Blutbahn und gehören plötzlich zu einem – wie ein aus dem Nichts gewachsener dritter Arm. Das Konzept der 2007er Platte „Boxer“ wurde konsequent weiterentwickelt und Hits wie „Fake Empire“ perfektioniert. Und doch treibt so mancher kryptische Text in die Verzweiflung. Was eingängig daherkommt, ist bei genauerer Betrachtung komplett unverständlich. Belassen wir es also beim assoziativen Verstehen. Was auch dem Album gerecht wird, denn auf „High Violet“ steht die Musik im Vordergrund. Die Brüderpaare Aaron und Bryce Dessner sowie Bryan und Scott Devendorf zeichnen für die Kompositionen verantwortlich, Sänger Matt schrieb die Texte. Erst im Studio traf alles aufeinander. Für gewöhnlich geht so etwas schief, aber hier passt es. Die getrennte Vorarbeit ist nicht spürbar, vielmehr ist ein harmonisches Ganzes auszumachen. Berninger war es wichtig, dass seine Texte und der Gesang in den Hintergrund treten und die Melodien an Gewicht gewinnen. In der Tat sind es vor allem die dichten Klangteppiche, die überzeugen. Neben der klassischen Besetzung Gitarre, Bass, Schlagzeug weben Geige und Bläser eine alles ausfüllende Welt, die einem Tränen der Freude in die Augen treibt. Auch der Kummer hat endlich seine Hymne gefunden: „Sorrow“. Dem ersten Anschein nach todtraurig, plädiert der Song dafür, die dunklen Seiten des Lebens zu akzeptieren, „Sorrow found me when I was young/Sorrow waited, sorrow won./.../I don't wanna get over you.” Fast unbemerkt fand ein Perspektivwechsel statt: Melancholie und Traurigkeit sind nur vordergründig. In der Tiefe verbirgt sich eine zufriedene Erdigkeit, die hinter vorgehaltener Hand Lebensfreude genannt werden darf. So treten The National den Beweis dafür an, dass Kinder das Leben zum Positiven wenden: Resignation und Apathie von „Boxer“ sind den Einsichten eines Vaters (Berninger) gewichen, dessen Lebensmittelpunkt nun die Tochter ist. Auch stimmlich schlägt sich das nieder, Berninger singt teilweise eine Oktave höher. Bei den Aufnahmen protestierten die restlichen Bandmitglieder, doch der Frontmann konnte sich durchsetzen. Zum Glück: seine wandelbare Stimme macht „High Violet“ zur bisher besten Scheibe der sympathischen Trauerklöße. Trotz des Hangs zu dunkelgrauen Bereichen des Lebens hinterlässt das Album nichts als Wärme. Und wer bisher kein Fan von The National war, wird es spätestens jetzt werden. (Janine Andert)


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