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Die Box




3. Mai 2010
Wolfgang Buchholz
für satt.org

  Port O’Brien: Threadbare
Port O’Brien:
Threadbare

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Laura Gibson: Beasts of Seasons
Laura Gibson:
Beasts of Seasons

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Kontrollierte Offensive
Port O’Brien und Laura Gibson,
13. April, Gleis 22 in Münster

Wohl dem, der einen Club in seiner Stadt hat, der das eine um’s andere Mal kleine aber feine Gitarrenbands in seinem Programm hat und für kleines Geld tolle Konzertentdeckungen ermöglicht. Der Münsteraner hat mit dem Gleis 22 das Privileg und dieses Mal sind Port O’Brien mit Laura Gibson als Support zu Gast.

Es ist außerdem erstaunlich, wie viele junge begabte Singer-/Songwriterinnen in den letzten Jahren die Musikszene bereichert haben. Besonders hervorstechend sind Skandinavierinnen wie Anna Ternheim oder Tina Dico, aber auch Portland in Oregon scheint eine hervorragende Adresse für solche Künstlerinnen zu sein. Nach Laura Veirs gastiert mit Laura Gibson in kürzester Zeit wieder eine Sängerin aus Portland in Münster. Begleitet von zwei Musikern an allerlei recht obskurem Schlagwerk, Blas- und Tasteninstrumenten, singt Laura Gibson ihre wunderbaren Oden. Sehr dezent dazu das Gitarrenspiel und der Backgroundgesang der beiden Herren. Unterhaltsam und anregend parliert Frau Gibson zwischen den Liedern. So spielte sie gestern wohl einen Privatgig, ausschließlich vor Bankangestellten, die sie nach dem Konzert nach Zahlen, Daten, Fakten gefragt haben und den Einfluss der Finanzkrise auf Lauras Musik diskutieren wollten. Sichtlich wohl fühlt sie sich in der Umgebung des kleinen Clubs und endet ihren halbstündigen Gig mit einer a-capella-Nummer – sehr mutig.

Kennt der Konzertbesucher die Band, die er anhören will nur vom Hörensagen, dann macht er sich im Vorfeld gerne im Internet schlau, stöbert bei myspace und erfährt zum Beispiel, dass Port O’Brien ein Power-Lo-Fi-Americana-Wave-Projekt sind – aha. Nukleus der Band sind Van Pierszalowski und Cambira Goodwin, die von wechselnden Musikern unterstützt werden. Ihr Zweit- und Drittwerk von 2008 und 2009 sind bei City Slang erschienen, wobei dem sehr schwungvollen Zweitling „All we could do was sing“ das ruhigere, melancholischere Album „Threadbare“ folgte.

Beim Konzert fehlt Cambira Goodwin, Van Pierszalowski wird von drei Herren an Gitarre, Bass und Schlagzeug begleitet. Die Band rockt mächtig ab, hat sichtlich Spaß beim Musizieren und vor allem richtig gute Songs. Manchmal klingt die Stimme so jammernd weinerlich wie weiland Neil Young, was als großes Kompliment zu verstehen ist. Two Gallants, aber nicht so ruppig, scharfkantig und vor allem beim Konzert nicht so laut, fallen mir weiterhin als musikalische Referenz ein. Es ist viel Bewegung auf der Bühne, die Musiker, bis auf den Schlagzeuger, tanzen mit umgehängten Instrumenten miteinander. Das kennt man auch von Crazy Horse, zu denen passagenweise durchaus auch musikalische Parallelen zu erkennen sind. Mich erinnert das aber irgendwie an ein Mudhoney-Konzert „Superfuzz Bigmuff“ von vor zwanzig Jahren. Die Haare sind kürzer, der Fuzz dezenter, aber die Köpfe schwingen wie beim jungen Marc Arm. Highlights sind die ruhigeren „Sour milk / Salt water“, „Calm me down“ und „Fisherman’s son“ sowie die Rocker „Close the lid“ und „Pigeonhold“, das die Band erstmals in Deutschland spielt. Insgesamt dominiert die etwas kräftigere Ausrichtung der vorletzten Platte, was der Port O’Brien-Show mit Sicherheit zu Gute kommt. Kontrollierte Offensive dann beim letzten Lied. Zuschauer aus dem eher schüchternen Münsteraner Publikum werden auf die Bühne gebeten. „I woke up today“ heißt der Schlusspunkt, bei dem auch die Westfalen auf der Bühne schnell auftauen. Als Zugabe noch ein Duett mit Laura Gibson und dann ab zum Merchandising-Stand – da dürfen die Künstler noch selbst ran.

Wieder zwei prima Neuentdeckungen konnte man heute Abend in Münster machen. Noch ein Scheidebecher, ein paar Konzertwünsche an den Booker (z.B. I am Kloot), die beiden Alben eingekauft am Merchandising-Stand und ab in die letzte Bahn.