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Die Box




3. Mai 2010
Robert Mießner
für satt.org

  The Jeffrey Lee Pierce Sessions Project: We Are Only Riders
The Jeffrey Lee Pierce
Sessions Project:
We Are Only Riders

(Glitterhouse)

Mit: Barry Adamson, Dave Alvin, Isobel Campbell, Nick Cave, Crippled Black Phoenix, Johnny Dowd, David Eugene Edwards, Cypress Grove, Deborah Harry, Spencer P. Jones, Texacala Jones, Mick Harvey, Mark Lanegan, Lydia Lunch, Willie Love, Tres Manos (Rene Van Barneveld), Can »Khan« Oral, Jeffrey Lee Pierce, Kid Congo Powers, The Raveonettes, The Sadies, Chris Stein, Gene Temesy, Jeff Zentner

The Gun Club: Miami
The Gun Club: Miami

The Gun Club: Death Party
The Gun Club: Death Party

The Gun Club: The Las Vegas Story
The Gun Club: The Las Vegas Story


Immer wieder nachladen

37 Jahre sind kein Leben. Für Jeffrey Lee Pierce (1958 - 1996) waren sie es schon. Von den Getriebenen und Besessenen, die Post-Punk hervorbrachte(n), war Pierce einer der Exzessivsten. Öffentlich aus der Spur fahren und damit das Leben zu bestreiten, den Traum nicht weniger, machte er wahr. Ob Pierce in jungen Jahren ahnte, dass dazu ein mindestens potentieller Albtraum gehört, können wir ihn nicht mehr fragen. Selbst wenn es noch ginge, sollte man ihn damit vielleicht in Ruhe lassen. Pierce, der bei einem frühen Gig auf der Bibel herumtrampelte, wurde später Buddhist. Und trotz seiner engen Beziehung zu legalen wie illegalen Drogen und der Vorliebe für schrille Outfits war er keine ausschließliche Skandalnudel. Mit Kid Congo Powers gründete Pierce 1980 in Los Angeles The Gun Club. Die beiden waren anlässlich eines Pere-Ubu-Konzerts ins Gespräch gekommen. Pierce gab Powers ein Bo-Diddley-Album und legte ihm die britische Frauen-Punkband The Slits ans Herz. The Gun Club wurden eine wilde Combo, die Punk mit Blues, Country und Jazz kurzschloss. Die Funken, die dabei flogen, entzündeten Seelen und stellten Leben vom Kopf auf die Füße. So tief sich der Gun Club auch durch die Musik und die Mythen Amerikas wühlte, so wenig nostalgisch war das. Pierce über einen, der als überlebensgroß gilt: »I hate Elvis. I want his head cut off and his brain taken out. He represents the Americana I hate: the good Olympic star, the good Hamburger eater, the good beer drinker, the good pill popper.«

Das Amerika, mit dem Pierce mehr anfangen konnte, ist auf den drei frühen Gun-Club-Alben zu hören, die von Cooking Vinyl wiederveröffentlicht worden sind. »Miami« (1982) bringt Coverversionen, die einen deutlichen und ruppigen Hinweis geben, was dem Gun Club da vorschwebte: John Fogertys »Run Through The Jungle«, das Folk-Traditional »John Hardy« und »The Fire Of Love«, 1958 auf einer Single des Rockabilly-Sängers Jody Reynolds erschienen. Mit dem Gun Club wurde das nicht selten kühle Genre Post-Punk ziemlich heiß. Sie spielen die drei Stücke mit der Fröhlichkeit des Fegefeuers. Die Welt der neun Originale auf »Miami« klingt auch nicht viel gemütlicher. »Watermelon Man« ist übrigens eine Eigenkomposition von Pierce und Gitarrist Ward Dotson, der für Kid Congo Powers (er war zu den Cramps gewechselt) in die Band gekommen war. Herbie Hancocks gleichnamiges Stück könnten sie gekannt haben. Gastsängerin ist Debbie Harry. Pierce war lebenslanger Fan und Vorsitzender des US-Blondie-Fanclubs. Harrys Gatte Chris Stein saß an den Reglern. Alle drei Reissues kommen zusätzlich mit Livematerial. Im Fall von »Miami« ist das ein Mitschnitt vom 27. April 1982 aus dem Continental, Buffalo, New York. Die Version von »Walkin’ With The Beast« unterscheidet sich deutlich von der späteren auf »The Las Vegas Story« (1984), klingt mehr nach Garage denn nach Dschungel. Dazu gibt es eine sehr frühe Aufnahme von »I Hear Your Heart Singing«, erst acht Jahre später auf »Pastoral Hide & Seek« (1990) erschienen.

Die zweite Wiederveröffentlichung ist »Death Party« (1983), lange Zeit Sammlerstück gewesen. Die Mini-LP mit Jim Duckworth (Gitarre), Dee Pop (Schlagzeug), Linda »Texacala« Jones (Backing Vocals) und Jimmy Joe Uliana (Bass) ist weniger geschliffen, aber trotzdem edel. Auf »Death Party« gibt es keine Coverversionen, dafür ein Titelstück mit fast schon Überlänge und das expressiv-unheimliche Covergemälde von Clayton Clark. Der dazugehörige Konzertmitschnitt ist vom 20. März 1983 aus der Roten Fabrik in Zürich. Erster Song des Sets war Billie Holidays und Abel Meeropoles (Adoptivvater der Söhne Julius und Ethel Rosenbergs) »Strange Fruit«, die schwarze Marseillaise. Mehr Jazz dann auf »The Las Vegas Story«: Pharoah Sanders’ und Leon Thomas’ »The Master Plan« plus George Gershwins und DuBose Heywards »My Man’s Gone Now« aus »Porgy and Bess«. Vor dem Erscheinen der Platte hatten Pierce und Kollegen sich gar John Coltranes »A Love Supreme« gewidmet. »The Las Vegas Story«, wieder mit Kid Congo Powers (Gitarre), Terry Graham (Schlagzeug) und Neuzugang Patricia Morrison (Bass), ist mitreißend-schnittiger Punk: Man kann das hören und wird es lieben, selbst wenn man den Verweisen nicht sofort nachgehen will. »Secret Fires«, der letzte Track, stammt von der Kassettenversion des Albums (Animal Records, 1984). Die Liveaufnahme zu »The Las Vegas Story« ist im Strasbourger Le Loft am 20. November 1984 entstanden. Der Mitschnitt ist von verwegener Schönheit, ergo großartig.

The Gun Club und Jeffrey Lee Pierce inspirierten und stiften immer noch an: Man vergleiche die Cover zu »Miami« und »Blackberry Belle« von Greg Dullis Twilight Singers. Der Berliner Punkpoet Doc Schoko, 2009 erschien auf play loud! »schlecht dran / gut drauf«, ist dem Gun Club hinterher gereist. Londons Archie Bronson Outfit sind Fans und haben dieser Tage ihr neues Album veröffentlicht. Johnny Dowd, der Mann, der den amerikanischen Traum entrümpelt, und David Eugene Edwards (16 Horsepower, Wovenhand und Lilium), auch von ihnen gibt es Neuigkeiten, zählen zu den Verehrern. Vorher kann man Dowd, Edwards und viele Schwestern und Brüder im Geiste auf »We Are Only Riders« hören, einem bei Glitterhouse erschienenen Tributalbum, das den Namen verdient. Von der Stimmung eher getragen, im Stil des späten Gun Clubs nach Pierces erstem Soloalbum »Wildweed« (1985), basiert es auf zu Lebzeiten unveröffentlichten Songs: Gitarrist Cypress Grove, er arbeitete jüngst mit Lydia Lunch und war bei »Ramblin' Jeffrey Lee & Cypress Grove With Willie Love« (1992) mit von der Partie, fand das Material, als er den Dachboden aufräumte. Seine Mitstreiter machen daraus Blues-Punk: Den eindringlich-beschwörenden wie Nick Cave auf »Ramblin’ Mind« oder den ätherischen der Raveonettes mit »Free To Walk«. Mark Lanegan gibt auf »Constant Waiting« den Country-Crooner, Johnny Dowd nimmt dieselbe Vorlage und präsentiert sie bestens windschief. Crippled Black Phoenix spielen psychedelischen Prog-Rock. Es gibt keinen Grund mehr, Jeffrey Lee Pierce nicht zu kennen.