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Die Box




24. Mai 2010
Wolfgang Buchholz
für satt.org

Das erste Mal ist
immer am schönsten
The Stranglers, Wolf Maahn und Stier
beim Eurocityfest in Münster


EUROCITYFEST
www.eurocityfest.de
(14. - 16.5.2010)
Mit dem ersten Konzert, das man von einer Band gesehen hat verbindet man häufig eine besonders schöne Erinnerung. Je länger das her ist, desto mehr bekommt das Ereignis eine mythenhafte Verklärung und Einzigartigkeit, die aus heutiger Sicht wahrscheinlich vollkommen überzogen ist. Aber egal, man erfreut sich an der Erinnerung und ist interessiert, wenn die damals bewunderten Bands mal wieder auftreten. Zwei solche ersten Konzerte waren für den Rezensenten das Schüttorf Open-Air im Juni 1982 mit u.a. der Törner Stier Crew und das Kölner-Stadt-Revue-Jubiläums-Festival im November 1983 mit den Ärzten, die damals noch keine Platte veröffentlicht hatten und völlig unbekannt waren, Family Five und Wolf Maahn und den Desserteuren. Zwei der genannten Künstler spielen neben The Stranglers beim diesjährigen Eurocityfest in Münster.

Künstler, die auf Stadtfesten auftreten, gelten allenthalben nicht als Speerspitze der musikalischen Avantgarde. Im Gegenteil, häufig wimmelt es dort von Top-40-Coverbands und die aufspielenden bekannteren Musiker haben ihre besten Tage lange hinter sich und knabbern am Gnadenbrot. Das in Münster jedes Jahr im Mai stattfindende Eurocityfest glänzt zwar nicht mit den heißesten Acts der Szene, aber das musikalische Angebot kann sich durchaus sehen lassen. Verantwortlich zeichnen dafür Steffi Stephan, Bassist im Panikorchester, und sein Sohn Marvin Lindenberg, gleichzeitig Neffe von Udo. Neben einigen überregionalen Künstlern wird hier auch dem einheimischen Nachwuchs eine Plattform geboten, z.B. betreibt die regionale Musikerinitiative Münsterbandnetz eine eigene Bühne. Ein Schlendern durch die Stadt lohnt allemal.

Samstagabend um 20:30 spielt auf der Bühne am Dom Wolf Maahn. Wolf Maahn? Ist das nicht einer der Deutschrocker, die eher peinlich als innovativ sind? Moment - Schublade nicht ganz so schnell auf und wieder zu. Herr Maahn ist seit den späten 70ern in der deutschen Musikszene unterwegs. Damals mit der auch international beachteten Foodband, in den frühen 80ern sehr erfolgreich mit den Deserteuren. Seit den 90ern erscheinen die Platten nur noch im Vier-, Fünf-Jahresrhythmus, aber weg vom Fenster war Wolf Maahn nie. Textlich zwar ab und an mit argen Plattitüden (Maahnsinn, Soul-Maahn), musikalisch aber ein Vertreter der durchaus schätzenswerten „Petty-Springsteen-Fraktion“. Künstler wie Niels Frevert und sogar Distelmeyer-Solo klingen mit manchen Liedern durchaus verwandt. Es gibt gerade ein neues Album „Vereinigte Staaten“, woraus auch die ersten vier Lieder des Konzertes stammen. Satter Gitarrensound, versiert gespielt und ansprechend. Die Stimmung im Publikum gesetzten Alters ist fast euphorisch. Es handelt sich aber auch um ein typisches „For-Free-Publikum“ - die ganze Chose kostet nämlich nix - das sich und den Künstler feiert. Für meinen Geschmack ein bisschen viel Live-Gedöns mit Mitsingen und Ohohos. Viele Lieder aus dem Maahn’schen Fundus haben aber Substanz („Fieber“, „Rosen im Asphalt“) und man schwelgt gerne in Erinnerungen an die 80er. Bei den Zugaben dann Wolf allein mit seiner Gitarre: „Irgendwo in Deutschland“.

Irgendwo in den 70ern gar liegen die Wurzeln von The Stranglers, die ich mindestens seit zwanzig Jahren aus den Augen verloren habe. The Stranglers waren zu Punkzeiten eine der interessanteren Bands mit starken Songs wie „No more heroes“, „Hanging around“ oder „Nice’n’sleazy“. In den 80ern wurden sie kommerzieller, aber nicht schlechter, siehe „Always the sun“ oder „Skin deep“. Bis heute auf allen „Wave-Hits“-Samplern vertreten: „Golden Brown“, für mich eher belangloses „Orgelgegniedel“, aber ein großer Hit. Die neueren Platten, die es wohl gibt, hat kaum jemand wahrgenommen. Diese alten Recken, bis auf den Gitarristen und Sänger sogar noch in Originalbesetzung und wie früher ganz in schwarz, sind die Headliner vorm ehrwürdigen Münsteraner Dom - wie gesagt, beim Stadtfest. Zu Beginn ist der Sound ziemlich rumpelig, schade, da die Songs überzeugen. „5 Minutes“, „Get a grip on yourself“ und vor allem „Nice’n’sleazy“ sind einfach Hämmer. Das finden nicht alle Festivalbesucher, Teile des „For-Free-Publikums“ verlassen, will nicht sagen fluchtartig, den Bereich vor der Bühne - gut so. Dann kommen einige der 80er-Hits und auch der Mixer hat sein Pult mittlerweile im Griff. Ich finde das Gitarrensolo bei „Always the sun“ herausragend, es wird, glaube ich, nur auf einem Ton gespielt – Respekt. Weiter geht’s mit einigen längeren Titeln wie „Toiler on the sea“ und „Walk on by“. Hier kann Keyboarder Dave Greenfield, der wie im Maschinenraum über der Bühne thront, seine Doors-Vorliebe voll ausspielen. Ansonsten ist das markante, häufig verzerrte Bass-Spiel von Jean-Jacques Burnel sehr prägend. Den Schluss kriege ich leider nicht mehr mit – „Letzter Zug-Problematik“. Ich stelle mir auf dem Heimweg den Abschluss mit „Hanging around“, „Something better change“ und „No more heroes“ vor. Trifft sich gut, dass ich gleichnamiges Album in Vinyl letztens für 1 € auf dem Flohmarkt erstanden habe. Die alten Klassiker werden demnächst bei mir wieder häufiger laufen. Ein gelungenes erstes Mal nach über dreißig Jahren.

Am nächsten Tag am Nachmittag spielt Stier. 1979 gewann eine Band namens „Törner Stier Crew“ den Nachwuchspreis der deutschen Phonoakademie. Sehr schräge Typen mit einer überzeugenden, sehr eigenen Bühnenpräsenz. 1980 erscheint das Album „Ausbruch“ und zwei Jahre später erlebe ich die Band auf einem Festival nach Frank Zappa. Der Sänger Martin Stier ist im Übrigen auch als Schauspieler bekannt. Mittlerweile spielen große Teile der damaligen Band unter dem Namen Stier. Das Konzert ist leider sehr enttäuschend. Eher einfallsloser Hardrock mit dünnen Texten. Ganz witzig anzuschauen, wie die älteren Herren posen. Aber insgesamt eher peinlich denn cool und kein Vergleich zu früher.

Tolle Erinnerungen können aber durch aktuelle Flops (Stier) nur bedingt zerstört werden. Wolf Maahn ist eigentlich eine solide Bank und das erste Mal mit „The Stranglers“ war durchaus nett.