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20. April 2010
Janine Andert
für satt.org

  MGMT: Congratulations
MGMT:
Congratulations

Col (Sony Music)
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MGMT: Congratulations

Was hat das zweite Album der New Yorker Band MGMT mit deren Hits „Kids“ und „Pretend“ zu tun? Gar nichts! Ben Goldwasser und Andrew VanWyngarden wiederholten nach dem großen Erfolg des 2007er Debüts „Oracular Spectacular“ nicht das bewährte Rezept, sondern zogen als studierte Musiker lieber ihr Ding durch.

„Congratulations“ setzt auf eingängige Melodien und hält seine Stärke über die gesamte Albumlänge. Dabei zaubert die Musik ein Lächeln ins Gesicht und lässt das Herz auf beschwingte, fröhliche Art warm werden. Im Vergleich zum Vorgänger wird hier einen Gang runter gefahren. Getanzt werden kann trotzdem: „Flash Delirium“ ist durchaus Club-Hit-tauglich. Dennoch, die Discobeats von „Oracular Spectacular“ weichen opulent-psychedelischen Klangteppichen, die mit Chorälen ergänzt werden. In „Siberean Breaks“ erinnern sphärische Klänge an 10 ccs „I’m Not In Love“ und dann ist da noch ein spaciger Blumenkinder-Sound, der an Antikriegsfilme der Hippie-Ära erinnert. Bei „It’s Working“ stand der Glamrock Pate und „Flash Delirium“ überrascht mit einem Instrument, das eigentlich nur in den wilden 1970ern flächendeckend eingesetzt wurde: der Querflöte. Durch Tracks wie „Song For Dan Treacy“ und „Brian Eno“ ska-orgelt es, dass es eine helle Freude ist. „Lady Dada’s Nightmare“ wartet mit grausligem Geschrei im Hintergrund auf. Sollte der Song eigentlich „Lady GaGa’s Nightmare“ heißen? Keine Angst, das Stück spielt so übertrieben mit dem Alptraumklischee, dass es richtig lustig ist. Ordentlich gewürzt wird die gesamte Scheibe mit einem reichlichen Schuss Indierock, der offenbart, dass sich die musikhistorischen Wurzeln von MGMT doch im Hier und Jetzt befinden.

Dann gibt es noch die zweite Ebene des Albums: die Texte. Diese setzen sich kritisch mit den Erwartungen und Mechanismen der Musikindustrie auseinander, was teilweise Kulturpessimismus übergeht. Resignation begabter Musiker, die am Ende doch klar bekennen: „But all is lost if it's never heard“. Darüber hinaus handeln MGMT fast unmerklich Musikgeschichte ab. Brian Eno, seines Zeichens Musikgott in Sachen Ambient und Mitbegründer von Roxy Music, mag noch ins Auge fallen. Aber wer um alles in der Welt ist Dan Treacy? Ja, auch hier befinden wir uns in den späten 1970ern/frühen 1980ern. Treacy war Sänger und Gitarrist der 1976 gegründeten TV Personalities, die von einem Journalisten liebevoll als „erfolgloseste und dabei einflussreichste Indiepop-Supergroup aller Zeiten“ betitelt wurde. In „Flash Delirium“ werden die Rolling Stones erwähnt. Und im Abschlusssong „Congratulations“ haben auch die amerikanischen Klavierbauerdynastien Steinway und Baldwin ihren Platz gefunden. Aha, unauffällig und fast geheim passiert da also Musik-Nerd-Namedropping. Lauter Musiker, die andere Musiker gerne als Einfluss benennen und der schnöde Musikkonsument oft erst googlen muss. Wen das nicht interessiert, der hört einfach weg und genießt die Spiel- und Experimentierfreude.

„Congratulations“ ist einerseits der ideale Soundtrack für das Autoradio auf dem Weg in den Urlaub und wieder zurück, zwischendurch und wenn man den Urlaub später noch einmal Revue passieren lässt. Andererseits ist das Album genau das Richtige für Musikliebhaber, die sich intensiv mit jeder einzelnen Note, jedem Gefriemel, jedem Gitarrenriff und was sonst noch vorkommt, auseinandersetzen wollen.

Nach mehrmaligem Hören wandert „Congratulations“ in die Abteilung „geliebte, zeitlose Konzeptalben“. Nie stehen Effekte, sondern immer die Atmosphäre im Vordergrund, weshalb der Hörer gar nicht so sehr darauf achtet, was eigentlich passiert. Und genau das unterscheidet dieses Album von den Nerd-Sachen der 1970er: Die Musik erzeugt nicht das große Gähnen bei den Mädels und stundenlanges Fachgesimpel selbsternannter Auskenner, sondern macht in erster Linie Spaß.